[Humor]Ein kurzes Treffen mit Shakespeare

Komödie, Satire, Parodie

[Humor]Ein kurzes Treffen mit Shakespeare

Beitragvon Curiosus » 12.07.2014, 21:14

Ich sitze vor einem leeren OpenOffice Dokument. Meine Finger verharren regungslos über den Tasten, warten nur auf die Eingebung.
Gleich! Gleich hab ich es. Die Idee, den Einfall! Den genialen Plan!
Ich warte weiter.
Meine linke Hand verlässt die Tastatur und will nach einem Glas greifen. Halt! Das geht so nicht! Was wäre, wenn sich in eben diesem Moment der Faden, der die Welt zusammenhält, vor mir entrollt? Und ich, nichtsahnend am Glas nippend, diese Offenbarung nicht dokumentieren könnte?
Also bleibe ich still, blicke meine Hand tadelnd an, wie kann sie nur so verantwortungslos sein, und warte.
Ich warte weiter.
Ich spüre es, ich nähere mich meinem Ziel. Bald schon werde ich ihm einen großen Schritt näher gekommen sein. Hach, wie berauschend die Kreativität ist, die durch meine Adern strömt.
Die Sekunden verstreichen und werden zu Minuten. Neben mir tickt eine Uhr.
Tick... Tack... Tick... Tack...
Langsam wird’s. In Gedanken klopfe ich mir anerkennend auf die Schulter, anders geht es ja nicht, meine Hände müssen bereit sein.
Ich bin ein Dichter, nein, ein Gott! Hört ihr nicht all die epochalen Verse, die aus meinen Fingern strömen? Lauscht ihr nicht den sagenumwobenen Geschichten gigantischen Ausmaßes, die meinen Gehirnwindungen entspringen?
Nein?
Ich auch nicht.
Deswegen warte ich. Irgendwann muss sie ja kommen, die Eingebung.
In Gedanken schwebe ich schon bei Goethe und Schiller, sage freundlich Kant Guten Tag und setze mich neben Shakespeare. Ach ja, der gute alte William. Ich nicke ihm wohlwollend zu. Ich hätte ihm ja ebenfalls auf die Schulter geklopft, aber meine Hände werden gebraucht, schließlich sitze ich schon eine ganze Weile hier und gleich wird es so weit sein.
Ich warte.
Was werde ich wohl den ganzen Verlagen sagen, die gierig nach meinem Meisterwerk schnappen? Hoffentlich kann ich den Richtigen unter allen auswählen, man will ja nur das Beste für seine Genialität.
Und das Cover? Eher mystisch und spannend oder doch ruhig und anregend?
Was ich mit dem Geld machen werde? Da gibt es so viel …
Ich warte.
Mittlerweile bin ich enttäuscht, da kommt ja gar nichts. Rein gar nichts!
Gelangweilt blicke ich den Bildschirm des Pc's an. Das leere Dokument mustert mich verächtlich.
Genervt bewege ich den Zeiger zum roten Feld in der Ecke und schließe das Programm. Schreiben ist sowieso langweilig und überhaupt, das hätte eh keiner zu würdigen gewusst.
Naja, egal, werde ich eben Schauspieler.
Zuletzt geändert von Curiosus am 13.07.2014, 16:01, insgesamt 4-mal geändert.
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Re: Die Eingebung

Beitragvon Einsiedler » 12.07.2014, 21:53

Uff, da will einer Schauspieler werden.
Ist er das nicht schon? Und wenn ja, ein Dichter, na sowas.
Doch nun mal ernsthaft zur Sache.

