[Nachdenk]Drei Mal Weihnachten [1/2] (Weihnachtswb 2014)

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachdenk]Drei Mal Weihnachten [1/2] (Weihnachtswb 2014)

Beitragvon Jacky » 22.12.2014, 15:16

Hier mein eigener "Beitrag" zu unserem Weihnachtswettbewerb.
Viel Spaß beim Lesen und/oder Kommentieren und hoffentlich auch beim weihnachtlich werden
lg
Jacky :xmasgrin:




1996

"Weihnachten ist das Fest der Liebe. Da macht man sowas eben."
"Ach Elly! Das glaubst du doch nicht wirklich", sagt Tom.
"Natürlich glaube ich das! Und was wäre das für eine trostlose Welt, wenn es nicht so wäre."
Ich schlinge mir die den Schal um den Hals und trete in die eiskalte Nachtluft. Mein Atem malt Weihnachtsgeister in die Luft.
So viele Dinge könnten anders sein - besser sein. Aber nichts davon lässt sich so einfach ändern. Heute Abend wische ich meinen Lippenstift ab und tausche mein Alltagskleid, gegen etwas Schlichtes in gedeckten Farben und ein Weihnachtsessen, wie es meinem Vater gefällt. Das eigentlich genau dasselbe ist, wie ein Weihnachtsessen, das mir gefällt. Nur, dass ich selbst darin eine etwas andere Rolle spiele.
Aber das ist egal. Denn an Weihnachten legt man seine Differenzen beiseite und alle Menschen rücken ein Stückchen näher zusammen.
Genau so, wie es sein soll.
Ganz gleich, was Tom dazu meint.
Ich klemme meine Handtasche fest unter den Arm und stakse mutig auf die vom Frost blank polierte Straße. Schwarz glitzert der Teer im Schein der Straßenlaternen. Mit den Stöckelschuhen ist der kurze Weg zum Auto ein kleines, halsbrecherisches Abenteuer.
Ich hätte Toms Angebot annehmen sollen, dann hätte ich jetzt einen Arm zum Festhalten. Tom ... Ob er jemals den Mut findet, seine Gefühle auszusprechen?
In dem Augenblick höre ich sie schon. Ich drehe mich absichtlich nicht um. Besoffene Kerle sind niemals gut. Bis zum Auto ist es nicht mehr weit. In diesem Teil der Stadt, zu dieser Zeit. Bloß keine Furcht zeigen. Keine Aufmerksamkeit erregen. In meinem Aufzug erst recht nicht.
Ich rutsche aus. Mein Fuß knickt um. Im letzten Moment klammere ich mich an die Motorhaube. Mist verdammter.
Dann krame ich eilig in meiner Tasche. Wo ist nur der verdammte Schlüssel?
Zigarrenrauch ist das erste, was mich von den Kerlen erreicht. Nie kann ich meinen Schlüssel finden.
"Hey! Schätzchen! So einsam heute Abend?" Er nuschelt bedenklich.
Schweiß tritt mir in den Nacken. Ich bin auch zu dämlich. Ich hätte Tom mitnehmen sollen. Vor allem nach den letzten zwei Überfällen hier in der Gegend.
Wie kann man nur so ein Hornochse sein?
Der Rauch beißt mich in der Nase.
Ich grabe tiefer in meiner Tasche, meine Hände zittern.
Eine zweite Stimme. "Haste dein Schnuckiputzi inne Kneipe vergessen? Is' gefährlich mitten inne Nacht allein auffe Straße."
Schritte kommen näher. Ich wühle immer verzweifelter in den Untiefen meiner Tasche. Ich will weg hier, nur weg! Tom hat sich vorgestern erst lustig gemacht. Die 'endlosen Weiten' einer Damenhandtasche. Ich könnte heulen. Da! Der Schlüssel!
Ich versuche ihn ins Schloss zu stecken, aber es ist zu dunkel und meine Finger zittern wie Espenlaub.
Da packt er mich an der Schulter. Das Glutende eines dicken Stumpen dicht an meinem Ohr. Er reißt mich herum.
Seine Faust trifft mich hart ins Gesicht. Sternregen. Dann gräbt er seine Knöchel in meinen Magen. Mir bleibt die Luft weg.

Er dachte, er hätte etwas gehört. Sicher nur eine Katze. Er öffnet trotzdem die Tür der "Violetten Blume" ein Stück und da sieht er Elly auf dem Boden liegen. Fünf Männer stehen im Halbkreis um sie herum. Blut quillt aus ihrem Mund. Einer ist direkt über ihr -Rastazöpfe, Stoppelbart, eine nietenbesetzte Lederjacke- er holt aus und tritt ihr mit voller Wucht zwischen die Beine.
Er reißt die Tür auf: "Verschwindet ihr blöden Wichser! ..."
Sie ergreifen die Flucht. Tom zieht das Handy aus seiner Tasche und ruft den Notarzt.

Ich habe Krebs. Ich kann es nicht fassen. Da arbeite ich schon in einem Krankenhaus und muss erst zusammengeschlagen werden, bevor sie das herausfinden. Am liebsten würde ich losheulen. Fortgeschrittenes Stadium. Tha! Metastasen können sie noch nicht ausschließen. Tha! Was für ein Weihnachten.
Wenigstens ist Tom bei mir. Er hat wohl bei meinen Eltern angerufen. Hoffentlich war er überzeugend. Mein Vater ist wirklich das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann. Wahrscheinlich würde er einen Herzinfarkt bekommen.
Ich wünschte, Tom würde meine Hand halten. Aber er traut sich immer noch nicht.
In dem Augenblick öffnet sich die Tür des Krankenzimmers. Und da steht er. In voller Lebensgröße. Braune Tweedjacke, schlohweißes Haar, in der Bewegung erstarrt, als hätte jemand die Pausetaste gedrückt. Seine Hand klammert sich am Türgriff fest.
"Papa ...", meine Stimme klingt dünn und einsam in dem kalten Raum. So hatte ich mir diesen Moment sicher nicht vorgestellt.
Die Stille scheint sich zu einer Ewigkeit aufzublähen.
"Was bist du nur für eine Abomination?"
Das Wort kenne ich nicht mal.
Aber es schlitzt mein Herz auf und lässt mich blutend zurück - diesmal von innen.
Tränen brennen in meinen Augenwinkeln. Da greift Tom meine Hand. "Sie ist perfekt. Genau so, wie sie ist."
Mein Innen wird zu warmem Eierpunsch.
Mein Vater wirft Tom einen Blick zu, mit dem Superman eine ganze Armee hätte rösten können.
"Was für ein abartiges Kabarett ist das? Kein Wunder, das du Krebs hast. Du bist selbst ein Geschwür, eine verkorkste Wucherung dieser ..."
"Es reicht!", Tom stellt sich zwischen ihn und mich. Ich muss mich beugen, um das Gesicht meines Vaters nicht zu verlieren.
Tom donnert weiter: "Bei allen Engeln dieser Welt! Es ist doch völlig egal, wie sie aussieht oder wen sie liebt. Hauptsache sie liebt überhaupt! Hauptsache sie ist glücklich!"
Vater starrt weiter mit Laseraugen erst Tom an und dann mich. Jetzt wird er explodieren, um sich schlagen, schreien - aber da dreht er sich um und verschwindet einfach.
Die Tür fällt mit einem leisen Klick in ihr Schloss.


1999

"Ich weiß gar nicht, warum du ihn jedes Jahr wieder einlädst. Er hat seit damals kein Wort mehr mit dir gesprochen."
Damals, so heißt Weihnachten. Das Weihnachten, vor drei Jahren, an dem sich alles geändert hat.
Elly trägt bedächtig Lippenstift auf. Dann presst sie die Lippen aufeinander und sieht Tom vorwurfsvoll im Spiegel an.
"Es ist eben Weihnachten. Und dieses Jahr kommt er bestimmt."
"Elly, du hast sein Gesicht gesehen, als er damals ins Krankenzimmer gekommen ist."
"Es war eben ein Schock für ihn. Ich hätte es ihm schon lange vorher sagen sollen. Du wärst auch erschrocken, wenn du mich zum ersten Mal so gesehen hättest. Überhaupt! Er ist immer noch mein Vater und es ist Weihnachten. Und es ist meine Party. Und ich kann einladen, wen ich will."
Tom seufzt, zieht sie vom Stuhl hoch und nimmt sie fest in die Arme "Natürlich darfst du das."
Er hätte gar nichts gesagt, wenn es Elly nicht so aufregen würde. Sie tut zwar so, als wäre es nicht so, aber es bricht ihr jedes Jahr wieder das Herz, wenn ihr Vater die Einladung einfach ignoriert.
Wenigstens kommen ihre Mutter und ein gutes Dutzend Freunde. Es wird eine große Weihnachtsfeier, wie jedes Jahr, seit er mit Elly zusammen gekommen ist. Sie liebt Weihnachten, erst recht, seit es auch noch ihr Jahrestag ist. Wenn es nach ihr ginge, dann wäre jeden Tag das Fest der Liebe, des Verständnisses und der Vergebung.
Er schiebt sie ein Stück von sich und sieht ihr fest in die Augen "Aber nur, wenn du versprichst, dass du nicht überrascht bist, wenn er doch nicht kommt."
Sie nickt. "So, und jetzt muss ich noch den Schampus aus dem Wagen holen", sagt sie.
"Ich komme mit."
"Das brauchst du nicht."
Und ob er das braucht. Seit damals hat er sich geschworen, er wird sie niemals wieder allein im Dunkeln auf die Straße lassen. Nicht solange die Chance besteht, dass einer dieser Wichser noch da draußen ist.

Als ich die Türe öffne, rieche ich Zigarre [...]

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Re: Drei Mal Weihnachten [1/2] (Weihnachtswettbewerb 2014)

Beitragvon Avunculus » 25.12.2014, 03:16

Hallo Jacky!

Eine hübsche und geheimnisvolle Weihnachtsgeschichte ...

Du erzählst von einer problematischen Vater-Tochter-Beziehung.
Hinein geflochten: ein zögerlicher Freund, eine grundlose Prügelattacke, eine Krebserkrankung, eine außergewöhnliche Einladung, jede Menge Optimismus und eine späte Erkenntnis.
Ich meine, deine Weihnachtsgeschichte ist prallvoll.

Jacky, der Kommentar zeigt dir meine Sicht auf deinen Text. Wenn du Brauchbares darin findest, freut mich das, ansonsten, ab damit in die Tonne.

Aufgefallen ist mir an deinem Text, dass du zumeist aus Sicht der Ich-Erzählerin Elly schreibst, gelegentlich jedoch personal aus Sicht von Tom.

Blau markierte Stellen in deinem Text, halte ich für entbehrlich.



1996

"Weihnachten ist das Fest der Liebe. Da macht man sowas eben."
"Ach Elly! Das glaubst du doch nicht wirklich", sagt Tom.
"Natürlich glaube ich das! Und was wäre das für eine trostlose Welt, wenn es nicht so wäre."
Ich schlinge mir die den Schal um den Hals und trete in die eiskalte Nachtluft.
Hier könntest du vielleicht noch schreiben, dass Elly eine Haustür öffnet o.ä.
(Deine Zeichnung der Örtlichkeit ist sehr spartanisch.)



