[Krimi]Ein Killer auf freiem Fuß [1/2]

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[Krimi]Ein Killer auf freiem Fuß [1/2]

Beitragvon rental » 16.12.2014, 04:00

Guten Morgen,
ich habe mich hingesetzt und diese Geschichte aufgeschrieben. Sie ist spontan entstanden, während ich mir Lazerhawks neustes Album als Inspiration angehört habe. Die Story wurde also in ca. anderthalb Stunden erfunden und niedergeschrieben, als Fingerübung. Mich nimmt es hauptsächlich wunder, ob die Dialoge funktionieren, weil sie der zentrale Teil der Geschichte sind. Bin aber auch sonst für jeden Hinweis dankbar. Konstruktive Kritik ist immer gerne gesehen 8) Auch wenn ich nicht immer sofort auf einen Kommentar antworte, kann ich doch aus jedem etwas herausziehen, das mich weiterbringt. Vielen Dank und viel Spass!






Das Telefon klingelt.
Rachel legt ihr Buch zur Seite und nimmt den Hörer ab.
„Hallo?“
„Rachel“, eine männliche Stimme, sie klingt gehetzt. „Hör mir zu.“
„Wer ist da?“
„Ich bin’s, Ralphie.“
Ihr Blut gefriert zu Eis, die Hand verkrampft sich am Plastik des Hörers.
„Ralph …“
„Leg jetzt nicht auf“, fleht die Stimme. „Bitte hör mir zu.“
Stumm schüttelt sie den Kopf, will auflegen, aber der Schrecken lähmt sie. Nackte Angst lässt ihr Herz schneller pumpen. Unfähig etwas anderes zu tun, lauscht sie.
„Ich stecke ganz gewaltig in der Klemme.“
Sie kann seinen rasselnden Atem hören.
„Kannst du dir vorstellen, was passiert ist? Was ich hier gerade tue? Es ist verrückt!“
Nervosität und blankes Entsetzen spricht aus seiner Stimme.
„Ralph, ich lege jetzt …“
„Leg nicht auf!“, plappert er hysterisch drauflos. „Leg nicht auf, oder jemand stirbt! Vor mir kniet ein Mann, ich halte eine Pistole an seinen Hinterkopf! Leg auf und ich erschieße ihn!“
„Was …“
„Du kennst ihn. Es ist Pete. Vom Diner.“
„Ich verstehe nicht …“
„Dann will ich es dir erklären! Ich bin nicht, was du denkst! Ich bin kein Monster, Rachel! Du musst herkommen und es ihnen sagen!“
Sie kriegt keinen Laut aus ihrer staubtrockenen Kehle.
„Ich bin nicht der Sexkiller! Du hast dich geirrt! Es war alles nur ein blöder Irrtum! Du musst es ihnen sagen, Rachel, bitte!“
Ihre Hände sind schweißnass und zittern. Sie ist den Tränen nahe.
„Sie haben den Brief gefunden, Ralph. Sie haben den Brief am Tatort gefunden … Den Brief, den ich …“
„Er wurde mir gestohlen! Du musst mir das glauben. Er wurde mir gestohlen und extra dort platziert!“
Nur sein unregelmäßiger Atem hallt in ihrem Kopf, als würde er nach Luft schnappen, wie ein Fisch auf dem Trockenen.
„Du weißt, dass ich deinen Brief immer bei mir trage. Wir kennen uns schon so lange. Deinen ersten Liebesbrief … Ich würde ihn nie hergeben! Aber er wurde mir entwendet! Bitte glaub mir! Ich könnte dir niemals so etwas antun! Dir nicht und auch niemand anderem!“
Er klingt immer verzweifelter, seine Worte jagen Schauer über Rachels Rücken. Sie fühlt sich, als stünde sie unter einer Dusche, aus der eiskaltes Wasser auf sie hinunterspritzt. Sie schluckt und versucht zu sprechen, aber es klingt jämmerlich.
„Ich habe dich gesehen …“
„Nein!“, fällt er ihr kreischend ins Wort. „Nein! Du hast mich nicht gesehen, ich war nicht da! Es war jemand anderes! Jemand der mir zum Verwechseln ähnlich sehen muss! Ich war es nicht! Du musst es ihnen sagen!“
Sie schluchzt einige Male in die Sprechmuschel, kann sich aber gerade noch davon abhalten, in einen Weinkrampf auszubrechen. Ein stilles Grauen schleicht sich in ihre Eingeweide. Sie fühlt jeden Herzschlag wie ein gewaltiges Pochen, das ihre Welt erschüttert.
„Warum tust du mir das an?“, fragt sie leise und zittrig.
Einen Moment herrscht Stille.
