[SciFi]Extinktion (Teil 2)

[SciFi]Extinktion (Teil 2)

Beitragvon Feindesland » 19.01.2014, 15:37

http://www.schreibwerkstatt.de/extinktion-teil-1-t48232.html 1. Teil


Dann besann sich die Mechanik der Welt, gab ihm Gewicht zurück. Er schlug mit dem Rücken auf dem Boden auf, ein gepresstes Lächeln im Gesicht. Der Mann war etwa vierzig, dürr, vom Alkohol ausgesogen. Steller kniete auf seiner Brust, zog die Waffe und drückte ihm die Mündung gegen den Kopf.
»Beweg dich nicht. Beweg. dich. nicht.«

Gemeinsam mit Wilczek drehte er den Kerl auf den Bauch, zwang dessen Streichholzarme in die Handschellen. Kein Widerstand. Steller roch den vergessenen Hausmüll. Aus dem Dunkel der Wohnung drangen Stimmen zu ihnen. Er stand auf, umklammerte die Heckler & Koch.
»Geh, geh. Ich hab ihn«, bedeutete ihm Wilczek. Langsam bewegte sich Steller weiter. In seinem Rücken hörte er Wilczek flüstern: »Hier ist überall Blut.«
Steller löste eine Hand von der Pistole. In dem fahlen Licht des Flurs schien sie wie in Henna gebadet. Was für eine Scheiße lief hier? Rechts von ihm befand sich eine angelehnte Tür. Er stieß sie mit dem Fuß auf und blickte in das Wohnzimmer. Die Fenster waren abgedunkelt. Staub tanzte in nadelartigen Lichtstrahlen, die sich durch kleine Löcher in den Jalousien drückten. In einer Ecke versteckte sich ein Teddybär. Stellers Mund trocknete aus.
Jemand weinte. Die Geräusche kamen aus dem hintersten Zimmer.

Zurück im Flur erreichte er nach zwei Schritten die letzte Tür. Sie stand offen. Er hob die Waffe in die Visierung, öffnete behutsam den Winkel zum Raum, bewegte sich im Halbkreis. Zentimeterweise schob sich das Innere in sein Sichtfeld.
Er sah einen Fernseher. Auf dem Bildschirm erkannte er ein Mädchen. Es lag auf dem Bauch. Bedächtig setzte er einen Fuß vor den anderen. Metallbeine von einem Stativ rückten in sein Blickfeld. Eine Videokamera. Schweiß lief ihm in die Augen. Die Mündung der Pistole zitterte.

An der Wand sah Steller einen dunklen Fleck. Zerplatztes Glas lag auf dem Teppich. Er sah ein paar nackte Füße auf dem Boden, dann zwei Beine, ein Gesäß, einen Oberkörper, rote Haare. Ein Mädchen, gerade fünfzehn Jahre alt. Ohne Kleidung am dünnen Leib lag sie auf dem Bauch. Jemand hatte ihr ein dickes Kissen unter das Becken geschoben, ihr die Hände auf dem Rücken mit einer blauen Kunststoffwäscheleine gefesselt. Ihr Kopf lag auf der Seite. Die Kehle war durchschnitten, ihr Blut bereits im Bodenbelag versickert.
Steller vergaß die Vorsicht, trat in den Raum, ließ die Mündung der Pistole zu Boden sinken. Er sah in ihr Gesicht. Blutleer. Die Augen zwei matte Glasperlen. Aus dem Augenwinkel sah er den Fernseher flimmern. Ein Video lief. Es zeigte das Mädchen, als es noch lebte. Der Kopf des Kindes wippte leicht.
»Meiner Schwester geht es nicht gut.«
Steller wirbelte herum.

Ein zweites Mädchen kauerte zwischen Bettrahmen und Nachttisch, bemüht keinen Raum einzunehmen. Kaum zehn Jahre alt. Sie umklammerte das Holz der Möbel, als stünde sie bei schwerem Seegang an einer Reling. Die dunkelbraunen Haare hingen ihr wie Gitterstäbe vor dem Gesicht. Sie trug einen Schlafanzug mit bunten Schmetterlingen.
»Meiner Schwester geht es nicht gut.« Sie sah durch Steller hindurch, stand unter Schock.
»Keine Angst, keine Angst.«.
»Meine Schwester ist krank.«
»Keine Angst.« Ihm fehlten die Worte.
In der Peripherie eine Bewegung.
Puls.
Er riss die Waffe hoch, wirbelte herum, malte mit der Mündung Kreise in der Luft. Da war nichts. Nur das blasse tote Mädchen. Er wollte sich wegdrehen, sah, wie die Tote den Mund öffnete. Ihr Körper zuckte leicht. Wie bei einem Kind, das einschläft.
»Oh, Gott.«

Die Pistole entglitt ihm, landete dumpf auf dem Teppich. Steller sprang auf, stolperte zur Tür. »Ben. Notarzt. Notarzt!« Er fand ein T-Shirt, kniete sich vor die Verletzte. Er musste ihr einen Druckverband anlegen, die Blutung stoppen. Der Hals ein aufgeschnittenes Stück Fleischwurst. Seine Hand mit dem Stoffstück suchte ziellos, zögerte, da gab es keine Hoffnung mehr. Das Mädchen versuchte zu schlucken. Noch wollte sie nicht loslassen, das Herz drückte Blut aus der klaffenden Wunde. Ihre Seele am Weltenrand schaute über die Schulter. Steller in die Augen. »Warte!«, schrie er. »Nein, nein, nein! Sie kommen, sie kommen!«

