[Tragik]Ein Brief an Mama

Tragödien, Tragisches

[Tragik]Ein Brief an Mama

Beitragvon HERZallerliebst » 02.04.2015, 12:22

Ich stelle diesen Text ein, weil er mir viel bedeutet, weil er mich heute noch bewegt. Ich habe ihn aber schon vor etlichen Jahren geschrieben, immer wieder umgearbeitet und erneuert. Zufrieden bin ich immer noch nicht, an manchen Stellen ist er so wirr und sprachlich auch nicht das Grüne vom Ei. Bitte helft mir ;)

Ein Brief an Mama

Ich habe sie gefunden. Die Bilder. Zufällig. Du warst darauf zu sehen, auf dem Arm deines Vaters. Ich wusste sofort, dass du es bist. Ich betrachtete es lange, dieses Foto. Und ich spürte etwas, das ich nie zuvor gespürt habe. Tiefen Schmerz, der mich von den Füßen riss.
Mama, an diesem Abend begann ich zu verstehen. Widerwillig zwar, mich mit Hand und Fuß wehrend, aber ich konnte nicht anders, als es zuzulassen. Wie hätte ich es vorher verstehen können? Es tut mir Leid, Mama.
Ich habe dein Gesicht lange betrachtet auf dem Foto, du sahst so glücklich aus – auf dem Arm deines Vaters. Etwas, das ich so noch nie an dir gesehen habe. Es tut mir so Leid Mama, ich habe es wirklich nicht verstanden damals.
Aber ich habe das Foto gesehen – du und er, gemeinsam. Und ich habe geweint, Mama.

Ich habe mir vorgestellt wie es mit meinem Vater war. Die Geborgenheit, die Vertrautheit, den Rückhalt. Das alles fehlte dir, das wurde mir nun klar. Ich streichle dieses kleine Mädchen auf dem Foto, ganz sanft, als würde ich meine eigene Tochter streicheln. Wie verwundet muss sie gewesen sein? Wie einsam?

Ich stellte sie mir vor, den kleinen Wirbelwind, wie er sich lachend in die Arme seines Vaters schmeißt und von ihm ausgelassen herumgewirbelt wird. Wie sie sich an ihn schmiegt und sich einfach wohl fühlt. Wie er sie ansieht, so verliebt. Wie sie den Blick erwidert aus ihren großen Haselnussaugen. Wie er einfach über ihr Haar streicht und ihr still verspricht, immer bei ihr zu sein und sie zu beschützen.

Und dann ist er weg. Das Mädchen ist groß genug, um es zu verstehen. Aber immer noch seine Kleine. Ihr raubt es die Luft zum Atmen, aber dafür ist keine Zeit. Es sind so viele Geschwister, so viele Pflichten und Aufgaben, die sie bewältigen muss, weil es keine andere Möglichkeit gibt.

Die Trauer endete nur in einer Sackgasse, blieb auf dem Weg vom Herzen zum Kopf irgendwo stecken, versteinerte da, wurde mumifiziert und aus einem kleinen Spalt wallt noch heute immer wieder etwas von jenem Gift, das einen nur langsam schwächt.

Wenn du willst, Mama, dann brechen wir diesen Sarkophag gemeinsam auf, denn zu zweit ist es einfacher, die Dosis zu ertragen. Ich würde dir so gerne eine Ampulle von dem Gift abnehmen, damit es dir leichter fällt. Sicherlich wird es wie eine Welle über dich hereinbrechen und du wirst glauben, untergehen zu müssen. Hilflos wirst du mit den Armen rudern und um Luft betteln. Aber ich verspreche dir, den Rettungsring zuzuwerfen und dich wieder heil an Land zu ziehen. Du wirst dich schlecht fühlen und das Gift wird deinen Körper lähmen, ihn unnütz machen, vielleicht spürst du sogar den Schmerz. Aber wenn du denn Schmerz spürst, dann merkst du auch, wie er wieder nachlässt. Es wird lange dauern, aber irgendwann wird er allmählich verebben, er wird sich still und heimlich aus dem Staub machen und dann, irgendwann, wirst du sagen: „Wo ist er denn hin?“ Und wahrscheinlich wird er dir eine Zeit lang fehlen, weil du es gewohnt warst, mit dem dumpfen Pochen zu leben. Aber dann wirst du auch merken, wie eingeschränkt du warst, wie blockiert all die Jahre. Und du wirst dich frisch und neu und wild fühlen. Dann kannst du endlich die Arme ausbreiten und loslaufen.

