[Tragik]Downhearted- Zersplittertes Leben

Tragödien, Tragisches

[Tragik]Downhearted- Zersplittertes Leben

Beitragvon Fina_P » 21.12.2012, 17:25

- STOP -
Die anderen hatten sie darum gebeten. Sie hatte den Schriftzug erst auf Papier, dann auf ihren Handrücken gemalt. Aufhören mit der Depri-Schiene. Niemanden weiter belasten.
Und für die anderen lächelte sie, sofern das unsichtbare Gewicht an ihren Mundwinkeln nicht zu sehr nach unten zog.
Wegen der anderen hatte sie sich Einhalt geboten und Stop würde sie daran erinnern.
Der Plan: Eine Woche normal essen und eine stabile Gemütsverfassung. Und ihn vergessen, natürlich. Als Belohnung gäbe es einen Wellness-Abend.

So kaufte sie sich mehrere Schokoladentafeln, saß mit Freunden zusammen auf einer Wiese und aß Stück für Stück in der Hoffnung auf einen Glücksmoment. Wann immer dumpf die Trauer im Anmarsch war, ermahnte sie das Stop. Schließlich stieg das Risiko eines Zuckerschocks in bedenkliche Höhen und gleichzeitig lähmte etwas Bedrückendes ihre Glückshormone, sodass sie zumindest den Versuch Schokolade auf später verschob.
Als nächstes probierte sie es mit Kinofilmen. Ablenkung gäbe es da genug, sicherheitshalber nahm sie ihre kleine und nur allzu nervige Schwester mit. Aber der Anblick ihrer Popcorn futternden, unbekümmerten Schwester rief nur die Sehnsucht auf den Plan, ebenso sorglos zu sein. Über das Sehnen vergaß sie den Film, welcher sogar das kleine Lästerkind gezähmt hatte. In alten Gefühlen versunken saß sie dort auf dem viel zu neutralen Sessel in einem viel zu warmen Raum und seufzte vor sich hin. Während der schlechten Liebeskomödie biss sie sich auf die Nägel, um nicht zu weinen. Diese Art des Schauspielers, seine Geliebte anzulächeln und danach scheu in die Gegend zu blicken...Ihr übertriebenes Lachen, wenn er einen Witz riss...
"Ich habe mein Leben lang auf dich gewartet", sagte Jann. Nein, der Schauspieler war es. Der Schauspieler! Um sie herum heulten die Mädchen, aber keine weinte wegen ihm. Sein Gesicht flimmerte auf der Leinwand, seine Hand streckte sich nach ihr aus, sie müsste nur zugreifen, müsste nur aus dem Sessel aufstehen, er wollte mir ihr aus diesem Zuschauerraum fliehen, dann würde es wieder schön werden, sie müsste nur ...Stop!
In der Dunkelheit des Kinosaals und den flimmernden Lichtern der Leinwand konnte sie das Stop nur schwer lesen. Gleichermaßen schwer funktionierte, so stellte sie fest, die Ablenkung durch Filme.
Versuch drei bestand aus langen Telefonaten mit lieben Menschen. Allerdings merkten die Sensiblen gleich, dass es ihr nicht gut ging, fragten sie aus und bedrückten sie auf diese Weise mehr. Oder die Fröhlichen merkten nicht, wie schlecht sie sich fühlte, wodurch sie sich noch schlechter und unbedeutend und unscheinbar fühlte. In vielen Fällen brach sie das Gespräch ab. Angesichts dessen beendete sie die Telefontherapie.
Als letzte Option griff sie zum Alkohol. Angetrunken alberte sie mit den anderen herum wie früher. Sie wachte zwar mit scheußlichem Kater auf und erbrach einiges ihrer Mahlzeiten, aber was war das schon. Stop war verwischt und abgewaschen worden. Nun war ihre Hand jedoch nie ruhig genug, um es erneut zu zeichnen. Nach einer Woche klopfte sie sich auf die Schulter, hakte gedanklich den Alkoholversuch ab und bereitete sich ein schönes Bad. Sie las, cremte sich ein und schminkte sich sogar. Und hörte Musik.