Mein Atem malt Weihnachtsgeister in die Luft.
Hübsches Bild.



So viele Dinge könnten anders sein - besser sein. Aber nichts davon lässt sich so einfach ändern. Heute Abend wische ich meinen Lippenstift ab und tausche mein Alltagskleid, gegen etwas Schlichtes in gedeckten Farben und ein Weihnachtsessen, wie es meinem Vater gefällt. Das eigentlich genau dasselbe ist, wie ein Weihnachtsessen, das mir gefällt. Nur, dass ich selbst darin eine etwas andere Rolle spiele.
'Eine etwas andere Rolle' ist ein wenig nebulös.


Aber das ist egal. Denn an Weihnachten legt man seine Differenzen beiseite und alle Menschen rücken ein Stückchen näher zusammen.
Genau so, wie es sein soll.
Ganz gleich, was Tom dazu meint.
Ich klemme meine Handtasche fest unter den Arm und stakse mutig auf die vom Frost blank polierte Straße. Schwarz glitzert der Teer im Schein der Straßenlaternen. Mit den Stöckelschuhen ist der kurze Weg zum Auto ein kleines, halsbrecherisches Abenteuer.
Ich meine, die beiden Adjektive beißen sich.
(Falls ich jemals das Bedürfnis verspüren sollte, ein Abenteuer zu erleben, werde ich ein kleines Abenteuer suchen, um mir, wenn irgend möglich, nicht den Hals zu brechen.) :wink:
Vorschlag:
'… ist der kurze Weg zum Auto ein kleines Abenteuer.'



Ich hätte Toms Angebot annehmen sollen, dann hätte ich jetzt einen Arm zum Festhalten. Tom ... Ob er jemals den Mut findet, seine Gefühle auszusprechen?
In dem Augenblick höre ich sie schon. Ich drehe mich absichtlich nicht um. Besoffene Kerle sind niemals gut. Bis zum Auto ist es nicht mehr weit. In diesem Teil der Stadt, zu dieser Zeit. Bloß keine Furcht zeigen. Keine Aufmerksamkeit erregen. In meinem Aufzug erst recht nicht.
Ich rutsche aus. Mein Fuß knickt um. Im letzten Moment klammere ich mich an die Motorhaube. Mist verdammter.
Dann krame ich eilig in meiner Tasche.
Pingelig:
Wie viele Hände hat die Dame?
Während sich Elly an der Motorhaube festkrallt, kann sie m.E. nicht auch noch in ihrer Handtasche kramen.
Vorschlag:
Elly sollte ihre Beine sortieren und wieder aufstehen, dann hat sie ihre Hände frei, um ...



Wo ist nur der verdammte Schlüssel?
Zigarrenrauch ist das erste, was mich von den Kerlen erreicht. Nie kann ich meinen Schlüssel finden.
"Hey! Schätzchen! So einsam heute Abend?" Er nuschelt bedenklich.
Schweiß tritt mir in den Nacken. Ich bin auch zu dämlich. Ich hätte Tom mitnehmen sollen. Vor allem nach den letzten zwei Überfällen hier in der Gegend.
Höchst subjektiv:
Ich finde die 'zwei Überfälle' zu viel des Guten.
Eine menschenleere Straße, nachts, schlecht beleuchtet … würde m.E. schon genügen.



Wie kann man nur so ein Hornochse sein?
Der Rauch beißt mich in der Nase.
Ich grabe tiefer in meiner Tasche, meine Hände zittern.
Eine zweite Stimme. "Haste dein Schnuckiputzi inne Kneipe vergessen? Is' gefährlich mitten inne Nacht allein auffe Straße."
Schritte kommen näher. Ich wühle immer verzweifelter in den Untiefen meiner Tasche.
Das vorherrschende Gefühl deiner Protagonistin sollte in dieser Situation Angst, Panik o.ä. sein.
Eine heitere Note in deinem Text stört m.E. die Stimmung, die du gerade aufgebaut hast.
Deshalb würde ich hier auf die an sich sehr bildhaften 'Untiefen' verzichten.



Ich will weg hier, nur weg! Tom hat sich vorgestern erst lustig gemacht. Die 'endlosen Weiten' einer Damenhandtasche. Ich könnte heulen. Da! Der Schlüssel!
Ich versuche ihn ins Schloss zu stecken, aber es ist zu dunkel und meine Finger zittern wie Espenlaub.
Würde ich weglassen. Diese Metapher ist m.E. allzu häufig in Gebrauch.

Da packt er mich an der Schulter.
Ich meine:
Du hast für das Personalpronomen noch keine zugehörige Person.
Vorschlag:
Da packt mich einer (von ihnen) an der Schulter.



Das Glutende eines dicken Stumpen dicht an meinem Ohr. Er reißt mich herum.
Seine Faust trifft mich hart ins Gesicht.

Sternregen.
Au! - Hübsches Bild.



Die fünf Schläger verprügeln Elly mehr oder weniger wortlos. Das scheint mir ungewöhnlich. In den meisten Prügelszenen (die ich kenne) haben die Beteiligten ein großes Redebedürfnis:
Es werden Vorwürfe formuliert, Beleidigungen ausgetauscht, Klischees abgearbeitet etc. - In dieser Szene erfahre ich jedoch nicht mal einen 'Grund' für die Prügelattacke der fünf Schläger?



Er dachte, er hätte etwas gehört.
Vorschlag:
Tom dachte, ...

Hier wechselst du die Perspektive und erzählst personal aus Sicht von Tom.


Sicher nur eine Katze. Er öffnet trotzdem die Tür der "Violetten Blume" ein Stück und da sieht er Elly auf dem Boden liegen. Fünf Männer stehen im Halbkreis um sie herum. Blut quillt aus ihrem Mund. Einer ist direkt über ihr -Rastazöpfe, Stoppelbart, eine nietenbesetzte Lederjacke- er holt aus und tritt ihr mit voller Wucht zwischen die Beine.
Er reißt die Tür auf: "Verschwindet ihr blöden Wichser! …"
Hier wünschte ich mir von Tom, dass er seiner Freundin zu Hilfe eilt und nicht an der Tür stehen bleibt. Für mich wäre das einfach naheliegend.



Sie ergreifen die Flucht. Tom zieht das Handy aus seiner Tasche und ruft den Notarzt.

Ich habe Krebs. Ich kann es nicht fassen. Da arbeite ich schon in einem Krankenhaus und muss erst zusammengeschlagen werden, bevor sie das herausfinden. Am liebsten würde ich losheulen. Fortgeschrittenes Stadium. Tha! Metastasen können sie noch nicht ausschließen. Tha! Was für ein Weihnachten.
Was für ein Weihnachten?
Spannender fände ich die Antwort auf diese Frage.
Sch... Weihnachten … oder sonst etwas.



Wenigstens ist Tom bei mir. Er hat wohl bei meinen Eltern angerufen. Hoffentlich war er überzeugend. Mein Vater ist wirklich das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann. Wahrscheinlich würde er einen Herzinfarkt bekommen.
Hier muss ich mir ein wenig zusammenpuzzeln, wovon du gerade sprichst.

Tom hat (wohl) bei Ellys Vater angerufen, um das Weihnachtsessen abzusagen. Elly hofft, dass seine Ausrede überzeugend war?



Ich wünschte, Tom würde meine Hand halten. Aber er traut sich immer noch nicht.
In dem Augenblick öffnet sich die Tür des Krankenzimmers. Und da steht er. In voller Lebensgröße. Braune Tweedjacke, schlohweißes Haar, in der Bewegung erstarrt, als hätte jemand die Pausetaste gedrückt. Seine Hand klammert sich am Türgriff fest.
"Papa ...", meine Stimme klingt dünn und einsam in dem kalten Raum.
Wieso ist es kalt in dem Krankenzimmer? - Deine Geschichte spielt im Winter. Ich meine, das Krankenzimmer sollte geheizt sein.



So hatte ich mir diesen Moment sicher nicht vorgestellt.
'Diesen Moment'?
Geht es hier tatsächlich um den Moment, in dem Ellys Vater seine Tochter im Krankenhaus besucht? - Wohl kaum.



Die Stille scheint sich zu einer Ewigkeit aufzublähen.
"Was bist du nur für eine Abomination?"
Das Wort kenne ich nicht mal.
Aber es schlitzt mein Herz auf und lässt mich blutend zurück - diesmal von innen.
Tränen brennen in meinen Augenwinkeln. Da greift Tom meine Hand. "Sie ist perfekt. Genau so, wie sie ist."
Mein Innen wird zu warmem Eierpunsch.
Tolles Bild! - Mein Lieblingssatz.

Ich wüsste gerne, wo genau deine Prota sich befindet:
Liegt sie in einem Krankenbett (wahrscheinlich), sitzt sie auf einem Stuhl ...

Auch Toms Lage im Raum ist unklar.



Mein Vater wirft Tom einen Blick zu, mit dem Superman eine ganze Armee hätte rösten können.
"Was für ein abartiges Kabarett ist das? Kein Wunder, das du Krebs hast. Du bist selbst ein Geschwür, eine verkorkste Wucherung dieser …"
Die Aussagen des Vaters sind m.E. ein wenig nebulös.
Erkennbar für mich ist, dass dem Vater irgendetwas an seiner Tochter ganz entschieden nicht passt (und, dass er ein elender Kotzbrocken ist).



"Es reicht!", Tom stellt sich zwischen ihn und mich. Ich muss mich beugen, um das Gesicht meines Vaters nicht zu verlieren.
Tom donnert weiter: "Bei allen Engeln dieser Welt! Es ist doch völlig egal, wie sie aussieht oder wen sie liebt. Hauptsache sie liebt überhaupt! Hauptsache sie ist glücklich!"
Tom scheint zu wissen, wovon der 'Vater' spricht. Ich aber, weiß es leider nicht.
Was hat es mit Ellys Aussehen auf sich?
Wen liebt sie?
Wieso ist es egal, wen sie liebt?



Elly trägt bedächtig Lippenstift auf. Dann presst sie die Lippen aufeinander und sieht Tom vorwurfsvoll im Spiegel an.
Aus wessen Perspektive erzählst du hier? Personal aus Sicht von Elly? Das wäre dann die dritte Erzählperspektive. Ich meine, du solltest dich für eine entscheiden.



"Es ist eben Weihnachten. Und dieses Jahr kommt er bestimmt."
"Elly, du hast sein Gesicht gesehen, als er damals ins Krankenzimmer gekommen ist."
"Es war eben ein Schock für ihn. Ich hätte es ihm schon lange vorher sagen sollen.
Was hätte Elly ihrem Vater sagen sollen?


Du wärst auch erschrocken, wenn du mich zum ersten Mal so gesehen hättest.
So?


Hier wechselst du die Perspektive und erzählst aus Sicht von Tom.
Er hätte gar nichts gesagt, wenn es Elly nicht so aufregen würde. Sie tut zwar so, als wäre es nicht so, aber es bricht ihr jedes Jahr wieder das Herz, wenn ihr Vater die Einladung einfach ignoriert.
Wenigstens kommen ihre Mutter und ein gutes Dutzend Freunde.
Pingelig:
Elly hat also eine Mutter, die ihre Tochter zu Weihnachten besucht.
Wieso hat die Mutter ihre Tochter nicht im Krankenhaus besucht?
(Die Figur der 'Mutter' taucht m.E. sehr überraschend auf.)