Und schon schwirrt mir ein Fehlerchen entgegen
Den geniale Plan!
Entweder "Der geniale Plan" oder "Den genialen Plan"

Überlege bitte ob die Uhr auch ohne "Tick Tack Tick Tack." tickt und statt dessen eine Leerzeile den Leser aufhorchen lässt.
die meinen Gehirnwindungen entspringen?
Irgendwie sind die Gehirnwindungen abgenutzt. Mir kam die Idee und ich frage: Wie wäre es mit - Die aus meinem Geist rauschen.
Das leere Dokument scheint mich verächtlich zu mustern.
Wieso scheint? Damit verniedlichst du alles, was du bisher kraftvoll aufgebaut hast. Du solltest zu dem stehen, was da gerade geschah und schreiben: "Das leere Dokument mustert mich verächtlich."
und überhaupt, das hätte eh keiner zu würdigen gewusst.
Richtig - wieso die Perlen vor die Säue werfen? Dann lieber ein weißes Blatt verabschieden und jeder kann sich denken was er will - soll er doch.
Schmuzelnd grüßt der Einsiedler

Die Schreibwerkstatt kommt wieder! Sag mir Bescheid!

habe Einfälle wie ein altes Haus, nur nicht so schnell.
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Re: Die Eingebung

Beitragvon Curiosus » 13.07.2014, 11:06

Vielen Dank Einsiedler,
schön,dass du dich auch an diesen Text gemacht hast. :)
Die angemerkten Fehler habe ich entfernt.
Freut mich, dass der Text dich zum schmunzeln gebracht hat. :)
Lg Curiosus
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Re: Die Eingebung

Beitragvon Schnuddel » 13.07.2014, 12:55

Hallo Curiosus,

ich habe schon ewig keinen Text mehr kommentiert, aber deiner hat mich angesprochen. Er ist wirklich gut zu lesen, hat mir sehr gefallen :mrgreen: , und es gibt ein paar Dinge, die ich dir vorschlagen möchte.

Die Idee, den Einfall! Den genialen Plan!

Das hat mir gut gefallen. Schöne Steigerung.

Was wäre, wenn sich in eben diesem Moment der Faden, der die Welt zusammenhält Komma vor mir entrollt?

Dieses Bild gefällt mir persönlich nicht so ganz... Ich habe bei dieser Beschreibung ein Paket vor Augen, oder eine Art Wollknäuel. Wenn sich dann der Faden entrollt, fällt die Welt auseinander. Hört auf zu existieren. Ich weiß, was du mit diesem Bild sagen willst, aber irgendwie stimmt der Vergleich für mich nicht so ganz. Da könntest du noch mal drüber nachdenken.

wie kann sie nur so unverantwortungsbewusst sein,

schöne Wortkreation. Doch ich musste sie zweimal lesen: was für ein Ding? Dafür gibt es einen akzeptierten Ersatz: verantwortungslos. :lol: (bin mehr für die kürzeren Worte)

Ich spüre es, ich nähere mich meinem Ziel. Bald bin ich ihm schon einen großen Schritt näher gekommen.

Tempus! Ich weiß zwar, dass allgemein Futur zwei aus der Mode kommt, aber Perfekt passt nicht für eine Begebenheit, die in der Zukunft stattfindet. Für eine Situation, die in der Zukunft stattfindet und abgeschlossen wird, braucht man Futur zwei.
Darf ich den Satz korrigieren? (Und ein wenig umstellen?)
Bald schon werde ich ihm einen großen Schritt näher gekommen sein.

Die Sekunden verstreichen und werden zu Minuten.

Viele Sätze gewinnen, wenn man sie kürzt. Auch wenn man das in der Version schon viele Male gelesen hat, es klingt kürzer einfach besser:
Sekunden werden Minuten. (nur ein Vorschlag. Du darfst natürlich anderer Meinung sein)

Langsam wird’s, in Gedanken klopfe ich mir anerkennend auf die Schulter, anders geht es ja nicht, meine Hände müssen bereit sein.

