[SciFi]Extinktion (Teil 1)

[SciFi]Extinktion (Teil 1)

Beitragvon Feindesland » 19.01.2014, 12:27

Ich stelle hier das erste Kapitel meine Thrillers vor (Thema: Endzeit). Insgesamt habe ich 550 Seiten geschrieben und stehe kurz vor dem Abschluss. Ich hoffe jetzt mal, dass ich das mit dem Verlinken hinbekomme. Der Roman spielt in einer fiktiven Gegenwart.

»Der hat dir ins Gesicht gespuckt. Warum hast du dem Wichser nicht in die Fresse geschlagen?«, fragte Wilczek.
Hauptkommissar Markus Steller steuerte den BMW auf das Tankstellengelände. Ohne Wilczek anzusehen, antwortete er. »Hast du dir die Fenster angesehen?«
»Welche Fenster?«
»Die Fenster des Hauses, vor dem wir den Kerl festgenommen haben.«
»Nein.«
»Die Gardinen haben sich bewegt. In jedem beschissenen Stockwerk. Ich will mich nicht morgen auf YouTube sehen.« Er parkte den Zivilwagen neben einem Münzstaubsauger ein. »Merk dir das. Die Sonderschüler können nicht bis drei zählen, aber ein Smartphone bedienen, das geht. Ist eine verrückte Welt.«
»Trotzdem. Der Penner hat versucht seine Ex-Freundin mit einem Hammer erschlagen. Du hättest es ihm richtig besorgen sollen.« Ben Wilczek war Anfang zwanzig. Die Flüchtigkeit, die seinem Denken anhaftete, ging Steller auf die Nerven.

»Wir haben nach ihm gefahndet und ihn festgenommen. Ende der Geschichte. Ich bin operativer Leiter bei der Frankfurter Fahndung. Wenn ich mich nicht beherrsche, dann kriege ich es besorgt. Verstehst du das?« Steller vergrub das Gesicht in seinen Händen, massierte sich die Schläfen. Er hatte den Kerl fast vergessen. Ein anderes Team brachte den Mann gerade in die Gewahrsamszellen des Präsidiums. Abhaken, nächster Fall.
Er stieg aus. Die Sonne stand wie eine Quecksilberdampflampe am Himmel und versuchte die Stadt niederzubrennen. Es roch nach heißem Teer. Noch nicht zwölf Uhr und das Thermometer zeigte 38 Grad an.

Wilczek hatte den Wagen ebenfalls verlassen. Er stöhnte. »Hast du schon einmal eine solche Hitze im Mai erlebt?«
Steller schüttelte den Kopf.
»Darf ich dich etwas persönliches Fragen? Die Jungs sagen, ich soll es lieber lassen.«
»Dann lass es.«
Wilczek überhörte das. »Warum schaust du immer so trübsinnig aus der Wäsche? Man denkt immer, dass du gleich zu weinen anfängst. Da-«
Das Funkgerät im Auto schnitt ihm das Wort ab. »Hier ist Falke. Wer kann fahren? Verdacht auf häusliche Gewalt, Revierbereich 17. Sindlingen. Cheruskerweg 16. Wer kann fahren? Verdacht auf häusliche Gewalt. Cheruskerweg 16.«
Keine Meldung.
»Hier ist Falke. Wer kann fahren? Verdacht auf häusliche Gewalt. Cheruskerweg 16. Das 17. Revier hat keine freie Streife.«
Bevor Steller reagierte, schnappte Wilczek sich das Mikrofon des Funkgeräts und nahm den Auftrag an.
»Bist du bescheuert?«, platzte es aus Steller heraus. Schlimm genug, das der Bengel versuchte in sein Innerstes einzudringen. Funkwagenaufträge anzunehmen, machte es nicht besser.
Wilczek zuckte zusammen. »Das Revier hat keinen Funkwagen frei. Was soll ich machen?«
»Mich fragen. Wenn du Streife fahren willst, musst du es nur sagen.« Er schlug die Fahrertür von außen zu.
»Wo gehst du hin?«
»Ich gehe pissen. Darum habe ich hier angehalten.«