Es wird eine große Weihnachtsfeier, wie jedes Jahr, seit er mit Elly zusammen gekommen ist. Sie liebt Weihnachten, erst recht, seit es auch noch ihr Jahrestag ist. Wenn es nach ihr ginge, dann wäre jeden Tag das Fest der Liebe, des Verständnisses und der Vergebung.
Er schiebt sie ein Stück von sich und sieht ihr fest in die Augen "Aber nur, wenn du versprichst, dass du nicht überrascht bist, wenn er doch nicht kommt."
Sie nickt. "So, und jetzt muss ich noch den Schampus aus dem Wagen holen", sagt sie.
"Ich komme mit."
"Das brauchst du nicht."
Und ob er das braucht. Seit damals hat er sich geschworen, er wird sie niemals wieder allein im Dunkeln auf die Straße lassen. Nicht solange die Chance besteht, dass einer dieser Wichser noch da draußen ist.




Fazit:

Ich finde, du hast einen sehr gepflegten Schreibstil.
Die Idee mit der problembeladenen Vater-Tochter-Beziehung finde ich gut.
Du zeichnest hübsche Bilder.

Einige wenige Passagen in deinem Text sind m.E. etwas nebulös.
Du lässt das große Problem zwischen Vater und Tochter im Dunkeln.
Die Indizien die du einstreust:

- Nur, dass ich selbst darin eine etwas andere Rolle spiele.
- er holt aus und tritt ihr mit voller Wucht zwischen die Beine.
- So hatte ich mir diesen Moment sicher nicht vorgestellt.
- ein abartiges Kabarett … ein Geschwür, eine verkorkste Wucherung ...
- Es ist doch völlig egal, wie sie aussieht oder wen sie liebt.
- Du wärst auch erschrocken, wenn du mich zum ersten Mal so gesehen hättest.
Hier kann ich nur mutmaßen, dass Ellys Interpretation ihrer Geschlechterrolle nicht den Erwartungen ihres Vaters entspricht?

Wieso diese Geheimniskrämerei?
Wieso nennst du das Kind nicht beim Namen?
Die Lektüre deiner Weihnachtsgeschichte zeigt mir deine große erzählerische Kraft. Ich meine, du hast es nicht nötig, ein Geheimnis durch deine Geschichte zu rollen, um spannend zu sein.
Es ist aber selbstverständlich deine Entscheidung, wie scharf oder unscharf du einzelne Aussagen formulierst. Für mich, der ich ein schlichtes Gemüt bin, wäre es aber einfacher, deiner Geschichte zu folgen, wenn du mir zumindest einmal unmissverständlich sagst, worum es in diesem Vater-Tochter-Konflikt geht.

Meine Anmerkungen betreffen im Großen und Ganzen Kleinkram.
Jacky, ich habe deine Weihnachtsgeschichte gern gelesen.

Frohe Weihnachten, dir und deinen Lieben!

LG Avunculus

Avunculus
 
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Re: Drei Mal Weihnachten [1/2] (Weihnachtswettbewerb 2014)

Beitragvon Jacky » 31.12.2014, 10:23

Hallo Avunculus,
vielen herzlichen Dank für deinen Kommentar und die Mühe, die du dir damit gegeben hast. Hier kommt endlich meine Antwort :)

Für die Zukunft möchtest du dir vielleicht mal die Zitierfunktion anschauen, die macht's dir vielleicht ein bisschen einfacher :)

Bevor ich auf deine Anmerkungen eingehe, habe ich noch eine Frage zum Verständnis: Hast du die ganze Geschichte gelesen, bevor du den Kommentar verfasst hast oder ist das wirklich nur zu diesem ersten Teil?
Bzw. hast du die Geschichte nach deinem Kommentar noch zu Ende gelesen? Denn wenn ja, würde mich interessieren, wie/ob sich dein Meinung /Fazit dazu geändert hat.

Nun aber Butter bei die Fische.

Avunculus hat geschrieben:Aufgefallen ist mir an deinem Text, dass du zumeist aus Sicht der Ich-Erzählerin Elly schreibst, gelegentlich jedoch personal aus Sicht von Tom.

Das ist richtig. Bzw. war das eine Frage?
Ich schreibe am Ende nämlich auch noch einmal aus der Sicht des Böser-Bube-Ich-Erzählers :) (allerdings erst im zweiten Teil der Geschichte)

Avunculus hat geschrieben:1996

"Weihnachten ist das Fest der Liebe. Da macht man sowas eben."
"Ach Elly! Das glaubst du doch nicht wirklich", sagt Tom.
"Natürlich glaube ich das! Und was wäre das für eine trostlose Welt, wenn es nicht so wäre."
Ich schlinge mir die den Schal um den Hals und trete in die eiskalte Nachtluft.
Hier könntest du vielleicht noch schreiben, dass Elly eine Haustür öffnet o.ä.
(Deine Zeichnung der Örtlichkeit ist sehr spartanisch.)

Das "die" ist offensichtlich falsch und noch ein Überbleibsel, weil sie vorher eine Federboa statt eines Schals trug, war aber ein bisschen "zu dick" :oops:

Allerdings halte ich mich mit Beschreibungen absichtlich zurück. Schließlich ist das eine Kurzgeschichte und sie ist sowieso schon zu lang (zumindest für den Weihnachtswettbewerb, zum Glück war ich außer Konkurrenz :P ). Außerdem traue ich meinem Leser zu, dass er sich denkt, dass man beim nach-draußen-gehen eine Tür öffnen muss. Obwohl mir beim nachlesen aufgefallen ist, dass gar nicht unbedingt klar ist, dass sie sich drinnen befindet ... andererseits muss man, wenn man "nach draußen tritt" vorher wohl drinnen gewesen sein, schließlich hast du den Schluss auch gezogen 8)

Avunculus hat geschrieben:Mein Atem malt Weihnachtsgeister in die Luft.
Hübsches Bild.

Danke :)

Avunculus hat geschrieben:So viele Dinge könnten anders sein - besser sein. Aber nichts davon lässt sich so einfach ändern. Heute Abend wische ich meinen Lippenstift ab und tausche mein Alltagskleid, gegen etwas Schlichtes in gedeckten Farben und ein Weihnachtsessen, wie es meinem Vater gefällt. Das eigentlich genau dasselbe ist, wie ein Weihnachtsessen, das mir gefällt. Nur, dass ich selbst darin eine etwas andere Rolle spiele.
'Eine etwas andere Rolle' ist ein wenig nebulös.

Gut. Das ist Absicht 8)

Avunculus hat geschrieben:Aber das ist egal. Denn an Weihnachten legt man seine Differenzen beiseite und alle Menschen rücken ein Stückchen näher zusammen.
Genau so, wie es sein soll.
Ganz gleich, was Tom dazu meint.
Ich klemme meine Handtasche fest unter den Arm und stakse mutig auf die vom Frost blank polierte Straße. Schwarz glitzert der Teer im Schein der Straßenlaternen. Mit den Stöckelschuhen ist der kurze Weg zum Auto ein kleines, halsbrecherisches Abenteuer.
Ich meine, die beiden Adjektive beißen sich.
(Falls ich jemals das Bedürfnis verspüren sollte, ein Abenteuer zu erleben, werde ich ein kleines Abenteuer suchen, um mir, wenn irgend möglich, nicht den Hals zu brechen.) :wink:
Vorschlag:
'… ist der kurze Weg zum Auto ein kleines Abenteuer.'

Auch das war Absicht. Denn den "Weg zum Auto" würde ich nie als ein wirkliches Abenteuer beschreiben, also muss es wohl "klein" sein. Halsbrecherisch ist es aber auf jeden Fall. Wenn du mir nicht glaubst empfehle ich dir eine Schlittschuhbahn und ein Paar Pumps (vorzugsweise in Pink mit Rüschen :P ), damit dur mir glaubst :D (Spaß bei Seite, die meisten hochhackigen Schuhe haben kein Profil, sondern eher ganz glatte Sohlen und diese sind gerne aus "Plastik" o.ä., da ist von "Halt finden" auf einer glatten Straße kaum zu sprechen ^^; )

Avunculus hat geschrieben:Ich hätte Toms Angebot annehmen sollen, dann hätte ich jetzt einen Arm zum Festhalten. Tom ... Ob er jemals den Mut findet, seine Gefühle auszusprechen?
In dem Augenblick höre ich sie schon. Ich drehe mich absichtlich nicht um. Besoffene Kerle sind niemals gut. Bis zum Auto ist es nicht mehr weit. In diesem Teil der Stadt, zu dieser Zeit. Bloß keine Furcht zeigen. Keine Aufmerksamkeit erregen. In meinem Aufzug erst recht nicht.
Ich rutsche aus. Mein Fuß knickt um. Im letzten Moment klammere ich mich an die Motorhaube. Mist verdammter.
Dann krame ich eilig in meiner Tasche.
Pingelig:
Wie viele Hände hat die Dame?
Während sich Elly an der Motorhaube festkrallt, kann sie m.E. nicht auch noch in ihrer Handtasche kramen.
Vorschlag:
Elly sollte ihre Beine sortieren und wieder aufstehen, dann hat sie ihre Hände frei, um ...

Auch hier hab ich lieber auf längliche Erklärungen verzichtet. Es ist nicht wirklich wichtig wo ihre Hände sind und man muss offensichtlich aufstehen, wenn man gerade halb auf der Nase gelegen hat. Außerdem befinden wir uns ja mitten in einer "Kampfszene", da habe ich versucht eher Geschwindigkeit reinzubringen. Ihre Gedanken sind ja jetzt auch nicht vollkommen konzentriert und sinnvoll ^^;

Avunculus hat geschrieben:Wo ist nur der verdammte Schlüssel?
Zigarrenrauch ist das erste, was mich von den Kerlen erreicht. Nie kann ich meinen Schlüssel finden.
"Hey! Schätzchen! So einsam heute Abend?" Er nuschelt bedenklich.
Schweiß tritt mir in den Nacken. Ich bin auch zu dämlich. Ich hätte Tom mitnehmen sollen. Vor allem nach den letzten zwei Überfällen hier in der Gegend.
Höchst subjektiv:
Ich finde die 'zwei Überfälle' zu viel des Guten.
Eine menschenleere Straße, nachts, schlecht beleuchtet … würde m.E. schon genügen.

Hmmmm .. da ließe sich drüber nachdenken. Allerdings gibt das schon Aufschluss über die Art der Gegend in der sie sich aufhält. Es gibt Nachbarschaften, da kannst du eigentlich fast rund um die Uhr und völlig allein durch die Gegend laufen, ohne, dass irgendwer im Traum daran denken würde dich zu behelligen.

Avunculus hat geschrieben:Wie kann man nur so ein Hornochse sein?
Der Rauch beißt mich in der Nase.
Ich grabe tiefer in meiner Tasche, meine Hände zittern.
Eine zweite Stimme. "Haste dein Schnuckiputzi inne Kneipe vergessen? Is' gefährlich mitten inne Nacht allein auffe Straße."
Schritte kommen näher. Ich wühle immer verzweifelter in den Untiefen meiner Tasche.
Das vorherrschende Gefühl deiner Protagonistin sollte in dieser Situation Angst, Panik o.ä. sein.
Eine heitere Note in deinem Text stört m.E. die Stimmung, die du gerade aufgebaut hast.
Deshalb würde ich hier auf die an sich sehr bildhaften 'Untiefen' verzichten.