So wie damals. Und ich werde da sein für dich, werde dich herumwirbeln und dir neue Welten zeigen.



Und dann bist du gekommen, durch die Türe. Und ich habe das Foto umgedreht und ich habe die Tränen weggewischt. Ich habe es dir gegeben, einfach so, ganz ohne Worte. Du hast gedacht, dass ich schon weg wäre. Aber ich stand noch immer in der Tür, als du das Foto angelächelt und mit dem Zeigefinger vorsichtig berührt hast.

Wir haben nie darüber gesprochen. Du weißt nicht, dass ich es weiß, dass ich so fühlen kann.
Und es ist, als hätte mich jetzt etwas an dich gebunden, etwas das mich nicht mehr loslassen will. Mama, ich weine, sogar jetzt, weil ich diesen Brief schreibe.
Aber Tränen sind gut.

Ich weine, weil ich endlich verstehe, Mama.
HERZallerliebst
 
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Re: Ein Brief an Mama

Beitragvon Weltliebende » 07.04.2015, 13:19

HERZallerliebst hat geschrieben:Ich stelle diesen Text ein, weil er mir viel bedeutet, weil er mich heute noch bewegt. Ich habe ihn aber schon vor etlichen Jahren geschrieben, immer wieder umgearbeitet und erneuert. Zufrieden bin ich immer noch nicht, an manchen Stellen ist er so wirr und sprachlich auch nicht das Grüne vom Ei. Bitte helft mir ;)


Ich mag den Text, er ist so schön emotional und diese bildliche Sprache gefällt mir richtig gut!
Der Aufbau ist auch schön, das ist ein Brief den man laut Lesen möchte, aus dem man mit der richtigen Betonung so viel rausholen kann.
Ein paar Sachen hab ich trotzdem noch "zu verbessern":


HERZallerliebst hat geschrieben: Ich habe sie gefunden. Die Bilder. Zufällig.

Ich bin ein Fan von kurzen Sätzen und abgehackter Sprache, aber hier finde ich es etwas zu heftig.
Schöner fände ich zum Beispiel "Ich habe sie zufällig gefunden, die Bilder."

HERZallerliebst hat geschrieben: Du warst darauf zu sehen, auf dem Arm deines Vaters. Ich wusste sofort, dass du es bist. Ich betrachtete es lange, dieses Foto.

Hier stimmt es logisch/grammatikalisch nicht ganz. Sie hat "die Bilder" gesehen und dann beziehst du dich eigentlich nur auf eines. Das würde ich nochmal irgendwie betonen. Vor allem wenn sie "es" dann lange betrachtet, das klingt sonst wirr.. :)

HERZallerliebst hat geschrieben: Und ich spürte etwas, das ich nie zuvor gespürt habe. Tiefen Schmerz, der mich von den Füßen riss.

Das finde ich sehr, sehr schön. Vor allem den letzten Satz.




HERZallerliebst hat geschrieben: Mama, an diesem Abend begann ich zu verstehen. Widerwillig zwar, mich mit Hand und Fuß wehrend, aber ich konnte nicht anders, als es zuzulassen. Wie hätte ich es vorher verstehen können? Es tut mir Leid, Mama.
Ich habe dein Gesicht lange betrachtet auf dem Foto, du sahst so glücklich aus – auf dem Arm deines Vaters. Etwas, das ich so noch nie an dir gesehen habe. Es tut mir so Leid Mama, ich habe es wirklich nicht verstanden damals.
Aber ich habe das Foto gesehen – du und er, gemeinsam. Und ich habe geweint, Mama.


Zuerst fand ich das ständige "Mama" etwas verwirrend, aber wenn man den Absatz gelesen hat ist es ziemlich passend. Was mir am Besten gefällt ist, dass die letzten Zeilen so schön klingen, fast wie ein Gedicht.



HERZallerliebst hat geschrieben:Ich habe mir vorgestellt wie es mit meinem Vater war. Die Geborgenheit, die Vertrautheit, den Rückhalt. Das alles fehlte dir, das wurde mir nun klar. Ich streichle dieses kleine Mädchen auf dem Foto, ganz sanft, als würde ich meine eigene Tochter streicheln. Wie verwundet muss sie gewesen sein? Wie einsam?