Danach brach sie zusammen.

Ja,  sie hatte in der Badewanne gelegen und gelesen. Aber es waren die alten Briefe von ihm, die sie gelesen hatte. Ja, sie hatte sich eingecremt. Aber nur, weil sie sich in Gedanken an ihn die Oberarme zerkratzt hatte. Ja, sie hatte die Schminksachen benutzt. Aber es waren ihre Tränen gewesen, welche die Augen dermaßen rot gemacht hatten, dass sie es zu vertuschen suchte.

Und ja, sie hatte Musik gehört. Doch es war nicht irgendetwas aus den Charts, sondern das alte Lied, ihr Lied, gewesen. Ihre Tränen fanden kein 'stop' mehr.
"Even in laughter the heart may ache,
and rejoicing may end in grief..."

Schon vor der zweiten Strophe hielt sie den Seelenschmerz kaum mehr aus, lag zusammengekrümmt auf dem Boden. Mit jedem Vers hämmerte sich die unschöne Gegenwart in ihren Kopf.
"...they would say to her, "Hannah, why are you weeping? Why don't you eat? Why are you downhearted? Don't we mean more to you than ten boys?"
Ein Zittern befiel sie. Schließlich kippte sie weg.

Allein und gescheitert lag sie da. Weder sie noch sonst jemand nahm Notiz von der letzten Strophe des Liedes, die gerade begann.
"He is close to the brokenhearted
and saves those who are crushed in spirit.
"
Zuletzt geändert von Fina_P am 22.10.2015, 20:48, insgesamt 6-mal geändert.
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Re: Downhearted

Beitragvon Schneckenmaus » 21.12.2012, 22:18

Hallo Fina_P,

deine Geschichte hat mich sehr berührt. Ich kann gut nachvollziehen, wie sich deine Prota fühlt. Ich sehe eine hochdepressive Person vor mir, die dem starken Liebeskummer nichts entgegen zu setzen hat. Stellenweise könntest du das noch deutlicher zeigen, meistens beschreibst du es eher.

Als Titel könnte ich mir auch einfach "Stop" vorstellen oder auch "Gebrochenes Herz", aber dein Titel gefällt mir auch. "Stop" greifst du mehrmals im Text auf, "Gebrochenes Herz" würde dagegen mehr auf das Geschehen im Text hinweisen.

Jetzt aber etwas genauer:

Fina_P hat geschrieben:- STOP -
Die anderen baten sie darum. Sie hatte den Schriftzug erst auf Papier, dann auf ihren Handrücken gemalt. Aufhören mit der Depri-Schiene. Niemanden weiter belasten.
Und für die anderen lächelte sie, sofern das unsichtbare Gewicht an ihren Mundwinkeln eben jene nicht nach unten zog.

Durch die Zeitenwahl hört es sich für mich so an, als ob deine Prota das Stop schon auf die Hand gemalt hat, bevor die anderen sie darum baten. Daher wohl besser: Die anderen hatten sie darum gebeten. Sie malte den Schriftzug ... Danach bist du auch wieder in der Gegenwart.
Noch besser fände ich hier aber eine echte Szene, vielleicht sogar mit Dialog, wie die anderen ihr Einhalt gebieten. Ich könnte mir auch vorstellen, dass ihre Freunde sie nicht nur darum baten, sondern von ihrer Niedergeschlagenheit eher genervt waren und daher bessere Laune von ihr forderten?

Fina_P hat geschrieben:Das Endziel ihres Plans: Eine Woche normal essen und eine stabile Gemütsverfassung. Und ihn vergessen, natürlich. Als Belohnung gäbe es vielleicht einen Wellness-Abend.

Das "vielleicht" ist mir etwas zu vage. Damit gibst du mir als Leser schon fast ein Zeichen für das spätere Scheitern des Plans. Wenn deine Prota sich jetzt ihre Belohnung intensiv vorstellt und mir als Leser ihre Entschlossenheit zeigt, würde der Ausgang der Geschichte nicht so vorhersehbar werden.

