[Nachd | Abent | Tragik] Eine Weihnachtsgeschichte 1/2

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachd | Abent | Tragik] Eine Weihnachtsgeschichte 1/2

Beitragvon Badabumm » 28.07.2015, 01:36

Diese Geschichte war ein Beitrag zu einer Weihnachtschallenge in einem (Slash-) Forum.
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Am 20.12. traf ich Sebastian. Wir tranken zwei Kaffee zusammen und dann lud er mich zu sich nach Hause ein und ich blieb über Nacht. Nein, das ist Quatsch – das passiert nur in Romanen. Ich hätte es mir durchaus gewünscht, denn er gefiel mir schon. Ein kleiner unverbindlicher Flirt, eine Ablenkung vor dem dröhnenden Weihnachtsfinale? So war es nicht. Aber immerhin: der Anfang der Geschichte stimmt. Ich flüchtete nämlich vor Helge in die vorweihnachtliche Stadt. Der Weihnachtsmarkt brauste überall, die Schaufenster waren mit Schnee aus der Dose besprüht und das Christkind hing als Lichterkette über dem Pflaster. Unser WG-Haussegen jedoch hing seit zwei Wochen schief, wir waren beide angespannt und gereizt. Ich hasste nichts mehr als diese Weihnachtsbimmelei und die honigfarbene Vorfreudestimmung, die sich überall breitmachte. Ganz besonders bei Helge. Er hatte so viele gute Seiten, nur wenige schlechte, aber eine seiner unerträglichsten war sein Adventsrausch. Ich war deswegen gereizt, und er war gereizt wegen mir. Der Weihnachtsmann konnte mich mal – er war außerdem viel zu alt und ich stand nicht auf Bärte. Also steuerte ich das Cafe „Lorbär“ an, um mich in eine Ecke zu verkriechen und mich mit Kaffee oder Glühwein zu besaufen. Und dabei war es erst früher Nachmittag.

Da saß also Sebastian mit Sonnenbrille und Kirschkuchen, las in einem Buch und hatte natürlich Shorts an. Der mitteleuropäische Winter ist vielleicht nicht immer kalt, aber er kann schon ungemütlich und feucht sein. Heute war es ungemütlich und feucht. Sebastian trug, so oft ich ihn gesehen habe, immer Shorts. Immer!
„Hallo, Sebastian! Lange nicht gesehen“, brabbelte ich. Eine richtig stumpfe Begrüßungsfloskel.
Er nahm seine Sonnenbrille ab, und jetzt bemerkte ich, warum er überhaupt eine trug – im grauen Dezember. Da war ein Canyon von einer Narbe quer über Stirn und Wange, gut verheilt, aber monströs. Ich zuckte zusammen.
„Sieht gruselig aus, nicht?“ lächelte er. Er dachte nach. „Ich kenn‘ dich noch von irgendwoher, aber hilf mir mal auf die Sprünge... Stan? Simon? Swen?“
„Stephan“, sagte ich.
Er lud mich an den Tisch und wir musterten uns wortlos, während er in seinem Kaffee rührte und ich mir einen bestellte. Er hatte einen historischen Roman vor sich liegen und das alleine war schon ungewöhnlich. Lesen war nie seine Sache gewesen. Ansonsten sah er aus wie ich ihn kannte – braungebrannt, kräftig, struppige Haare, ein verschmitztes Lächeln, das jedem klarmachte: „lass mal stecken – ich erledige das schon.“ Bergsteiger, Abenteurer, Weltenbummler und Schwerenöter. Mit seiner Ausstrahlung und seiner Präsenz konnte er jeden weich machen. Ja, so einer ist Sebastian und ich hatte, wie gesagt, NIE etwas mit ihm.
„Bergsteigerkurs, richtig? Das muss schon hundert Jahre her sein“, begann er.
„Nicht ganz. Vier Jahre“, erwiderte ich. Der Kaffee kam. Schwierig, NICHT auf die Narbe zu schielen.
Sebastian folgte meinem Blick. Er war amüsiert. „Tja, dann muss ich wohl erzählen, wie es dazu kam. Du wirst ja schon ganz rot vor Neugierde. Das will jeder wissen. Ich habe mich daran gewöhnt“, grinste er. Er schien das viel gelassener zu nehmen als ich.
„Wenn‘s dir aber unangenehm ist...“, warf ich ein.
„Blödsinn. Ich habe es jetzt gefühlte 500 Mal erzählt. Ich sollte ein Hörbuch davon brennen...“ Er legte die Brille neben das Buch auf den Tisch. „Willst du mein Stück Kirschkuchen? Ich krieg‘s nicht mehr runter.“