Steller kniete neben dem Kind, sah es in Zeitlupe sterben. Nach Millionen Jahren füllte sich der Raum mit Menschen. Die Weißen beugten sich über das sterbende Mädchen. Die Blauen umlagerten die zwischen Möbeln eingeklemmte Schwester. Steller verließ das Zimmer, ging durch den Flur, raus aus der Wohnung. Wasser lief ihm aus den Augen. Er wischte es mit dem Handrücken weg. Wilczek kam ihm entgegen, sprach ihn an. Er ließ ihn stehen.
Im Treppenhaus standen noch mehr Blaue. Zwischen ihnen lehnte ein Anderer an der Wand, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Der Andere sagte etwas. Steller nahm sein Reservemagazin, schloss es in seiner Faust ein.
Sein erster Schlag zertrümmerte dem Kerl die Nase. Der Kopf des Mannes schlug gegen die Wand. Er sackte weg, bewusstlos, bevor er den Boden berührte. Stellers Linke griff nach unten, holte den schlaffen Körper zurück. Er schlug wieder zu. So oft er konnte. Dann zog man ihn von dem Mann weg.

http://www.schreibwerkstatt.de/extinktion-teil3-t48287.html Teil 3
Zuletzt geändert von Feindesland am 22.01.2014, 15:05, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Extinktion (Teil 2)

Beitragvon Jason » 21.01.2014, 13:43

Gut!

Das ist mein erster Eindruck, nachdem ich deinen Text vollständig gelesen habe. Ich gehe hier auf Teil 1 und Teil 2 zusammen ein. Sprachlich und grammatikalisch kann ich keine Fehler feststellen. Du beherrschst die Beschreibung deiner Personen, bist knapp genug, dass es nicht langweilig wird und erzeugst mit ungewohnten Sprachwendungen sehr schöne Bilder beim Leser. Die Stimme des Erzählers wird gut transportiert und die Dynamik zwischen den beiden Polizisten / Ermittlern kommt gut rüber.

Dass die Handlung in der Zukunft spielt wird nur dezent angedeutet, gleichzeitig gibt es genug Elemente, die es in der jetzigen Zeit erden und eine gute Orientierung geben.

Ein paar Anmerkungen habe ich aber trotzdem noch, allerdings ist das wirklich als Kritik auf hohem Niveau zu sehen. Am Anfang ein Flüchtigkeitsfehler:

Trotzdem. Der Penner hat versucht seine Ex-Freundin mit einem Hammer zu erschlagen.


Sonst habe ich handwerklich nichts anzumerken. Meine Kritik richtet sich mehr auf den Inhalt. Du beschreibst das typische Polizei-Team: ein junger impulsiver Neuling, und der abgeklärte Haudegen, der ein paar Geheimnisse hat. Der erste Einsatz, den wir von Ihnen zusammen erleben, führt direkt zu einem brutalen Killer, der kleine Mädchen tötet und vermutlich auch missbraucht. Ein Mädchen haucht ihr Leben in den Armen des Ermittlers aus, während die kleine Schwester traumatisiert daneben steht. Es soll emotional sein und packend, aber es zieht bei mir nicht richtig, weil ich das Gefühl habe es schon zu kennen. Es ist mir zu typisch. In meinem Kopf male ich mir schon aus, wie es weitergeht:

Der Haudegen wird in der nächsten Szene vermutlich von seinem Chef zurechtgewiesen oder wird anderweitig für seine Prügelaktion bestraft, vielleicht muss er gar seine Polizeimarke abgeben? Die kleine Schwester wird eine Beziehung zu dem alten Haudegen aufbauen, er wird sich ihr annehmen und sie fortan beschützen. Und vermutlich werden noch irgendwelche Hintermänner aufgespürt und natürlich Rache genommen.

Ich weiß natürlich nicht, ob es wirklich so weitergeht, aber die Aussicht erfüllt mich nicht gerade mit Freude, weil ich das Gefühl habe, dass hier nichts Neues auf mich zukommt.

Das führt zu meinem zweiten inhaltlichen Kritikpunkt: Die Handlung ist mir zu abgeschlossen, es werden keine Fragen aufgeworfen, deren Beantwortung mich wirklich interessiert. Hier wäre ein kleines Detail gut, das mich ahnen lässt, dass es eben nicht typisch weitergeht, sondern dass hier eine ganz besondere Geschichte auf mich wartet.

Da so eine Wendung aber nicht angedeutet ist fehlt mir der Impuls wirklich mit Spannung weiter zu lesen. Falls in den nächsten zwei Kapiteln auch keine Abweichung von meinen Erwartungen vorkommt, würde ich das Buch vermutlich zur Seite legen.

Wie gesagt Kritik auf hohem Niveau: Dein Stil und deine Ausführung gefallen mir sehr gut, ich weiß nur noch nicht, ob mir auch die Geschichte gefällt, die du erzählen willst.
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Re: Extinktion (Teil 2)

Beitragvon Feindesland » 21.01.2014, 14:35

@Jason

Hallo und danke für deine konstruktive Kritik. Ich hatte zwar gehofft, dass ich Kommentare bekomme, die mich weiterbringen, aber nicht damit gerechnet. Also nochmals: Danke!

1. Die Sache mit den Bildern
Da sind meine Leser verschiedener Ansicht. Die einen finden sie gelungen, die anderen übertrieben, künstlich und lesehemmend. Ich bin mir da nicht sicher, welchen Weg ich gehen soll. So lassen? Oder lieber die meisten streichen? Schwierig.

2. Gang der Geschichte
Da kann ich dich völlig beruhigen. Der Eindruck täuscht. Am Abend des gleichen Tages bricht eine Seuche aus. Ich habe drei Gruppen die durch drei Erzählstränge repräsentiert werden. Markus Steller ist die Hauptperson meines ersten Erzählstranges. In jeder Gruppe gibt es gruppeninterne Konflikte. Außerdem interagieren die einzelnen Gruppen miteinander. Auch das ist nicht problemfrei.

Der Haudegen wird in der nächsten Szene vermutlich von seinem Chef zurechtgewiesen oder wird anderweitig für seine Prügelaktion bestraft, vielleicht muss er gar seine Polizeimarke abgeben? Die kleine Schwester wird eine Beziehung zu dem alten Haudegen aufbauen, er wird sich ihr annehmen und sie fortan beschützen. Und vermutlich werden noch irgendwelche Hintermänner aufgespürt und natürlich Rache genommen.