Aus diesem Satz würde ich drei machen. Lies ihn mal laut. Ich gehe nach: Langsam wird's mit der Stimme runter. Das ist eine fertige Aussage, die keines Nebensatzes bedarf. Also Punkt.
Dann folgt ein Hauptsatz mit zwei Nebensätzen, was sich unschön liest. Entweder würde ich den ersten Nebensatz streichen, das klingt dann so: In Gedanken klopfe ich mir anerkennend auf die Schulter, weil meine Hände bereit sein müssen. Aber das liest sich ebenfalls merkwürdig: der kausale Zusammenhang wird nicht klar.
Oder du machst nach Schulter einen Punkt. Dann hätte ich nach dem ersten Satz kein Komma, sondern einen Doppelpunkt gesetzt. Doppelpunkt heißt: hier folgt die Erklärung zu dem, was ich vorher ausgeführt habe. Ein Doppelpunkt zieht den Leser weiter durch den Text, und sollte ab und zu verwendet werden.
Denn du sagst im ersten Satz etwas, das im zweiten erklärt wird.
Anders geht ja nicht: meine Hände müssen bereit sein.

Hört ihr nicht all die epochalen Verse, die aus meinen Fingern strömen?

Das erinnert mich ein wenig an den schönen Satz aus Ghostbusters: Seid mal still, ich rieche etwas. :mrgreen:
Kurz, das Bild passt auch nicht so ganz. Aber da kann ich dir im Augenblick auch keinen Vorschlag machen. Da solltest du noch mal drüber nachdenken.

Nein?
Ich auch nicht.

Schöne Stelle. :2thumbs:

Ich hätte ihm ja auch auf die Schulter geklopft, aber meine Hände werden gebraucht,

Das ist eine unschöne Redundanz des gleichen Bildes. Ein wenig mehr Kreativität, junger Meister! :lol:

Mittlerweile bin ich enttäuscht, da kommt ja gar nichts. Rein gar nichts!

Die Enttäuschung solltest du noch ein wenig mehr ... ausmalen. Nicht nur behaupten. Wie bist du enttäuscht, was machst du, wie fühlst du dich?

Gelangweilt blicke ich den Bildschirm des Pc's an. Das leere Dokument mustert mich verächtlich.

An dieser Stelle würde ich im Bild bleiben. Du starrst den Bildschirm an, aber das Dokument starrt zurück. Entweder starrst du das leere Dokument an, oder der Bildschirm starrt zurück. Ich weiß nicht, ob das jetzt verständlich war. :roll:

Genervt wandert der Zeiger zum roten Feld in der Ecke und schließt das Programm.

Plötzlich schiebst du die Handlung von deinem 'Ich' weg und überlässt sie dem Zeiger. Das wirft mich ein wenig aus der Bahn. Ich würde beim 'Ich' bleiben.

So, das waren meine Anmerkungen zu deinem Text. Er liest sich sehr gut, sehr flüssig. Er war nicht direkt komisch, aber zum Schmunzeln. Da steckt Potential dahinter. :2thumbs:
Meine Anmerkungen sind nur meine persönlich Meinung. Mach damit, was du willst.

Liebe Grüße
Schnuddel
Was sich leicht liest, war harte Arbeit.
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Re: Die Eingebung

Beitragvon Aikaterini » 13.07.2014, 13:30

Fantasy, Nachdenkliches und jetzt auch noch Lustiges! :D Du bist ganz schön vielfältig!

Ich sitze vor einem leeren OpenOffice Dokument.

Das OpenOffice würde ich streichen. Der Leser versteht im nächsten Satz durch die Tastatur, dass der Prota vor dem Computer sitzt. Du könntest auch hinzufügen, um es zu verdeutlichen: "Der Bildschirm taucht mich in sein kaltes / weißes Licht, ringsumher schwarz." Oder so ähnlich :wink: Muss aber nicht. Aber das OpenOffice das stach mir richtig ins Auge.

verharren regungslos

Unter verharren stelle ich mir stets regungslos vor. Ich würde es streichen.

warten nur auf die Eingebung. Gleich! Gleich hab ich es. Die Idee, den Einfall!

Hier stört mich das es. Erst sagst du die Eingebung. Also müsste es folglich heißen, gleich habe ich sie. Oder du beziehst dich auf die folgende Idee. Dann müsste es auch sie heißen. Selbst wenn den Einfall meinst, müsste es dann ihn heißen. Aber es? Es was?

will nach einem Glas greifen.