Fina_P hat geschrieben:So kaufte sie sich mehrere Schokoladentafeln, saß mit Freunden zusammen auf einer Wiese und aß Stück für Stück in der Hoffnung auf einen Glücksmoment. Wann immer dumpf die Trauer im Anmarsch war, ermahnte sie das Stop. Schließlich stieg das Risiko eines Zuckerschocks in bedenkliche Höhen und gleichzeitig lähmte etwas Bedrückendes ihre Glückshormone, sodass sie zumindest den Versuch Schokolade auf später verschob.

Diese Stelle wäre ein Beispiel, wo du mehr zeigen als beschreiben könntest. Ich sehe hier deine Prota auf der Wiese inmitten ihrer fröhlichen Freunde. Zeig sie mir! Was machen die Freunde? Was macht die Prota? In welcher Situation kommt die Trauer über deine Prota? Was fühlt sie, als sie lieber nicht noch mehr Schokolade essen möchte?

Fina_P hat geschrieben:Als nächstes probierte sie es mit Kinofilmen. Ablenkung gäbe es da genug, sicherheitshalber nahm sie ihre kleine und nur allzu nervige Schwester mit. Aber der Anblick ihrer Popcorn futternden, entspannten Schwester rief nur die Sehnsucht auf den Plan, ebenso sorglos zu sein. Über das Sehnen vergaß sie den Film, welcher sogar das kleine Lästerkind gezähmt hatte. In alten Gefühlen versunken saß sie dort auf dem viel zu neutralen Sessel in einem viel zu warmen Raum und seufzte vor sich hin.  Auch die folgende Liebeskomödie grub den Schmerz nur tiefer in sie ein. Außerdem konnte sie in der Dunkelheit des Kinosaals und den flimmernden Lichtern der Leinwand das Stop nur schwer lesen. Gleichermaßen schwer funktionierte, so stellte sie fest, die Ablenkung durch Filme.

Hier kannst du auch noch viel mehr zeigen. Versetz dich in die Lage deiner Prota und erzähle, was ihr gerade passiert, was sie gerade fühlt. Gibt es eine Szene im Film, die sie auf andere Gedanken bringt? Gibt es eine Szene im Film, die sie doch wieder in ihre eigene Situation abschweifen lässt?

Fina_P hat geschrieben:Versuch drei bestand aus langen Telefonaten mit lieben Menschen. Allerdings merkten die Sensiblen gleich, dass es ihr nicht gut ging, fragten sie aus und bedrückten sie auf diese Weise mehr. Oder die Lieben merkten nicht, wie schlecht sie sich fühlte, wodurch sie sich noch schlechter und unbedeutend und unscheinbar fühlte. In solchen Fällen brach sie das Gespräch ab. Angesichts dessen beendete sie die Telefontherapie.

Auch hier kannst du viel mehr zeigen. Du bleibst hier ziemlich allgemein, dabei möchte ich als Leser wissen, mit wem deine Prota telefoniert und am liebsten würde ich aus dem Telefonat selbst erkennen, wie sie sich dabei bzw. danach fühlt.

Fina_P hat geschrieben:Als letzte Option griff sie zum Alkohol. Angetrunken alberte sie mit den anderen herum wie früher. Sie wachte zwar mit scheußlichem Kater auf und erbrach einiges ihrer Mahlzeiten, aber was war das schon. Stop war verwischt und abgewaschen worden. Nun war ihre Hand jedoch nie ruhig genug, um es erneut zu zeichnen. Nach einer Woche klopfte sie sich auf die Schulter, hakte gedanklich den Alkoholversuch ab und bereitete sich ein schönes Bad. Sie las, cremte sich ein und schminkte sich sogar. Und hörte Musik.

Danach brach sie zusammen.

