[Nachd | Abent | Tragik | Lieb]Eine Weihnachtsgeschichte 2/2

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachd | Abent | Tragik | Lieb]Eine Weihnachtsgeschichte 2/2

Beitragvon Badabumm » 28.07.2015, 01:38

Mein Kaffee wurde kalt. Ich hörte erregt zu und verfolgte die Route auf der Tischdecken-Kaffeespur. Am Cafe vorbei flanierten die Weihnachtsbesessenen: einkaufen, Liste abhaken, rempeln, drängeln, umherhasten, nervös sein. Ich war auch nervös. Ich ahnte, was kommen würde. Wenn er schon mit so einer Geschichte anfing...
Sebastian lehnte sich zurück und blätterte gedankenverloren in seinem Buch, ohne Hinzusehen. Er war im Geiste weit weg. „Ja, das war‘s dann“, sagte er ruhig. „Vor uns im Nebel taucht ein Bus auf. Stell dir vor, besetzt mit 30 oder 40 Touristen oder Schulkindern. Marius fährt so scharf rechts ran wie es nur geht. Wir ahnen die Kante mehr als wie wir sie sehen. Als der Bus schon fast an uns vorbeirumort ist, rutscht seine Hinterachse plötzlich ein Stück weg und unser Jeep bekommt einen Stoß. Stephan, da kann man nichts machen. Gar nichts.“
Ich nickte nur.
„Ich springe noch raus, verfange mich aber an der Tür, der Jeep kommt ins Rutschen und nimmt Marius und mich mit. Unwillkürlich denke ich: scheiße, so ist das also mit dem Sterben. 20 Meter kippt der Wagen die Böschung runter und bleibt im Gestrüpp hängen. Er hätte auch die restlichen 500 Meter tiefer stürzen können. Das war pures Glück. Gott hatte seine Hand dazwischen gehalten. Weiter oben wäre das unserer sicherer Tod gewesen, dort geht es senkrecht nach unten, nichts hätte den Wagen aufgehalten. Unten im Tal liegen Wracks, deren Fahrer man bis heute nicht bergen konnte. Marius schreit und ist eingeklemmt. Überall Zweige und Äste. Die Windschutzscheibe ist blutbespritzt. Ich schaffe es bis an den gerölligen Berghang und überlege, wie ich helfen kann. Gar nichts kann ich tun. Mit jeder Bewegung schaukelt der Jeep und droht weiter abzustürzen. Also rede ich auf Marius ein: ich hole Hilfe, beweg dich nicht, warte einfach, halt durch, halt durch. Ich weiß nicht, ob er mich überhaupt hören kann. Ich kann nicht ran zu ihm. Also robbe ich mich bis zur Straße hoch. Ich bin im Gesicht verletzt, aber ich spüre das gar nicht. Das Blut läuft mir ins Auge, über das Hemd und zieht eine Spur hinter mir. Jetzt weißt du, wo die Narbe herkommt.“

„Und was ist mit Marius?“ Ich schämte mich, ich kam mir wie ein seelenloser Paparazzi vor, aber ich wollte alles wissen.
Sebastian fuhr fort. „Eine Stunde hat‘s vielleicht gedauert, es gibt kein Zeitgefühl, dann hat mich ein LKW aus Coroico entdeckt. Nach weiteren zwei Stunden haben sie mit einer Winde den Jeep gesichert und Marius heraufgezogen. Er war bewusstlos, aber er lebte. Man hat uns nach LaPaz zurückgebracht. Aber eigentlich kommt jetzt erst die Geschichte. Hast du Lust auf etwas Alkoholisches?“
Ja, ich hatte. Also bestellten wir zwei feine griechische Liköre, noch kein richtiger Schnaps, aber schon erwachsen genug, um sich damit adventsmäßig zu beschwipsen.