Hier würde mir besser gefallen, streckt sich nach dem Glas aus.

Das geht so nicht.

Dieser Einwurf gefällt mir so nicht.

Was wäre, wenn sich in eben diesem Moment der Faden, der die Welt zusammenhält (Komma) vor mir entrollt?


hilflos

Äh hilflos? Warum denn hilflos? Eher gedankenlos / genüsslich / nichtsahnend. Aber das hilflos verstehe ich nicht an dieser Stelle.

blicke meine Hand böse an,

Böse würde mir nur in einem Kinderbuch gefallen. Wie wäre es mit: feindselig, tadelnd?

unverantwortungsbewusst

Sag mal drei Mal schnell hinter einander: unverantwortungsbewusst, unverantwortungsbewusst, unverantwortungsbewusst! Puh! Ich bin nicht einmal 100% sicher, ob es das Wort überhaupt gibt? In der Regel benutze stets ein kürzeres Wort, wenn möglich. Also wieso nicht einfach: verantwortungslos? Oder leichtsinnig?

Bald bin ich ihm schon einen großen Schritt näher gekommen.

Hier würde ich das Füllwort schon streichen. Und die Zeit passt nicht. Bald schon werde ich ihm einen großen Schritt näher gekommen sein.

Hach, wie erfrischend die Kreativität ist, die durch meine Adern strömt.

Ich weiß ja nicht, wie es dir geht :D , aber ich empfinde Kreativität nicht als erfrischend. Eher als betörend, berauschend, erquickend von mir aus noch. Aber erfrischend? Kreativität ist doch keine Fanta. :wink:

Tick Tack Tick Tack.

Wenn ich das so lese, dann ganz schnell tick tack tick tack, ohne Komma ohne Punkt. Vielleicht ist das deine Absicht. Wenn du es eher langsamer haben willst, wie das Ticken eines Sekundenzeigers, würde ich schreiben: Tick... Tack... Tick... Tack...

Langsam wird’s, in Gedanken klopfe ich mir anerkennend auf die Schulter, anders geht es ja nicht, meine Hände müssen bereit sein.

Das ist mir jetzt ein wenig zu viel auf einmal. Vor allem weil jeder Satzteil ohne Zusammenhang steht. Vielleicht nach dem "Langsam wird´s einen Punkt oder ganz streichen. Und das "anders geht es ja nicht" mit "meine Hände müssen bereit sein" tauschen.

Ich bin ein Dichter, nein, ein Gott!

Jetzt fängt es an größenwahnsinnig zu werden, ab jetzt ist dein Text Gold!

Nein?
Ich auch nicht.

Hier habe ich das erste Mal auflachen müssen. :lol:

Deswegen warte ich.

Das "Deswegen" gefällt mir nicht. Ich würde den wiederholten Satz verwenden: Ich warte weiter. Klingt rhytmischer.

Deswegen warte ich. Irgendwann muss sie ja kommen, die Eingebung.

Hier Mal wieder ein Füllwort, was mir missfält.

Was werde ich wohl den ganzen Verlagen sagen, die gierig nach meinem Meisterwerk schnappen.

Hier habe ich mich fast nicht mehr auf dem Stuhl gehalten. Einzig fehlt hier ein Fragezeichen.

Was ich mit dem Geld machen werde?

Mir würde besser gefallen: "Und was mache ich erst mit dem ganzen Geld?"
Auch hier musste ich lachen, wo doch geschätze 50 Autoren in Deutschland nur vom Schreiben leben können.

Rein gar nichts!

Ich finde es würde den Satz stärken, wenn du das "rein" streichst.

Gelangweilt blicke ich den Bildschirm des Pc's an.

Das letzte würde ich streichen, da ist offensichtlich.

Das leere Dokument mustert mich verächtlich.

Gut, dass du das schien gestrichen hast! :wink:

Genervt wandert der Zeiger zum roten Feld in der Ecke und schließt das Programm.

