Ein Gedicht sagt was der Schreiber fühlt!?

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Ein Gedicht sagt was der Schreiber fühlt!?

Beitragvon Tine87 » 25.06.2014, 11:38

Hallo liebe Leute.

Vor einiger Zeit nahm ich an einem Kurs für kreatives Schreiben teil.
Jeder Teilnehmer durfte eigene Werke vorstellen und diese wurden dann genauer unter die Lupe genommen.
Von Rechtschreibung, Grammatik etc. rede ich jetzt nicht. Die sollte natürlich stimmen. Mich beschäftigt eine andere Sache. Man sagte uns, dass es in einem Gedicht auf jedes Wort ankäme.
So wurde mir ans Herz gelegt, einige Wörter zu ändern. Ich sage es mal so. Da manche Wörter angeblich zu ausdrucksstark und manche zu ausdrucksschwach wären. Es verunsicherte mich.
Für mich ist ein Gedicht etwas Persönliches das vom Schreiber ausgeht. Es sind seine Gefühle und Gedanken. Also kann man doch nicht sagen das muss man ändern!? Natürlich vertrat ich meine Meinung. Zu hartnäckig aber nicht, da ich gegenüber einem erfahrenen Schreiber nicht respektlos erscheinen wollte.
Seit dem frage ich mich nur, ob ich mit meiner Meinung allein bin!?
Zuletzt geändert von Tine87 am 30.06.2014, 07:11, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Ein Gedicht sagt was der Schreiber fühlt!?

Beitragvon brehb » 25.06.2014, 12:58

Hallo Tine87,

du schreibst
Für mich ist ein Gedicht etwas Persönliches das vom Schreiber ausgeht. Es sind seine Gefühle und Gedanken. Also kann man doch nicht sagen das muss man ändern!?


Doch, kann man.

Jeder (frei erfundene) Text "geht vom Schreiber aus". Ein Gedicht ist da keine Ausnahme, sondern die Regel. Und genau wie "Prosa verfassen" ist "ein Gedicht machen" zu 90% Handwerk (und nur zu 10% Inspiration) Und da kann man "handwerkliche Schwächen" sehr wohl monieren. Bei einem Gedicht, bei dem es exakt um jedes einzelne Wort geht, noch mehr als bei einem Prosastück.

z.B.
So wurde mir ans Herz gelegt, einige Wörter zu ändern. Ich sage es mal so. Da manche Wörter angeblich zu ausdrucksstark und manche zu ausdrucksschwach wären

...und genau so kann es sein.

Ein Gedicht gibt vielleicht ein Erlebnis eines Autors wieder, aber für den Leser ist es etwas, das ihn animieren soll, Eigenes zu erleben (der Leser liest kein Gedicht, um einen wildfremden Autor näher kennen zu lernen, was der Autor wohl erlebt hat/ was er wohl meint/ was er wohl mitteilen möchte/fühlte. Wenn er das wollte, würde er zu dessen Memoiren greifen. Er liest ein Gedicht, weil er selbst etwas erleben will!) Und du, als der Autor, hast dich darum zu kümmern, dass der Leser etwas eigenes erleben kann. (Außer, du schreibst gar nicht für Leser, sondern für dein Nähkästchen)

"Sich kümmern" heißt dabei, einen Text so animierend zu machen, wie nur irgend möglich. Sich um Phonetik, Stil, Tropik, Komposition und Thematik bemühen, bei jedem Wort, jedem Vers, jeder Strophe und dem ganzen Text. Schließlich ist ein Gedicht "ein Kunstwerk aus Worten" und es sollte dir ein pesönliches Anliegen sein, jeweils "das Bestmögliche" zu schaffen. "Dichterische Freiheit" ist im Zusammenhang mit "Handwerk des Dichtens" ein Unwort.

LG brehb
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Re: Ein Gedicht sagt was der Schreiber fühlt!?

Beitragvon Tine87 » 25.06.2014, 18:57

Hallo brehb

Danke für deinen Beitrag und deine Meinung. :)
Mich hat einfach interessiert wie andere Leute darüber denken. Natürlich kann ich diese Meinung auch nachvollziehen. Bei Prosatexten sehe ich das nämlich genauso.
Nur ist ein Gedicht für mich eine Einladung in meine Gedanken. Da ist mir die "Dichterische Freiheit" irgendwie wichtiger.