Dieser letzte Satz kommt jetzt wirklich wie ein Hammerschlag. Hier hast du gut erreicht, dass ich mir trotz der zittrigen Hand Hoffnungen für deine Prota gemacht habe. Zwar hättest du auch den Alkoholversuch sicher noch deutlicher zeigen können, aber ab "Nach einer Woche klopfte sie sich auf die Schulter ..." ist gerade die Beschreibung ideal dafür geeignet, dass ich mir das falsche Bild (nämlich das von mir erhoffte) deiner Prota gemacht habe.

Fina_P hat geschrieben:Ja,  sie hatte in der Badewanne gelegen und gelesen. Aber es waren die alten Briefe von ihm, die sie gelesen hatte. Ja, sie hatte sich eingecremt. Aber nur, weil sie sich in Gedanken an ihn die Oberarme zerkratzt hatte. Ja, sie hatte die Schminksachen benutzt. Aber es waren ihre Tränen gewesen, welche die Augen dermaßen rot gemacht hatten, dass sie es zu vertuschen suchte.

Hier empfinde ich die Beschreibung auch als gutes Stilmittel zur Aufklärung des Lesers.

Fina_P hat geschrieben:Und ja, sie hatte das alte Lied gehört, nicht irgendetwas aus den Charts. Ihre Tränen fanden kein 'stop' mehr.
"Even in laughter the heart may ache,
and rejoicing may end in grief..."

Schon vor der zweiten Strophe hielt sie den seelischen Schmerz kaum mehr aus, lag zusammengekrümmt auf dem Boden. Mit jedem Vers hämmerte sich die unschöne Gegenwart in ihren Kopf. Heftig atmete sie ein und aus.
"...they would say to her, "Hannah, why are you weeping? Why don't you eat? Why are you downhearted? Don't we mean more to you than ten boys?"
Ein Zittern befiel sie. Schließlich kippte sie weg.

Das finde ich die gelungenste Stelle in der Geschichte. Jetzt zeigst du mir schon viel mehr von deiner Prota und ich höre fast die Musik spielen.

Fina_P hat geschrieben:Allein und gescheitert lag sie da. Weder sie noch sonst jemand nahm Notiz von der letzten Strophe des Liedes, die gerade begann.
"He is close to the brokenhearted
and saves those who are crushed in spirit.
"

Leider kann ich nicht besonders gut englisch, aber der Songtext ist wohl an einen bilblischen Psalm angelehnt. Schade, dass deine Prota sich nicht von der Hoffnung der letzten Strophe mitreißen lassen kann. Ich hätte es ihr von Herzen gegönnt.

Liebe Grüße von der Schneckenmaus
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Re: Downhearted

Beitragvon Darjeeling » 31.12.2012, 23:37

Hallo Fina,

ich "trau" mich mal, deine Geschichte zu kommentieren obwohl ich mich in Geschichten über unglückliche Liebe eigentlich gar nicht reinfühlen kann und das Liebeskummer-Gefühl ehrlich gesagt gar nicht kenne :lol: Aber obwohl es nicht mein Thema ist, hat mich doch etwas daran angesprochen, das spricht schon mal für dich!
Wahrscheinlich sind es die anderen Themen, die du zusätzlich noch in deiner Geschichte verpackt hast, die mich ansprechen: die Erwartungen der anderen zu erfüllen, die Probleme beim Essverhalten (ich musste beim Lesen an Essstörungen denken; weiß nicht, ob das deine Absicht war oder ob ich da schon voreingenommen bin), die Unfähigkeit sich abzulenken, weil tiefsitzende Gefühle nur hartnäckiger zurückgekommen je mehr man sie zu unterdrücken versucht.

"Stop" (obwohl auch nicht deutsch :lol: ) kann ich mir als Titel auch gut vorstellen.

Zum Thema "Zeigen, nicht beschreiben" hat Schneckenmaus ja schon viel gesagt. Ich merke an einigen Stellen, dass du durchaus die Gabe zum bildlichen "Zeigen" hast - also nutze sie ;-)


Wann immer dumpf die Trauer im Anmarsch war, ermahnte sie das Stop.