Als Steller zurückkam, sah er, wie Wilczek von einem Bein auf das andere trat. Wortlos stieg er ein und startete den Wagen. Zwei Minuten später bogen sie in den Cheruskerweg ein. Der BMW rumpelte auf den Bürgersteig und Steller brachte ihn vor der Hausnummer 16 zum Stehen, schälte seinen Körper aus dem Sitz.
Das direkt neben der A66 gebaute Haus, war eine bewohnbare Schallschutzwand mit Schießscharten als Fenster. Vor der Tür stapelten sich abgelebte Einwegmöbel aus Holzimitat. Steller quälte sich aus dem BMW und sah missgelaunt die Fassade hinauf. Dabei schirmte er seine Augen mit der flachen Hand ab. Er hasste Frankfurt-Sindlingen und das Dreckshaus, vor dem er jetzt schwitzte, das hasste er auch.
»Wie war der Name?«
Wilczek zog sich eine Sonnenbrille aus der Hemdtasche und setzte sie sich auf die Nase. »Dolor.«

Die Begutachtung der Klingelanlage festigte Stellers ersten Eindruck von dem Betonbunker. Die Namen waren überklebt, durchgestrichen. Wilczek zeigte mit dem Finger auf ein Namensschild. Dort stand in dünnen Kugelschreiberbuchstaben Familie Dolor geschrieben.
»Achter Stock.« Steller drückte gegen die angelehnte Haustür. Im Treppenhaus herrschte Stille. Es roch nach Urin. An einem Korkbrett hingen mit Stecknadeln gefangene Zettel, wie präparierte Schmetterlinge. In blassen Buchstaben verlangten sie die Beachtung einer vergessenen Hausordnung.
Steller hämmerte erfolglos auf dem Fahrstuhlknopf herum. »Das kann doch nicht wahr sein.«
Wilczek klopfte ihm von hinten auf die Schulter, drängelte sich an ihm vorbei und begann mit weiten Schritten die Treppen hinaufzusteigen. Fluchend folgte er ihm.

Steller atmete schwer. Je höher er kam, umso stickiger wurde es.
Sie erreichten den 8 Stock. Links von der Treppe ein beigefarbenes Rechteck, die Wohnungstür der Familie Dolor. Hier oben gab es nur eine Wohnung. Auf dem Boden lag eine Fußmatte, neben der sich ein Haufen verdreckter Schuhe stapelte. Steller beugte sich nach vorne, stützte sich mit den Händen an den Knien ab. Er sah zu seinem Kollegen auf, der vor der Tür stand. Wilczek hatte die Stirn in Falten gelegt, gab ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er leise sein sollte. Steller hielt den Atem an, um zu lauschen. In den Eingeweiden des Hauses rauschte eine Wasserleitung. Von der Straße unter ihnen schwappten Echos herauf.

Steller wollte die Luft aus den Lungen lassen, als seine Nackenhaare sich aufstellten. Da war etwas. Dicht an der Wahrnehmungsgrenze. Er sah Wilczek an, öffnete den Mund, kam nicht zum Sprechen. Ein spitzer Schrei drang aus der Wohnung. Steller fühlte die panische Angst, die in ihm schwang. Er zerrte an dem Funkgerät, das an seinem Gürtel hing. »Cheruskerweg 16, dringende Unterstützung. Cheruskerweg 16, dringende Unterstützung!«

Wilczek nahm Anlauf, trat mit Wucht gegen das Türblatt. Beim ersten Versuch widerstand die Tür seinem Körpergewicht, dann flog sie nach innen. Vor ihnen lag ein Wohnungsflur, der nach knapp acht Metern abknickte. Kurz vor dem rechten Winkel stand der Schattenriss eines Mannes.
»Polizei!« Stellers Hand zuckte zum Holster. Der Schatten drehte sich weg, zeigte kein Interesse. Steller machte lange Schritte wie ein Handballspieler am Wurfkreis, fegte ihm mit einem Tritt die Beine weg.
Die Physik entließ den Mann für einen Augenblick aus ihrer Umarmung. Er schwebte im Raum, streckte einen Arm aus, griff nach Unsichtbarem. Ein Astronaut, der eine Checkliste abarbeitete.

http://www.schreibwerkstatt.de/extinktion-teil-2-t48235.html#p459411 2. Teil
Feindesland
 
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Re: Extinktion (Teil 1)

Beitragvon Ojinaa » 20.01.2014, 17:52

Hallo Feindesland,

das klingt viel versprechend. Die Komma- und Tippfehler stören, aber das kriegst du bei der Überarbeitung leicht weg. Und: Absätze entweder immer mit oder immer ohne Leerzeilen schreiben!

Was für den Anfang eines Romanes etwas ungünstig ist, ist die Atemlosigkeit, die sich zum zweiten Teil dieser Vorstellung hin noch vertieft. Du solltest ein wenig ruhiger beginnen und dafür ein wenig mehr auf das Vertrautmachen mit Figuren und Set setzen.