Findest du das Wort "Untiefen" an sich als "heiter"? :shock: Oder ist es eher der Zusammenhang? Und wenn es das Wort selber ist, was ist dann mit "Schnuckiputzi"? Ist das nicht noch schlimmer?

Avunculus hat geschrieben:Ich will weg hier, nur weg! Tom hat sich vorgestern erst lustig gemacht. Die 'endlosen Weiten' einer Damenhandtasche. Ich könnte heulen. Da! Der Schlüssel!
Ich versuche ihn ins Schloss zu stecken, aber es ist zu dunkel und meine Finger zittern wie Espenlaub.
Würde ich weglassen. Diese Metapher ist m.E. allzu häufig in Gebrauch.

Hmmm ... auch das war eigentlich Absicht. Damit wollte ich Ellis Charakter beschreiben. Ich meine, ich
denke nie, dass ich "wie Espenlaub zittere", aber Elly ist eben ein bisschen "gestelzt" (wertfrei sie wär nämlich sauer, wenn ich ihr das ins Gesicht sage ^^; )

Avunculus hat geschrieben:Da packt er mich an der Schulter.
Ich meine:
Du hast für das Personalpronomen noch keine zugehörige Person.
Vorschlag:
Da packt mich einer (von ihnen) an der Schulter.

Auch hier hab ich meinem Leser zugetraut, dass er sich denken kann, wer gemeint ist, denn außer Elly und den Männern ist ja im Augenblick niemand in der Szene.

Avunculus hat geschrieben:Das Glutende eines dicken Stumpen dicht an meinem Ohr. Er reißt mich herum.
Seine Faust trifft mich hart ins Gesicht.

Sternregen.
Au! - Hübsches Bild.

Echt? Danke ^^; Aber ich war mir nicht ganz sicher, ob das Bild in der Situation nicht ein bisschen "overkill" ist, obwohl es natürlich wieder zu Elly passen würde (siehe Espenlaub).

Avunculus hat geschrieben:Die fünf Schläger verprügeln Elly mehr oder weniger wortlos. Das scheint mir ungewöhnlich. In den meisten Prügelszenen (die ich kenne) haben die Beteiligten ein großes Redebedürfnis:
Es werden Vorwürfe formuliert, Beleidigungen ausgetauscht, Klischees abgearbeitet etc. - In dieser Szene erfahre ich jedoch nicht mal einen 'Grund' für die Prügelattacke der fünf Schläger?

Hmmmm ... das mit den Schimpfwörtern ist ein guter Punkt. Allerdings zeige ich ja nur ein ganz kurzes Stück vom Anfang der Prügelszene, was, wie ich hoffe rechtfertigt, dass man nichts von den (wie auch immer gearteten) Details mitbekommt - ich beschreib ja auch keine Trittfolgen, Personen etc.
Der zweite und vielleicht wichtigere Grund ist, weil ich mir meine "unerwartete Wendung" noch ein bisschen aufsparen möchte ^^;

Avunculus hat geschrieben:Er dachte, er hätte etwas gehört.
Vorschlag:
Tom dachte, ...

Hier wechselst du die Perspektive und erzählst personal aus Sicht von Tom.


Über das "Tom" am Anfang des Satzes habe ich lange nachgedacht. Ich hab mich am Ende dagegen entschieden, weil ich sonst eine Wortdopplung ziemlich dicht hintereinander in einer sehr kurzen Szene habe und das "Tom" in dem Handysatz wesentlich wichtiger finde. Aber ich würde mich unter Umständen dazu überreden lassen, das Tom am Anfang hinzuschreiben, wenn sich rausstellt, dass diese Wortdopplung nur mich persönlich stört ^^;

Avunculus hat geschrieben:Sicher nur eine Katze. Er öffnet trotzdem die Tür der "Violetten Blume" ein Stück und da sieht er Elly auf dem Boden liegen. Fünf Männer stehen im Halbkreis um sie herum. Blut quillt aus ihrem Mund. Einer ist direkt über ihr -Rastazöpfe, Stoppelbart, eine nietenbesetzte Lederjacke- er holt aus und tritt ihr mit voller Wucht zwischen die Beine.
Er reißt die Tür auf: "Verschwindet ihr blöden Wichser! …"
Hier wünschte ich mir von Tom, dass er seiner Freundin zu Hilfe eilt und nicht an der Tür stehen bleibt. Für mich wäre das einfach naheliegend.


Natürlich eilt er ihr zu Hilfe. Aber die Stimme ist normalerweise schneller vor Ort, als die eigenen Körperteile, deshalb brüllt er, bevor er losrennt. Dass er losrennt fand ich so offensichtlich, dass ich es wieder dem Leser überlassen habe, sich das zu denken - was du ja auch tust ^^;

Avunculus hat geschrieben:Sie ergreifen die Flucht. Tom zieht das Handy aus seiner Tasche und ruft den Notarzt.

Ich habe Krebs. Ich kann es nicht fassen. Da arbeite ich schon in einem Krankenhaus und muss erst zusammengeschlagen werden, bevor sie das herausfinden. Am liebsten würde ich losheulen. Fortgeschrittenes Stadium. Tha! Metastasen können sie noch nicht ausschließen. Tha! Was für ein Weihnachten.
Was für ein Weihnachten?
Spannender fände ich die Antwort auf diese Frage.
Sch... Weihnachten … oder sonst etwas.

Das ist aber Elly. Die liebt Weihnachten so sehr, dass sie so ein Schimpfwort sicher nicht im selben Satz benutzen würde :oops: also beschränkt sie sich eben darauf festzustellen, was das für ein Weihnachten ist :xmasgrin:

Avunculus hat geschrieben:Wenigstens ist Tom bei mir. Er hat wohl bei meinen Eltern angerufen. Hoffentlich war er überzeugend. Mein Vater ist wirklich das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann. Wahrscheinlich würde er einen Herzinfarkt bekommen.
Hier muss ich mir ein wenig zusammenpuzzeln, wovon du gerade sprichst.

Tom hat (wohl) bei Ellys Vater angerufen, um das Weihnachtsessen abzusagen. Elly hofft, dass seine Ausrede überzeugend war?

Jipp, genau so :D

Avunculus hat geschrieben:Ich wünschte, Tom würde meine Hand halten. Aber er traut sich immer noch nicht.
In dem Augenblick öffnet sich die Tür des Krankenzimmers. Und da steht er. In voller Lebensgröße. Braune Tweedjacke, schlohweißes Haar, in der Bewegung erstarrt, als hätte jemand die Pausetaste gedrückt. Seine Hand klammert sich am Türgriff fest.
"Papa ...", meine Stimme klingt dünn und einsam in dem kalten Raum.
Wieso ist es kalt in dem Krankenzimmer? - Deine Geschichte spielt im Winter. Ich meine, das Krankenzimmer sollte geheizt sein.

Das ist ein guter Punkt. Allerdings, wenn ich so darüber nachdenke, gibt es wohl auch in Krankenhäusern Heizungen die gelegentlich ausfallen oder falsch eingestellt sind. Dazu kommt, dass das rein psychologisch sein kann, sich für sie also nur so anfühlt. Vielleicht beschreibt sie auch mehr die Stimmung, als die eigentliche Raumtemperatur. Stört dieser Punkt extrem?

Avunculus hat geschrieben:So hatte ich mir diesen Moment sicher nicht vorgestellt.
'Diesen Moment'?
Geht es hier tatsächlich um den Moment, in dem Ellys Vater seine Tochter im Krankenhaus besucht? - Wohl kaum.

Gut beobachtet 8)
Ich hab mir gewünscht, dass sich der Leser das hier fragt :)

Avunculus hat geschrieben:Die Stille scheint sich zu einer Ewigkeit aufzublähen.
"Was bist du nur für eine Abomination?"
Das Wort kenne ich nicht mal.
Aber es schlitzt mein Herz auf und lässt mich blutend zurück - diesmal von innen.
Tränen brennen in meinen Augenwinkeln. Da greift Tom meine Hand. "Sie ist perfekt. Genau so, wie sie ist."
Mein Innen wird zu warmem Eierpunsch.
Tolles Bild! - Mein Lieblingssatz.

Ich wüsste gerne, wo genau deine Prota sich befindet:
Liegt sie in einem Krankenbett (wahrscheinlich), sitzt sie auf einem Stuhl ...

Auch Toms Lage im Raum ist unklar.


Danke für die Blumen :)
Und die Position der Figuren im Raum ist eigentlich völlig unerheblich. In meiner Vorstellung lag sie im Bett (schließlich wurde sie übelst zusammengeschlagen), aber die Szene funktioniert genauso gut auf einem Stuhl 8)

Avunculus hat geschrieben:Mein Vater wirft Tom einen Blick zu, mit dem Superman eine ganze Armee hätte rösten können.
"Was für ein abartiges Kabarett ist das? Kein Wunder, das du Krebs hast. Du bist selbst ein Geschwür, eine verkorkste Wucherung dieser …"
Die Aussagen des Vaters sind m.E. ein wenig nebulös.
Erkennbar für mich ist, dass dem Vater irgendetwas an seiner Tochter ganz entschieden nicht passt (und, dass er ein elender Kotzbrocken ist).

Deine Charakterisierung trifft es ziemlich gut 8)
Und dass noch nicht ganz klar ist, was ihn stört war auch Absicht, wie bereits erwähnt habe ich gehofft die überraschende Wende für's Ende aufzusparen.

Avunculus hat geschrieben:"Es reicht!", Tom stellt sich zwischen ihn und mich. Ich muss mich beugen, um das Gesicht meines Vaters nicht zu verlieren.
Tom donnert weiter: "Bei allen Engeln dieser Welt! Es ist doch völlig egal, wie sie aussieht oder wen sie liebt. Hauptsache sie liebt überhaupt! Hauptsache sie ist glücklich!"
Tom scheint zu wissen, wovon der 'Vater' spricht. Ich aber, weiß es leider nicht.
Was hat es mit Ellys Aussehen auf sich?
Wen liebt sie?
Wieso ist es egal, wen sie liebt?

Genau die richtigen Fragen an genau der richtigen Stelle :D


Avunculus hat geschrieben:Elly trägt bedächtig Lippenstift auf. Dann presst sie die Lippen aufeinander und sieht Tom vorwurfsvoll im Spiegel an.
Aus wessen Perspektive erzählst du hier? Personal aus Sicht von Elly? Das wäre dann die dritte Erzählperspektive. Ich meine, du solltest dich für eine entscheiden.

Das ist personal aus Sicht von Tom. Dadurch, dass ich bei Elly "ich" verwendet habe, hatte ich gehofft, dass das klar wird. Weiter unten [*] erkennst du diese Perspektive auch. Deshalb würde mich sehr interessieren, was dich hier am Anfang genau verwirrt hat. Bzw. was ich tun könnte, damit du die Perspektive schneller erkennst?