Anstatt genervt wandert zu schreiben, könntest du ein stärkeres Verb benutzen, dass dies veranschaulicht. Beispielsweise: Der Mauszeiger schwenkte / sauste / rückte / huschte.

Naja, egal, werde ich eben Schauspieler.

Der letzte Satz, genial! :XD:

Allerdings würde ich den Titel ändern, weil er ein wenig irreführend ist. Beim Titel hätte ich so einen Text nicht erwartet. Vielleicht nennst du ihn in "Größenwahnsinn" um?
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Re: Die Eingebung

Beitragvon Curiosus » 13.07.2014, 15:59

Dankeschön an euch beide Schnuddel und Aikaterini!

An einigen Stellen konntet ihr mir wirklich viel helfen!
Es freut mich, dass es euch wenigstens ein bischen gefallen hat. :)

lg Curiosus

P.S: Mal sehen, wie ich es umbenenne ... :)
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Re: Ein kurzes Treffen mit Shakespeare

Beitragvon Yllen07 » 10.08.2014, 22:24

Eine interessante Geschichte, in der ich mich sofort wieder erkannt habe. Ich habe an einigen Stellen ziemlich geschmunzelt. Toll geschrieben. Aber auch von mir einige Anmerkungen:

Curiosus hat geschrieben:Ich sitze vor einem leeren OpenOffice Dokument.

Ich schließe mich meinem Vorredner an: Das OpenOffice Dokument stört irgendwie. Man bleibt regelrecht daran hängen. Vllt. kannst du daraus wirklich einen "Bildschirm" oder ein "makelloses Weiß" oder "leere Seite" oder oder oder machen.

Curiosus hat geschrieben:Gleich! Gleich hab ich es. Die Idee, den Einfall! Den genialen Plan!


Hier stimme ich meinem Vorredner nicht zu. Ich würde es aber dennoch ändern. Wie wäre es mit: "Die Idee, den Einfall, den genialen Plan!"

Curiosus hat geschrieben: Also bleibe ich still, blicke meine Hand tadelnd an, wie kann sie nur so verantwortungslos sein, und warte.


Sehr schön. Wirklich! Diese verantwortungslose Hand gefällt mir unglaublich gut. Aber: ich würde den Satz ein wenig umstellen. "Also bleibe ich still, blicke meine Hand tadelnd an. Wie kann sie nur so verantwortungslos sein? Und ich warte." Ich finde, wenn die Frage bezüglich der Verantwortung deiner Hand ein eigener Satz ist, kriegt das ganze noch mehr Leben.

Curiosus hat geschrieben: Die Sekunden verstreichen und werden zu Minuten. Neben mir tickt eine Uhr.
Tick... Tack... Tick... Tack...


Hier würde ich auch ändern. Erstmal: "Die Sekunden versteichen, werden zu Minuten." Fände ich persönlich irgendwie angenehmer zu lesen. Das "Tick... tack..." stört mich nicht unbedingt. (Btw: vor die drei Punkte gehört ein Leerzeichen, habe ich mir sagen lassen) Vielleicht kannst du aber an dem Uhren-Satz etwas arbeiten. Ersetze das Ticken der Uhr durch die pure Wahrnehmung der Uhr. Du siehst sie oder ihr zermürbendes Geräusch drängt sich in dein Ohr.

Curiosus hat geschrieben:Ich bin ein Dichter, nein, ein Gott! Hört ihr nicht all die epochalen Verse, die aus meinen Fingern strömen? Lauscht ihr nicht den sagenumwobenen Geschichten gigantischen Ausmaßes, die meinen Gehirnwindungen entspringen?
Nein?
Ich auch nicht.


Hier will ich absolut nichts Negatives dazu sagen, denn die Textpassage gefällt wirklich wahnsinnig gut.

Curiosus hat geschrieben:Deswegen warte ich. Irgendwann muss sie ja kommen, die Eingebung.