Das hier finde ich, obwohl oder gerade weil es nur so vage beschrieben wird, passend und gut. Die Prota achtet nicht auf ihre eigenen Gefühle, versucht diese zu unterdrücken, und sobald sie das 'stop' auf ihrem Handrücken sieht, will sie an etwas anderes denken, will gar nicht darüber nachdenken, woher diese Trauer kommt, und lässt den Gedanken gar nicht erst zu. Das zeigst du an der Stelle sehr gut!

An anderen Stellen hätte ich mir aber gewünscht, dass du näher auf ihre Gefühle eingegangen wärst.
Auch die folgende Liebeskomödie grub den Schmerz nur tiefer in sie ein. Außerdem konnte sie in der Dunkelheit des Kinosaals und den flimmernden Lichtern der Leinwand das Stop nur schwer lesen. Gleichermaßen schwer funktionierte, so stellte sie fest, die Ablenkung durch Filme.

Diese Stelle hättest du zum Beispiel genauer ausführen können. Die Ablenkung funktioniert nicht - alle verdrängten Gefühle kommen hoch - der Schmerz lässt sich nicht mehr wegschieben. Und weil es sich nicht mehr beiseite schieben lässt, kannst du dem Leser hier genauer zeigen, was sie fühlt und was sie denkt.

Insgesamt lässt sich die Geschichte flüssig lesen. Zwar wünscht man sich als Leser stellenweise etwas näher ans Geschehen rangeführt zu werden, aber man merkt trotzdem, wie das Mädchen gerade dadurch, dass sie ihre Gefühle vor sich und den anderen nicht zulässt, nur immer tiefer hinein gerät bis sie nicht mehr kann (huch, was ein Schachtelsatz, sorry).

silvestrige Grüße,
Lisa
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Re: Downhearted

Beitragvon Fina_P » 03.01.2013, 17:55

Hallo,
ich danke euch beiden für die ausführlichen Kommentare und die Zeit, die ihr euch für meine Geschichte genommen habt!
Das Lied ist tatsächlich an einen Psalm angelehnt und auch die Richtung Essstörung wird angeschnitten. Es freut mich, dass dies angekommen ist.
Zu zeigen und nicht beschreiben:
Eigentlich wollte ich den Anfang passiv beschreiben, als ob sie durch einen Schleier zurückblicken würde. Damit dann das Ende umso intensiver als ihrer einzige, einnehmende Erinnerung bleibt.
Leider ist mir das wohl nicht so gelungen.
Ich danke euch für eure Vorschläge und werde mich an einer Änderung versuchen!
Dann werde ich mal die Worte sprechen lassen...
Liebe Grüße Fina
Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. (Joh 1, 1)
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Re: Downhearted

Beitragvon Karmacode » 10.01.2013, 23:37

Guten Abend Fina,

ich will jetzt auch mal meinen "Brei" dazugeben und dir schreiben was ich an deiner Geschichte besonders gut fand und wo ich persönlich ein paar Probleme hatte.

Ich fang am besten einmal mit dem Titel an. " Downhearted" erzeugt bei mir gleich eine Art düstere Grundstimmung, die man glaube ich auch für deine Kurzgeschichte braucht. Das Thema ist ernst, traurig und bleibt einem im Gedächtnis hängen. Jeder kennt das Gefühl des Liebeskummers und weiß genau das es mehr schmerzt als alles andere. Gleich der erste Satz hat mich zum weiterlesen motiviert :

Die anderen hatten sie darum gebeten. Sie hatte den Schriftzug erst auf Papier, dann auf ihren Handrücken gemalt. Aufhören mit der Depri-Schiene. Niemanden weiter belasten.


Deine Wortwahl finde ich sehr passend beispielsweise schreibst du :

Und für die anderen lächelte sie, sofern das unsichtbare Gewicht an ihren Mundwinkeln eben jene nicht nach unten zog.