„Ich war es nicht! Der Killer trägt eine Maske! Er trägt diesen Kartoffelsack über dem Kopf! Du hast sein Gesicht nicht gesehen! Du kannst dir gar nicht sicher sein, dass ich es bin!“
Plötzlich weint sie hemmungslos. Ihre Angst frisst sie auf.
„Komm her und sag es ihnen!“, schreit er ins Telefon und ist jetzt auch den Tränen nahe. „Du musst es ihnen sagen!“
„Ralph, wo bist …“
„Ich bin im Diner! Ich habe … ich habe etwa an die zehn Leute in meiner Gewalt. Ich will diesen Menschen nichts tun, Rachel, das weißt du! Aber du musst herkommen, jetzt sofort!“
„Ich glaube dir nicht … ich kann dir nicht vertrauen …“
„Du musst! Sie werden mich erschießen! Die Polizei hat das Diner umstellt und die werden mich einfach abknallen!“
Rachel atmet tief durch, zwingt sich zur Ruhe. Ihre Gedanken drehen sich wie ein Karussell, eine endlose Spirale. Ruhig, flüstert sie sich selbst zu. Beruhige dich, es wird sich alles aufklären.
„Was ist passiert, Ralphie?“
Sie spricht ihn mit seinem Kosenamen an, um Vertrauen vorzutäuschen.
„Ich …“, er stockt, beginnt von vorne. „Ich war im Wald, beim alten Schießplatz. Habe auf Büchsen geschossen. Du weißt, dass ich das manchmal tue. Du warst oft genug mit mir dort.“
Sie scheint eine beruhigende Wirkung auf ihn auszuüben, seine Stimme überschlägt sich nicht mehr. Trotzdem ist er weit davon entfernt, ruhig zu sprechen.
„Dann ist die Polizei aufgetaucht. Sie sagten mir, ich solle die Arme hochnehmen mich auf den Boden legen. Sie sagten, sonst würden sie schießen. Ich hatte Panik, konnte mich nicht mehr kontrollieren, bin weggerannt. Durch den Wald, der Schneefall raubte mir die Sicht, aber ich rannte weiter, immer weiter. Sie schossen auf mich, eine Kugel streifte mein Bein, aber ich bin weitergerannt. Die haben mich gejagt wie einen Hund. Bis zu Petes Diner an der A57.“
Er macht eine Pause, verschnauft.
„Jetzt bin ich hier drin und bedrohe all diese Menschen! Ich will das nicht tun. Ich habe schreckliche Angst, Rachel.“
„Es tut mir leid …“
„Du hast ihnen gesagt, ich wäre der Sexkiller!“, schreit er fassungslos. „Wie könnte ich drei Frauen umbringen?! Du kennst mich! Ich kann das nicht! Ich bin kein Vergewaltiger! Komm her und sag es ihnen! Das alles ist ein Alptraum, ein schrecklicher Irrtum!“
„Ralph, es passt alles zusammen“, schluchzt sie ihn das Telefon. „Der Brief. Deine Statur. Die Kleidung. Seine Bewegungen. Der Killer trug selbst die gleiche Daunenjacke, die du bestimmt auch jetzt wieder anhast. Diese rote …“
„Bitte“, flüstert er mit vor Grauen verzerrter Stimme. „Bitte, du musst mir glauben. Ich war es nicht.“
Sie hört eine zweite Person aus dem Hörer sprechen, sie klingt mechanisch, gedämpft.
„Das ist die Polizei! Jemand spricht in ein Megafon. Sie sagen mir, ich solle die Pistole weglegen und mich ergeben. Bitte komm her, Rachel. Sie werden mich töten!“
„Nein … das werden sie nicht, leg dich einfach …“
Etwas lenkt sie ab, reißt sie aus ihrer Schockstarre. Da war ein Geräusch! Es klang wie zerberstendes Glas. Angestrengt lauscht sie, ihre Nervenenden sind zum Zerreißen gespannt. Ganz deutlich hört sie, wie unten die Küchentür aufgeht. Das Quietschen der alten Scharniere ist unverkennbar. Jemand ist in ihrem Haus! Sie hört Tritte auf der Treppe. Hochkommend. Näherkommend. Unaufhaltsam.
„Jemand ist hier, Ralphie“, flüstert sie entsetzt. „Jemand ist in meinem Haus.“
„Was?!“, fragt er völlig entgeistert.
Die Schritte kommen näher, der Holzboden ächzt unter ihnen. Vor der Tür ihres Schlafzimmers verharren sie. Einen Moment lang herrscht Totenstille, als wären alle Geräusche dieser Welt abgestorben. Selbst ihr eigener Herzschlag setzt für einen kurzen Moment aus. Dann öffnet sich die Tür.