Ein mehr als acht Meter langer Flur?? Woher weiß Steller (als Point of View), dass der Gang rechtwinklig abknickt – sieht man das bei diesem Licht auf die Entfernung?

Da steht kein Schattenriss, da steht ein Mann.

Hier setzt übrigens ein Problem ein, das du im Hinterkopf behalten solltest: Du wirst (z.T. sehr) "blumig", das wirkt leicht überkandidelt, verkünstelt.

Das kann auch deshalb schnell nach hinten losgehen, weil du die Aufmerksamkeit des Lesers ablenkst. Beim Lesen – beim Schmökern vor allem – reicht die "Lesezeit pro Satz" für ein, zwei "Verarbeitungsschritte". Wenn man als Leser sofort das Bild sieht (Der Ball ist rot.), dann kann man dieses Bild abspeichern und dabei in sich aufnehmen (eine Regung damit verbinden, z. B. "Ball = Kinderspielzeug, also Unschuld"). Wenn man aber erst das Bild, das man "sieht" (Physik aufgehoben.) in ein (Film-)Bild übersetzen muss, das zur Handlung passt ("zeitlupenhaftes Schweben"), dann ist zwar noch Zeit zum Abspeichern – eine Regung löst das kaum noch aus. Noch heftiger wird es, wenn man das Bild, das du nennst, umdeuten muss (Fleischwurst für Hals {im zweiten Teil}) – das ist so "lesekraftintensiv", dass man stockt, weil man aufpassen muss, nicht das falsche Bild abzuspeichern. Ja sicher, der Normalleser wird nicht regelrecht stolpern (obwohl ich bei der Fleischwurst da nicht sicher bin), aber unterschwellig wirkt der Effekt doch lesehemmend.

Ein zweiter Effekt bei so "blumigen" Beschreibungen: Sie schaffen (durch den Interpretationsvorgang) Abstand, lösen das Gefühl von der Szene ab. Eben weil man nicht unmittelbar sieht, sondern quasi außerhalb der Story analysieren muss, was der Autor meint. Man benutzt diesen Effekt oft, wenn es um große Gefühle geht, da hebt man den Leser so aus dem Moment heraus (und käut das Gefühl so lange wieder, bis er davon durchdrungen ist) und lässt ihn in dem entsprechenden Gefühl schweben. Wenn aber, wie hier, die Szene selbst wie ein Hammer auf das Gefühl wirken soll, dann ist Abstand schaffen keine gute Idee.

Um es zu relativieren: Beides (Tempo / "Blumigkeit") sind keine wirklich großes Probleme bei dem Text hier (und bei Teil 2) – es gehört eher in die Kategorie Feinschliff. Ich will es trotzdem gesagt haben.


Gruß von jon/Ojinaa
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Re: Extinktion (Teil 1)

Beitragvon Feindesland » 21.01.2014, 14:49

Hall Ojinaa,

danke für die tiefe Kritik. Auf solche Antworten habe ich gehofft.

1. POV Fehler. Ja, die schleichen sich immer wieder ein. Ich selber bin kaum in der Lage die zu erkennen. Danke.

2. Schattenriss. Fehler. Gecheckt.

3. Atemlosigkeit.
Das ist Absicht. Folgende Idee: Mein Buch liegt, nachdem ich einem Zuschussverlag 5800,- € gezahlt habe, auf dem Grabbeltisch bei Woolworth (nach langem betteln beim Geschäftsführer). Der geneigte Leser liest die ersten Seiten und denkt sich: »Da geht es ja richtig zur Sache.« Ich will damit Aufmerksamkeit erregen. Tatsächlich beruhigt sich die Geschichte nach dieser Szene. Der Spannungsbogen wird dann langsam wieder aufgebaut, bis die ganze Kacke völlig eskaliert.

4. Beschreibungen / Bilder
Das ist eines meiner Hauptprobleme. Ich kenne Leser, die das toll finden. Ich kennen auch welche die, das so sehen wie du. Allerdings bist du der Erste, der seine Meinung in Wort fassen und Begründen kann. Das war äußerst informativ. Möglicherweise werde ich die Mitte wählen. Bilder verkürzen und teilweise streichen.
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Re: Extinktion (Teil 1)

Beitragvon Ojinaa » 22.01.2014, 10:38

Hallo,

knapp 6000 Eus? Mein lieber Scholli, das ist heftig! Inzwischen geht sowas auch preiswerter, wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass dann oft noch das Lektorat und die Covergestaltung aus eigener Tasche bestritten werden müssen. Aber deshalb melde ich mich nicht noch mal.

