Ein Symbol der Liebe letzter Teil

Liebe, Hoffnung, Romantik

Ein Symbol der Liebe letzter Teil

 
Stunde um Stunde konzentrierte er sich darauf, die wehenden Haare und Röcke zu verdeutlichen, das Gras unter den bloßen Füßen zu verfeinern, das Gesichtchen klar und doch schemenhaft wirken zu lassen. Die Arme, sie streckten sich im Rechten Winkel voneinander fort, ein Beinchen war angewinkelt, die kleine Tänzerin schien es gleich in die Luft zu werfen. Leichte Wolken, sogar den Baum, der direkt neben dem Felsen unten am Bach stand, deutete er an. Die Zierleisten bestanden aus ineinander verschlungenen Herzen und so bekam der Betrachter ein Rätsel nach dem Anderen aufgezeigt. Alles wirkte vage, doch die Nachricht war für die Empfängerin klar:
"Ich liebe Dich, so wie Du bist, und ich will Dir Deine Freiheit zum Tanz durchs Leben lassen, solange Du in meinem Herzen und ich in dem Deinen bin."
So fieberhaft arbeitete er, dass er die Zeit vergaß. Das Mittagsmahl, das Abendessen, all das ging an ihm vorüber, und er ruhte nicht, bevor er nicht letzte Hand an die Schatulle gelegt hatte und sie mit wohlriechendem Bienenwachs versiegelt hatte. Am Ende schlief er ein, vor lauter Erschöpfung, im Sitzen, den Kopf in der linken Armbeuge, das Kästchen mit der rechten Hand fest umschlossen.
Am späten Abend, als die Kinder schon ruhten, klopfte Anne an die Tür. Als sie keinen Mucks hörte, trat sie dennoch ein, beunruhigt, denn sie hatte ihren Gatten den ganzen Tag nicht gesehen, und das geschah nur dann, wenn er ausserhalb zu tun hatte. Und darüber gab er ihr immer frühzeitig Bescheid. Sie schaute sich in seinem Refugium nur kurz um, sah ihn am Tisch sitzen, eingenickt. Warum auch immer er sich den ganzen Tag hier herumgetrieben hatte, sollte nicht mehr das Problem von heute Nacht sein. Das konnten sie immer noch am nächsten Morgen klären, dachte sie liebevoll. Leise schlich sie zu ihm, legte ihre Hand sanft auf seine Schulter und weckte ihn auf: "Jamie... es wird Zeit zu schlafen. Komm mit herüber, ich bitte Dich..."
Er schrak hoch, schlaftrunken noch und völlig verspannt, sah sich um und bemerkte die Dunkelheit sowie ihren sorgenvollen Blick. "Liebste... ich musste doch noch das Herz zurechtschneiden..."
"Schhhhhhhhhhhht......." Anne legte ihrem Mann einen Finger auf den Mund und wollte ihn zum Schweigen bringen, doch da hielt er ihr schon ein kleines, dunkelbraunes etwas entgegen, schaute sie bittend an.
"Du sollst wissen, dass ich damit anfing, bevor ich es erfuhr... sie ist für Dich."
Anne nahm staunend und ehrfürchtig die Schmuckschatulle aus seinen Händen . Selbst im Dunkel des Raumes erkannte sie, welches Kleinod ihr Gatte dort für sie angefertigt hatte, wieviel Liebe und Geduld, wieviel Arbeit dort herinnen steckte. Sie schluckte, und Tränen der Freude und der Rührung traten ihr in die Augen. Und dass er gleich erkannt hatte, dass es ein paar Tage später einen Nachgeschmack gehabt hätte, das war so typisch für ihn und seine Aufmerksamkeit. Ein Schmuckkästchen nur für sie allein, und mit einem wunderschönen Motiv, wie sie erahnen konnte. Er musste Stunden um Stunden daran gearbeitet haben...
Sanft und vorsichtig, als sei es ein Heiligtum, legte sie das Kästchen in die Mitte des Tisches. Sie zog an seinen Händen, und er hielt dagegen, nahm sie auf seinen Schoß. Anne schlang die Arme um seinen Hals, stumm, jeder Sprache beraubt, und küsste ihn.
Und Jamie wusste, dass sie es nicht aus Dank für das Kästchen tat.

