Die Vergangenheit fühlte sich wie ein Strudel in seinem Bewusstsein an, er konnte keine klare Erinnerung abrufen. Hatte Probleme sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Offensichtlich wirkte etwas Bedrohlich auf ihn.
Er durchquerte den Saal und trat an die Fensterfront, gegenüber der Eingangstür. Jetzt da ihn die Spiegelung der Scheiben, - hier war nicht eine einzige zerbrochen, - nicht mehr blendete. Konnte er sehen das er sich mindestens im achten Stock eines Hauses aufhalten musste.
Der Platz der sich unter ihm erstreckte verästelte sich in zehn kleine Straßen, Gassen und schmale Hauslücken. Ein Schattengebilde, eine merkwürdige Gestalt annehmend, wurde durch das Sonnenlicht und ihre Anordnung produziert.
Er fühlte sich schwach fast so als hätte er seit Tagen nichts gegessen. Setzte sich auf das breite Fensterbrett und betrachtete seine Kleidung. Seine schwarze Lederhose war am linken Bein aufgerissen, unter dem Leder verlief eine krustige Narbe. Wie ein Blutegel schlängelte sie sich sein Bein hinauf.
Seine flachen Lederschuhe sahen schäbig aus, aber fühlten sich robust an. Sein orangenfarbenes ärmelloses T-Shirt hatte drei goldene Drudenfüße auf die rechte Schulter gestickt und war dreckig.
„Dieser ganze verschissene Dreck kotzt mich verdammt noch mal an, nur verfluchter Müll!“
Seine Gedanken fingen an sich im Kreis zu drehen. Es hatte sich so angehört als wäre diese Stimme nur einige Räume entfernt gewesen. Er hörte nun auch Geräusche, konnte sich immer noch nicht an seinen eigenen Namen erinnern, sie kamen näher. Weder seine Eltern noch seine Verwandten oder Freunde wollten vor seinen inneren Augen erscheinen.
-„Wie werde ich reagieren?, werde den Spott über mich ergehen lassen, vielleicht brutal?, ich höre Stimmen in meinem Kopf? “-
„Hey Arschloch, komm runter und hör verfickt auf hier so rum zu brüllen, hast du das kapiert J.J.“
Dieses mal war es ganz sicher auf seinem Stockwerk und nicht weit von ihm entfernt. Sein Kopf fing an zu dröhnen ein tiefer dumpfer Schmerz erfasste ihn. Wollte Schreien: “Ich will nicht mehr kotzen, ich will nicht mehr kotzen, konnte nie aufhören….!“
Die Stimmen schienen mal laut mal leiser zu werden, lag dies nur an seinem Trance ähnlichem Zustand? Der Strudel der Vergangenheit wollte sich immer noch nicht in seinem inneren Manifestieren. Seine Gedanken wirbelten durcheinander, er schloss die Augen.
„Yeah huh, ….Leute ich hab hier ne halbtote Type gefunden,….kommt mal hier rüber.“
Er versuchte die Augen zu öffnen, aber musste feststellen das ihm der Gleichgewichtssinn, das Orientierungsvermögen und das motorische System den Dienst versagten.
Als der die Augen erneut öffnete befand er sich in einem dunklen Raum. Er hörte keine Atemgeräusche und nahm an, dass er allein war.
Und wieder fehlte ihm ein Stück seiner Gedankenwelt. Tastete sich im dunkeln ab, fühlte etwas Feuchtes an seinem Arm. Ansonsten lag er voll angezogen in einem halb offenen Schlafsack. „Irgend jemand hatte ihn einen Typen genannt, oder war es eine Stimme in seinem Kopf gewesen?“
„Hey, J.J. mal sehen wie es unserem Junkie geht, du hast den Typ doch gefunden!“
Sagte eine raue aber doch zierliche Frauenstimme, dort wo er die Tür vermutete. J.J. schrie als er antwortete: „Hey, man ich hol ihm nur was zu essen, der muss inzwischen ja am verhungern sein. Falls er von seinem Trip runter ist.“ Als die Rede vor der Tür ans Essen ging, machte sich in seinem innern wieder dieses laue Gefühl der Erschütterung breit. Er fragte sich wie viel Zeit seit seiner unkontrollierten Ohnmacht vergangen war.
„Fuck, was ist nur los mit mir, ich muss krank sein, keine Erinnerung an meine Eltern, Verwandten, Freunde und an meinen Namen. Ich werde wohl die Wahrheit sagen, sollen sie mir einen neuen Namen geben. So bin ich nicht dafür Verantwortlich was mit ihm geschieht.“
Plötzlich drang Licht durch einen Spalt in der Tür, die sich zu seinem erstaunen nicht vor seinen Füßen sondern hinter seinem Kopf öffnete. Er konnte wieder nicht einschätzen wie viel Zeit vergangen war, aber sein Magen hoffte auf die versprochene Mahlzeit.
„Psst, J.J. vielleicht schläft er doch noch!“ Es war wieder die gleiche Frauenstimme. „Solange wie der gepennt hat sollte er jetzt mal langsam aufwachen, sonst können wir ihn in die Abwasserkanäle werfen!“ Das musste J.J. gewesen sein. „Sei ruhig, Fucker, oder hau ab kapiert!“
Während sie dies sagte, lief die Frau dicht neben ihm vorbei. Er konnte nur ihre Umrisse erkennen, da das einfallende Licht nicht ausreichte. Plötzlich riss sie einen Vorhang zur Seite, warmes Sonnenlicht durchflutete den Raum durch zerbrochene, –heile -, Scheiben. Die Frau hatte sich umgedreht, aber wieder konnte er sie nur schemenhaft sehen. Vom gelben Licht zur Unkenntlichkeit verstümmelt.
Er senkte die Augen vor dem grellen Sonnenlicht, und sah an sich herunter. Um seinem linken Arm war ein blutiger Verband gewickelt der in Fetzen herab hing. Seine Kleidung schien durch >> die Tage des Schlafs<<, noch mehr in Mitleidenschaft gezogen worden zu sein. Ein kleiner schwarzer Junge, vielleicht sechszehn oder siebzehn Jahre alt, grinste ihn unverschämt von der Seite an. Seine weißen Zähne standen in markelosen Reihen in seinem breitem Gesicht.
„Na, Junkie bist du wieder unter die Lebenden getreten, muss ja ne echte Schlafdroge gewesen sein was du dir da geballert hast, he he!“ Der Stimme nach zu urteilen musste es sich um J.J. handeln. Die Frau kam nun auch zu ihm ans Bett, er konnte sie immer noch nicht richtig erkennen. „Hey, schön das du mal die Augen offen hast, wie heißt `n du?“
Die raue Stimme traf ihn an der empfindlichsten Stelle wo sie hätte treffen können. Er verzog das Gesicht und hustete einen schleimigen Klumpen tief aus seiner Brust empor. Schluckte den Klumpen herunter und antwortete dann: „Ich kann mich einfach nicht daran erinnern wie ich heiße, kann mich irgendwie an gar nichts erinnern, ist wie ein schwarzes Loch in meinem Gehirn, huh! Vielleicht habt ihr was zu essen für mich, irgendwie fühle ich mich total schwach.“