Wenn ich so schreiben würde, wie von dir angedeutet, würde ich selber das Buch nicht lesen wollen. Ich bin der Meinung, dass man ein »Alleinstellungsmerkmal« braucht. In meinem Fall ist es der Virus. Er ist nicht einfach nur da. Auch wird das Problem nicht gelöst, weil man irgendwie erkennt, dass Buttermilch mit einen Schuss Zitrone die Krankheit besiegt. Ich habe mich ziemlich tief in die Materie eingelesen und versucht dem Leser eine nachvollziehbare Erklärung zu liefern. Ob mir das gelungen ist, wird sich zeigen.

Das führt zu meinem zweiten inhaltlichen Kritikpunkt: Die Handlung ist mir zu abgeschlossen, es werden keine Fragen aufgeworfen, deren Beantwortung mich wirklich interessiert. Hier wäre ein kleines Detail gut, das mich ahnen lässt, dass es eben nicht typisch weitergeht, sondern dass hier eine ganz besondere Geschichte auf mich wartet.


Du darfst nicht vergessen, dass das nur die ersten Seiten von 550 weiteren sind. Diese Fragen, von denen du spricht, werden aufgeworfen. Aber nicht auf den ersten 10 Seiten.
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Re: Extinktion (Teil 2)

Beitragvon Ojinaa » 21.01.2014, 15:18

Hallo Feindesland,

hier mal ganz konkrete Details, über die ich gestolpert bin:


Dann besann sich die Mechanik der Welt, gab ihm Gewicht zurück. Er schlug mit dem Rücken auf dem Boden auf, ein gepresstes Lächeln im Gesicht. Der Mann war etwa vierzig, dürr, vom Alkohol ausgesogen. Steller kniete auf seiner Brust, zog die Waffe und drückte ihm die Mündung gegen den Kopf.
»Beweg dich nicht. Beweg. dich. nicht.«

Der erste Satz wirkt überkandidelt.
Warum lächelt er (wenn auch "gepresst", was immer das in dem Zusammenhag sein soll)?
Alkohol, der gewöhnlich "gesaugt" wird, als saugend zu zeichnen, irritiert. Vorschlag: ausgezehrt.
Außerdem: Aufforderungen schreibt man mit Ausrufezeichen.

Gemeinsam mit Wilczek drehte er den Kerl auf den Bauch, zwang dessen Streichholzarme in die Handschellen. Kein Widerstand. Steller roch den vergessenen Hausmüll. Aus dem Dunkel der Wohnung drangen Stimmen zu ihnen. Er stand auf, umklammerte die Heckler & Koch.

Wenn der Dürre keinen Widerstand leistet (du meinst doch, dass er keinen leistet, oder?), warum müssen die die Arme dann in die Handschellen zwingen?

»Geh, geh. Ich hab ihn«, bedeutete ihm Wilczek. Langsam bewegte sich Steller weiter. In seinem Rücken hörte er Wilczek flüstern: »Hier ist überall Blut.«

Warum flüstert Wilzczek?

Steller löste eine Hand von der Pistole. In dem fahlen Licht des Flurs schien sie wie in Henna gebadet.

Das mit dem fahlen Licht - ok. Aber was soll der Henna-Vergleich; wie ist Steller gestrickt, dass ihm das durch den Kopf geht? Und: Wirkt die Hand so oder Pistole?

Was für eine Scheiße lief hier? Rechts von ihm befand sich eine angelehnte Tür. Er stieß sie mit dem Fuß auf und blickte in das Wohnzimmer. Die Fenster waren abgedunkelt. Staub tanzte in nadelartigen Lichtstrahlen, die sich durch kleine Löcher in den Jalousien drückten. In einer Ecke versteckte sich ein Teddybär. Stellers Mund trocknete aus.

Wörtliche Gedanken besser als solche kennzeichnen.
Ich verstehe nicht: Fahles Licht, Hand/Pistole sieht rötlich aus – was ist daran so "strange", dass er sich fragt, "was für eine Scheiße" hier läuft?
Bild-Problem: Eine Nadel, die irgendwo "durchdrückt", piekst mit kaum mehr als nur Spitze durch. Man fühlt die Spitze, sieht die Nadel aber nicht wirklich. – Wer so üppig in Bildern, Vergleichen und "starken Verben" badet, muss sehr aufpassen, dass die Bilder stimmig bleiben.
Obwohl es so duster ist, fällt ihm als erstes der Teddybär in der (erst recht) dunklen Ecke auf? Ein Teddy, der sich auch noch "versteckt"?
Den letzten Satz finde ich gut, vor allem auch, weil er die Rhythmik dieses Absatzes sehr schön strukturiert. (Inhaltlich ist es nicht ganz plausibel, weil so ein "auslösendes Schockmoment" nicht sichtbar wird.)

… die letzte Tür. Sie stand offen. Er hob die Waffe in die Visierung, öffnete behutsam den Winkel zum Raum, bewegte sich im Halbkreis. Zentimeterweise schob sich das Innere in sein Sichtfeld.

Ist "Visierung" ein Fachbegriff? Ich finde, das klingt extrem unbeholfen.
Er öffnet einen Winkel? Zwischen seinen Armen? "Winkel zum Raum" – das ergibt gar keinen Sinn. Ich weiß schon, dass du auf den Winkel zwischen Türblatt und Zarge anspielst, der beim Öffnen der Tür größer wird. Aber das steht - semantisch gesehen - nicht da. Beim Suchen nach synonymen Formulierungen gut darauf achten, dass sie stimmig sind!
Er bewegt sich im Halbkreis? "Sich im Kreis bewegen" kenne ich als Redewendung für "immer wieder zum Ausgangsproblem zurückommen", man kann auch im Kreis gehen oder sich in einem Kreis bewegen, im Sinne von "die Kreisfläche nicht verlassen". Weder die Redewendung ergibt hier Sinn, noch das Gehen (warum sollte er so einen Bogen laufen?), noch die Idee, er würde sich auf einer als Halbkreis beschreibbaren Fläche bewegen.
Das Innere schiebt sich garantier nicht. Man kann diese Umkehrung der Tatsachen benutzten, wenn der Beobachter "gefühlt stillsteht" zum Beispiel weil er in einem Fahrzeug steht oder sitzt. Das trifft hier aber nicht zu.