Auch sehr gut gefallen hat mir :

Aber der Anblick ihrer Popcorn futternden, entspannten Schwester rief nur die Sehnsucht auf den Plan, ebenso sorglos zu sein. Über das Sehnen vergaß sie den Film, welcher sogar das kleine Lästerkind gezähmt hatte


Mir ging es beim Lesen wirklich so das je tiefer ich mich in die Story hineinversetzte umso melancholischer wurde ich. Ich fühlte mit dem Prota, fand mich in vielen Situationen selber wieder.

Das Ende ist natürlich unglaublich intensiv. Spätenstens ab hier

Nach einer Woche klopfte sie sich auf die Schulter, hakte gedanklich den Alkoholversuch ab und bereitete sich ein schönes Bad. Sie las, cremte sich ein und schminkte sich sogar. Und hörte Musik.


musste ich das erste Mal richtig schlucken :shock: den irgendwie konnte ich mir schon denken worauf es hinausläuft.

Schon vor der zweiten Strophe hielt sie den seelischen Schmerz kaum mehr aus, lag zusammengekrümmt auf dem Boden. Mit jedem Vers hämmerte sich die unschöne Gegenwart in ihren Kopf. Heftig atmete sie ein und aus.
"...they would say to her, "Hannah, why are you weeping? Why don't you eat? Why are you downhearted? Don't we mean more to you than ten boys?"
Ein Zittern befiel sie. Schließlich kippte sie weg.

Allein und gescheitert lag sie da


Gefällt mir unheimlich gut. Deine Art zu schreiben bewegt. Die Dichte mir denen du die Worte verpackst, ganz toll!!! :wink:

Einen einzigen Kritikpunkt habe ich dann aber doch noch und zwar den das ich es schade finde das die Geschichte schon vorbei war! :dasheye:

Zu guter Letzt bleibt mir nur zu sagen, das eine Kurzgeschichte die sich mit einem solch ernsten Thema befasst genau so aussehen sollte. Hut ab und weiter so!!!

Lg Karmacode

P.S. Ein deutscher Titel der mir jetzt spontan einfällt wäre vielleicht " Die Kunst des Nicht-Vergessens" oder " Zersplittertes Herz"
Wahre Stärke ist es nicht ein Leben zu nehmen, sondern eines zu bewahren!

Gandalf
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Re: Downhearted

Beitragvon Fina_P » 12.01.2013, 09:47

Hallo,
Auch dir danke für deinen Kommentar, danke für die aufgewandte Zeit. Es freut mich, dass die Geschichte dir ihre Stimmung vermittelt hat.
"Zersplittert" gefällt mir, ich denke noch darüber nach, wie ich es im Titel einbauen kann. "Herz" bringt die Geschichte sehr auf eine Liebes-Schiene, worin Titel wie "Seelenschmerz" oder "Krankes Herz" bereits öfter benutzt wurden. Die Kunst des Nicht-Vergessens" ist ebenfalls interessant. (Die bisherigen Titelvorschläge natürlich ebenso). Es stellt sich die Frage, ob sie ihn vergessen oder ob sie wieder glücklich werden will, auch wenn beides miteinander zusammenhängt.
LG Fina
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Re: [Tragik]Downhearted- Zersplittertes Leben

Beitragvon Samis » 16.10.2015, 18:44

Hallo Fina,

nach deiner überzeugenden Kritik war ich neugierig, was es von dir zu lesen gibt und möchte mich nun zu diesem Text von dir äußern.

Gefällt mir gut. Du zeichnest ein bestens nachvollziehbares Bild der Prota; ihre Sehnsucht nach Linderung, Normalität oder gar Glück, und die Auswegslosigkeit ihrer Situation, ihres Scheiterns. Das ist dir sehr gut gelungen, dazu meinen Glückwunsch! Ein paar Sätze und Formulierungen erscheinen mir unrund, dazu gleich mehr. Selbstverständlich gilt, wie immer: Meine Ohren sind nicht die deinen, was mir ge- oder missfällt stellt keinerlei Masstab dar.


Sie hatte den Schriftzug erst auf Papier, dann auf ihren Handrücken gemalt.

Die Person vom Satzanfang wegzubekommen, ist mir ein (fast zwanghaftes) Bedürfnis.