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Re: Ein Killer auf freiem Fuß [1/2]

Beitragvon Robin Schreibt » 11.02.2015, 20:45

Hi rental,

hab grad auch den zweiten Teil gelesen, aber möchte meine Anregungen auf den ersten begrenzen. Was ich sage ist natürlich alles mein Geschmack und mein Verständnis. Also sieh es einfach als eine von verschiedenen Perspektiven.

Erstmal muss ich sagen dass ich dem ersten Kommentator nicht zustimme: Wenn ich deine Geschichte richtig verstehe war Ralphie in Rachel verknallt. Und dann entkommt sie dem Angriff eines Serienvergewaltigers/Mörders. Und glaubt Ralphie ist es. Was? Erschrecken? Nervös mit dem Telefonkabel spielen? Also meiner Meinung nach MUSS ihr Blut gefrieren (könnte man durchaus noch anders ausdrücken, die Formulierung ist halt ein evergreen. Aber man muss ja nicht nur evergreens spielen ;) ), weil sie sonst sofort auflegen würde. Oder sie ist VERDAMMT abgebrüht. Kann natürlich auch sein.

Aber egal wie, nach der Vorgeschichte finde ich die Frage "Wer ist da?" sehr unglaubwürdig. Vor allem eben wenn sie ihn für einen Killer hält und keine abgebrühte ExNavySealin ist. Dann wird seine Stimme sie vermutlich sogar das ein oder andere Mal in ihren Träumen heimgesucht haben.
Damit müsste aber eine Begründung her warum sie ihm weiter zuhört. Ich glaube der Schock reicht höchstens bis zu "Kannst du dir vorstellen was passiert ist?" etc. Spätestens da braucht sie eine Motivation. Panik reicht nicht mehr. Liebe? Möglich, aber kitschig. Ich würd sie vielleicht ausrasten lassen ihm an den Kopf schmeißen lassen, dass er auf ewig ins Kittchen geht, etc. Das wäre dann die Motivation Rache, oder das Loswerdenwollen der Panik. Da könnte er sie fangen mit einem Detail, dass sie doch an der Version der Polizei zweifeln lässt.
Aber das führt zu weit, es ist deine Geschichte. Was ich nur damit sagen will ist, dass die krasse Spannung am Anfang kein Problem ist. Dass du eine Spannungskurve etablierst heißt nicht, dass du ein und dasselbe Ding durchziehst. Stichwort: andere Farben. Drehpunkte. Beispiel: Am Anfang Panik, ein Satz zuviel von ihm, zack Agression, er wirft ein Detail an dass sie zweifeln lässt, zack der Kampf zwischen Wut und Mitgefühl (was ist wenn es wahr ist? habe ich einen Unschuldigen in eine Verdachtssituation gebracht?), etc. Damit erhälst du die Spannung locker aufrecht bis die Bullen kommen und der Killer einbricht.