Du hast sehr viele Zeitsprünge in der Geschichte. Einheitliches Präteritum wäre angenehm :)

HERZallerliebst hat geschrieben: Wie sie den Blick erwidert aus ihren großen Haselnussaugen. Wie er einfach über ihr Haar streicht und ihr still verspricht, immer bei ihr zu sein und sie zu beschützen.

"Haselnussaugen" finde ich schööön. Im letzten Satz würde ich das einfach streichen, das stört.

HERZallerliebst hat geschrieben: Und dann ist er weg. Das Mädchen ist groß genug, um es zu verstehen. Aber immer noch seine Kleine. Ihr raubt es die Luft zum Atmen, aber dafür ist keine Zeit. Es sind so viele Geschwister, so viele Pflichten und Aufgaben, die sie bewältigen muss, weil es keine andere Möglichkeit gibt.

Das ist jetzt vielleicht etwas pingelig, aber ich würde "Es sind so viele Geschwister da,.." schön finden. Sonst klingt es so, als müsse sie die Geschwister bewältigen..

HERZallerliebst hat geschrieben: Wenn du willst, Mama, dann brechen wir diesen Sarkophag gemeinsam auf, denn zu zweit ist es einfacher, die Dosis zu ertragen.

Das ist mein Lieblingssatz bis jetzt - so kraftvoll!

HERZallerliebst hat geschrieben:Und dann bist du gekommen, durch die Türe. Und ich habe das Foto umgedreht und ich habe die Tränen weggewischt. Ich habe es dir gegeben, einfach so, ganz ohne Worte. Du hast gedacht, dass ich schon weg wäre. Aber ich stand noch immer in der Tür, als du das Foto angelächelt und mit dem Zeigefinger vorsichtig berührt hast.

Ein schöner Bogen zum Beginn.


HERZallerliebst hat geschrieben: Wir haben nie darüber gesprochen. Du weißt nicht, dass ich es weiß, dass ich so fühlen kann.
Und es ist, als hätte mich jetzt etwas an dich gebunden, etwas das mich nicht mehr loslassen will. Mama, ich weine, sogar jetzt, weil ich diesen Brief schreibe.
Aber Tränen sind gut.

Ich weine, weil ich endlich verstehe, Mama.


Ein sehr gelungener Abschluss!


Liebe Grüße,
Magda :)
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Re: Ein Brief an Mama

Beitragvon tattoo99 » 05.05.2015, 17:57

Wow, einfach wow.
Hallo erst mal :)
Ich habe deinen Text gelesen, weil ich schon mal einen ähnlichen Text geschrieben habe, bzw. war es ein Text für eine Mutter :)

Nun zu deinem Text:
Die Geschichte die du da schreibst, ist sehr emotional und diese bildliche Sprache, die du da nutzt ist eine schöne Art, diese Emotionen zu beschreiben.

Ich wusste sofort, dass du es bist.

-> Warum? Hier könntest du vielleicht ein bisschen die Mutter beschreiben, damit man sich ungefähr vorstellen kann wie sie aussieht: Ich wusste sofort, dass du es bist. An deiner Stupsnase, den Sommersprossen und deinen wunderschönen, braunen Haaren habe ich es gesehen.
Vielleicht so etwas in der Art. Ich weiß natürlich nicht, ob sie so aussieht ;)

Schön, finde ich auch, dass du "Mama" immer wiederholst. Daran bemerkt man, wie groß der Schmerz der Protagonistin ist.

Die Trauer endete nur in einer Sackgasse, blieb auf dem Weg vom Herzen zum Kopf irgendwo stecken, versteinerte da, wurde mumifiziert und aus einem kleinen Spalt wallt noch heute immer wieder etwas von jenem Gift, das einen nur langsam schwächt.

-> Diesen Satz finde ich wunderbar. Unglaublich, wie viel Kraft darin steckt und wie gut es das Gefühl und die Trauer beschreibt.

Ich weine, weil ich endlich verstehe, Mama.

-> Ein sehr schöner, abschließender Satz, der die Emotionen sehr gut wiedergibt.