Ich griff zu und er erzählte: „Marius kennst du nicht, oder? Ich traf ihn ungefähr ein Jahr nach dem Kurs. Nein, dann hast du ihn natürlich nie gesehen. Er ist ein cooler Draufgänger. Spanische Vorfahren, er hat noch 10 Geschwister. Endlich war jemand aufgetaucht, mit dem ich alles teilen wollte und der mich glücklich machte. Mit alles meine ich alles, Stephan, du magst es nicht glauben, aber ich bin in festen Händen! Also, zu Weihnachten letztes Jahr wollten wir eine Tour durch Bolivien machen. Von LaPaz so ein bisschen über die Berge. Mit Rucksack, Zelt und Jeep. Kleinigkeit, weißt du. Dachten wir.“ Er lachte kurz auf. „Warst du schon mal in LaPaz?“
Ich verneinte.
„Die Stadt liegt neben den Bergen, oder – genau genommen – die Stadt liegt oben drauf. Die höchstgelegendste Hauptstadt. Die Luft ist so dünn und gleichzeitig so dreckig, dass man glaubt, zweimal zu ersticken. Man möchte am liebsten gar nicht atmen, man muss es aber tüchtig, weil so wenig Sauerstoff drin ist. Wir hatten vor, nach Santa Ana runterzufahren, erst über den Anden-Pass und dann abwärts durch den Dschungel. Dort hatte ein Freund von Marius ein Boot liegen, auf dem er uns nach Cochabamba mitnehmen wollte, immer auf dem Altamachi lang, einem Seitenarm des Beni. Dort natürlich ohne Jeep. Die Tour sollte vier Wochen dauern und versprach alles, was spannend und sehenswert war. Also mieteten wir uns in LaPaz einen Geländewagen und fuhren los.“
„Hört sich toll an“, gestand ich. „Also ich war mal in den Dolomiten und in den Pyrenäen zum Klettern und Wandern, aber das übertrifft bestimmt alles.“
„Du sagst es. Also, kurz gesagt, wir hatten uns so gut vorbereitet, wie es ging, aber dennoch waren wir blauäugig wie Schuljungs. Ohne ortskundigen Führer bist du da aufgeschmissen. Handy? Kannst du vergessen. Navi? Da gibt‘s nur eine Straße – entweder die nimmt man oder nicht.“ Er machte eine kleine Pause. „Die Straße heißt bei den Eingeborenen ‚El Camino de la Muerte‘.“
Ich war mit seinem Stück Kirschkuchen fertig und schwieg gebannt. Die Straße des Todes – soviel Spanisch hatte ich auch noch drauf.

Er tunkte seinen Finger in den Kaffee und malte einige Linien auf das Tischtuch. Das musste ohnehin gewaschen werden. Da lag also LaPaz und nach Santa Ana wollten sie. „Die Straße ist nur drei bis vier Meter breit und da gibt es keine Leitplanken. Sie beginnt bei über 4000 Metern und geht runter bis ins gigantische Amazonasbecken. Die Piste ist nur loser Schotter, ganz oben wächst so gut wie nichts. Und staubig ist sie außerdem. Die LKW, die vollbeladen nach LaPaz hoch wollen, fahren links am Berghang, sie haben Vorfahrt, wir fahren bis außen an die Kante und müssen ausweichen. Neben uns nur wenige Zentimeter. Jedesmal warten wir, bis sich der Staub gelegt hat. Der Abgrund geht 500 Meter nach unten. Steil nach unten. Marius und ich wechseln uns jede Stunde mit dem Fahren ab, länger können wir uns nicht konzentrieren. An allen gefährlichen Kurven stehen Kreuze. Alle zwei Wochen stirbt hier ein Mensch. Das ist keine Straße für Schlappschuhtouristen, sicher nicht. Aber auch uns fordert sie alles ab, obwohl wir schon einige schwierige Touren gemacht haben.
Wenn ich nicht fahre, kann ich mich nicht etwa ausruhen, sondern kralle mich am Haltegriff fest und bin schweißgebadet. Sitze ich wieder am Steuer, kann sich auch Marius nicht ausruhen und spiekt aus dem Seitenfenster, wie nahe wir der Abbruchkante sind, aber wir wollen es unbedingt bis zur Dunkelheit und bis nach Yolosa schaffen. Das liegt ca. auf 1200 Metern Höhe, ganz erträglich. Dort gibt‘s ein Hotel. Also fahren wir zügig und hupen kräftig. Es gibt zwar einige Ausweichbuchten, wo man auch übernachten könnte. Im Dunkeln will jedoch keiner von uns da rasten. Wir kommen ohne Zwischenfälle runter bis auf die Höhe, wo Buschwerk und Wald beginnt. Hier ist alles überwuchert und trieft vor Nässe. Ja, und dann.... Nebel. Ganz plötzlich. Von den Bergregenwäldern unter uns zieht er über die Piste hoch. Marius fährt. Er hält nach der nächsten Ausweichbucht Ausschau. Man kann fast nichts sehen.“ Er zeigte mir zwischen Daumen und Zeigefinger, wie weit man sehen konnte: zwei Zentimeter. Klar doch, grinste ich.