„Zwei Tage lag Marius im Koma, dann am 21.12., um acht Uhr morgens öffnete er die Augen. Hey, Basti, lächelte er. Schön, dass du mit in den Himmel gekommen bist. Das nenne ich mal echte Freundschaft. Laber nicht rum, sagte ich, wir sind in LaPaz und du liegst im Krankenhaus. Ich verschwieg, dass es schlecht um ihn stand. Gravemente malherido, hemipléjico, espina dorsal – ich verstand nur die Hälfte von dem, was mir der Arzt mitteilte. Aber aus dessen Mimik erahnte ich, dass nur noch ein Wunder helfen würde. Der Doc drückte mir mitleidig die Hand auf die Schulter. Andere Patienten warteten auf ihn. Marius lag da, eine Mumie, und starrte die Decke an. Weißt du, sagte er plötzlich, mühsam, so eine richtige deutsche Weihnacht mit Lebkuchen, Tannenbaum, Lametta und Braten wäre echt schön. Kinderchor im Radio und Geschenke auspacken. Ich betupfte ihm die trockenen Lippen mit einem feuchten Tuch. Marius, wir sind in Bolivien. Hier gibt es zwar jede Menge Maria-Statuen, aber sicher kein Zimtgebäck und keine Edeltannen. Marius seufzte schwach. Schade, kann man nichts machen. Schön wär‘s dennoch gewesen... Er nickte ein und ich beobachtete ängstlich seinen Atem. Schläuche in seiner Nase, leise piepende Geräte. Bolivien hat auch Zivilisation, so ist das ja nicht. Als deutscher Tourist liegt Marius erster Klasse. Ich hatte das Konsulat aufgesucht und alle Berge versetzt, die versetzt werden mussten. Marius muss leben!“

Ich verspürte einen salzigen Geschmack in meinem Mund. Solche Sachen passieren immer nur den anderen, aber diesmal war es verdammt nah. „Du hast ihm seinen Wunsch erfüllt...?“ Ich glotzte ihn einfach nur an.
„Ja, ich habe“, lachte Sebastian breit und erleichtert. „Was glaubst du wohl?! Natürlich habe ich! Marius stand mit beiden Beinen schon auf der anderen Seite. Die Tanne zu bekommen war echt am schwersten. Nachher wurde es nur eine aus Plastik, aber immerhin. Man bekommt so ziemlich jeden Kitsch für die Umzüge und Karneval. Sie war rosa. Ich habe sie auf dem Hotelbalkon mit Sprühfarbe grün gespritzt. Auf die Rechnung der Fassadenreinigung warte ich heute noch. Lametta gibt‘s dort erstaunlicherweise reichlich. Kann man schön viel mit verdecken. Die Musik habe ich mir aus dem Internet runtergeladen. Ich hatte ja nicht viel Zeit, aber das Ergebnis hat sogar mich überzeugt. Duftkerzen verströmten Zimt und Anis. Und die Schwestern und Ärzte standen im Türrahmen und hatten große Augen mit Tränen drin. Ja, es gibt dort zwar Weihnachtsdeko im Krankenhaus, schließlich quillt das Katholische aus allen Ecken, aber so schön wie bei Marius war‘s nirgends. Und dann kamen Kinder aus der Kinderstation, mit Verbänden und Husten, und erhielten jeder ein winziges Geschenk. Marius war rot vor Glück. Einige küssten ihn wie einen Papa, weil sie nicht verstanden, was wirklich los war, aber sie freuten sich so und waren unendlich dankbar. Es war ein lautes, fröhliches und besinnliches Fest. Ja, so war das.“