Ich wollte zu Thema Tempo etwas ergänzen, musste mir das aber noch mal durch den Kopf gehen lassen (die Version, die gestern schrieb, führte am Ende irgendwie ins Chaos).
Also: Dein Argument, den Leser mit Action zu ködern, ist nachvollziehbar und stimmig. Kann man machen. Jetzt hab ich überlegt, warum sich der Anfang trotzdem komisch anfühlt.
Ich dachte erst, es wäre nur der Klang, der wenig Inhalt (etwas Smalltalk) ungerechtfertig "aktiv klingen" lässt. (Wenn Leute reden, hat das für die Erzeugung von Leser-"Erregung" den gleichen Effekt wie echte, schnelle Handlungen. Da ist sicher evolutionär bedingt: Wenn jemand was sagt, muss man vergleichbar aufmerksam sein wie wenn jemand plötzlich hektisch wird, denn wahrscheinlich wird man darauf reagieren müssen und zwar schnell.) Steller könnte z. B. etwas weniger reden (das würde ihn auch stärker gegen "Plappermaul Ben" abgrenzen). Ich unterstreiche mal das meiner Meinung nach Kürzbare vom Anfang:

»Der hat dir ins Gesicht gespuckt. Warum hast du dem Wichser nicht in die Fresse geschlagen?«, fragte Wilczek.
Hauptkommissar Markus Steller steuerte den BMW auf das Tankstellengelände. Ohne Wilczek anzusehen, antwortete er. »Hast du dir die Fenster angesehen?«
»Welche Fenster?«
»Die Fenster des Hauses, vor dem wir den Kerl festgenommen haben.«
»Nein.«
»Die Gardinen haben sich bewegt. In jedem beschissenen Stockwerk. Ich will mich nicht morgen auf YouTube sehen.« Er parkte den Zivilwagen neben einem Münzstaubsauger ein. »Merk dir das. Die Sonderschüler können nicht bis drei zählen, aber ein Smartphone bedienen, das geht. Ist eine verrückte Welt.«
»Trotzdem. Der Penner hat versucht seine Ex-Freundin mit einem Hammer erschlagen. Du hättest es ihm richtig besorgen sollen.« Ben Wilczek war Anfang zwanzig. Die Flüchtigkeit, die seinem Denken anhaftete, ging Steller auf die Nerven.

»Wir haben nach ihm gefahndet und ihn festgenommen. Ende der Geschichte. Ich bin operativer Leiter bei der Frankfurter Fahndung. Wenn ich mich nicht beherrsche, dann kriege ich es besorgt. Verstehst du das?« Steller vergrub das Gesicht in seinen Händen, massierte sich die Schläfen. Er hatte den Kerl fast vergessen. Ein anderes Team brachte den Mann gerade in die Gewahrsamszellen des Präsidiums. Abhaken, nächster Fall.

(Letztere Streichung leitet schon zum nächste Aspekt über.)
Auch bei dem Funkruf wird mehr geredet als nötig ist – lass Wilczek fast sofort zugreifen, so "engagiert" wie der Knabe noch ist, und spar dir so z. B. die Sache mit dem "die haben keinen Wagen frei".

Beim Versuch, einige der Infos ins Nicht-Reden (also in "Gedanken" Stellers) zu übersetzen, merkte ich, dass auch jede Menge Info über die Personen verpackt ist. Es ist eine Überforderung für den Leser, sich hier am Anfang ins Set, die Figuren an sich UND auch noch so detailliert in ihre Beziehung einzufühlen. Und dann fiel mir auf, dass einige dieser Infos redundant sind. Dass Wilczek "naiv" ist, steckt im ersten Dialogteil und dann noch mal an der Stelle, wo er den Auftrag annimmt. Dass Steller "abgeklärt" ist, steckt im Fall-Abhaken, in seiner Reaktion auf die Annahme und im Umstand, dass er noch in Ruhe aufs Klo geht. Dass Wilczek nervt, steckt im Anfang und an der Stelle, wo er Steller "Dann lass es" ignoriert …
Natürlich ist es ok, wenn die Figuren in diesem Sinne stimmig sind, aber in diesem Anfang ist das eher ein "uneffektives Mehrfachmitteilen", jede Stelle erzeugt Aktivität (der Leser muss es sehen/hören und deuten), aber der Lohn dafür ist nicht immer eine neue Info.
Langer Rede kurzer Sinn: Verdichten! Zum Beispiel ist diese Info mit dem "Abhaken" nicht nötig. Der Aspekt "schon fast vergessen" fordert zudem vom Leser, den Anfang nachträglich umzudenken – man geht an Anfang davon aus, dass das eben erst passiert ist, das "fast vergessen" deutet jetzt aber auf etwas mehr Abstand. Dass Steller es abgehakt hat (bzw. es abhaken will), kann man damit zeigen, dass er eben nicht mehr ausführlich darüber reden will, sondern eher knurrig-einsilbig antwortet.