Er sah einen Fernseher. Auf dem Bildschirm erkannte er ein Mädchen. Es lag auf dem Bauch. Bedächtig setzte er einen Fuß vor den anderen. Metallbeine von einem Stativ rückten in sein Blickfeld. Eine Videokamera. Schweiß lief ihm in die Augen. Die Mündung der Pistole zitterte.

Bei dieser Passage hatte ich sofort die Frage im Kopf: Passiert das während des Sich-im-Halbkreis-Bewegens oder erst danach?

An der Wand sah Steller einen dunklen Fleck. Zerplatztes Glas lag auf dem Teppich. Er sah ein paar nackte Füße auf dem Boden, dann zwei Beine, ein Gesäß, einen Oberkörper, rote Haare. Ein Mädchen, gerade fünfzehn Jahre alt. Ohne Kleidung am dünnen Leib lag sie auf dem Bauch. Jemand hatte ihr ein dickes Kissen unter das Becken geschoben, ihr die Hände auf dem Rücken mit einer blauen Kunststoffwäscheleine gefesselt. Ihr Kopf lag auf der Seite. Die Kehle war durchschnitten, ihr Blut bereits im Bodenbelag versickert.

Im Grunde finde ich dieses Detail-für-Detail-Zeigen gut, man ist mittendrin in der Spannung, mit der Steller den Raum optisch "abtastet".
Woran sieht Steller, dass sie "gerade 15" ist?
… hier mal bitte merken: Das Blut (Blut ist nicht nur sprichwörtlich dicker als Wasser) ist schon im (offenbar lausig imprägnierten) Teppich versickert.

Steller vergaß die Vorsicht, trat in den Raum, ließ die Mündung der Pistole zu Boden sinken. Er sah in ihr Gesicht. Blutleer. Die Augen zwei matte Glasperlen. Aus dem Augenwinkel sah er den Fernseher flimmern. Ein Video lief. Es zeigte das Mädchen, als es noch lebte. Der Kopf des Kindes wippte leicht.
»Meiner Schwester geht es nicht gut.«
Steller wirbelte herum.

Dass die Augen matt werden im Tod, ist eine eingängige Floskel. Stimmt aber nur, wenn sie Zeit hatten, oberflächlich abzutrocknen. Merken wir uns das mal.
Wenn in dem Video abläuft, was ich denke, dass es abläuft: Warum wippt (nur) der Kopf?
Absatz vor der Rede.

Ein zweites Mädchen kauerte zwischen Bettrahmen und Nachttisch, bemüht keinen Raum einzunehmen. Kaum zehn Jahre alt. Sie umklammerte das Holz der Möbel, als stünde sie bei schwerem Seegang an einer Reling. Die dunkelbraunen Haare hingen ihr wie Gitterstäbe vor dem Gesicht. Sie trug einen Schlafanzug mit bunten Schmetterlingen.

Komma nach "bemüht"
Hier stehen also Möbel aus Holz und nicht nur (wie in Teil 1 suggeriert) aus Holzimitat.
Der Vergleich mit dem Seegang ist überflüssig. Dieses Umklammern unterscheidet sich optisch nicht von "als wollte sie das Holz zerquetschen" oder "als wollte sie das Möbelstrück jeden Moment gegen ihn schleudern". Das Bild, das du einfügst, bringt zudem ein optisches Element des "stark Schlingerns" und des "Herumgerissenwerdens" mit, was ich mir beim besten Willen nicht als passenden Querverweis auf das wohl eher angststarre Kind vorstellen kann.
Das mit den Gitterstäben wirkt zwar auch recht künstlich, die darin mitschwingende Assoziation passt aber.
Ja ich weiß, das ist jetzt wirklich tief gegraben, aber ich denke, dass ist die Ebene, an der du noch aufmerksamer sein kannst. An der Oberfläche ist nicht nämlich nur sehr wenig "Schlimmes" zu finden …

»Meiner Schwester geht es nicht gut.« Sie sah durch Steller hindurch, stand unter Schock.
»Keine Angst, keine Angst.«.
»Meine Schwester ist krank.«
»Keine Angst.« Ihm fehlten die Worte.
In der Peripherie eine Bewegung.
Puls.

Prima. Bis "Puls." Was meinst du damit? Die Bewegung ist ein Pulsieren? Von was?
Punkt hinter zweiter Rede zu viel.
Dafür, dass ihm die Worte fehlen, kann er sich aber deutlich ausdrücken. Oder meinst du "für mehr fehlten ihm die Worte"?

Er riss die Waffe hoch, wirbelte herum, malte mit der Mündung Kreise in der Luft. Da war nichts. Nur das blasse tote Mädchen. Er wollte sich wegdrehen, sah, wie die Tote den Mund öffnete. Ihr Körper zuckte leicht. Wie bei einem Kind, das einschläft.
»Oh, Gott.«

… wir haben uns vorhin gemerkt, dass das Blut Zeit zu Versickern und die Augen Zeit zum Trockenwerden hatten. Das heißt, der Schnitt durch die Kehle (Es geht nicht um eine Kratzer am Hals!) liegt schon "lange" zurück. Wenn sie jetzt noch zuckt, dann ist sie ein Zombie. :wink:

Die Pistole entglitt ihm, landete dumpf auf dem Teppich. Steller sprang auf, stolperte zur Tür.

