Drei Charaktere -drei verschiedene Stimmen

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Drei Charaktere -drei verschiedene Stimmen

Beitragvon Anchesa » 18.10.2015, 09:44

Hey :)
Beim Überarbeiten meines Manuskripts wurde ich von einer Probeleserin darauf hingewiesen, dass alle meine drei Charaktere von der Stimmlage gleich klingen (ich vermute einfach mal stark sie klingen so wie ich, wenn ich rede :D). Also was ich damit meine: sie haben in Dialogen keine individuellen Merkmale, durch die man sie eindeutig identifizieren kann.
Jetzt meine Frage: wie kann ich das ändern? Und zwar so, dass es auch nicht zu extrem ist (also ich will jetzt nicht eine stottern lassen oder bei dem anderen immer ein "ey" oder "Mann" anfügen. Wie löst ihr so ein Problem? Und werden die Gedanken dann auch dementsprechend angepasst oder ein wenig neutraler formuliert?
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Re: Drei Charaktere -drei verschiedene Stimmen

Beitragvon Ankh » 18.10.2015, 10:47

Zunächst musst du dir überlegen, was deine Charaktere unterscheidet. Ist der eine vielleicht ein bisschen steifer als die anderen, der andere ein bisschen ungebildeter? Diese Eigenschaften versuchst du dann sparsam in ihre Redeweise einfließen zu lassen. Lass den ungebildeten Charakter nicht klingen wie den letzten Assi von RTL, aber vielleicht fällt ihm die Verwendung von Genitiven eher schwer. Vielleicht drückt sich ein Charakter gelegentlich eher derb aus. Ein anderer sehr gewählt. Ich kenne deine Protagonisten nicht, aber ein, zwei kleine Eigenheiten findest du bestimmt, die du ihnen verpassen kannst.

Wichtig ist auch zu bedenken, was sie überhaupt sagen und wie. Verschiedene Menschen reagieren verschieden auf dieselbe Situation. Wenn jemand mit etwas nicht einverstanden ist, dann kann er lautstark protestieren, leise Bedenken äußern oder die Klappe halten und vor sich hingrummeln. Manche brausen schnell auf, andere bewahren die Ruhe und bleiben sachlich. Sowas kannst du auch zwischen den Dialogen in Beats und Inquits rüberbringen, die beschreiben, ob ein Charakter verlegen ist, nervös, spöttisch oder gelassen.

Die Gedanken können dieser äußeren Form entsprechen oder ihr auch völlig widersprechen. Vielleicht verbirgt ein Charakter ja seine Angst hinter einer allzu selbstbewussten Fassade. Vielleicht gibt er sich freundlicher als er gesinnt ist. Du kannst her eine ganz neue Ebene des Charakters eröffnen, je nachdem, wie "echt" er sich im Umgang mit anderen verhält.

Zuletzt sollten sich diese Eigenheiten auch in der Perspektive des Charakters widerspiegeln, sofern du eine personale Erzählweise nutzt. Ein Charakter, der in wörtlicher Rede äußerst schlicht daherkommt, wird nicht in blumigen Ausschweifungen über die Welt philosophieren, also solltest du das als Erzähler auch nicht tun, so lange du in seiner Perspektive steckst. Auch hier kann man sparsam die Stimme des Protagonisten durchscheinen lassen.
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Re: Drei Charaktere -drei verschiedene Stimmen

Beitragvon Maggi1417 » 18.10.2015, 10:50

Puh, schwieriges Thema. Wie du schon sagst, man will es ja auch nicht übertreiben.
Ohne deinen Text zu kennen, ist es auch schwer, gute Tipps zu geben, aber ich kann dir ja mal erzählen, was ich meiner Beta-Partnerin erzählt habe:

Wichtiger als irgendwelche sprachlichen Eigenheiten, finde ich Wahrnehmung. Man sollte sich vor Augen halten, wie die POV-Figur seine Umwelt wahrnimmt.
Würde jemand, der sein ganzes Leben in einem Slum verbracht hat, die Straßen wirklich als ekelhaft dreckig und die Menschen als abgerissen bezeichnen? Das ist schließlich sein zuhause, er kennt es nur so.
Eine Prinzessin, die einem Ritter beim Schwertkampf beobachtet, bemerkt vermutlich ganz andere Dinge, als ein anderer Ritter. Die Prinzessin bewundert vielleicht die glänzende Rüstung und die kraftvollen Bewegungen, der andere Ritter bemerkt die Löcher in der Deckung und die Fehler bei der Fußarbeit und denkt darüber nach, welcher Schmied wohl den Brustharnisch gefertigt hat.

Die Wortwahl spielt da natürlich auch eine Rolle. Wenn die POV-Figur ein ungebildeter Straßenjunge ist, dann wirkt das Wort Fäkalien fehl am Platz. Bei einem verwöhnten, aber gebildeten Prinzen, der die selbe Straße entlangläuft, wäre es hingegen passend.
Für die Prinzessin wäre das Schwert des Ritters wohl einfach nur ein Schwert. Ist der anderer Ritter der POV-Charakter dann wäre es wohl eher ein Zweihänder oder ein Bastard-Schwert.