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Re: Ein Gedicht sagt was der Schreiber fühlt!?

Beitragvon Desperado » 26.06.2014, 07:26

Ich war mal in einem Schreibworkshop, bei dem eine Teilnehmerin ein Gedicht vorlas und die Dozentin sagte, dass sie keine Gedichte beurteilen möchte. Das wäre hier nicht die richtige Plattform, da Lyrik besonderen Regeln folgt, die sich extrem von Kurzgeschichten bzw. Prosa abweichen.

Wenn du aber in einer Gruppe bist, die sich darauf spezialisiert Lyrik zu bearbeiten, würde ich die Kritik schon mal überdenken und vielleicht sogar annehmen. Es ist oft gut, von anderen gespiegelt zu bekommen, wie dein Werk wirkt. Vielleicht kommt es ja ganz anders an, als du gehofft hattest. Und vielleicht liegt das genau an ein paar wenigen Worten, die deine erzielte Wirkung zunichte machen.

Ich denke, bei Lyrik kann man tun was man will, genau wie bei Prosa (oder wie im ganzen Leben). Aber wenn man erfolgreich sein will, sollte man sich an Regeln halten ;)
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Re: Ein Gedicht sagt was der Schreiber fühlt!?

Beitragvon Tine87 » 26.06.2014, 10:56

Es war nicht direkt ein Lehrgang für Lyrik, wir haben dort so gut wie alles durchgenommen.

Es ist oft gut, von anderen gespiegelt zu bekommen, wie dein Werk wirkt. Vielleicht kommt es ja ganz anders an, als du gehofft hattest. Und vielleicht liegt das genau an ein paar wenigen Worten, die deine erzielte Wirkung zunichte machen.Ich denke, bei Lyrik kann man tun was man will, genau wie bei Prosa (oder wie im ganzen Leben). Aber wenn man erfolgreich sein will, sollte man sich an Regeln halten


Ja das ist wahr, ich habe auch einiges berücksichtigt und mitgenommen was ich dort gelernt habe.
Die Meinungen waren sehr unterschiedlich. Einigen gefielen die "besagten Worte" und anderen wieder nicht. Das ist das was ich sagen möchte. Man kann machen was man will, es wird nie jedem gefallen. Also bleibt mir ja nur, es zu schreiben wie ich es empfinde. :?

LG
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Re: Ein Gedicht sagt was der Schreiber fühlt!?

Beitragvon Desperado » 26.06.2014, 13:10

Hi Tine, bedenklich wird es nur, wenn du zum Bps. etwas tieftrauriges schreiben möchtest und die Mehrzahl der Kritiker zu grinsen beginnt, weil sie es lustig finden :D
Sprich: schreib wie es dir taugt, dann passts schon.

Bei Textkritik saugt man sich ja eh oft Kleinigkeiten aus dem Finger, weil keine Kritik ist ja auch blöd ;)
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Re: Ein Gedicht sagt was der Schreiber fühlt!?

Beitragvon Kelpie » 27.06.2014, 20:14

Hallo Tine87,

da spricht mir jemand aus dem Herz ;)
Zu Beginn meiner Zeit in der SWS habe ich einige Gedichte gelesen und kritisiert, aber richtig wohl habe ich mich nie gefühlt. Alles, was man anmerkt, ist in meinen Augen eine Präpotenz gegenüber dem Schreiber. Das ist ganz anders als bei Prosatexten, denn da kommt es auf andere Dinge an.

Seitdem kritisiere ich keine Gedichte mehr. Gerade weil sie so viele Dinge zwischen den Zeilen transportieren, erscheint es mir völlig falsch, da irgendwelche Wörter auszutauschen.

Viele Grüße,
Kelpie
Derweilen ist auf dem Feld schon alles gewachsen, bevor die wussten, warum und wie genau es gedeiht. (Franziska Alber)
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Re: Ein Gedicht sagt was der Schreiber fühlt!?

Beitragvon Milch » 28.06.2014, 17:48

Tine87 hat geschrieben:Für mich ist ein Gedicht etwas Persönliches das vom Schreiber ausgeht. Es sind seine Gefühle und Gedanken. Also kann man doch nicht sagen das muss man ändern!?