Avunculus hat geschrieben:"Es ist eben Weihnachten. Und dieses Jahr kommt er bestimmt."
"Elly, du hast sein Gesicht gesehen, als er damals ins Krankenzimmer gekommen ist."
"Es war eben ein Schock für ihn. Ich hätte es ihm schon lange vorher sagen sollen.
Was hätte Elly ihrem Vater sagen sollen?


Du wärst auch erschrocken, wenn du mich zum ersten Mal so gesehen hättest.
So?

Wieder genau die richtigen Fragen :D

Avunculus hat geschrieben:[*]Hier wechselst du die Perspektive und erzählst aus Sicht von Tom.

Wieso merkst du hier, dass es sich um Toms Perspektive handelt? (ich frag nur, damit ich das weiter oben einbauen kann, um es früher deutlich zu machen 8)

Avunculus hat geschrieben:Er hätte gar nichts gesagt, wenn es Elly nicht so aufregen würde. Sie tut zwar so, als wäre es nicht so, aber es bricht ihr jedes Jahr wieder das Herz, wenn ihr Vater die Einladung einfach ignoriert.
Wenigstens kommen ihre Mutter und ein gutes Dutzend Freunde.
Pingelig:
Elly hat also eine Mutter, die ihre Tochter zu Weihnachten besucht.
Wieso hat die Mutter ihre Tochter nicht im Krankenhaus besucht?
(Die Figur der 'Mutter' taucht m.E. sehr überraschend auf.)

Nun, sie hat sie im Krankenhaus besucht, genau wie noch etwa zwei Dutzend von Ellys Freunden sie besucht haben. Da war der Leser nur nicht bei, weil das nicht Thema der Geschichte war :P
Wenn du darauf anspielst, warum sie nicht gleichzeitig mit dem Vater ankam, hast du mich erwischt, da hab ich nicht drüber nachgedacht. Aber ich finde es würde der Szene an Gewicht nehmen, wenn ich auch noch eine Mutter daneben stehen hätte, die nichts zum Konflikt oder zur Geschichte beizutragen hat. Deshalb ist sie zu dem Zeitpunkt einfach auf Toilette (müssen ältere Damen nicht immer sofort auf Toilette, wenn sie irgendwo ankommen? :P ) oder sie ist zu Hause geblieben, weil der Weihnachtsvogel schon im Ofen war und Aufmerksamkeit brauchte ... warum dann der Vater gefahren ist und nicht umgekehrt er aufgepasst hat ... nun, so genau kenne ich die Beziehung zwischen den beiden Eheleuten nicht, aber da lässt sich sicher ein plausiebler Grund finden ^^; der aber nicht Teil der Geschichte ist -- genauso wenig, wie die endgültige Trennung der beiden Eltern, kurz nach diesem Krankenhausbesuch).

Avunculus hat geschrieben:Fazit:

Ich finde, du hast einen sehr gepflegten Schreibstil.
Die Idee mit der problembeladenen Vater-Tochter-Beziehung finde ich gut.
Du zeichnest hübsche Bilder.

Vielen Dank für die :flowers:

Avunculus hat geschrieben:Einige wenige Passagen in deinem Text sind m.E. etwas nebulös.
Du lässt das große Problem zwischen Vater und Tochter im Dunkeln.
Die Indizien die du einstreust:
- Nur, dass ich selbst darin eine etwas andere Rolle spiele.
- er holt aus und tritt ihr mit voller Wucht zwischen die Beine.
- So hatte ich mir diesen Moment sicher nicht vorgestellt.
- ein abartiges Kabarett … ein Geschwür, eine verkorkste Wucherung ...
- Es ist doch völlig egal, wie sie aussieht oder wen sie liebt.
- Du wärst auch erschrocken, wenn du mich zum ersten Mal so gesehen hättest.
[color=#0080BF]Hier kann ich nur mutmaßen, dass Ellys Interpretation ihrer Geschlechterrolle nicht den Erwartungen ihres Vaters entspricht?

Ich finde es super, dass du die wichtigen Hinweise gefunden hast und mir gefällt deine Vermutung, ob sie richtig ist, liest du im zweiten Teil :P

Avunculus hat geschrieben:Wieso diese Geheimniskrämerei?
Wieso nennst du das Kind nicht beim Namen?

Ich wollte gerne eine "überraschende Wende am Ende" (siehe oben), das war der einzige Grund. Ich mag überraschende Wenden.
Avunculus hat geschrieben:Die Lektüre deiner Weihnachtsgeschichte zeigt mir deine große erzählerische Kraft. Ich meine, du hast es nicht nötig, ein Geheimnis durch deine Geschichte zu rollen, um spannend zu sein.
Es ist aber selbstverständlich deine Entscheidung, wie scharf oder unscharf du einzelne Aussagen formulierst. Für mich, der ich ein schlichtes Gemüt bin, wäre es aber einfacher, deiner Geschichte zu folgen, wenn du mir zumindest einmal unmissverständlich sagst, worum es in diesem Vater-Tochter-Konflikt geht.

Nun, ich halte meine Leser für intelligent genug das Geheimnis zu lüften (wahrscheinlich sogar schon bevor ich es eigentlich lüften möchte :P ). Du bist offensichtlich auch auf einem guten Weg (trotz selbst zugeschriebenem "schlichten Gemüt"). Denkst du wirklich, dass die Geschichte nichts verlieren würde, wenn ich gleich von Anfang an Klartext reden würde?
Ich habe das Gefühl, dadurch würde sie ziemlich langweilig und offensichtlich.

Avunculus hat geschrieben:Meine Anmerkungen betreffen im Großen und Ganzen Kleinkram.
Jacky, ich habe deine Weihnachtsgeschichte gern gelesen.

Frohe Weihnachten, dir und deinen Lieben!
LG Avunculus

Danke für deine Anmerkungen, sie haben mir in vielen Punkten geholfen zu sehen, dass ich scheinbar auf dem richtigen Weg bin ^^;
Es freut mich sehr, dass sie dir gefallen und dich hoffentlich auch ein bisschen weihnachtlich gemacht hat.
Ich hoffe ihr hattet ein schönes Fest, wünsche einen guten Rutsch und noch einmal vielen herzlichen Dank für deinen Kommentar
Jacky ;)
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Re: Drei Mal Weihnachten [1/2] (Weihnachtswettbewerb 2014)

Beitragvon Avunculus » 04.01.2015, 17:08

Hallo Jacky,

vielen Dank für deine freundliche Antwort. Ich muss feststellen, es gibt keinen einzigen Punkt, an dem wir uns einig sind. - Ideale Voraussetzungen also, für einen lebhaften Dialog ...


Bevor ich auf deine Anmerkungen eingehe, habe ich noch eine Frage zum Verständnis: Hast du die ganze Geschichte gelesen, bevor du den Kommentar verfasst hast oder ist das wirklich nur zu diesem ersten Teil?
Bzw. hast du die Geschichte nach deinem Kommentar noch zu Ende gelesen? Denn wenn ja, würde mich interessieren, wie/ob sich dein Meinung /Fazit dazu geändert hat.

Gelesen habe ich schon deine ganze Geschichte. Mein Kommentar aber, bezieht sich auf den ersten Teil. Und ja. Schlussendlich ist schon relativ klar was dem Vater nicht gepasst hat: Aus Leon ist Eleonore geworden.

Noch ein Wort zu meinem Fazit.
Bei Lichte betrachtet ist mein Fazit keine Kritik an deinem wirklich guten Text, sondern schlicht ein Plädoyer für eine Geschichte ohne Geheimniskrämerei. Aber selbstverständlich ist es deine Entscheidung wie du deine Geschichte schreibst. Du kannst meine Einlassungen hierzu also ganz entspannt ignorieren. :wink:
An dieser Stelle deshalb auch ein herzliches Dankeschön für deine freundlichen und geduldigen Antworten gerade zu diesem Teil meines Kommentars. :flowers:

Beim Fazit zum gesamten Text würde ich heute das komplette Plädoyer streichen. Dann blieben ein sehr schöner Schreibstil, eine nicht alltägliche und spannende Story sowie eine Mehrzahl hübscher Bilder übrig.
Überrascht haben mich deine Erzählperspektiven. Dass es möglich ist, vom Ich-Erzähler zum personalen Erzähler zu wechseln, habe ich schlicht nicht gewusst. :?



Allerdings halte ich mich mit Beschreibungen absichtlich zurück. Schließlich ist das eine Kurzgeschichte und sie ist sowieso schon zu lang (zumindest für den Weihnachtswettbewerb, zum Glück war ich außer Konkurrenz ). Außerdem traue ich meinem Leser zu, dass er sich denkt, dass man beim nach-draußen-gehen eine Tür öffnen muss. Obwohl mir beim nachlesen aufgefallen ist, dass gar nicht unbedingt klar ist, dass sie sich drinnen befindet ... andererseits muss man, wenn man "nach draußen tritt" vorher wohl drinnen gewesen sein, schließlich hast du den Schluss auch gezogen

Tja, die Beschreibung der Örtlichkeiten.
Du beginnst diese Szene mit einem Dialog zwischen Tom und Elly. Die Örtlichkeit wird nicht gezeichnet. Okay. Nun bindet sich einer der Dialogpartner einen Schal um den Hals und tritt in die kalte Nachtluft. Genau an diesem Punkt empfinde ich die Beschreibung der Örtlichkeit als 'mangelhaft'. Bei deiner Schilderung entsteht bei mir kein Bild. Elly tritt aus einem optischen Vakuum in kalte Nachtluft ...
Das Ganze ist aber sicher eine Frage des Geschmacks.



Auch das war Absicht. Denn den "Weg zum Auto" würde ich nie als ein wirkliches Abenteuer beschreiben, also muss es wohl "klein" sein. Halsbrecherisch ist es aber auf jeden Fall. Wenn du mir nicht glaubst empfehle ich dir eine Schlittschuhbahn und ein Paar Pumps (vorzugsweise in Pink mit Rüschen ), damit dur mir glaubst

:shock: Pumps? In Pink? Ich? - :? Also gut. Ich glaube dir. :XD:


Findest du das Wort "Untiefen" an sich als "heiter"? Oder ist es eher der Zusammenhang? Und wenn es das Wort selber ist, was ist dann mit "Schnuckiputzi"? Ist das nicht noch schlimmer?

Das Wort 'Untiefen' an sich entlockt mir keine Emotionen.
Das Bild von den Untiefen einer Frauenhandtasche empfinde ich als heiter. Da du hier aus Perspektive von Elly schreibst, unterstelle ich ihr die entsprechende Stimmung.

'Schnuckiputzi' wird von einer unbekannten Person gesprochen und zeichnet deshalb m.E. nicht die Angst bzw. Stimmung von Elly (ist also kein bisschen schlimm).




Die fünf Schläger verprügeln Elly mehr oder weniger wortlos.
Der zweite und vielleicht wichtigere Grund ist, weil ich mir meine "unerwartete Wendung" noch ein bisschen aufsparen möchte ^^;

Deine 'unerwartete Wendung' will ich dir natürlich nicht verhageln. :wink:

Nur so 'ne Idee:
Du könntest einen Moment früher auf Tom schwenken. Der hört etwas, schaut aus einem Fenster. Doch das Fenster ist beschlagen. Aber es scheint so, als ob da jemand verprügelt wird. Tom wischt das Fenster mit der Hand frei. Verdammt, das ist doch Elly …
So hättest du für einen Augenblick ein Bild, aber keinen Ton und die Szene würde m.E. stimmiger.
Wie gesagt, nur eine Idee.