Sprang auf? Ich sah nirgends, dass er sich setzte oder hinhockte oder so.

»Ben. Notarzt. Notarzt!« Er fand ein T-Shirt, kniete sich vor die Verletzte. Er musste ihr einen Druckverband anlegen, die Blutung stoppen. Der Hals ein aufgeschnittenes Stück Fleischwurst. Seine Hand mit dem Stoffstück suchte ziellos, zögerte, da gab es keine Hoffnung mehr. Das Mädchen versuchte zu schlucken. Noch wollte sie nicht loslassen, das Herz drückte Blut aus der klaffenden Wunde. Ihre Seele am Weltenrand schaute über die Schulter. Steller in die Augen. »Warte!«, schrie er. »Nein, nein, nein! Sie kommen, sie kommen!«

Druckverband. An der Kehle. Der Typ ist deutlich durch den Wind, oder? :wink:
Dass das mit der Fleischwurst hier extrem fehlplaziert wirkt, habe ich vorhin schon angedeutet. Zum einen wirkt es viel zu makaber für den Typen, den es eben so stark getroffen hat. Zum zweiten ist an einer aufgeschnittenen Fleischwurst (Fleischwurst erinnert in ihrem "Material" an eine Riesenbockwurst) der einzige Effekt, dass sie klafft - die "Wundränder" sind glatt, nichts quillt oder sickert raus oder erinnert anderswie an eine frische Fleischwunde.
Das Mädchen versucht vor allem, zu atmen! Was bei dem Blut, das direkt in die Luftröhre läuft, schon seit geraumer Zeit "etwas schwierig" sein dürfte.
Die "Seele am Weltenrand", die auch noch "über die Schulter (wessen?) schaut" ist überkünstelt, schon echt kitschig.


Steller kniete neben dem Kind, sah es in Zeitlupe sterben. Nach Millionen Jahren füllte sich der Raum mit Menschen. Die Weißen beugten sich über das sterbende Mädchen. Die Blauen umlagerten die zwischen Möbeln eingeklemmte Schwester. Steller verließ das Zimmer, ging durch den Flur, raus aus der Wohnung. Wasser lief ihm aus den Augen. Er wischte es mit dem Handrücken weg. Wilczek kam ihm entgegen, sprach ihn an. Er ließ ihn stehen.

Hier ist dir ein Rhtyhmus-Fehler unterlaufen: Er sieht sie in Zeitlupe (also über einen nennenswert langen Zeitraum hinweg) sterben, aber schon im nächste Satz ist dieser lange Zeitraum (den du als gefühlte Millionen Jahre bebilderst) vorbei. Rhythmisch wäre es viel cleverer, diesen Zeitraum durch Satztrennungen und sogar Absätze zu dehnen. So vielleicht:
Steller kniete neben dem Kind. Er sah es sterben. Langsam, wie in Zeitlupe.
Der Raum füllte sich …

oder
Steller kniete neben dem Kind.
Er sah es sterben.
Langsam.
Wie in Zeitlupe.
Eine Unendlichkeit lang.
Menschen kamen ins Zimmer. Ein Mann in Weiß beugte sich über die Sterbende.
Der Arzt.
Steller sah ihn an. Sein Blick fragte nicht, Steller kannte die Antwort längst.
Als der Arzt ihn kurz anschaute und dabei kaum sichtbar den Kopf schüttelte, stand Steller auf. Das Zimmer hatte sich gefüllt …

Dieses Prinzip (kurze Sätze bzw. Ketten kürzester Teilsätze) benutzt du schon, aber deine Intensivierung geht gleichzeitig mit einer Straffung einher, diese hochemotionale Phase wird dadurch kleiner. Intensiviere lieber ohne Straffung, ohne Verkürzung, das gibt auch mehr Raum, die Emotion tief in den Leser eindringen zu lassen.

"Wasser lief ihm aus den Augen" klingt eher nach "Rotz und Wasser" als nach "rinnenden Tränen".



Im Treppenhaus standen noch mehr Blaue. Zwischen ihnen lehnte ein Anderer an der Wand, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Der Andere sagte etwas. Steller nahm sein Reservemagazin, schloss es in seiner Faust ein.
Sein erster Schlag zertrümmerte dem Kerl die Nase. Der Kopf des Mannes schlug gegen die Wand. Er sackte weg, bewusstlos, bevor er den Boden berührte. Stellers Linke griff nach unten, holte den schlaffen Körper zurück. Er schlug wieder zu. So oft er konnte. Dann zog man ihn von dem Mann weg.

Was meinst du mit "ein Anderer"? Ein Alien? Oder meinst du "ein anderer"? Ein anderer was? Blauer?

Das Rhythmus"problem" hier ist folgendes: Eine Spannungskurve beginnt, als Steller das Mädchen findet. Sie schwingt sich zu der Sterbeszene hoch, auf dessen Plateau Steller wie starr auf das Kind fixiert ist. Dieses Plateau endet mit dem Tod des Mädchens, eine leichte Entspannung tritt ein (Steller kann weinen). Die Entspannung ist aber nur scheinbar, die (große) Restspannung entlädt sich in der Prügelei. Dramaturgisch musst du der Teil-Entspannung mehr Raum einräumen, damit sie auch beim Leser ankommt. Erst wenn der Eindruck erweckt ist, dass Steller sich durch die Tränen (erstmal) erleichtert, können die Schläge ihre volle Wucht (der Erkenntnis, dass die Tränen nicht reichen) entfalten. Eine ausgeprägtere Entspannungsphase wäre vor allem dann wichtig, wenn du vermitteln willst, dass sich die sich entladende Wut nicht allein aus dem eben Erlebten speist, sondern tiefer sitzt.
Das ist mal wieder Feintuning, ich weiß. Aber warum solltest du dich mit dem Grobschliff zufrieden geben, wenn du das Potential für mehr hast … :)

Nachtrag: Was du eventuell noch besser spüren lernen solltest, ist, zu entscheiden, welche Szenen so wichtig sind, dass du sie ausschmücken (Bilder, Rhythmik etc.) solltest, und was eher Plot-Szenen sind. In dem Fall hier ist der Sturz des "Schattenrisses" im Übergang von Teil 1 zu 2 eher marginal (sie erwischen ihn halt), das schockierende Erlebnis mit der Sterbenden ist hingegen sehr wesentlich.