Hier würde ich der Eingebung noch ein wenig mehr Ausdruck schenken. Ist das nur eine Eingebung oder ist das vllt. die alles verändernde, bahnbrechende Eingebung, die alle großen Autoren und Schriftsteller in den Schatten stellt?

Curiosus hat geschrieben:In Gedanken schwebe ich schon bei Goethe und Schiller, sage freundlich Kant Guten Tag und setze mich neben Shakespeare. Ach ja, der gute alte William. Ich nicke ihm wohlwollend zu. Ich hätte ihm ja ebenfalls auf die Schulter geklopft, aber meine Hände werden gebraucht, schließlich sitze ich schon eine ganze Weile hier und gleich wird es so weit sein.


Hier würde ich auch die Sätze voneinander trennen. "... werden gebraucht. Schließlich sitze ich..."

Curiosus hat geschrieben:Hoffentlich kann ich den Richtigen unter allen auswählen, man will ja nur das Beste für seine Genialität.


Dieses "Auswählen können" erweckt eher den Eindruck von "wenn ..., dann ...". In Erwartung dessen, dass sich aber alle Verlage die Finger nach deinem Meisterwerk lecken werden, würde ich den Satz anders schreiben. "Hoffentlich wähle ich den Richtigen aus. Man will ja nur ..."
Zumal du ja dann auch beim Geld wieder davon sprichst, dass du es definitiv haben wirst.

Curiosus hat geschrieben:Gelangweilt blicke ich den Bildschirm des Pc's an. Das leere Dokument mustert mich verächtlich.

Hier bin ich auch etwas irritiert. Blickt man wirklich gelangweilt auf einen Bildschirm, wenn man verächtlich gemustert wird? Da solltest du nochmal umbauen.

Curiosus hat geschrieben:Naja, egal, werde ich eben Schauspieler.


Das solltest du unbedingt NICHT tun. Ich finde es nämlich wirklich toll, was du geschrieben hast. *zwei Daumen hoch halt* Und: Ein wirklich schöner Schlusssatz.

LG von einer begeisterten Yllen
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wo wir am tiefsten fühlen, sind wir in größter Gefahr. (Fröhlich)
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Re: Ein kurzes Treffen mit Shakespeare

Beitragvon Curiosus » 11.08.2014, 11:04

Hallo Yllen,

Schön, dass es dir gefallen hat und danke für deinen Kommentar.
Mal sehen, was ich von den Anmerkungen übernehme. :)

Lg Curiosus

PS: Keine Bange, Schauspieler werde ich nicht. :D
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Super gelungener Text ;-)

Beitragvon unasmera » 13.08.2014, 15:17

Hi Curiosus,
ich hab jetzt einfach mal so rumgeschmökert und deinen Text gefunden. Ich finde ihn eigentlich so gut wie perfekt, aber ich hoffe ich finde trotzdem noch so viel zum rein schreiben, das der Kommi nicht als zu unkonstruktiv gewertet wird und gelöscht wird :( :wink:
Ok fangen wir an...
Hab schon lang nichts mehr auf der Seite gemacht, also nicht wundern wenn irgendein Wirrwarr raus kommt :lol:

Schreibstil
Ich finde deinen Schreibstil super! Es macht wirklich total Spaß ihn zu lesen und man bekommt richtig Lust auf mehr. Du schreibst ziemlich flüssig so das man auch niergends irgendwie hängen bleibt. Du schreibst auch in einer sehr formellen Sprache, was ich persönlich jetzt auch gar nicht so könnte, was dem ganzen irgendwie Stil verleiht.

Story
Dazu gibt es ja jetzt nicht so viel zu sagen. Ich finde die Geschichte einfach total lustig und gut gelungen. Die innere Handlung bringst du auch besonders gut raus. Das er die ganze Zeit auf einen genialen Gedanken wartet und immer denkt gleich kommt was, ich finde auch dieses Beispiel mit der Uhr wirklich gut.
Curiosus hat geschrieben:Die Sekunden verstreichen und werden zu Minuten. Neben mir tickt eine Uhr.
Tick... Tack... Tick... Tack...