Fazit:
Deine Sprache ist sehr bildlich und emotional. Man merkt wie wichtig dir dieser Text ist und was daran hängt.
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Re: Ein Brief an Mama

Beitragvon Nadim22 » 28.05.2015, 18:34

Hallo HERZallerliebst,

ich werde im Folgenden mal näher auf Deinen Text eingehen. Vorab möchte ich Dir sagen, dass ich mir nur Texte zum kommentieren heraussuche, die mir gefallen und etwas auslösen. Ich mag Deine Sprache. Ich mag sie, weil sie kraftvoll ist. Wie bereits angemerkt wurde, sieht man, dass in den Text viel Zeit und Gefühl investiert wurde. Das ist gut.

HERZallerliebst hat geschrieben:Ich stelle diesen Text ein, weil er mir viel bedeutet, weil er mich heute noch bewegt. Ich habe ihn aber schon vor etlichen Jahren geschrieben, immer wieder umgearbeitet und erneuert. Zufrieden bin ich immer noch nicht, an manchen Stellen ist er so wirr und sprachlich auch nicht das Grüne vom Ei. Bitte helft mir ;)


Manchmal sind die einleitenden Worte bereits ein Vorgeschmack auf das, was einem im Text erwartet. Wenn Du "das Grüne vom Ei" weglassen und statt dessen "sprachlich unreif" einsetzen würdest, könnte man denken, es wäre die textimmanente Einleitung :)

HERZallerliebst hat geschrieben:Ich habe sie gefunden. Die Bilder. Zufällig.


Hier besser: "Ich habe die Bilder zufällig gefunden." Der Stil, den Du hier verwendest, verwende ich nebenbei auch oft in meinen Texten. Doch mir ist nicht aufgefallen, dass er zu einem sprachlichen Motiv wird, auf das Du später zurückkommst. Deshalb fang am Besten zu Anfang bereits so an, wie Du es danach auch weiterführst.

HERZallerliebst hat geschrieben:Und ich spürte etwas, das ich nie zuvor gespürt habe. Tiefen Schmerz, der mich von den Füßen riss.


Ich find "hatte", hört sich hier sinniger an, als "habe". Ich bin kein Experte in Sachen Tempora, aber vom Klanglichen her, gefällt mir "hatte" besser.
Der zweite Satz ist sehr stark.

HERZallerliebst hat geschrieben:Es tut mir Leid, Mama.


Das wurde bereits oben angemerkt, aber, lass "Mama" ab und an weg. Ich weiß, dass sie der Adressat ist. Und ich weiß ebenso, dass es beim Schreiben sehr emotional werden kann, wenn man jenen Adressaten vor sich sieht. Aber es kommt zu wehleidig. Zu eindringlicher Pathos nimmt allzu oft die Echtheit des Textes.
Lies den Absatz mal ohne "Mama" und Du wirst vielleicht sehen, was ich meine.

Hier eine weitere Stelle, wo Du es nochmal überdenken solltest. Achte auf das Klangbild.

HERZallerliebst hat geschrieben:Und ich habe geweint, Mama.


Aber weiter.

HERZallerliebst hat geschrieben:Das alles fehlte dir, das wurde mir nun klar.


Ich würde das Komma durch einen Punkt ersetzen. Ist aber - wie vieles andere auch - Ansichtssache.

HERZallerliebst hat geschrieben:Ich streichle dieses kleine Mädchen auf dem Foto, ganz sanft, als würde ich meine eigene Tochter streicheln. Wie verwundet muss sie gewesen sein? Wie einsam?


Die Art wie Du hier zum Abschluss kommst, ist wirklich gelungen. Besser hätte man es nicht machen können. Perfekt.

HERZallerliebst hat geschrieben:Ich stellte sie mir vor, den kleinen Wirbelwind, wie er sich lachend in die Arme seines Vaters schmeißt und von ihm ausgelassen herumgewirbelt wird.


Den "Wirbelwind" find ich gut. Das "herumgewirbelt" als Dopplung nicht so. Findest Du ein Synonym?
Ich würde den Abschnitt jedoch ein wenig anders gestalten:

"Ich stellte sie mir vor, den kleinen Wirbelwind. Wie sie sich lachend in die Arme ihres Vaters schmiss und (...)."

HERZallerliebst hat geschrieben:Wie sie sich an ihn schmiegt und sich einfach wohl fühlt.


Das zweite "sich" brauchst Du nicht, um grammatikalisch weiterhin richtig zu liegen ;)

HERZallerliebst hat geschrieben:Wie sie den Blick erwidert aus ihren großen Haselnussaugen.