Erst hatte sie den Schriftzug auf Papier, dann auf ihren Handrücken gemalt.



Und für die anderen lächelte sie, sofern das unsichtbare Gewicht an ihren Mundwinkeln eben jene nicht nach unten zog.

Diese fände ich anstatt eben jene schöner.



Das Endziel ihres Plans: Eine Woche normal essen und eine stabile Gemütsverfassung. Und ihn vergessen, natürlich. Als Belohnung gäbe es einen Wellness-Abend.


Ziel ohne End und Vorhaben anstatt Plan gefiele mir besser. Zudem würde ich mittels Satzzeichen anders gewichten und die Belohnung komplett streiche, da das Erreichen ihres Zieles Belohnung genug wäre und sie der Wellness ohnehin nichts abgewinnen könnte.

Das Ziel ihres Vorhabens: Eine Woche normal essen, eine stabile Gemütsverfassung. Und ihn vergessen. Natürlich.



Schließlich stieg das Risiko eines Zuckerschocks in bedenkliche Höhen und gleichzeitig lähmte etwas Bedrückendes ihre Glückshormone, sodass sie zumindest den Versuch Schokolade auf später verschob.

Ein drohender Zuckerschock scheint mir etwas zu hoch gegriffen und das Wörtchen zumindest würde ich durch vorerst ersetzen und hinter Schokolade stellen. Anstatt des Zuckerschocks würde ich auf nett Art schreiben, dass ihr schlicht saumäßig schlecht wurde.



Als nächstes probierte sie es mit Kinofilmen.

Als nächstes probierte sie es mit Kino. fände ich schöner.


Aber der Anblick ihrer Popcorn futternden, entspannten Schwester rief nur die Sehnsucht auf den Plan, ebenso sorglos zu sein.

Sorglos oder unbekümmert fände ich fürs Schwesterchen passender als entspannt. Zudem würde ich die Sehnsucht eher erwecken als auf den Plan rufen.



Über das Sehnen vergaß sie den Film, welcher sogar das kleine Lästerkind gezähmt hatte. In alten Gefühlen versunken saß sie dort auf dem viel zu neutralen Sessel in einem viel zu warmen Raum und seufzte vor sich hin.

Hier würde dich etwas raffen:
Über das Sehnen vergaß sie den Film. In alten Gefühlen versunken saß sie still, verloren im neutralen Sessel, in einem viel zu warmen Raum und seufzte.



In der Dunkelheit des Kinosaals und den flimmernden Lichtern der Leinwand konnte sie das Stop nur schwer lesen.

Auch hier würde ich etwas kürzen:

Wegen der Dunkelheit und des Flimmerns (auf) der Leinwand konnte sie das Stop nur schwer lesen (erkennen).



Gleichermaßen schwer funktionierte, so stellte sie fest, die Ablenkung durch Filme.

Das funktioniert vereinfacht besser.

Etwas entmutigt stellte sie fest, dass die Ablenkung durch Filme ebensowenig funktionierte.



Angesichts dessen beendete sie die Telefontherapie.

Daher fände ich anstatt Angesichts dessen schöner.



Sie wachte zwar mit scheußlichem Kater auf und erbrach einiges ihrer Mahlzeiten, aber was war das schon.

Sie muss da vorn weg! :x :lol:

Zwar erwachte sie mit scheußlichem Kater und erbrach den Großteil ihrer Mahlzeiten, aber was war das schon.



Stop war verwischt und abgewaschen worden.

Was abgewaschen ist, ist für meinen Geschmack weg und kann nicht mehr verwischen. Hm.


Ja, sie hatte die Schminksachen benutzt. Aber es waren ihre Tränen gewesen, welche die Augen dermaßen rot gemacht hatten, dass sie es zu vertuschen suchte.

Der kommt ein wenig gestelzt daher und ist doch so wichtig.

Ja, sie hatte sich geschminkt. Jedoch nur um die geröteten Augen zu verbergen, die die Tränen um ihn verursacht hatten.