von jeux_d'idées

Re: Ein Symbol der Liebe letzter Teil

 
jeux_d'idées hat geschrieben:Stunde um Stunde konzentrierte er sich darauf, die wehenden Haare und Röcke zu verdeutlichen, das Gras unter den bloßen Füßen zu verfeinern, das Gesichtchen klar und doch schemenhaft wirken zu lassen. Die Arme, sie streckten sich im Rechten Winkel voneinander fort, ein Beinchen war angewinkelt, die kleine Tänzerin schien es gleich in die Luft zu werfen. Leichte Wolken, sogar den Baum, der direkt neben dem Felsen unten am Bach stand, deutete er an. Die Zierleisten bestanden aus ineinander verschlungenen Herzen und so bekam der Betrachter ein Rätsel nach dem Anderen aufgezeigt. Alles wirkte vage, doch die Nachricht war für die Empfängerin klar:
"Ich liebe Dich, so wie Du bist, und ich will Dir Deine Freiheit zum Tanz durchs Leben lassen, solange Du in meinem Herzen und ich in dem Deinen bin."


Das ist wunderschön..und sehr gut beschrieben. Ich sehe das Bild vor mir.
"Ich liebe Dich, so wie Du bist, und ich will Dir Deine Freiheit .. das berührt mich so sehr.

Sanft und vorsichtig, als sei es ein Heiligtum, legte sie das Kästchen in die Mitte des Tisches. Sie zog an seinen Händen, und er hielt dagegen, nahm sie auf seinen Schoß. Anne schlang die Arme um seinen Hals, stumm, jeder Sprache beraubt, und küsste ihn.
Und Jamie wusste, dass sie es nicht aus Dank für das Kästchen tat.


Sondern weil sie ihn liebte..

Liebe jeux

Ich bin schwer begeistert, und auch ein wenig traurig, weil die Geschichte zu Ende ist.

Eigendlich wollte ich sie mir für morgen aufheben, und in meiner Phantasie weitererzählen.

Aber ich wollte auch wissen, wie es weiterging, mit dieser Familie.

Mich hast du als Leser gewonnen, und zufrieden zurückgelassen.

Liebe Grüße an dich

Marion :)

von Marion

Re: Ein Symbol der Liebe letzter Teil

 
Ersteinmal: Ich finde die Geschichte wunderschön!
Besonders die Liebe zum Detail, die du im ersten Absatz beweißt, hat mich richtig versinken lassen in deiner Geschichte. Man scheint die Liebe von Jamie wirklich selbst zu spüren.
Allerdings finde ich es schade, dass du nur andeutest, was mit Jamie und Anne passiert ist, seit die Idee für die Schatulle entstand. Durch die Überschrift und den kleinen Nebensatz
"...dass es ein paar Tage später einen Nachgeschmack gehabt hätte..." kann der Leser erahnen, dass irgendetwas schief gelaufen ist, aber es wäre noch schön zu erfahren, was das eigentlich ist.

von Alyeska

Re: Ein Symbol der Liebe letzter Teil

 
Danke Dir für Dein Lob, Alyeska :)

Die Andeutung über den Nachgeschmack war nicht so gemeint, dass etwas Schlimmes passieren würde. Im Gegenteil. Es bezog sich darauf, dass er merkt, dass sie schwanger ist und plötzlich Angst bekam, dass sie sein Geschenk als Belohnung für ihre Fruchtbarkeit auffassen könnte, was ja zu diesen Zeiten durchaus üblich war. Also wollte er sich nur beeilen, damit sie keinen Zweifel daran haben würde, dass sein Geschenk wirklich nur für Sie gedacht war.

In meinem Herzen lebten sie ein ruhiges, beschauliches Leben, nur durch die kleinen alltäglichen Abenteuer ein wenig aufregend gehalten :)

LG

jeux

von jeux_d'idées