Besser "mit", statt "aus". Und davor ein Komma. Also: "Wie sie den Blick erwidert, mit ihren großen Haselnussaugen."
Nebenbei find ich "Haselnussaugen" wunderbar. Sehr warm und bildlich.

HERZallerliebst hat geschrieben:Wie er einfach über ihr Haar streicht und ihr still verspricht, immer bei ihr zu sein und sie zu beschützen.


Versuch das "einfach" herauszunehmen und das zweite "ihr" zu streichen. Das "immer bei ihr zu sein und sie zu beschützen" erachte ich als kraftvollsten Satz des gesamten Textes.
Ich bin mir mit der Zeit auch nicht sicher. Das einheitliche Präteritum ist Segen und Fluch. Vor allem ist es schwer einzuhalten.
Das hieße für den Satz: "Wie er über ihr Haar strich und still versprach, immer bei ihr zu sein und sie zu beschützen."

Glaub mir, wenn ich Dir sage, dass die kleine Abänderung enorm viel Potential hat :)

HERZallerliebst hat geschrieben:Und dann ist er weg. Das Mädchen ist groß genug, um es zu verstehen. Aber immer noch seine Kleine.


Hervorragend! :love:
Inhaltlich und sprachlich unglaublich stark. Das Entgegensetzen von "groß genug", mit "aber immer noch seine Kleine" ist perfekt.

HERZallerliebst hat geschrieben:Und dann ist er weg. Das Mädchen ist groß genug, um es zu verstehen. Aber immer noch seine Kleine. Ihr raubt es die Luft zum Atmen, aber dafür ist keine Zeit. Es sind so viele Geschwister, so viele Pflichten und Aufgaben, die sie bewältigen muss, weil es keine andere Möglichkeit gibt.


Auf den Absatz als Ganzes bezogen: Toller Absatz! Vielleicht interpunktierst Du vor dem Kausalsatz am Ende doch besser. Das verleiht sprachlich noch mehr Ausdruck und Stärke.

HERZallerliebst hat geschrieben:aus einem kleinen Spalt wallt noch heute immer wieder etwas von jenem Gift, das einen nur langsam schwächt.


Schöner Satz.

HERZallerliebst hat geschrieben:Wenn du willst, Mama, dann brechen wir diesen Sarkophag gemeinsam auf, denn zu zweit ist es einfacher, die Dosis zu ertragen. Ich würde dir so gerne eine Ampulle von dem Gift abnehmen, damit es dir leichter fällt. Sicherlich wird es wie eine Welle über dich hereinbrechen und du wirst glauben, untergehen zu müssen.


Den kompletten Absatz finde ich es zu wehleidig. Nicht falsch verstehen. Ich weiß, dass es gerade diese Stellen sind, die viel Kraft erfodern, aber dennoch.

HERZallerliebst hat geschrieben:Und wahrscheinlich wird er dir eine Zeit lang fehlen, weil du es gewohnt warst, mit dem dumpfen Pochen zu leben.


Den Satz hier mag ich wiederum. Liest sich gut. Kein Pathos. Gut.

HERZallerliebst hat geschrieben:Und dann bist du gekommen, durch die Türe.


"Tür" :D Hört sich sonst unpassend an.

HERZallerliebst hat geschrieben:Und ich habe das Foto umgedreht und ich habe die Tränen weggewischt. Ich habe es dir gegeben, einfach so, ganz ohne Worte. Du hast gedacht, dass ich schon weg wäre. Aber ich stand noch immer in der Tür, als du das Foto angelächelt und mit dem Zeigefinger vorsichtig berührt hast.


Das zweite "ich habe" im ersten Satz kannst Du getrost weglassen. Bei "Du hast gedacht", besser: "Du dachtest". Insgesamt zu viel "haben". Vielleicht kannst Du da sprachlich noch etwas verbessern.

HERZallerliebst hat geschrieben:Du weißt nicht, dass ich es weiß, dass ich so fühlen kann.


Die Reihung des "dass" gefällt mir nicht. Wenn dann machst Du einen Punkt vor dem zweiten "dass" (wir lassen die Grammatik hier mal dem sprachlichen Freiraum des Autoren weichen).

Zum letzten Absatz:

HERZallerliebst hat geschrieben:Und es ist, als hätte mich jetzt etwas an dich gebunden, etwas, das mich nicht mehr loslassen will. Mama, ich weine, sogar jetzt, weil ich diesen Brief schreibe.
Aber Tränen sind gut.