Über das "Tom" am Anfang des Satzes habe ich lange nachgedacht. Ich hab mich am Ende dagegen entschieden, weil ich sonst eine Wortdopplung ziemlich dicht hintereinander in einer sehr kurzen Szene habe und das "Tom" in dem Handysatz wesentlich wichtiger finde. Aber ich würde mich unter Umständen dazu überreden lassen, das Tom am Anfang hinzuschreiben, wenn sich rausstellt, dass diese Wortdopplung nur mich persönlich stört ^^;

Also ich fände diese Wortdopplung völlig in Ordnung.




Hier wünschte ich mir von Tom, dass er seiner Freundin zu Hilfe eilt und nicht an der Tür stehen bleibt. Für mich wäre das einfach naheliegend.
Natürlich eilt er ihr zu Hilfe. Aber die Stimme ist normalerweise schneller vor Ort, als die eigenen Körperteile, deshalb brüllt er, bevor er losrennt. Dass er losrennt fand ich so offensichtlich, dass ich es wieder dem Leser überlassen habe, sich das zu denken - was du ja auch tust ^^;

Puh! Du findest es 'offensichtlich', dass Tom losrennt. Es ist also naheliegend, ja selbstverständlich. Das einzig Logische und Richtige. Und weil dieser Handlungsschritt so klar und zwingend ist – schreibst du ihn nicht nieder, sondern überlässt es dem geneigten Leser, sich ihn zu denken?
Komisch. Wieso muss ich gerade jetzt an Diskussionen mit meiner Schwester denken? :roll:

Vielleicht ist auch das schlussendlich eine Frage des Geschmacks.



Wieso ist es kalt in dem Krankenzimmer? - Deine Geschichte spielt im Winter. Ich meine, das Krankenzimmer sollte geheizt sein.
Das ist ein guter Punkt. Allerdings, wenn ich so darüber nachdenke, gibt es wohl auch in Krankenhäusern Heizungen die gelegentlich ausfallen oder falsch eingestellt sind. Dazu kommt, dass das rein psychologisch sein kann, sich für sie also nur so anfühlt. Vielleicht beschreibt sie auch mehr die Stimmung, als die eigentliche Raumtemperatur. Stört dieser Punkt extrem?

Aber nein. Der ist marginal.
Du könntest allerdings, wenn Ellys Kältegefühl eher psychisch zu verstehen ist, den Satz entsprechend ändern. Zum Beispiel:
„Papa ...“, meine Stimme klingt dünn und einsam in dem kahlen Raum; mich fröstelt ...




Elly trägt bedächtig Lippenstift auf. Dann presst sie die Lippen aufeinander und sieht Tom vorwurfsvoll im Spiegel an.
Aus wessen Perspektive erzählst du hier? Personal aus Sicht von Elly? Das wäre dann die dritte Erzählperspektive. Ich meine, du solltest dich für eine entscheiden.

Das ist personal aus Sicht von Tom. Dadurch, dass ich bei Elly "ich" verwendet habe, hatte ich gehofft, dass das klar wird. Weiter unten [*] erkennst du diese Perspektive auch. Deshalb würde mich sehr interessieren, was dich hier am Anfang genau verwirrt hat. Bzw. was ich tun könnte, damit du die Perspektive schneller erkennst?

Jacky, es geht nur um diesen einen Satz.
Wenn du schreibst 'Elly blickt Tom vorwurfsvoll an', dann kann das entweder Toms Interpretation von Ellys Blick sein (Personal aus Sicht von Tom) oder aber Ellys Blick und ihre dazugehörigen Emotionen (Personal aus Sicht von Elly). Für mich wäre die Perspektive (Personal aus Sicht von Tom) klar, wenn Tom darauf verzichtest in Ellys Kopf zu schauen und stattdessen ihr Gesicht betrachtet.
Nur als Beispiel:
Elly trägt bedächtig Lippenstift auf. Dann presst sie die Lippen aufeinander und schaut Tom mit großen Augen an.



Wieso merkst du hier, dass es sich um Toms Perspektive handelt? (ich frag nur, damit ich das weiter oben einbauen kann, um es früher deutlich zu machen

Ich schildere dir meine Gedanken zur Perspektive chronologisch:

Vor dem Text unten hast du aus Perspektive der Ich-Erzählerin Elly geschrieben.
Beim Lesen bin ich deshalb erst einmal davon ausgegangen, dass du auch hier aus dieser Perspektive schreibst.

1999

"Ich weiß gar nicht, warum du ihn jedes Jahr wieder einlädst. Er hat seit damals kein Wort mehr mit dir gesprochen."
Damals, so heißt Weihnachten. Das Weihnachten, vor drei Jahren, an dem sich alles geändert hat.
Elly trägt bedächtig Lippenstift auf.

Ab diesem Satz ist klar: Du erzählst nun nicht mehr aus der Perspektive der Ich-Erzählerin Elly.
Du erzählst personal aus Sicht von …
Dann presst sie die Lippen aufeinander und sieht Tom vorwurfsvoll im Spiegel an.

Hier bin ich dann gestolpert und hatte den Eindruck, du erzählst personal aus Sicht von Elly.

"Es ist eben Weihnachten. Und dieses Jahr kommt er bestimmt."
"Elly, du hast sein Gesicht gesehen, als er damals ins Krankenzimmer gekommen ist."
"Es war eben ein Schock für ihn. Ich hätte es ihm schon lange vorher sagen sollen. Du wärst auch erschrocken, wenn du mich zum ersten Mal so gesehen hättest. Überhaupt! Er ist immer noch mein Vater und es ist Weihnachten. Und es ist meine Party. Und ich kann einladen, wen ich will."
Tom seufzt, zieht sie vom Stuhl hoch und nimmt sie fest in die Arme

Das könnte m.E. auch personal aus Sicht von Elly geschrieben sein.

"Natürlich darfst du das."
Er hätte gar nichts gesagt, wenn es Elly nicht so aufregen würde.

Das hier sind eindeutig Toms Gedanken.
Jetzt weiß ich: Du erzählst personal aus Sicht von Tom ...



Die Figur der 'Mutter' taucht m.E. sehr überraschend auf.
Wenn du darauf anspielst, warum sie nicht gleichzeitig mit dem Vater ankam, hast du mich erwischt, da hab ich nicht drüber nachgedacht. Aber ich finde es würde der Szene an Gewicht nehmen, wenn ich auch noch eine Mutter daneben stehen hätte, die nichts zum Konflikt oder zur Geschichte beizutragen hat. Deshalb ist sie zu dem Zeitpunkt einfach auf Toilette (müssen ältere Damen nicht immer sofort auf Toilette, wenn sie irgendwo ankommen? )


Mein Wunsch wäre es, dass du die Figur der Mutter vorab etablierst. Sehen muss ich sie zu diesem Zweck nicht. Die Idee mit der Toilette finde ich pfiffig.
Nur als Beispiel:
'Wenigstens ist Tom bei mir. Er hat wohl bei meinen Eltern angerufen. Hoffentlich war er überzeugend. Mein Vater ist wirklich das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann. Wahrscheinlich würde er einen Herzinfarkt bekommen.' - Ob Mutter mitkommt? Vielleicht hat es Vater erlaubt. Aber selbst wenn … Sie wird, wie immer, auf der Toilette verschwinden …

Ich meine, wenn du die Figur der Mutter etablierst, bevor du sie brauchst, erscheint sie dann, wenn du sie brauchst, nicht so bedarfsgerecht, wie aus dem Hut gezaubert.



Wieso diese Geheimniskrämerei?
Wieso nennst du das Kind nicht beim Namen?

Ich wollte gerne eine "überraschende Wende am Ende" (siehe oben), das war der einzige Grund. Ich mag überraschende Wenden.

Und das ist ja auch absolut in Ordnung so. Ich bin mit meinem Plädoyer (siehe oben) wohl ein bisschen übers Ziel geschossen. Sorry!


Denkst du wirklich, dass die Geschichte nichts verlieren würde, wenn ich gleich von Anfang an Klartext reden würde?
Ich habe das Gefühl, dadurch würde sie ziemlich langweilig und offensichtlich.


Es ist natürlich so, dass beide Strategien ihre Daseinsberechtigung haben. Ein Geheimnis nach und nach zu entschlüsseln, hat für mich als Leser ja auch einen Reiz. Ein wenig knobeln und mutmaßen, ein paar Arbeitshypothesen aufstellen und wieder verwerfen, kann eine charmante Beschäftigung sein. Und am Schluss die Erkenntnis, da hab ich ja mal wieder voll – daneben gelegen oder eben ins Schwarze getroffen. Als der Blues begann (Janice Deaner) ist ein Beispiel für diese Strategie.
Möglich ist es aber auch, gleich am Anfang Klartext zu reden: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ (Franz Kafka, Die Verwandlung) Trotzdem ist das Buch nicht langweilig, sondern spannend, wie ich meine.
Also:
Ich bin mir sicher, du könntest diese Geschichte Klartext und spannend erzählen.
Allerdings hast du ja bereits diese Weihnachtsgeschichte geschrieben, die, genau so wie sie geschrieben steht, eine sehr schöne Weihnachtsgeschichte ist. :flowers:

LG Avunculus



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Zum Schluss möchte ich noch etwas los werden, was nicht zum Thema gehört, mir aber am Herzen liegt.

Jacky, ich möchte schlicht Danke sagen. :flowers:

Dafür, dass du die tolle Idee hattest, dieses Forum zu gründen.
Dafür, dass du so viel Zeit und Energie aufwendest, es am Laufen zu halten.
Dafür, dass du daran festhältst, trotz Rückschlägen, Stress, Ärgernissen …

Mein Dank gilt auch Administratoren, Moderatoren und vielen, vielen unsichtbaren Helfern! :flowers:

Vielen herzlichen Dank!
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Re: Drei Mal Weihnachten [1/2] (Weihnachtswettbewerb 2014)

Beitragvon Quixotiz » 14.02.2015, 18:47

Hallo Jacky,

eigentlich kommentiere ich Texte, bei denen man mit der Lupe nach Kritikpunkten suchen muss, eher ungern (das ist so mühsam :lol:) aber da es mich irritiert, dass ausgerechnet dein Text so wenig Feedback bekommen hat und ich meine Lupe zufälligerweise gerade heute frisch geputzt habe, stürze ich mich einfach mal ins Abenteuer.

Wichtig! Ich habe zwar viel Kritik im Gepäck, aber das hat mehr mit mir als mit deinem Text zu tun. Ich packe grundsätzlich mehr als nötig in den Koffer ;)

Los geht’s!

Du beginnst so:
"Weihnachten ist das Fest der Liebe. Da macht man sowas eben."
"Ach Elly! Das glaubst du doch nicht wirklich", sagt Tom.


Es ist das „sagt Tom“, das mich irritiert. Ich würde es entweder durch eine Handlung von Tom ersetzen oder aber Toms Namen in Ellys Satz auftauchen lassen und den Zusatz einfach streichen.