Fazit: Hier steckt Potential drin!
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Re: Extinktion (Teil 2)

Beitragvon Feindesland » 21.01.2014, 16:08

@Ojinaa

Ach du meine Fresse!!
Gut das ich heute Nachschicht habe und vermutlich nichts passieren wird. Über deinen Kommentar kann ich dann mal die ein oder andere Stunde nachdenken. :shock:
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Re: Extinktion (Teil 2)

Beitragvon Feindesland » 22.01.2014, 14:41

@Ojinaa

Deine Kritikpunkte, die ich an dieser Stelle nicht erwähne, sind abgeharkt. Das soll heißen, ich habe sie verstanden und ändere sie entsprechenden Passagen.

Wörtliche Gedanken besser als solche kennzeichnen.

Das soll Erlebte Rede sein. Das zieht sich durch die ganze Geschichte. Aber offensichtlich mache ich etwas falsch, wenn man sie nicht als solche erkennt.

stEr öffnet einen Winkel? Zwischen seinen Armen? "Winkel zum Raum" – das ergibt gar keinen Sinn.

Das ergibt Sinn. Allerdings scheine ich sprachlich nicht die Möglichkeiten zu besitzen das auszudrücken.

Ich schreibe das Mal in der Ich-Form. Ist einfacher.

Wenn ich in einen Raum eindringen will und nicht weiß, ob da vielleicht jemand mit einer Waffe auf mich wartet, muss ich sehr kontrolliert vorgehen (eigentlich kann ich das gar nicht machen, weil ich realistisch gesehen keine Chance hätte).
Ich muss dafür sorgen, dass ich langsam einen Einblick in den Raum bekomme. Gleichzeitig darf ich möglichst keine Ziel für einen potenziellen Angreifer bieten.
Wenn ich mich hierbei ungeschickt verhalte, ist es möglich, dass der Böse im Raum Teile meines Körpers sehen kann (z. B. ein Bein), während ich von ihm noch gar nichts sehe. Also biete ich ihm ein Ziel, ohne selber eines zu haben. Die Technik dieses Risiko zu minimieren nennt man »Winkel des Raums öffnen« (Dabei wird vorausgesetzt, das die Tür offen ist). Es gibt in diesem Zusammenhang natürlich noch andere Probleme. Die spielen hier keine Rolle. So weit die Praxis.
Hier zeigt sich das Problem, das man eine Handlung beschreibt, die einem selber völlig klar ist, dem Leser aber nicht. Da muss ich noch mal in mich gehen.

Was du eventuell noch besser spüren lernen solltest, ist, zu entscheiden, welche Szenen so wichtig sind, dass du sie ausschmücken (Bilder, Rhythmik etc.) solltest, und was eher Plot- Szenen sind.

Das ist wahr. Wie du schon gesagt hast. Das Problem liegt in der Tiefe. Da muss ich irgendwie ran. Es fragt sich nur wie?
Interessant ist, dass die Bilder, die du bemängelst, nur im ersten Kapitel vorkommen. Später ersparre ich das dem Leser in weiten Teilen. Vielleicht liegt das daran, das ich meine Erzählstimme finden musste (vermutlich suche ich sie immer noch).

Auf jeden Fall verstehe ich jetzt, warum ein professionelles Lektorat so teuer ist. Eigentlich unbezahlbar.

Auch wenn ich meine Schwächen in den Griff bekomme, bilde ich mir nicht ein einen Verlag für meine Geschichte zu finden (alleine die Länge als Erstlingswerk spricht dagegen). Mir wird also nur der Eigenvertrieb bleiben (vermutlich als E-Book bei Amazon). Ein Korrektorat bekomme ich. Das ist wenigstens die halbe Miete. Was das Lektorieren angeht, kann ich nur hoffen, dass ich durch Kommentare wie deine genug lerne, um das selber machen zu können.
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Re: Extinktion (Teil 2)

Beitragvon Ojinaa » 22.01.2014, 15:35

Beim dem "Winkel zum Raum" öffnen scheint es sich um einen Fachbegriff zu handeln. Oder? Ich meine: Mir ist schon klar, was da passiert (und andere Leser merken das sicher auch), aber ich nehme nicht an, dass der Normal-Leser das unter dieser Formulierung subsummieren würde.

Es ist richtig, dass man vor allem am Anfang der Schreib-Karriere seinen eigenen Tonfall noch finden muss, was bei längeren Werken oft dazu führt, dass sie sich nach einiger Zeit auf einen anderen Stil einpendeln als den, mit dem man begann. Das ist aber ok, solange die Änderung nicht massiv ist und kein regelrechter Bruch auffällt.
Interessanterweise ist bei Talenten die Klangvielfalt inerhalb vergleichbarer Werke deshalb am Anfang der Karriere (wenn sie suchen) auch noch größer als später, wenn sie routinierter sind (und die Erzählstimme eher nach Typ des Werkes ausgewählt wird).
Ich habe deinen Krimi-Anfang angelesen, dort strotzt die Beschreibung nur so von "Farbe". Und das passt dort auch (weitgehend).