Ich weine, weil ich endlich verstehe, Mama.


Der Satz "Aber Tränen sind gut", gefällt mir.
Aber lass auch hier gegen Ende das "Mama" weg. Wenn jetzt jemand noch nicht weiß, wer gemeint ist, dann ist Hopfen und Malz verloren. Wenn Du einfach nur schreibst: "Ich weine, weil ich endlich verstehe", lässt das den Leser mit offenem Mund dasitzen und denken: "Verdammt starker Abgang!" :)

Ich hoffe, ich konnte Dir etwas weiterhelfen. Ich mag Deine Sprache wirklich gern, weil es eine warme Sprache ist, eine sympathische. Man meint den Erzähler zu kennen.
Nimm Dir das von den Vorschlägen heraus, was Du brauchst und denk dabei an den Text. Die Ich-Perspektive verleitet (das sag ich Dir aus eigener Erfahrung) geradezu zum emotionalen Sinieren und verstellt manchmal durch deren Höchstpersönlichkeit das Gefühl für Redundanz und Überschwall. Aber das merzt Du schon noch aus ;)

Beste Grüße,

Nadim
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Re: Ein Brief an Mama

Beitragvon Mondenkind » 14.07.2015, 21:38

Hallo HERZallerliebst,
mir hat dein Text gefallen. Man merkt, wie viele Gedanken und Emotionen darin stecken. Ich helfe dir gerne noch, ihn zu verbessern, wenn du magst.

Weltliebende hat geschrieben: HERZallerliebst hat geschrieben:
Ich habe sie gefunden. Die Bilder. Zufällig.


Ich bin ein Fan von kurzen Sätzen und abgehackter Sprache, aber hier finde ich es etwas zu heftig.
Schöner fände ich zum Beispiel "Ich habe sie zufällig gefunden, die Bilder."


Das finde ich ebenso.

HERZallerliebst hat geschrieben:Du warst darauf zu sehen, auf dem Arm deines Vaters. Ich wusste sofort, dass du es bist.


Du springst öfter in den Zeiten. Das macht es uneinheitlich. Darauf solltest du achten. Wenn du alles im Präteritum schreiben willst, muss es hier im zweiten Satz heißen: "Ich wusste sofort, dass du es warst."
Irgendjemand hatte das glaub ich auch schon so kommentiert.

Überhaupt stimme ich meinen Vorrednern auch an vielen Stellen zu.

HERZallerliebst hat geschrieben:Ich wusste sofort, dass du es bist.


Jetzt inhaltlich zu diesem Zitat: Würde es nicht besser passen, wenn sie nicht sofort sieht, dass es ihre Mutter ist? Denn sie hat sich nach diesem einschneidenden Erlebnis wohl sehr verändert, darum geht es doch in diesem Text. Das "lyrische Ich" will ihr doch dieses Glücklichsein auf diesem Bild konservieren. So habe ich es jedenfalls verstanden. Später heißt es ja auch: "Etwas, das ich noch nie an dir gesehen habe."
Ansonsten würde ich betonen, dass das lyrische Ich die Mutter sofort erkannt hat, weil sie ihr äußerlich so sehr gleicht.

HERZallerliebst hat geschrieben:Widerwillig zwar, mich mit Hand und Fuß wehrend,


Ich finde hier die gängigere Formulierung "...mich mit Händen und Füßen wehrend" besser.

HERZallerliebst hat geschrieben:Ich habe dein Gesicht lange betrachtet auf dem Foto, du sahst so glücklich aus – auf dem Arm deines Vaters. Etwas, das ich so noch nie an dir gesehen habe. Es tut mir so Leid Mama, ich habe es wirklich nicht verstanden damals.
Aber ich habe das Foto gesehen – du und er, gemeinsam. Und ich habe geweint, Mama.


Bei diesem "etwas, das ich noch nie..", fragt man sich kurz: ob etwas das Glücklichsein meint oder das Zusammensein mit dem Vater. Wenn man dann weiterliest.."du und er, gemeinsam" wird es klar. Ich würde es vielleicht so schreiben: "...du sahst so glücklich aus auf dem Arm deines Vaters. So habe ich dich noch nie gesehen." Ich finde das schließt Glücklichsein und Vaterliebe irgendwie stärker zusammen. Verstehst du, was ich meine?
Dann würde ich hier noch in diesem Teil, das erste "Mama" streichen. In dem Abschnitt darüber taucht es auch schon auf die gleiche Art auf. Bei "Und ich habe geweint, Mama." find ich die Anrede allerdings gerade richtig. Überhaupt finde ich den Absatz stark.