Schlusssatz: Was mir am wenigsten gefällt ist wenn der Autor versucht mit besonders vielen starken, harten Formulierungen eine Spannung künstlich hochzuhalten. Wenn die Spannung aus der Handlung und dem Aufeinanderprallen der Figuren entspringt ist es mir wesentlich lieber.

So. Dies ist mein Senf. Bon Appetit!
Robin Schreibt
 
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Re: Ein Killer auf freiem Fuß [1/2]

Beitragvon rental » 13.02.2015, 18:52

Hallo Robin,

vielen Dank für deine Rückmeldung. Ich finde deine Meinung zu meinem Text sehr interessant und bietet mir einen weiteren Anhaltspunkt, wie die Geschichte auf meine Leser wirken kann. Jedenfalls sprichst du ein paar Dinge an, die ich sehr gut nachvollziehen kann.

Erstmal muss ich sagen dass ich dem ersten Kommentator nicht zustimme: Wenn ich deine Geschichte richtig verstehe war Ralphie in Rachel verknallt. Und dann entkommt sie dem Angriff eines Serienvergewaltigers/Mörders. Und glaubt Ralphie ist es. Was? Erschrecken? Nervös mit dem Telefonkabel spielen? Also meiner Meinung nach MUSS ihr Blut gefrieren (könnte man durchaus noch anders ausdrücken, die Formulierung ist halt ein evergreen. Aber man muss ja nicht nur evergreens spielen ;) ), weil sie sonst sofort auflegen würde.

Du hast es erkannt, genau so wollte ich das rüberbringen! 8) Und Rachels Verdacht kommt daher, dass der Brief am Tatort gefunden wurde und sie dem Täter somit begegnet ist, weshalb sie auch die die Dinge aufzählt mit der Statur, den Bewegungen und der Kleidung des Killers, welche mit Ralphies praktisch identisch sind.

Aber egal wie, nach der Vorgeschichte finde ich die Frage "Wer ist da?" sehr unglaubwürdig.

Da hast du vollkommen recht. Sie müsste seine Stimme sofort erkennen.

Ich würd sie vielleicht ausrasten lassen ihm an den Kopf schmeißen lassen, dass er auf ewig ins Kittchen geht, etc. Das wäre dann die Motivation Rache, oder das Loswerdenwollen der Panik. Da könnte er sie fangen mit einem Detail, dass sie doch an der Version der Polizei zweifeln lässt.
Aber das führt zu weit, es ist deine Geschichte.

Eine gute Idee. Finde nicht dass das zu weit geht :D Danke für diesen Input!

Den Schluss finde ich gelungen und möchte ihn so belassen. Trotzdem nett, dass du dir da Gedanken dazu gemacht hast.

So. Dies ist mein Senf. Bon Appetit!

Nochmals vielen Dank!

LG,
rental
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Re: Ein Killer auf freiem Fuß [1/2]

Beitragvon Robin Schreibt » 13.02.2015, 22:08

Mir ist grad aufgefallen, dass etwas ein Bisschen missverständlich war. Das Schlusssatz war mein Schlusssatz, ein Gedanke der mir noch kam, und bezog sich nicht auf deinen Schlusssatz ;)
Robin Schreibt
 
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