Über die Erlebte Rede will ich an dieser Stelle nicht referieren, das ist - mal generell betrachtet - ein recht komplexes Thema. Bei den Texten, die ich lektoriere, spiegelt sich das manchmal darin, dass wörtliche Gedanken nahtlos ist die übliche Personale Sichtweise gleiten und man dann Probleme bekommt, die Gedanken als solche abzuheben. Modern (weil technisch leichter möglich als vor der Computer-Zeit) ist es, die Gedanken kursiv zu setzen. Bei eben beschriebenem Fließen müsste man die Buchstaben von Satz zu Satz mehr aufrichten – technisch nicht einfach zu machen und deshalb als übliches Mittel (das jeder versteht) nicht verfügbar. Der Kursivdruck (um auf deinen Fall zurück zu kommen), wird aber von den Lesern als Wörtliche Gedanken verstanden. (Dass ich in diesem Fall auf die Erlebte Rede eher ganz verzichten würde, liegt an meinem etwas engeren Verständnis in Sachen Erzählperspektive & Co.)

PS: Stimmt, ein gutes Lektorat kann teuer werden. Wobei das meiste, was ich hier erläutert habe, schon eher in Richtung Coaching geht ...
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt. (Klaus Klages)
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Re: Extinktion (Teil 2)

Beitragvon Siba » 23.01.2014, 12:37

Hallo Feindesland

Dann besann sich die Mechanik der Welt, gab ihm Gewicht zurück.


Diesen Satz würde ich persönlich weg lassen. Imgrunde sind es mit diesem Satz mehrere Sätze hintereinander. Meine Begründung dafür findest du am Ende meines Kommentares in dem ersten Teil deiner Geschichte.

»Geh, geh. Ich hab ihn«, bedeutete ihm Wilczek.


Hinter "Geh, geh!" müsste ein Ausrufezeichen stehen, ist eine Aufforderung.

Steller löste eine Hand von der Pistole. In dem fahlen Licht des Flurs schien sie wie in Henna gebadet.


Hier bin ich mir als Leser etwas unschlüssig, wie ich die Formulierung "wie in Henna gebadet" mir vorstellen soll. Zum einen könnte ich mir denken, dass vielen die Bezeihnung "Henna" gar nichts sagt. Auch vom Satzinhalt her, ist eine evtl. Ableitung, was man darunter (unter "Henna") verstehen könnte, nicht möglich.
Ich frage mich, ob du damit ausdrücken möchtest, dass seine Hand vielleicht kunstvoll tätowiert ist oder ob du auf die natürlichen Henna-Rottöne ansprichst. Fahles Licht erzeugt jedoch nicht zwangsläufig Henna-Rottöne, also weshalb sollte die Hand dann wie in Henna gebadet erscheinen? (Okay, noch weiter zuvor sagt Wilczek zwar: "Hier ist überall Blut." Ob das jedoch die Mehrheit der Leser später mit der Henna-Formulierung sofort verknüpfen werden? Doch vielleicht tat sich auch nur mein Hirn daran etwas schwer).

Er hob die Waffe in die Visierung, öffnete behutsam den Winkel zum Raum, bewegte sich im Halbkreis.


Rote Markierung = Ich weiß nicht, was du damit meinst.

Er sah einen Fernseher. Auf dem Bildschirm erkannte er ein Mädchen. Es lag auf dem Bauch. Bedächtig setzte er einen Fuß vor den anderen. Metallbeine von einem Stativ rückten in sein Blickfeld. Eine Videokamera. Schweiß lief ihm in die Augen. Die Mündung der Pistole zitterte.


Kurze und bündige Beschreibungen. Gleichbleibendes, zügiges Tempo. Ich fiebere mit. Gefällt mir ausgesprochen gut.

Er sah ein paar nackte Füße auf dem Boden, dann zwei Beine, ein Gesäß, einen Oberkörper, rote Haare. Ein Mädchen, gerade fünfzehn Jahre alt. Ohne Kleidung am dünnen Leib lag sie auf dem Bauch. Jemand hatte ihr ein dickes Kissen unter das Becken geschoben, ihr die Hände auf dem Rücken mit einer blauen Kunststoffwäscheleine gefesselt. Ihr Kopf lag auf der Seite. Die Kehle war durchschnitten, ihr Blut bereits im Bodenbelag versickert.
Steller vergaß die Vorsicht, trat in den Raum, ließ die Mündung der Pistole zu Boden sinken. Er sah in ihr Gesicht. Blutleer. Die Augen zwei matte Glasperlen.


Großartige Beschreibung. Man kann sich die Tote sehr gut vorstellen. Besonders mag ich: Die Augen zwei matte Glasperlen. Ich habe einen starren, ausdruckslosen Blick vor meinem inneren Auge.

Er riss die Waffe hoch, wirbelte herum, malte mit der Mündung Kreise in der Luft. Da war nichts. Nur das blasse tote Mädchen. Er wollte sich wegdrehen, sah, wie die Tote den Mund öffnete. Ihr Körper zuckte leicht. Wie bei einem Kind, das einschläft.


Doch nicht tot? Nach der Beschreibung oben kaum vorstellbar. Mach sie weiter oben "etwas weniger tot". :mrgreen:

Der Hals ein aufgeschnittenes Stück Fleischwurst.


Weiter oben sprichst du von "durchschnittener Kehle". Da stellte ich mir einen Schnitt vor, der waagerecht zum Kehlkopf verläuft.
Jetzt kommt ein aufgeschnittenes Stück Fleischwurst auf mich zu und ich stelle mir nun eine längst aufgeschnittene Wunde am Hals vor.
Der Vergleich mit der Fleischwurst irritiert mich.

Steller kniete neben dem Kind, sah es in Zeitlupe sterben. Nach Millionen Jahren füllte sich der Raum mit Menschen. Die Weißen beugten sich über das sterbende Mädchen. Die Blauen umlagerten die zwischen Möbeln eingeklemmte Schwester.


Blaue Markierung: Kurz zuvor noch kniet Stella neben dem Kind und sieht es in Zeitlupe sterben. Ich bin noch mitten in dem Geschehen. Plötzlich soll sich der Raum (in dem sich ja Steller befindet) nach Millionen von Jahren mit Menschen füllen. Kein Absatz. Wovon spricht der Autor auf einmal?
Dann beugen sich irgend welche Weißen über die Sterbende und die Blauen hocken um das andere kleine Mädchen herum. Bin ich jetzt in einer anderen Geschichte? Habe momentan ein Brett vorm Kopf.