Ich habe das Gefühl, irgendwie noch nicht den Punkt getroffen zu haben, aber ich kriege das jetzt nicht besser hin. Einen Vorschlag, wie es besser klingen könnte, kriege ich erst recht nicht zustande, aber da kann ich mich ja rausreden und sagen "Du bist schließlich der Autor". :wink: Vielleicht hilft es trotzdem, zu verstehen, was ich meine.
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Re: Extinktion (Teil 1)

Beitragvon Siba » 23.01.2014, 10:59

Hallo Feindesland


Der Penner hat versucht seine Ex-Freundin mit einem Hammer zu erschlagen.


Hier fehlte das Wort "zu".


»Ich gehe pissen. Darum habe ich hier angehalten.«


Den rot markierten Satz würde ich weg lassen. Man kann sich denken, wenn er erklärt, er geht pinkeln, dass er deshalb dort anhielt.
Zudem macht es auch deutlicher, dass Steller von Wilczek etwas angenervt ist, weshalb er sich nach einem knackigen kurzen Satz wie "Ich gehe pissen" sich nicht noch einmal extra erklären sollte.
Für mich persönlich kam der zweite Satz fast ein bisserl rechtfertigend rüber.

Kurz vor dem rechten Winkel stand der Schattenriss eines Mannes.


Das klingt merkwürdig. Vielleicht: "Kurz vor dem rechten Winkel war der Schatten eines Mannes zu erkennen."
Wenn man aber nur den Schatten eines Mannes wahrnehmen kann, wieso kann dann Stella ihm kurz darauf schon die Füße weg fegen? (Sieht man jedoch nur einen Schatten, ist dann überhaupt ein Unterschied zwischen einen weiblichen und einen männlichen Schatten sofort auszumachen?)
Als ich die Szene las, stellte ich mir zunächst einen dunklen Flur vor. Dann wurde der Schatten eines Mannes erwähnt, drum dachte ich mir, dass der Mann evtl. hinter irgend einer Wand steht, aber er schien ja mitten im Flur zu stehen, weil Steller direkt auf ihm zu ging.

Die Physik entließ den Mann für einen Augenblick aus ihrer Umarmung. Er schwebte im Raum, streckte einen Arm aus, griff nach Unsichtbarem. Ein Astronaut, der eine Checkliste abarbeitete.


Ich mag diese Formulierung, finde sie jedoch zur Situation unpassend.
Steller fegt dem Typen mit einem Tritt die Beine weg. Ruckzuck dürfte der andere am Boden liegen. Dass er nun wie in einem schwerelosen Zustand umher fliegen soll, halte ich für fragwürdig. Als Filmszene könnte ich mir so etwas hingegen sehr gut vorstellen, wo eine Sequenz extra langsam dargestellt wird und erinnert ein wenig an die Effekte in "Matrix".
Hier jedoch bleibt m.M.n. - physikalisch begründet - zu wenig Zeit für einen Astronauten, der erst noch eine Checkliste abarbeitet, bevor er auf den Boden aufschlägt.

Dein Erzählstil gefällt mir sehr gut. Er ist knackig, frisch und auch das Tempo mag ich.
Am Anfang wurde Wilczeks Übereifer sehr gut dargestellt. Auf Steller wirkt es nervenraubend, was prima rüber kam.
Die Geschichte ist spannend. Ich möchte wissen wie es weiter geht. Bisher erlebe ich einen Krimi und bin natürlich noch neugierig auf die Fiction.