Und ja, sie hatte das alte Lied gehört, nicht irgendetwas aus den Charts. Ihre Tränen fanden kein 'stop' mehr.

Der Dramatik wegen würde ich hier etwas umstellen.

Und ja, sie hatte Musik gehört. Jedoch nichts aus den Charts, nein, die alten, gemeinsamen Lieder hatte sie aufgelegt und nun fanden ihre Tränen kein 'stop' mehr.



"Even in laughter the heart may ache,
and rejoicing may end in grief..."
Noch vor der zweiten Strophe hielt sie den Seelenschmerz kaum mehr aus, lag sie zusammengekrümmt auf dem Boden und mit jedem Vers mehr hämmerte sich die unschöne Realität in ihren Kopf.
"...they would say to her, "Hannah, why are you weeping? Why don't you eat? Why are you downhearted? Don't we mean more to you than ten boys?"
Heftiges Zittern befiel ihren gesamten Körper, schließlich kippte sie weg.

Allein, gescheitert lag sie da. Nicht sie, noch sonst wer, hörte die letzte Strophe, die eben begann.
"He is close to the brokenhearted
and saves those who are crushed in spirit."

Verzeih, dass ich das Ende einfach so umformuliert habe! Das ist anmaßend. Das war schlicht zu packend, ich konnte nicht anders.

So, nun geh ich mir Schokolade kaufen und seh mir einen Film an.

Beste Grüße,
Samis
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Re: [Tragik]Downhearted- Zersplittertes Leben

Beitragvon Fina_P » 22.10.2015, 20:38

Hallo Samis,

danke für deinen ausführlichen Kommentar! Ich habe mir die Geschichte wieder angeschaut und ein bisschen verändert, arbeite noch weiter daran. Insgesamt habe ich das Gefühl, dass alles ein bisschen runder geworden ist. Einige Hinweise habe ich gleich übernommen, bei ein paar anderen überlege ich. Noch zwei kleine Bemerkungen:

Samis hat geschrieben:Hallo Fina,

Sie hatte den Schriftzug erst auf Papier, dann auf ihren Handrücken gemalt.

Die Person vom Satzanfang wegzubekommen, ist mir ein (fast zwanghaftes) Bedürfnis.


Hier liest sich der Satz in der Tat etwas anstrengend, weil ungewohnt mit "sie" am Anfang. Und in gewisser Hinsicht wollte ich gerade das bezwecken, dass man sich beim Lesen eben nicht entspannt hinsetzt und alles runterliest. Die Anspannung soll nicht nur durch den Text, sondern auch durch die ihn vermittelnde Sprache entstehen. Aber vielleicht ist das nicht ganz so gelungen.


Samis hat geschrieben:Stop war verwischt und abgewaschen worden.

Was abgewaschen ist, ist für meinen Geschmack weg und kann nicht mehr verwischen. Hm.

Ich wollte hierbei eine Ereigniskette erzählen, also erst wird es verwischt und schließlich abgewaschen. Vielleicht sollte ich dafür das "und" ändern.

Nochmals vielen Dank, man liest sich.
Viele Grüße,
Fina
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Re: [Tragik]Downhearted- Zersplittertes Leben

Beitragvon Samis » 23.10.2015, 12:32

Hallo Fina,

die Anspannung deiner Geschichte auch sprachlich mitklingen zu lassen ist eine klasse Idee. Vielleicht wäre es sinnvoll (hab allerdings keine konkrete Vorstellung, wie), manche Sätze (oder gar den gesamten Text?) noch weit "unangenehmer" zu gestalten. Ein sehr interessanter Gedanke und sicher eine große Herausforderung.

Stop war verwischt und abgewaschen worden.

Als Abfolge würde ich hier ein Komma verwenden: Stop war verwischt, war abgewaschen worden.

Da du oben anmerkst, noch weiter an der Geschichte zu arbeiten, halte ich mich mit weiteren Kommentaren vorerst zurück.

Wünsche dir weiterhin Freude am Schreiben!

Beste Grüße,
Samis
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