HERZallerliebst hat geschrieben:Die Geborgenheit, die Vertrautheit, den Rückhalt.


Hier heißt es der Rückhalt.

HERZallerliebst hat geschrieben:Wie verwundet muss sie gewesen sein? Wie einsam?

Ich stellte sie mir vor, den kleinen Wirbelwind, wie er sich lachend in die Arme seines Vaters schmeißt und von ihm ausgelassen herumgewirbelt wird.



Die Überleitung finde ich etwas schwierig. Hier weiß der Leser bereits, dass das Glück den Vater zu haben, der Mutter später fehlen wird und das Foto nur eine Aufnahme von einer Zeit, in der es noch nicht so war. Dann wird im Verlauf klar, dass er die Familie verlassen hat. Wenn das lyrische Ich vorher traurig ist und das Kind streichelt, wie um es zu beschützen, finde ich sollte man das auch kenntlich machen, wenn der nächste Abschnitt beginnt. Z.B. "Als das Bild gemacht wurde, wusste sie es noch nicht. Ich stellte sie mir vor, wie sie als kleiner Wirbelwind, sich lachend in die Arme seines Vaters schmeißt..."

HERZallerliebst hat geschrieben:Das Mädchen ist groß genug, um es zu verstehen. Aber immer noch seine Kleine. Ihr raubt es die Luft zum Atmen, aber dafür ist keine Zeit.


Stark!

HERZallerliebst hat geschrieben:Es sind so viele Geschwister, so viele Pflichten und Aufgaben, die sie bewältigen muss, weil es keine andere Möglichkeit gibt.


Den Satz finde ich auch sehr gelungen. Ich würde aber zwei draus machen: "Es gab keine andere Möglichkeit." Das Verb habe ich unterstrichen, denn hier ist z.B. auch wieder ein Zeitsprung.

Und dann kommt der Absatz, der mir nicht so gut gefällt. Ich finde, du benutzt hier zu viele sprachliche Bilder. Dadurch wirkt es ziemlich überladen in meinen Augen. Das ist aber Ansichtssache. An sich finde ich sprachliche Bilder auch gar nicht schlecht, aber ich würde vielleicht bei einem Bild bleiben. Also entweder Gift oder Sackgasse oder Ertrinken oder Sakrophag. Obwohl ich das Bild mit dem Sakrophag eher nicht wählen würde. Die anderen passen durchaus. Ich würde aber, wie gesagt, bei einem Bild bleiben.

HERZallerliebst hat geschrieben:Und du wirst dich frisch und neu und wild fühlen. Dann kannst du endlich die Arme ausbreiten und loslaufen.

So wie damals. Und ich werde da sein für dich, werde dich herumwirbeln und dir neue Welten zeigen.


Das finde ich wieder gut.

HERZallerliebst hat geschrieben:Ich habe es dir gegeben, einfach so, ganz ohne Worte. Du hast gedacht, dass ich schon weg wäre.


Hier würde mich interessieren, wie reagiert die Mutter, dass das "lyrische Ich" das Foto gesehen hat. Hat sie vielleicht die Tränen noch in den Augen gesehen. Will sie nicht, dass ihre Tochter das Bild sieht?

HERZallerliebst hat geschrieben:Wir haben nie darüber gesprochen.


Gut, das ist natürlich auch eine Reaktion. Ich würde aber trotzdem gerne erfahren, was die Mutter dazu bewogen hat, nicht darüber zu reden bzw. nicht zu wissen, wie ihre Tochter sich fühlt. Tut sie es extra als belanglos ab, etc. Aber wie du siehst, hat mich dein Text gepackt :wink:

HERZallerliebst hat geschrieben:Aber Tränen sind gut.

Ich weine, weil ich endlich verstehe, Mama.


Noch einmal sehr stark. Das letzte "Mama" würde ich aber auch weglassen.

Soviel von mir. Das ist natürlich nur meine Meinung. Aber vielleicht konnte ich dir ja ein bisschen helfen.

Viel Erfolg noch mit dem Text!
Liebe Grüße
Let the sun shine in your heart.
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