Wir bestellten uns noch eine Runde Likör. Die nahen Kirchenglocken schlugen fünf Uhr. Die Menschenmenge wurde dichter, weil nach Feierabend jeder noch schnell auf den Christmarkt eilte. Fast alle Tische im Cafe waren inzwischen besetzt. Jemand ging herum und zündete die Teelichter auf den Tischen an. Ich wartete auf das Ende seiner Geschichte.
Sebastian sah auf seine Uhr. „Jetzt wird‘s aber Zeit“, murmelte er. „Vier Uhr war abgemacht.“
Ich sagte nichts. Es gab auch nicht viel zu sagen. Er würde schon damit rausrücken, wenn er es für richtig hielt.
„Ah, siehst du. Pünktlich wie eh und je. Bloß eine Stunde zu spät“, grinste Sebastian plötzlich und stand auf. „Stephan, darf ich dir Marius vorstellen?“
Der Elektro-Rollstuhl bremste kurz vor meinem Knie. Der junge Mann darin lächelte einseitig aus einem stillen Gesicht. „Hi, Stephan“, sagte er nur und reichte mir die linke Hand. „Sorry, geht nur mit links. Aber vor drei Monaten ging nicht mal das. Willst du uns begleiten?“
Ich sah Sebastian an, Sebastian sah mich an, dann schüttelte ich den Kopf. Sie wollten ihre Zeit zu zweit auskosten, ohne störenden Dritten.
„Nein? Na, wenn das so ist, dann lass uns aufbrechen, Basti“, sagte Marius. „Ich habe richtig Lust auf Glühwein. Schön, dich kennengelernt zu haben, Stephan. Bis später mal.“
Sebastian setzte die Sonnenbrille auf, steckte das Buch ein und verabschiedete sich kurz. Dann kurvte er mit dem Rollstuhl durch die engen Tische zurück auf die Straße.
Ich blieb mit meinen Gedanken allein zurück. Und der wichtigste ging mir besonders stark durch den Kopf: man kann doch nicht aufhören, einen Menschen zu lieben und für ihn da zu sein, bloß weil er gelähmt ist? Nein.
Dagegen nahm sich mein kleiner Streit mit Helge um so profane Dinge wie „Adventskranz bunt oder überhaupt einen?“ und „echte Kerzen oder nicht?“ geradezu lächerlich aus. Ob wir uns was schenkten – das taten wir ohnehin, trotz guter Vorsätze – und ob alle Präsente einheitlich blau-gold verpackt werden sollten oder ob man sie gar persönlich überreichte? Ob wir Weihnachten alleine oder mit der Familie feiern sollten? Wie beschämend unwichtig war dies alles plötzlich geworden. Wichtig war nur, dass es ihn gab und dass wir uns liebten.

Ich nahm mein Handy und rief Helge an.

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Re: [Nachd | Abent | Tragik | Lieb]Eine Weihnachtsgeschichte

Beitragvon Samis » 18.10.2015, 12:47

Hallo Badabumm,

anbei meine Gedanken zu Teil 2.


Ich hörte erregt zu und verfolgte die Route auf der Tischdecken-Kaffeespur.


Erregt könnte auch passen (da er ihm gefällt) gespannt fände ich jedoch besser.



Vor uns im Nebel taucht ein Bus auf. Stell dir vor, besetzt mit 30 oder 40 Touristen oder Schulkindern.

Einfache Touristen oder gar Schulkinder werden in einem Bus über eine solch gefährliche Straße kutschiert?



20 Meter kippt der Wagen die Böschung runter und bleibt im Gestrüpp hängen.

Ihr würde ich etwas stabileres als Gestrüpp empfehlen.



Ich schaffe es bis an den gerölligen Berghang und überlege, wie ich helfen kann.

Gerölliger Berghang kling seltsam.



Also robbe ich mich bis zur Straße hoch.

Sich zu robben kling ungewollt komisch.




Sebastian fuhr fort. „Eine Stunde hat‘s vielleicht gedauert, es gibt kein Zeitgefühl, dann hat mich ein LKW aus Coroico entdeckt.


Vielleicht hatte er das Gefühl für die Zeit verloren, Zeitgefühl gibt an sich gibt es dennoch.



Der Doc drückte mir mitleidig die Hand auf die Schulter.

Hier würde ich legte anstatt drückte verwenden.



Er nickte ein und ich beobachtete ängstlich seinen Atem.

Direkt den Atem zu beobachten stelle ich mir schwierig vor. Besser seine Atmung.



Als deutscher Tourist liegt Marius erster Klasse.


Nur deutscher Tourist zu sein verschafft ihm sicher nicht dies Privileg.



Ich hatte das Konsulat aufgesucht und alle Berge versetzt, die versetzt werden mussten. Marius muss leben.

Was hat das Konsulat mit dem Überleben eines beliebigen Touristen zu schaffen?



... und hatten große Augen mit Tränen drin.
... schließlich quillt das Katholische aus allen Ecken, ...


Augen mit Tränen drin finde ich sehr unglücklich formuliert. Die hervorquellende Religion hingegen gefällt mir gut.



Der junge Mann darin lächelte einseitig aus einem stillen Gesicht.

Hier deutest du einen eher ruhigen, vielleicht sogar gebrochenen Mann an. Darauf folgt ein lockerer, beschwingter Dialog. Hm.



Ich finde die Idee zur Geschichte gut. Leider klingt sie für mich an vielen Stellen ungewollt komisch, was, da sie unter Nachdenkliches steht, sicher nicht beabsichtigt war.
Wie immer gilt: Nur meine Meinung, andere mögen das anders empfinden.

Beste Grüße,
Samis
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