"Natürlich glaube ich das! Und was wäre das für eine trostlose Welt, wenn es nicht so wäre."
Ich schlinge mir die den Schal um den Hals und trete in die eiskalte Nachtluft. Mein Atem malt Weihnachtsgeister in die Luft.


Es bestünde die Möglichkeit ein „hinaus“ einzufügen (und trete hinaus in die eiskalte Nachtluft), das würde dem Satz eine leichtere Melodie geben, aber das ist Geschmackssache.

So viele Dinge könnten anders sein - besser sein. Aber nichts davon lässt sich so einfach ändern. Heute Abend wische ich meinen Lippenstift ab und tausche mein Alltagskleid, gegen etwas Schlichtes in gedeckten Farben und ein Weihnachtsessen, wie es meinem Vater gefällt. Das eigentlich genau dasselbe ist, wie ein Weihnachtsessen, das mir gefällt. Nur, dass ich selbst darin eine etwas andere Rolle spiele.
Aber das ist egal. Denn an Weihnachten legt man seine Differenzen beiseite und alle Menschen rücken ein Stückchen näher zusammen.
Genau so, wie es sein soll.
Ganz gleich, was Tom dazu meint.


Bei den ersten beiden Sätze holpert es in meinen Ohren, mir scheint die Beziehung zwischen den beiden Sätzen nicht 100% stimmig, da du von „vielen Dingen“ schreibst und dich im Satz darauf auf „nichts davon“ beziehst. M.E. müsste es heißen „So viele Dinge könnten anders sein - besser sein. Aber keines von ihnen ließ sich so einfach ändern.“

Ich klemme meine Handtasche fest unter den Arm und stakse mutig auf die vom Frost blank polierte Straße. Schwarz glitzert der Teer im Schein der Straßenlaternen. Mit den Stöckelschuhen ist der kurze Weg zum Auto ein kleines, halsbrecherisches Abenteuer.
Ich hätte Toms Angebot annehmen sollen, dann hätte ich jetzt einen Arm zum Festhalten. Tom ... Ob er jemals den Mut findet, seine Gefühle auszusprechen?
In dem Augenblick höre ich sie schon. Ich drehe mich absichtlich nicht um. Besoffene Kerle sind niemals gut. Bis zum Auto ist es nicht mehr weit. In diesem Teil der Stadt, zu dieser Zeit. Bloß keine Furcht zeigen. Keine Aufmerksamkeit erregen. In meinem Aufzug erst recht nicht.
Ich rutsche aus. Mein Fuß knickt um. Im letzten Moment klammere ich mich an die Motorhaube. Mist verdammter.


Im ersten Satz wäre eine kleine Änderung möglich „ stakse mutig ÜBER die vom Frost blank polierte Straße“, so hätte der Satz einen klareren Bezug zu dem Satz mit dem halsbrecherischen Abenteuer.

„Ob er jemals den Mut findet… „ – müsste es nicht heißen: „Ob er je den Mut finden wird“ (ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht)

Dem folgt der nächste „Beziehungsfehler“- Der Logik nach ist es nicht unbedingt falsch, aber dem Gehör nach: „In dem Augenblick“ – da wir uns in dem Moment, in dem wir diesen Satz lesen, in keinem konkreten Augenblick befinden, sondern in Ellys Gedanken, passt die Formulierung in meinen Ohren nicht zu 100%.

Im darauffolgenden Satz hätte ich das „absichtlich“ gestrichen, das hätte die Spannung erhöht.

„Bis zum Auto ist es nicht mehr weit. In diesem Teil der Stadt, zu dieser Zeit“ – hm? Hier stimmt etwas nicht. Aber davon abgesehen, finde ich, du hast es dir hier zu einfach gemacht.
„Bis zum Auto ist es nicht mehr weit“ – diese Info hätte man auch durch ein Bild übermitteln können, das man bei Bedarf auch noch mit einem Gefühl hätte verbinden können (Sicherheit, die das vertraute Auto verspricht o.ä.) Du hättest Elly hier schon mal nach den Schlüsseln in ihrer Tasche tasten/suchen lassen können, ganz unauffällig, etwas in der Art, das hätte die Betonung bei dem Satz (bzw. der ganzen Schlüsselszene) der später auftaucht „Wo ist nur der verdammte Schlüssel“ noch mal verstärkt.


Den Rest „Keine Furcht zeigen etc.“ … hm, finde ich etwas zu gedrungen und unkreativ gelöst. Vielleicht entsteht dieser Eindruck bei mir, weil die Passage so allgemeingültig ist. Mir fehlt wenigstens ein kleines Wort, das Elly als Individuum ausweist. Ich weiß nicht genau, wie ich das erklären soll ;) Die Szene wirkt zu flach.

„Im letzten Moment klammere ich mich an die Motorhaube“ – Der Satz holpert in meinen Ohren wegen dem „mich an die Motorhaube“ – „mich an der Motorhaube fest“ könnte eine Alternative sein, die, zugegeben, auch nicht ganz lupenrein ist.


Dann krame ich eilig in meiner Tasche. Wo ist nur der verdammte Schlüssel?
Zigarrenrauch ist das erste, was mich von den Kerlen erreicht. Nie kann ich meinen Schlüssel finden.
"Hey! Schätzchen! So einsam heute Abend?" Er nuschelt bedenklich.
Schweiß tritt mir in den Nacken. Ich bin auch zu dämlich. Ich hätte Tom mitnehmen sollen. Vor allem nach den letzten zwei Überfällen hier in der Gegend.
Wie kann man nur so ein Hornochse sein?
Der Rauch beißt mich in der Nase.
Ich grabe tiefer in meiner Tasche, meine Hände zittern.
Eine zweite Stimme. "Haste dein Schnuckiputzi inne Kneipe vergessen? Is' gefährlich mitten inne Nacht allein auffe Straße."
Schritte kommen näher. Ich wühle immer verzweifelter in den Untiefen meiner Tasche. Ich will weg hier, nur weg! Tom hat sich vorgestern erst lustig gemacht. Die 'endlosen Weiten' einer Damenhandtasche. Ich könnte heulen. Da! Der Schlüssel!
Ich versuche ihn ins Schloss zu stecken, aber es ist zu dunkel und meine Finger zittern wie Espenlaub.
Da packt er mich an der Schulter. Das Glutende eines dicken Stumpen dicht an meinem Ohr. Er reißt mich herum.
Seine Faust trifft mich hart ins Gesicht. Sternregen. Dann gräbt er seine Knöchel in meinen Magen. Mir bleibt die Luft weg.


„Dann krame ich“ – das Wort „dann“ stört mich, ein bisschen zumindest. Ich finde, es verlangsamt die Handlung und nimmt Spannung raus – das ist aber nur so ein Gefühl, vielleicht Geschmackssache.

Mit dem darauffolgenden Satz verhält es sich ähnlich. Ich bin der Meinung, man sollte den Leser nicht für einen einzigen Satz aus seiner Perspektive reißen. Genau das geschieht hier, weil der Zigarrenrauch nicht von Elly ausgeht, sondern von außen auf sie zukommt. Also entweder würde ich den Satz so umstellen, dass der Zigarrenrauch anders betont wird und Elly ihn aktiv wahrnimmt oder ich würde den Satz mit Elly beginnen (im Ernstfall müsste man ausprobieren, was besser passt)


Ja und dann geht es auch schon weiter. Über die Aussage/wörtliche Rede des Typen lasse ich mich nicht aus (ich hätte das „so“ gestrichen), aber dieses „bedenkliche nuscheln“, das hätte ich unbedingt anders verpackt.
Ich hätte es A. hinter den Schweiß gestellt (wegen der Dramatik) und B. hätte ich an dieser Stelle noch mal Bezug auf die besoffenen Kerle genommen. Ich meine, Elly hat schon einige Sätze zuvor festgestellt, dass die Kerle besoffen sind, dieses „bedenklich“ schwächt diese Feststellung unerwartet ab.

Die nachfolgenden Sätze finde ich wieder etwas zu kompakt, aber gut … ich will meine Glaubwürdigkeit nicht verlieren, dadurch, dass ich jeden Satz kritisere :lol:

Ich fasse einfach mal zusammen: Man könnte aus der Schlüsselsuche noch mehr rausholen, aber das könnte man ja immer, deshalb muss das nichts bedeuten.


Er dachte, er hätte etwas gehört. Sicher nur eine Katze. Er öffnet trotzdem die Tür der "Violetten Blume" ein Stück und da sieht er Elly auf dem Boden liegen. Fünf Männer stehen im Halbkreis um sie herum. Blut quillt aus ihrem Mund. Einer ist direkt über ihr -Rastazöpfe, Stoppelbart, eine nietenbesetzte Lederjacke- er holt aus und tritt ihr mit voller Wucht zwischen die Beine.
Er reißt die Tür auf: "Verschwindet ihr blöden Wichser! ..."
Sie ergreifen die Flucht. Tom zieht das Handy aus seiner Tasche und ruft den Notarzt.


Ich habe den Perspektivwechsel nicht gleich verstanden, es hat eine Weile gedauert, bis ich mich neu orientiert hatte, aber auch das muss nichts bedeuten, weil man hier auf der Sw einfach anders liest als auf dem Papier.

Als problematisch empfinde ich hier die Vorstellung, dass sich Tom in einer Kneipe (?) befindet und glaubt eine Katze gehört zu haben. Ich stehe, was das betrifft, an dieser Stelle total auf dem Schlauch.


Ich habe Krebs. Ich kann es nicht fassen. Da arbeite ich schon in einem Krankenhaus und muss erst zusammengeschlagen werden, bevor sie das herausfinden. Am liebsten würde ich losheulen. Fortgeschrittenes Stadium. Tha! Metastasen können sie noch nicht ausschließen. Tha! Was für ein Weihnachten.
Wenigstens ist Tom bei mir. Er hat wohl bei meinen Eltern angerufen. Hoffentlich war er überzeugend. Mein Vater ist wirklich das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann. Wahrscheinlich würde er einen Herzinfarkt bekommen.
Ich wünschte, Tom würde meine Hand halten. Aber er traut sich immer noch nicht.
In dem Augenblick öffnet sich die Tür des Krankenzimmers. Und da steht er. In voller Lebensgröße.


Der Einstieg in den Absatz gefällt mir nicht ganz so gut, weil ich den Zusammenhang zwischen der Arbeit im Krankenhaus und der Diagnose nicht verstehe.

Die Reaktion auf die Diagnose zu beurteilen, fällt deshalb schwer. Die Geschichte ist kurz, der Raum ist knapp. Aber gerade dann, vielleicht, sollte man extra-klare, prägnante Worte für derart komplexe Gefühle finden.
Hm. Wie soll ich erklären, was ich meine? „Ich kann es nicht fassen“ – das klingt (je nach Ohr) flapsig, ist als Reaktion aber authentisch. Der Satz mit dem Krankenhaus ist zu sperrig und zu wenig aussagekräftig. „Am liebsten würde ich losheulen“ – das wäre ein guter Satz, wenn er noch fortgeführt werden würde. Mir fehlt das „aber“ dass Ellys Gefühlen Tiefe gibt. Vielleicht will sie wegen Tom nicht heulen o.ä.