Also die Story ist sehr gut :wink:

Titel
Das einzige was ich jetzt noch nicht so gut finde ist der Titel der Geschichte. Natürlich ist er interessant und regt zum Lesen an, aber ich finde er passt nicht so ganz zur Geschichte. Unter Ein kurzes Treffen mit Shakespear, hätte ich mir irgendwie etwas anderes Vorgestellt. Vielleicht denke ich einfach zu Flach, aber ich habe irgendwie die ganze Zeit darauf gewartet das Shakespear kommt und ihn irgendwie inspiriert oder sagt was er schreiben soll. :mrgreen:

Insgesamt
Insgesamt finde ich den Text super und perfekt gelungen. Kann also nichts dagegen aussetzen. Er ist witzig, gut zu lesen, interessant und muntert ein wenig auf :wink:

Ich hoffe der Kommi war jetzt ok so :wink:
LG unasmera
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Re: Ein kurzes Treffen mit Shakespeare

Beitragvon Curiosus » 13.08.2014, 15:44

Hallo unasmera :)

Danke für deinen begeisterten Kommentar, er freut mich sehr! :D
Bei dem Titel hast du Recht, das wurde mir auch vorher schon angekreidet. Ich weiß aber nicht, welchen ich sonst nehmen soll.
Dieser hier soll den Größenwahn des lyrischen ichs implizieren ... da werd ich wohl was anderes suchen. :D

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Re: Ein kurzes Treffen mit Shakespeare

Beitragvon GeistDOT » 18.10.2014, 04:43

Hey Curiosus,
ich finde den Text großartig! Er liest sich sehr flüssig und die Situation ist mir ebenfalls vertraut. Den meisten hier dürfte es ähnlich gehen. ;) Der Text hat also auch Identifikationswert!

Ein paar Kleinigkeiten, die mir aufgefallen sind (positiv wie negativ):

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Die Beschreibung finde ich zu speziell. Damit zerstörst du unnötig Bindung zum Leser. Mit einem leeren Computerbildschirm könnte fast jeder etwas anfangen.

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Da kann ich Schnuddel nicht zustimmen. Klasse Bild! Der Faden ist weich und unscheinbar. In einem Kleidungsstück erkennt man meist nur einzelne Stiche. Der Faden verläuft auf der Innen- und Außenseite, sodass stets ein Teil unsichtbar bleibt, egal von welcher Seite man das Kleidungsstück betrachtet. Ich finde das spiegelt die Situation super wider.

Geschichten gigantischen Ausmaßes


Ich finde epische Länge würde hier deutlich besser passen. Geschichten sind ja nicht von materieller Größe.

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Nein?
Ich auch nicht.


Dir gelingt ein trockener Abschluss auf eine gelungene Eskalation!

Was werde ich wohl den ganzen Verlagen sagen, die gierig nach meinem Meisterwerk schnappen?


Da hat sich bei VerlageN ein Typo eingeschlichen.

Gelangweilt blicke ich den Bildschirm des Pc's an. Das leere Dokument mustert mich verächtlich.
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Naja, egal, werde ich eben Schauspieler.


Der Schluss ist auch klasse! Das zurückstarrende Dokument illustriert hervorragend, wie der Protagonist das Versagen abstreift indem er trotzig seine Bewertungsgrundlage ändert. Die Schauspielkunst offenbart, als ähnlich luftiges Berufsbild, außerdem eine gewisse Ironie!

Du hast es geschafft eine uns allen bekannte Situation kurz, knackig und humorvoll zu illustrieren. Der Text hat mir viel Spass gemacht. :) Weiter so!

GGeist.
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Re: Ein kurzes Treffen mit Shakespeare

Beitragvon Curiosus » 19.10.2014, 09:49

Hey Geist :)

Danke vielmals für deinen Kommentar, und wenn dir mein Text gefallen hat, noch besser. :)
Mal sehen, was ich von deinen Anmerkungen übernehme. :)

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