Liebe Grüße
Siba
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Re: Extinktion (Teil 1)

Beitragvon CraX » 05.02.2014, 14:24

Hallo Feindesland,

Deine Geschichte wollte ich mir schon seit einer Weile vorknöpfen, irgendwie sind dann plötzlich der 5. und 6. Teil verschwunden, aber jetzt ich fange mal am Besten von vorne an (und hoffe, dass die irgendwann wieder auftauchen):

Grundsätzlich fasziniert mich dein „Schlagbohrmaschienen“-Stil, auch wenn er mich gleichzeitig abschreckt. Ich würde einen 550-seitenstaken Roman in diesem Stil sicher durchstehen, müsste mir aber vermutlich hinterher eine Milva-Platte oder so was auflegen.
Aber ich finde, es hat auf jeden Fall seine Berechtigung, wenn jemand zur Abwechslung auch mal deftig und hart schreibt. Erinnert mich ein wenig an T.C. Boyle, dem man ja auch vorwirft, er schreibe mit der Kettensäge satt mit einer Feder.
Es wird gleich mit dem ersten Satz klar, dass es hier heftig zur Sache geht – und der Ton dementsprechend derb ist. Wer so was nicht mag, kann sofort erkennen, dass er hier falsch ist. Und wer mal etwas anderes, als das handelsübliche, wohlgefällige lesen will, ist hier genau richtig. Aber du wirst damit vermutlich nur einen eingeschränkten Kreis von Lesern ansprechen, das sollte dir klar sein.

Es beginnt in jedem Fall spannend, - und das bleibt es auch. Wie schon andere bekrittelt haben, wird der Leser richtig gehetzt, das finde zu Beginn auch ganz gut so.

Um zumindest anzudeuten, dass die Geschichte in der Zukunft spielt (und kein Krimi ist), würde ich ein- oder zwei kleine Details einfügen. Herumfliegende Drohnen, eine beiläufige Bemerkung über eine Jahreszahl oder über eine zurückliegende Katastophe, Funkgeräte gegen Kommgeräte tauschen, irgendetwas eben. (einen Hinweis hast du ja bereits gegeben, mit den 38 Grad, aber das kann man auch leicht überlesen).

Viel zu kritisieren habe ich auch nicht ...

»Wo gehst du hin?«
»Ich gehe pissen. Darum habe ich hier angehalten.«

Das gefällt mir. Hier wird sein Unmut bildlich schön dargestellt. Den zweiten Satz kann man tatsächlich auch weglassen.

... wie präparierte Schmetterlinge.

Auch diese wie sehr viele andere Details sind fantasievoll schön umschrieben, gefällt mir wirklich gut.

Da steht kein Schattenriss, da steht ein Mann.
Hier setzt übrigens ein Problem ein, das du im Hinterkopf behalten solltest: Du wirst (z.T. sehr) "blumig", das wirkt leicht überkandidelt, verkünstelt.

Die Kritik von Ojinaa kann ich nur bedingt teilen, aber an der Stelle mit dem Astronauten-Gleichnis (am Ende des 1.Teils) ist es dann vielleicht wirklich etwas zu viel ...
Ich lese zum Beispiel gerade Lukianenko, und ich empfinde seine „philosophischen“ Kapiteleinführungen („blumig“, aber auf ganz andere Art wie bei dir), als unnötiges, zeitraubendes Geschwafel, aber anderen scheint es zu gefallen, sonst wäre er ja kaum bekannt geworden.
Und wie deine Freunde auch angemerkt haben, gefällt dem einen deine „blumige“ Sprache und anderen nicht. Ich hätte da Angst, dass diese düstere Geschichte dann noch grauer wird, als sie eh schon ist. Das würde sich aber nur in einem Versuch bzw. einem Vergleich klären.
Aber es ist sicher richtig, dass diese Beschreibungen von der Handlung ablenken und eher eine Abfolge von Choreografien darstellen. Auf der anderen Seite stellen viele moderne Filme fast nur noch eine Abfolge von Effekthaschereien in den Vordergrund. Warum dann also auch nicht so schreiben?
Eine schwierige Frage, bei der ich dir vermutlich keine grosse Hilfe sein kann. Der gewählte Stil sollte jedenfalls über die 550 Seiten konstant bleiben.

Er sah Wilczek an, öffnete den Mund, kam nicht zum Sprechen. Ein spitzer Schrei drang aus der Wohnung. Steller fühlte die panische Angst, die in ihm schwang.

Den letzten Satz würde ich hier an erste Stelle setzen. Zuerst steigt die Anspannung, dann ertönt der Schrei (worauf hin er Verstärkung anfordert).

Auf jeden Fall ist dein Stil eigenwillig und hebt sich hervor. Die Geschichte ist spannend und ich hoffe, dass sie (wieder) fortgesetzt wird.
Die wahren Abenteuer sind im Kopf und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo.
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Re: Extinktion (Teil 1)

Beitragvon Azareon29 » 27.05.2014, 22:05

Vorneweg: ein knackiger, realistischer Stil. Liest sich sehr flüssig. Gefällt mir.