Ich versuche an dieser Stelle herauszufinden, was deine Intention ist, welche Stimmung du erzeugen möchtest. Darauf kann ich mir keinen zu diesem Zeitpunkt keinen Reim machen (obwohl ich den gesamten Text vor ein paar Wochen schon mal quer gelesen habe).

Auch wenn ich so viel Kritik anbringe, empfinde ich den Text als schön und interessant geschrieben und das ist das Wichtigste, oder das Erste. Was mir fehlt ist das Zweite, das der Text von einer klaren Grundstimmung durchdrungen ist. Er hat eine Grundstimmung, so ist es nicht, aber es gibt kleine Brüche und diesen einen auffällig großen, in dem Moment, als es um die Diagnose geht.

Das Einzige, was ich an diesem Absatz wirklich schön, ich meine durchdringend schön finde und was wirklich Stimmung und Atmosphäre erzeugt, sind die Sätze rund um Tom, der sich immer noch nicht traut, Ellys Hand zu halten. Der Moment ist wunderbar, weil er so schlicht ist und doch so viele Emotionen ausdrückt. Note 1 dafür!

Braune Tweedjacke, schlohweißes Haar, in der Bewegung erstarrt, als hätte jemand die Pausetaste gedrückt. Seine Hand klammert sich am Türgriff fest.
"Papa ...", meine Stimme klingt dünn und einsam in dem kalten Raum. So hatte ich mir diesen Moment sicher nicht vorgestellt.
Die Stille scheint sich zu einer Ewigkeit aufzublähen.
"Was bist du nur für eine Abomination?"
Das Wort kenne ich nicht mal.
Aber es schlitzt mein Herz auf und lässt mich blutend zurück - diesmal von innen.
Tränen brennen in meinen Augenwinkeln. Da greift Tom meine Hand. "Sie ist perfekt. Genau so, wie sie ist."

Das mit der Pausentaste gefällt mir. Die Hand, die SICH klammert, gefällt mir nicht so gut, aber das ist vielleicht Geschmackssache.

Die dünne Stimme ist schön, aber das „sicher“ im darauffolgenden Satz klingt in meinen Ohren zu zickig (ich kann mich täuschen) und erzeugt wieder einen Bruch. Ähnlich verhält es sich mit dem „scheint“. Ich bin kein Fan vom „scheinen“, wenn es keinen tieferen Sinn hat. Es spült alles weich und wirkt oft wie ein Leck in einem Satz, es macht ihn undicht und nimmt die Spannung raus. Aber auch das dürfte eine Frage des Geschmacks sein.

Hier geht es eigentlich weiter mit dem, was ich oben angemerkt habe. Ich bin mir nicht sicher, was für eine Stimmung du erzeugen willst. Für mein Empfinden ist die Stimmung gedrückt und langsam, Elly ist traurig, sicher auch müde und erschöpft. Aber das deckt sich nicht immer mit deiner Wort- oder Satzwahl, die mir hier und da zu laut erscheint. „Das Wort kenne ich nicht mal“ – Das ist ein lauter, kantiger, viel zu schneller Satz, finde ich. Ob mein Eindruck stimmt, kann ich nicht sagen. Vielleicht lese ich mit einem falschen Grundton im Kopf.

„diesmal von innen“ – na ja! Das hätte man eleganter lösen können. Ich glaube, auf die Tränendrüse hätte man im selben Moment drücken sollen, in dem Tom nach Ellys Hand greift. An der Stelle mit dem Herz und dem Blut, gibt es mir zu viele Worte und zu wenig Bilder ;)

Mein Innen wird zu warmem Eierpunsch.
Mein Vater wirft Tom einen Blick zu, mit dem Superman eine ganze Armee hätte rösten können.
"Was für ein abartiges Kabarett ist das? Kein Wunder, das du Krebs hast. Du bist selbst ein Geschwür, eine verkorkste Wucherung dieser ..."
"Es reicht!", Tom stellt sich zwischen ihn und mich. Ich muss mich beugen, um das Gesicht meines Vaters nicht zu verlieren.
Tom donnert weiter: "Bei allen Engeln dieser Welt! Es ist doch völlig egal, wie sie aussieht oder wen sie liebt. Hauptsache sie liebt überhaupt! Hauptsache sie ist glücklich!"
Vater starrt weiter mit Laseraugen erst Tom an und dann mich. Jetzt wird er explodieren, um sich schlagen, schreien - aber da dreht er sich um und verschwindet einfach.
Die Tür fällt mit einem leisen Klick in ihr Schloss.


„wird zu“ – „verwandelt sich in“ (könnte man als Alternative in Betracht ziehen, muss aber nicht die besser Variante sein ;))

Dann wird es wieder seltsam, weil ich Stimmungsmäßig wieder aus der Spur gerate, als Supermann ins Spiel kommt.

Der Vater ist ein schwieriger Fall. Rein vom Gefühl her, würde ich den Satz mit dem Geschwür streichen (nicht nur weil es blöd kling) und entweder etwas anderes dafür bringen, was den Leser wenigstens vage ahnen lässt, das Elly den Vater mit irgendetwas überrumpelt hat oder den letzten Satzteil einfach ganz weglassen.
Man versteht ihn als Leser an dieser Stelle auch einfach zu wenig und das ist in meinen Augen keiner dieser Momente, über die man im Nachhinein, wenn man die Auflösung kennt, denkt: Ach so, jetzt ergibt alles einen Sinn. Es ist einfach ein Moment, der Unverständnis erzeugt, weil er übers Ziel hinausschießt und zu definitiv ist.



1999

"Ich weiß gar nicht, warum du ihn jedes Jahr wieder einlädst. Er hat seit damals kein Wort mehr mit dir gesprochen."
Damals, so heißt Weihnachten. Das Weihnachten, vor drei Jahren, an dem sich alles geändert hat.
Elly trägt bedächtig Lippenstift auf. Dann presst sie die Lippen aufeinander und sieht Tom vorwurfsvoll im Spiegel an.
"Es ist eben Weihnachten. Und dieses Jahr kommt er bestimmt."
"Elly, du hast sein Gesicht gesehen, als er damals ins Krankenzimmer gekommen ist."
"Es war eben ein Schock für ihn. Ich hätte es ihm schon lange vorher sagen sollen. Du wärst auch erschrocken, wenn du mich zum ersten Mal so gesehen hättest. Überhaupt! Er ist immer noch mein Vater und es ist Weihnachten. Und es ist meine Party. Und ich kann einladen, wen ich will."
Tom seufzt, zieht sie vom Stuhl hoch und nimmt sie fest in die Arme "Natürlich darfst du das."


„Damals, so heißt Weihnachten.“ Das ist schön. Es geht aber nicht nahtlos in den nächsten Satz über.
„An dem sich alles geändert hat“ – das ist wieder so eine Plattitüde die nicht weiter ausgeführt wird, zu recht! Wir Leser waren vor drei Jahren ja selbst dabei … nur … warum dann überhaupt erwähnen, dass sich alles geändert hat? Vielleicht ist das gar nicht nötig?

„als er damals ins Krankenzimmer gekommen ist“ – diese Formulierung finde ich sehr sperrig.
Ellys Satz gefällt mir nur bis zu dem „Überhaupt“ ab da an nimmt er eine komische Wendung ins Fahrige und Flache.


Er hätte gar nichts gesagt, wenn es Elly nicht so aufregen würde. Sie tut zwar so, als wäre es nicht so, aber es bricht ihr jedes Jahr wieder das Herz, wenn ihr Vater die Einladung einfach ignoriert.
Wenigstens kommen ihre Mutter und ein gutes Dutzend Freunde. Es wird eine große Weihnachtsfeier, wie jedes Jahr, seit er mit Elly zusammen gekommen ist. Sie liebt Weihnachten, erst recht, seit es auch noch ihr Jahrestag ist. Wenn es nach ihr ginge, dann wäre jeden Tag das Fest der Liebe, des Verständnisses und der Vergebung.
Er schiebt sie ein Stück von sich und sieht ihr fest in die Augen "Aber nur, wenn du versprichst, dass du nicht überrascht bist, wenn er doch nicht kommt."
Sie nickt. "So, und jetzt muss ich noch den Schampus aus dem Wagen holen", sagt sie.
"Ich komme mit."
"Das brauchst du nicht."
Und ob er das braucht. Seit damals hat er sich geschworen, er wird sie niemals wieder allein im Dunkeln auf die Straße lassen. Nicht solange die Chance besteht, dass einer dieser Wichser noch da draußen ist.

Als ich die Türe öffne, rieche ich Zigarre [...]


Hm … der Absatz bereitet mir Kopfzerbrechen. Ich empfinde ihn nicht als perfekt ausformuliert.
„Er hätte gar nichts gesagt, wenn er nicht gewusst hätte, dass es Elly so aufregte. Jedes Jahr war es dasselbe Spiel. Sie tat so, als wäre es ihr egal, aber tatsächlich brach es ihr das Herz, dass ihr Vater ihre Einladungen einfach ignorierte.“
– das ist keine Alternative, sondern ich will nur zeigen, wie die Sätze inhaltlich m.E. zusammenhängen müssten.

„Es war ein Trost, dass wenigstens ihre Mutter und ein gutes Dutzend Freunde kamen“ - („ein gutes Dutzend Freunde“ klingt gar nicht nach „wenigstens“, ist doch eine ganze Menge Trubel ;))

Ich kürze mal ab. Der gesamte Absatz ist sehr kompliziert geschrieben, den könnte man noch wesentlich flüssiger gestalten.
Die Antwort (am Ende) die auf einen Satz folgt, der zuvor in einer anderen Perspektive gefallen ist, hat mich sehr verwirrt, aber das ist wieder einer dieser Punkte, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob es am Text oder an mir liegt.



Und das war der erste Teil.

Ich fasse meine Kritik noch mal zusammen:

Am meisten hat mich die unklare Stimmung gestört. Der Text hat (bis hierhin schon mal) ein großartiges Potenzial. Dieser flapsige, lockere Tonfall, dem hier und da wenige (aber dafür umso tiefere) Emotionen beigemischt werden, ist absolut vielversprechend. Für meinen Geschmack ist diese (schon vorhandende) Stimmung aber noch zu unsauber ausgearbeitet.
Mein Gefühl sagt mir, das liegt daran, dass viele Formulierungen noch glatter gebügelt werden müssen (mit Dampf am Besten ;)) und die Sätze an manchen Stellen besser ineinander fließen müssten.

Ich weiß ja schon, worauf die Geschichte im Kern hinaus läuft, aber ich habe sie, wie gesagt, bislang nur quer gelesen und das ist auch schon länger her, deshalb kann ich noch kein abschließendes Urteil fällen.

Trotz der Kritik gefällt mir die Idee bis hierhin. Es ist auch nicht so, als hätte es sprachlich überhaupt keine Highlights gegeben. Es ist nur dieses letzte Bisschen, das noch fehlt, das bekannte Tüpfelchen auf dem i.


Ich hoffe, ich konnte dir irgendwie weiterhelfen! Ich gehe den zweiten Teil auch noch mal durch. Es sei denn meine Kritik trifft so überhaupt gar keinen Nerv ;)

Grüße von
Quixotiz
Quixotiz
 
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