Das lyrische Ich muss nicht der Meinung des Dichters entsprechen.
Bei Gedichten geht es immer um die Form, die Gedanken und Gefühlen müssen in Form gebracht werden.
Am Ende muss das Gedicht auch den Lesern erreichen, er musst davon berührt werden,
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Re: Ein Gedicht sagt was der Schreiber fühlt!?

Beitragvon Bonaventura » 29.06.2014, 14:25

Vom Kommentieren von Gedichten lass ich auch lieber die Finger. Allerdings nur, weil ich da keine Ahnung und wenig Gespür habe, nicht, weil ich es prinzipiell nicht für sinnvoll möglich hielte.

Aber mal so ganz kybernetisch-abstrakt gesprochen: "Ein Gedicht sagt, was der Schreiber fühlt", wenn man da das "Sagen" als kommunikativen Akt auffasst, braucht es einen Sender, eine Botschaft und einen Empfänger. Wenn für den Empfänger die Botschaft nicht intelligibel ist (oder in diesem Falle nicht nachfühlbar), dann findet vielleicht auf Senderseite ein Fühlen, jedoch kein Sagen statt. Es reicht also nicht aus, dass der Sender die Botschaft so formuliert, dass er selber sie fühlt; andere müssen sie fühlen können. Da wird dann eine Rückmeldung a la "Botschaft angekommen/nicht angekommen" sinnvoll. Und da wird es auch wichtig, dass man sich ums handwerklich-Technische (aka bewährte Mittel, Botschaften intelligibel zu verpacken) kümmert.
Aber wie brehb ganz richtig sagt: Wenn einem das Sagen, das Übermitteln der Botschaft an einen Empfänger, nicht wichtig ist, braucht man sich darum nicht zu kümmern. Dann produziert man halt für die Schublade. Kann auch Spaß machen.


Und mal so ne ganz blöde Frage: Wozu soll so ein Workshop eigentlich dienen, wenn man gar keine Tips und Änderungsvorschläge annehmen will? Sollen die Teilnehmer sich da nur gegenseitig beklatschen, bzw. vom Kursleiter beklatschen lassen?
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Re: Ein Gedicht sagt was der Schreiber fühlt!?

Beitragvon Tine87 » 30.06.2014, 06:34

Danke für eure Antworten.

@ Bonaventura

Wie ich bereits geschrieben habe, habe ich sehrwohl Kritik angenommen. Beklatscht wurde dort auch niemand. Es gab dort für jeden sachliche Kritik. Nur bei dieser Sache war ich eben unsicher, wie ich darüber denken sollte.
Jeder Mensch fühlt anders, also kommt ein Gedicht nie bei jedem Menschen an.
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Re: Ein Gedicht sagt was der Schreiber fühlt!?

Beitragvon ftranschel » 30.06.2014, 08:14

Tine87 hat geschrieben:Jeder Mensch fühlt anders, also kommt ein Gedicht nie bei jedem Menschen an.


"ein Gedicht" falls nötig durch "Literatur" ersetzen, Einrahmen und jeden Tag drei, viermal in Erinnerung rufen.

Es ist nicht Deine Aufgabe etwas für alle Zugängliches zu schaffen, denn dann ist es so seicht und arm, dass es niemanden mehr zu berühren vermag. An seiner statt versuch etwas zu schaffen, das die Zeit überdauert, indem es nur einen einzigen Menschen so mächtig bewegt, dass er es niemals vergessen kann und will. Und dann noch einen. Und dann noch einen.

Vergiss nicht: Für jeden, der es vergöttert, finden sich mindestens zwei, die es abgrundtief hassen. Doch auch denen ist es nicht gleichgültig - auch die hast Du dazu gebracht, etwas zu fühlen. Jetzt hast Du schon drei Menschen innerlich bewegt. Das wolltest Du doch?
Werke: F.W.G. Transchel - Um die Monde von Nibia, durch den Antares-Mahlstrom und zurück

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Re: Ein Gedicht sagt was der Schreiber fühlt!?

Beitragvon Tine87 » 30.06.2014, 09:57

@ ftranschel

Das hast du schön geschrieben.
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