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Re: [Nachd | Abent | Tragik] Eine Weihnachtsgeschichte 1/2

Beitragvon Samis » 18.10.2015, 11:09

Hallo Badabumm, (klasse Name!)

kein Kommentar – das schmerzt, da bedarf es rascher Abhilfe.

Los gehts.


Nein, das ist Quatsch – das passiert nur in Romanen.

Findest du? Sie sind sich doch nicht völlkommen fremd. Das passiert auch im wahren Leben. Mir zumindest.




Ich hasste nichts mehr als diese Weihnachtsbimmelei und die honigfarbene Vorfreudestimmung, die sich überall breitmachte.

Das kann ich mir schwerlich vorstellen. Eine pervertierte Vorweihnachtszeit kann schon sehr nervig sein, aber nichts mehr als dies zu hassen?



... und mich mit Kaffee oder Glühwein zu besaufen. Und dabei war es erst früher Nachmittag.


Sich mit Kaffee zu besaufen finde ich lustig. Der Hinweis auf den frühen Nachmittag macht es dann wieder kaputt – da es tatsächlich auf eine Art Alkoholmissbrauch hindeutet.



Da war ein Canyon von einer Narbe quer über Stirn und Wange, gut verheilt, aber monströs.


Eine solch monströse Narbe dürfte sich schwerlich hinter einer Sonnenbrille verbergen lassen.



Er hatte einen historischen Roman vor sich liegen und das alleine war schon ungewöhnlich. Lesen war nie seine Sache gewesen.

Das kommt irgendwie widersprüchlich rüber. Auch das mit den immer getragenen Shorts. Einerseits vermittelst du den Eindruck, sie kennen sich nicht wirklich und haben sich lange Zeit nicht gesehen, andererseits führst du solcherlei Details auf. Hm.



Ich sollte ein Hörbuch davon brennen...

Gebrannt wird schon lange nichts mehr. Wer brennt heutzutage noch CDs? Und in großer Stückzahl werden sie gepresst.



„Die Stadt liegt neben den Bergen, oder – genau genommen – die Stadt liegt oben drauf.

Auf oder daneben? Was nu? Das lässt den souveränen Abenteurer wenig souverän erscheinen.



Die Luft ist so dünn und gleichzeitig so dreckig, dass man glaubt, zweimal zu ersticken.

Mein Lieblingssatz!



Also, kurz gesagt, wir hatten uns so gut vorbereitet, wie es ging, aber dennoch waren wir blauäugig wie Schuljungs.


Der erfahrene, weit gereiste Abenteurer, der sich zudem bestens vorbereitet hat, ist dennoch ein blauäugiger Schuljunge? Das beißt sich.



Wenn ich nicht fahre, kann ich mich nicht etwa ausruhen, sondern kralle mich am Haltegriff fest und bin schweißgebadet.

Hm. Oben schreibst du, die Straße sei "nur" 3-4 Meter breit. Einem entgegenkommenden LKW auszuweichen, gestaltet sich da sicher schwierig. Aber wenn die nicht gerade Stoßstange an Stoßstange daher kommen, bleibt für die übrige Zeit eine Menge Platz. Das sollte einem derartigen Abenteurer nicht zwingend den Schweiß auf die Stirn treiben.



Sitze ich wieder am Steuer, kann sich auch Marius nicht ausruhen und spiekt aus dem Seitenfenster, wie nahe wir der Abbruchkante sind, aber wir wollen es unbedingt bis zur Dunkelheit und bis nach Yolosa schaffen.

Es bis zur Dunkelheit zu schaffen ist auch richtig. Und falls sie vorher nicht sterben, werden sie es zwangsläufig. Vor der Dunkelheit würde hier besser passen.


Beste Grüße,
Samis
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