»Der hat dir ins Gesicht gespuckt. Warum hast du dem Wichser nicht in die Fresse geschlagen?«, fragte Wilczek.
Hauptkommissar Markus Steller steuerte den BMW auf das Tankstellengelände. Ohne Wilczek anzusehen, antwortete er. »Hast du dir die Fenster angesehen?«
»Welche Fenster?«
»Die Fenster des Hauses, vor dem wir den Kerl festgenommen haben.«
»Nein.«
»Die Gardinen haben sich bewegt. In jedem beschissenen Stockwerk. Ich will mich nicht morgen auf YouTube sehen.« Er parkte den Zivilwagen neben einem Münzstaubsauger ein. »Merk dir das. Die Sonderschüler können nicht bis drei zählen, aber ein Smartphone bedienen, das geht. Ist eine verrückte Welt.«
»Trotzdem. Der Penner hat versucht seine Ex-Freundin mit einem Hammer erschlagen. Du hättest es ihm richtig besorgen sollen.« Ben Wilczek war Anfang zwanzig. Die Flüchtigkeit, die seinem Denken anhaftete, ging Steller auf die Nerven.

»Wir haben nach ihm gefahndet und ihn festgenommen. Ende der Geschichte. Ich bin operativer Leiter bei der Frankfurter Fahndung. Wenn ich mich nicht beherrsche, dann kriege ich es besorgt. Verstehst du das?« Steller vergrub das Gesicht in seinen Händen, massierte sich die Schläfen. Er hatte den Kerl fast vergessen. Ein anderes Team brachte den Mann gerade in die Gewahrsamszellen des Präsidiums. Abhaken, nächster Fall.
Er stieg aus. Die Sonne stand wie eine Quecksilberdampflampe am Himmel und versuchte die Stadt niederzubrennen. Es roch nach heißem Teer. Noch nicht zwölf Uhr und das Thermometer zeigte 38 Grad an.
Vorschlag zur Verbesserung:
»Der hat dir ins Gesicht gespuckt. Warum hast du dem Wichser nicht die Fresse poliert?«, fragte Wilczek.
Hauptkommissar Markus Steller steuerte den BMW auf das Tankstellengelände. Ohne Wilczek anzusehen, antwortete er: »Wegen der Fenster.«
»Welche Fenster?«
»Die Fenster des Hauses, vor dem wir den Kerl festgenommen haben. Die Gardinen haben sich bewegt. In jedem beschissenen Stockwerk. Ich will mich nicht morgen auf YouTube sehen.« Er parkte den Zivilwagen neben einem Münzstaubsauger ein.
»Trotzdem. Der Penner hat versucht seine Ex-Freundin mit einem Hammer erschlagen. Du hättest es ihm richtig besorgen sollen.«
Ben Wilczek war Anfang zwanzig. Die Flüchtigkeit, die seinem Denken anhaftete, ging Steller auf die Nerven. »Wir haben nach ihm gefahndet und ihn festgenommen. Ende der Geschichte. Wenn ich mich als operativer Leiter nicht beherrsche, dann kriege ich es besorgt.« Steller vergrub das Gesicht in seinen Händen, massierte sich die Schläfen. Er hatte den Kerl fast vergessen. Ein anderes Team brachte den Mann gerade in die Gewahrsamszellen des Präsidiums. Abhaken, nächster Fall.
Er stieg aus. Die Sonne stand wie eine Quecksilberdampflampe am Himmel und versuchte die Stadt niederzubrennen. Es roch nach heißem Teer. Noch nicht zwölf Uhr und das Thermometer zeigte schon 38 Grad an.
Liest sich doch schon etwas kompakter, oder?