Und jetzt noch ein kleiner Trick, der für mich ganz gut funktioniert:
Figuren "casten" ist nicht nur eine visuelle Hilfe, sondern kann auch bei sprachlichen Mustern (und Gestik und Mimik) helfen. Das setzt allerdings voraus, dass du die Schauspieler (oder was auch immer), die du dafür benutzt, relativ gut kennst. Spiele die Szene dann mal mit deiner Besetzung durch. Versuche dir vorzustellen, wie es klingen und aussehen würde, wenn dieser spezifische Schauspieler diesen Dialog vorlesen würde, mit Tonfall, Tempo, Betonung, Pausen, allem drum und dran. Passt das? Klingt das natürlich? Falls nicht, passe die Dialoge so lange an, bis du es dir richtig gut vorstellen kannst.
(Bonus-Tipp: Vielleicht ist es am besten, sich für sowas an einer bestimmten Rolle dieses Schauspielers zu orientieren. Gibt ja durchaus ein paar Schauspieler, die so gut sind, dass sie charakteristische Dinge wie Sprachrhythmus oder Mimik problemlos wechseln können)
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Re: Drei Charaktere -drei verschiedene Stimmen

Beitragvon Anchesa » 18.10.2015, 13:12

Danke schon einmal für eure Antworten.
Das mit dem Figuren "casten" klingt wirklich vielversprechend, das werde ich auf jeden Fall ausprobieren!
Meine Protas sind drei Jugendliche. Ich persönlich mag "Jugendsprache" ja nicht so und habe sie auch nie viel benutzt.. meint ihr, es kommt übertrieben, einem Chara "typische Jugendsprache" zu verpassen? Halt nicht zu viel, aber zumindest ein bisschen? Und wirkt das nicht schnell altmodisch, weil die sich ja wirklich schnell wandelt?
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Re: Drei Charaktere -drei verschiedene Stimmen

Beitragvon Dingelchen » 18.10.2015, 14:41

Hallo,

ich hatte am Anfang auch dieses Problem - und bin noch immer dabei, es auszumerzen :mrgreen:
Ich glaub, wenn man so motiviert vor sich hinschreibt, kann es einfach passieren, dass man so am Plot hängt, dass man da dann die verschiedenen Stimmen außer Acht lässt.
Bei mir half einfach: Überarbeiten, überarbeiten ... und sich noch mehr in die einzelnen Charaktere reinzufühlen - und sich auch immer deren Umfeld im Kopf behalten.
Kleines Beispiel: Meine Prota ist ne Aktivistin, die auch mit linksradikalen Gruppen liebäugelt. Wenn sie von der Polizei spricht, dann immer von den "Bullen". Ist halt so Usus in ihrem Umfeld.
Mein Prota hingegen ist jetzt aus gutem Grund (xD) ebenfalls kein großer Fan der Polizei, bezeichnet sie aber dennoch immer gehobener als "Polizisten". Er ist generell ganz einfach gemäßigter eingestellt und kommt aus einem recht "biederen" Umfeld (sein Vater Arzt, seine Mutter irgendeine Managerin - nur er selbst hält von alldem nicht so viel, aber geprägt hat es ihn halt trotzdem ein bissi, auch in der Wortwahl^^).

Oder weiteres Beispiel: Gibt in meinem Roman zwei Therapeuten. Einer davon ist Psychiater und Verhaltenstherapeut, sieht sich den Behandelnden dadurch autoritär gegenüberstehend (also asymmetrisches Machtverhältnis), und bezeichnet sie als "Patienten". Und das ist auch mehr so der Kaviar essende Genussmensch, der sich meistens eher gewählt ausdrückt.
Der andere Therapeut ist kein Psychiater, sondern am ehesten wohl klientenzentrierter Psychotherapeut, und sieht seine Behandelnden daher als absolut gleichberechtigt an, bezeichnet sie daher als "Klienten". Der drückt sich auch nicht ganz so hochgestochen aus und mampft statt Kaviar lieber Kekse mit seinen Klienten. :mrgreen:

Sowas versuch ich meistens sowohl im Dialog, als auch in den Erzählungen zu berücksichtigen.
Ich kam beim Schreiben also zur Erkenntnis, dass es, um den Charakteren verschiedene Stimmen zu geben, immer hilft, sich deren Umfeld (und auch deren Biographie) näher anzusehen. Und da muss man auch nicht ständig irgendein "Ey" oder "Alter" oder "Scheiß" o.ä. dranhängen ^^ - aber ein guter Redner wird z.B. wohl auf Füllwörter eher verzichten, als eine 13jährige, die gerade ganz aufgebracht irgendetwas schildern möchte ;) .
Also: Lebenseinstellungen, Erziehung, und prägende Erlebnisse berücksichtigen; ich glaube, dann hat man auch bald draußen, zu welch einem Sprachstil die Charaktere neigen könnten. Und auch berücksichtigen, wie der Charakter beim Leser rüberkommen soll - ob der Charakter eher locker und kumpelhaft oder gewählt und vielleicht sogar überheblich rüberkommen soll? -- Auch da kann die Auswahl der Sprache im Dialog bzw. Monolog etwas dazu beitragen, find ich.
Aber: Ich persönlich bevorzuge auch eher feinere Unterschiede und nicht überzeichnete Akzente o.ä.

Liebe Grüße und viel Spaß (Ich selbst find diese Thema unglaublich spannend!)

Dingelchen
"Im Mondlicht drehten sich die Paare. Die Feigheit mit der Tugend, die Lüge mit der Gerechtigkeit, die Erbärmlichkeit mit der Kraft, die Tücke mit dem Mut.
Nur die Vernunft tanzte nicht mit."

(Horváth - Jugend ohne Gott)
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