eine Stilfrage

Tipps, Ratschläge und Diskussionen zur Lyrik. Wie machst du das? Hilfe bei Schreibblockaden und Anfangsschwierigkeiten für Dichter

eine Stilfrage

Beitragvon Minna » 30.06.2015, 11:37

Nachdem ich hier schon eine Weile stumm mitgelesen habe, ein paar Fragen an alle Gedichtleser und -schreiber.

1.) Was macht für euch ein gutes Gedicht aus? (Thema, Phonetik, Reimstruktur ect.)

2.) Ist das bei euch regional geprägt, durch die Schule oder durch Dichtervorbilder?

3.) Findet ihr es schwerer Gedichte zu kommentieren als Prosa? Wenn ja, warum?

Ich bin schon gespannt auf eure Antworten

Liebe Grüße
Minna


Dann werde ich mal meine eigenen Fragen beantworten.

Zu 1.) Für mich meistens eines: Das sich reimt, schöne Metaphern und sprachliche Mittel einsetzt und eine klare Struktur hat.

2.) Hier wo ich wohne wird der regionale Schriftstellerheld gerade als Stilvorbild genutzt. Den Stil würde ich so beschreiben: nur die notwendigsten Worte, schlichte Sprache, keine Struktur und Reime. Alles was nicht dem Vorbild entspricht, sollte nach Ansehen der hiesigen Dichter dahin gebogen werden.

Ich mag aber zum Beispiel Rilke, Hesse oder Robert Gernhardt und die Balladen von Goethe und Schiller. Was ich selber schreibe kommt da natürlich nicht ran, beißt sich durch die Vorbilder aber auch mit den Regionalvorgaben. Und kennengelernt habe ich die meisten Dichter natürlich in der Schule.

3) Ich glaube bei Gedichten ist es viel schwerer als bei Prosa einen Stil als gut oder schlecht zu bewerten. Das liegt vielleicht daran, dass Lyrik im Vergleich zu Romanen eher ein Nischendasein führt. Einen guten Roman habe ich geschrieben, wenn er sich gut verkauft, also dem Modetrend folgt, oder Literaturkritiker begeistert (meist ein anderer Modetrend). Bei Gedichten gibt es viel mehr Strömungen und alles scheint viel mehr Geschmackssache zu ein. Vielleicht finden die meisten hier es deshalb so schwer Gedichte zu kommentieren.

Da wäre zum einen die Frage nach der Zielgruppe: Auf Onkel Huberts 50 Geburtstagsparty, nachdem man dem Alkohol schon fröhlich zugesprochen hat, wird ein Gedicht, wie im Beispiel von brehb (wie-mann-ein-grottenschlechtes-gedicht-macht-t49654.html) wohl besser ankommen, als Beispiel c.

Dann eine Frage der Gruppe/Region/Gesellschaft in der man schreibt, wie im obigen Beispiel.

Oder um noch ein Beispiel zu geben. Truluc hat dieses Gedicht geschrieben (etwas-schones-uberarbeitet-erganzt-t54304.html) und auf Grund der Hinweise eine weitere Version. Ich finde beide Gedichte hüsch, aber für mich sind sie komplett verschieden und haben jedes seine eigene Daseinsberechtigung.

Also doch alles sehr relativ.
Minna
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Re: eine Stilfrage

Beitragvon Schlammeule » 01.07.2015, 22:13

Das ist eine interessante Frage und eine ziemlich schwierige dazu: was macht ein gutes Gedicht aus?
Natürlich hast du recht, es ist letztlich Geschmackssache: aber das ist es doch immer im Leben, oder? Was "gut" ist, hängt von den (letztlich persönlichen) Kriterien ab - auch wenn ich denke, dass es durchaus jenseits der reinen Subjektivität übergreifende Punkte gibt, die da rein spielen und dafür sorgen, dass manche Texte "funktionieren" und andere nicht.

Was macht also für mich ein gutes Gedicht aus? Die von dir angebotenen Punkte "Thema, Phonetik, Reimstruktur" sind es jedenfalls nicht. Wenn ich es auf einen Begriff reduzieren müsste, wäre es "Stimmigkeit": Inhalt und Form müssen eine Einheit bilden, müssen darüber hinaus zu den Seelenbildern in mir passen und diese spiegeln, ergänzen oder auch gegen den Strich bürsten, damit ein Gedicht mich packt und das besondere Etwas hat, das im Gedächtnis bleibt.
Für mich sind Gedichte der Weg, etwas konzentriert auf den Punkt auszudrücken, das nicht lange beschrieben oder erklärt wird - in der Regel ein Gefühl, eine Szene oder auch ein Gedanke. Am besten vielleicht vergleichbar mit den Zeichnungen von Picasso: in wenigen schwarzen Pinselstrichen nur die wesentlichen Formen des Motivs einzufangen - Ausdruck durch Reduzierung (was nicht heißt, dass es keine Schnörkel haben darf, sondern nur, dass jeder Schnörkel genau auf das eine Ziel hinführen muss und daher vielleicht nur vordergründig ein Schnörkel ist).
Insofern ist es ein gutes Gedicht für mich, wenn genau das gelingt.

Ich glaube, Gedichte sind immer persönlicher als andere Texte. Jeder Leser versteht einen Text anderes, weil das Leseerlebnis eben nicht nur mit dem Text und den Worten, sondern in großem Maße eben auch mit dem Leser selbst zu tun hat. Mit dem, was die Worte und Szenen an eigenen Gedanken und Gefühlen auslösen. Bei Romanen ist das letztlich genauso, keine zwei Leser empfinden ein Buch gleich, ja sogar wenn man selbst ein Buch Jahre später (mit hinzugekommenen Lebenserfahrungen) noch einmal liest, mag es nicht mehr dasselbe Buch sein... Das gilt m.E. in noch stärkerem Maße für Gedichte, weil der Autor hier den Leser noch weniger "führt", weil hier noch stärker gilt, das "gezeigt" (oft sogar nur angerissen) und nicht "beschrieben" wird. Das überlässt dem Leser mehr Spielraum, seinen eigenen Anteil in das Leseerlebnis einzubringen.
Dazu kommt, dass durch die Kürze des Textes ein einzelnes Wort beim Gedicht viel mehr Gewicht bekommt, und somit auch die verschiedenen Assoziationen und Gefühle zu einem einzelnen Wort mehr wiegen und den persönliche Aspekt verstärken.
Von daher: ja, ich denke, Gedichte kommentieren ist schwieriger, weil die Wirkung von Gedichten in der Regel persönlicher, emotionaler, assoziativer ist als bei anderen Texten. Und dabei ist oft schwer, sich bewusst zu machen, was genau an dem Gedicht für einen "funktioniert" oder auch nicht und das in Worte zu fassen.

Ob ich lyrisch auch regional geprägt bin, kann ich gar nicht sagen. Ich habe seit Schulzeiten (auch neben dem Unterricht) bis heute gerne Gedichte gelesen, natürlich auch die Klassiker aber auch sehr moderne Sachen. Und hier wie dort in den verschiedensten Stilen und Richtungen Gedichte gefunden, die mich bewegt haben und andere, die mich kalt ließen.

Grüße, Schlammeule
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