Wilczek hatte den Wagen ebenfalls verlassen. Er stöhnte. »Hast du schon einmal eine solche Hitze im Mai erlebt?«
Steller schüttelte den Kopf.
»Darf ich dich etwas persönliches Fragen? Die Jungs sagen, ich soll es lieber lassen.«
»Dann lass es.«
Wilczek überhörte das. »Warum schaust du immer so trübsinnig aus der Wäsche? Man denkt immer, dass du gleich zu weinen anfängst. Da-«
Das Funkgerät im Auto schnitt ihm das Wort ab. »Hier ist Falke. Wer kann fahren? Verdacht auf häusliche Gewalt, Revierbereich 17. Sindlingen. Cheruskerweg 16. Wer kann fahren? Verdacht auf häusliche Gewalt. Cheruskerweg 16.«
Keine Meldung.
»Hier ist Falke. Wer kann fahren? Verdacht auf häusliche Gewalt. Cheruskerweg 16. Das 17. Revier hat keine freie Streife.«
Bevor Steller reagierte, schnappte Wilczek sich das Mikrofon des Funkgeräts und nahm den Auftrag an.
»Bist du bescheuert?«, platzte es aus Steller heraus. Schlimm genug, das der Bengel versuchte in sein Innerstes einzudringen. Funkwagenaufträge anzunehmen, machte es nicht besser.
Wilczek zuckte zusammen. »Das Revier hat keinen Funkwagen frei. Was soll ich machen?«
»Mich fragen. Wenn du Streife fahren willst, musst du es nur sagen.« Er schlug die Fahrertür von außen zu.
»Wo gehst du hin?«
»Ich gehe pissen. Darum habe ich hier angehalten.«


Mein Vorschlag
Wilczek hatte den Wagen ebenfalls verlassen. Er stöhnte. »Hast du schon einmal eine solche Hitze im Mai erlebt?«
Steller schüttelte den Kopf.
»Darf ich dich etwas persönliches Fragen? Die Jungs sagen, ich soll es lieber lassen.«
»Seit wann hörst du auf die Meinung anderer?«
Wilczek überhörte das. »Warum schaust du immer so trübsinnig aus der Wäsche? Man denkt immer, dass du gleich zu weinen anfängst. Da-«
Das Funkgerät im Auto schnitt ihm das Wort ab. »Hier ist Falke. Wer kann fahren? Verdacht auf häusliche Gewalt, Revierbereich 17. Sindlingen. Cheruskerweg 16.«
Bevor Steller reagierte, schnappte Wilczek sich das Mikrofon des Funkgeräts und nahm den Auftrag an.
»Bist du bescheuert?«, platzte es aus Steller heraus. Schlimm genug, das der Bengel versuchte in sein Innerstes einzudringen, jetzt nahm er auch noch Funkwagenaufträge an.
Wilczek zuckte zusammen. »Auf die Anfrage antworen. Was soll ich sonst machen?«
»Mich fragen. Wenn du Streife fahren willst, musst du es nur sagen.« Er schlug die Fahrertür von außen zu.
»Wo gehst du hin?«
»Ne Stange Wasser wegstellen.«
Die vielfache Wiederholung ist zwar realistisch, wirkt leider schnell überzogen. So lässt es Wilczek übereifriger wirken.

Wilczek nahm Anlauf, trat mit Wucht gegen das Türblatt. Beim ersten Versuch widerstand die Tür seinem Körpergewicht, dann flog sie nach innen. Vor ihnen lag ein Wohnungsflur, der nach knapp acht Metern abknickte. Kurz vor dem rechten Winkel stand der Schattenriss eines Mannes.
»Polizei!« Stellers Hand zuckte zum Holster. Der Schatten drehte sich weg, zeigte kein Interesse. Steller machte lange Schritte wie ein Handballspieler am Wurfkreis, fegte ihm mit einem Tritt die Beine weg.
Die Physik entließ den Mann für einen Augenblick aus ihrer Umarmung. Er schwebte im Raum, streckte einen Arm aus, griff nach Unsichtbarem. Ein Astronaut, der eine Checkliste abarbeitete.

Mein Vorschlag: Wilczek nahm Anlauf und warf sich mit Wucht gegen das Türblatt. Die Tür hielt stand.
Steller verdrehte die Augen, brummte "Amateur" und schob den Jungen zur Seite. Aus dem Stand heraus trat er einmal heftig gegen den unmittelbaren Bereich des Türschlosses. Holz splitterte und die Tür flog nach innen.
Vor ihnen lag ein Wohnungsflur, der nach knapp acht Metern abknickte. Kurz vor dem rechten Winkel stand der Schattenriss eines Mannes.
»Polizei!« Stellers Hand zuckte zum Holster. Der Schatten drehte sich weg, zeigte kein Interesse. Steller machte lange Schritte wie ein Handballspieler am Wurfkreis, fegte ihm mit einem Tritt die Beine weg.


Ich gebe ernsthaft zu, dass ich den letzten Satz nicht verstehe. Falls du damit den Vorgang beschreiben willst, dann ist dieses Simile sehr übertrieben und wirkt deplatziert.
Davon abgesehen, sehr gut. Ich bin auf den zweiten Teil gespannt.
Man muss sich ins Leben fallen lassen - was wäre die Alternative?
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