Im Treppenhaus standen noch mehr Blaue. Zwischen ihnen lehnte ein Anderer an der Wand, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Der Andere sagte etwas. Steller nahm sein Reservemagazin, schloss es in seiner Faust ein.


Noch eine dritte Fraktion? (die Blauen, die Weißen und die Anderen?).


Ich mag das Tempo in deiner Geschichte. Hier kommen mir am Ende jetzt aber zu abrupt neue Dinge ins Spiel. Da hätte ich mir vorher ein Luft-Holen-Können gewünscht. Zudem weiß ich nicht wovon die Rede ist - habe nicht die leiseste Ahnung -, da Blaue, Weiße und Andere vorher noch nicht erwähnt wurden, weshalb ich sie nicht wirklich in das momentane Geschehen eingegliedert bekomme.
Trotz allem möchte ich jedoch wissen, was es damit auf sich hat. Vielleicht kommt jetzt ja die Fiction ins Spiel? (vermutlich bin ich gerade auf dem Holzweg und mein Hirn hat etwas nicht richtig geschnallt?)

Liebe Grüße
Siba
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Re: Extinktion (Teil 2)

Beitragvon Feindesland » 23.01.2014, 23:06

Hallo Siba,

danke das du dir die Zeit genommen hast.

Hier bin ich mir als Leser etwas unschlüssig, wie ich die Formulierung "wie in Henna gebadet" mir vorstellen soll.

Das Bild habe ich verhunzt. Aber es sprachlich nicht auf die Reihe bekommen. Steller hat Blut an den Händen (übertragen von dem Festgenommen, der blutverschmiert ist). Blut sieht im halbdunkeln braun aus (Henna). Wird überarbeitet.

Er hob die Waffe in die Visierung, öffnete behutsam den Winkel zum Raum, bewegte sich im Halbkreis.


Rote Markierung = Ich weiß nicht, was du damit meinst.

Das ist Fachsprache und hat etwas mit dem taktischen Eindringen in Räume zu tun. Zu dem Problem der Fachsprache schreibe ich noch mal an anderer Stelle. Das Bild muss ich auch überarbeiten.

Doch nicht tot? Nach der Beschreibung oben kaum vorstellbar. Mach sie weiter oben "etwas weniger tot".

Das weiß ich noch nicht. Er soll ja denken das sie Tod ist. Das sie gerade so noch lebt ist für ihn eine Überraschung und soll es auch bleiben.

Blaue Markierung: Kurz zuvor noch kniet Stella neben dem Kind und sieht es in Zeitlupe sterben. Ich bin noch mitten in dem Geschehen. Plötzlich soll sich der Raum (in dem sich ja Steller befindet) nach Millionen von Jahren mit Menschen füllen. Kein Absatz. Wovon spricht der Autor auf einmal?
Dann beugen sich irgend welche Weißen über die Sterbende und die Blauen hocken um das andere kleine Mädchen herum. Bin ich jetzt in einer anderen Geschichte? Habe momentan ein Brett vorm Kopf.

Der Übergang ist auch daneben gegangen. Die Blauen sind Polizisten, die Weißen Rettungsdienst. Der Andere ist der Festgenommene. Ich habe mich so seltsam ausgedrückt, weil ich damit Stellers Schockzustand rüberbringen wollte. Das war wohl nichts. :roll:
Aber ich denke zwei oder drei Sätze können das Chaos entwirren.


Trotz allem möchte ich jedoch wissen, was es damit auf sich hat. Vielleicht kommt jetzt ja die Fiction ins Spiel?

Die Fiction kommt im ersten Kapitel gar nicht zum Zug. Das geht erst später los. Ich weiß, dass das wie ein Krimi wirkt, aber es sind ja auch nur die ersten Seiten von 550.
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Re: Extinktion (Teil 2)

Beitragvon Siba » 24.01.2014, 09:49

Das weiß ich noch nicht. Er soll ja denken das sie Tod ist. Das sie gerade so noch lebt ist für ihn eine Überraschung und soll es auch bleiben.


Wenn es theoretisch möglich ist, dass jemand trotz solcher Verletzungen nach einigen Minuten noch lebt, dann muss man daran auch nichts ändern. An Kontakten zu Rettungsärzten, die hier kompetente Auskünfte geben könnten, sollte es dir als KHK ja nicht fehlen :mrgreen:


Der Andere ist der Festgenommene.


Dann wird das Wort "andere" in deinem Satz klein geschrieben: Zwischen ihnen lehnte ein Anderer an der Wand, die Hände auf dem Rücken gefesselt.

LG
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Re: Extinktion (Teil 2)

Beitragvon CraX » 05.02.2014, 17:17

Hallo Feindesland,

... weiter im Text.
... bzw. vorweg noch ein Nachtrag zum Ende des ersten Teils: Steller bricht die Türe ein und zückt dann die Pistole. In den Fernsehkrimis habe ich das stets in umgekehrter Reihenfolge gesehen ...

Gemeinsam mit Wilczek drehte er den Kerl auf den Bauch, zwang dessen Streichholzarme in die Handschellen.

Ich weiß nicht, ob das mit den Handschellen etwas verfrüht ist, noch wissen die Polizisten ja nicht, was vorgefallen ist?

Schweiß lief ihm in die Augen. Die Mündung der Pistole zitterte.

Ich verstehe schon, du willst hier die Spannung steigern. Trotzdem stört es mich (nur) ein klein wenig, dass er als routinierter Polizist jetzt no nervös ist, schließlich weiß er ja nicht, was ihn gleich erwarten wird.

»Meiner Schwester geht es nicht gut.« Sie sah durch Steller hindurch, stand unter Schock.
»Keine Angst, keine Angst.«.
»Meine Schwester ist krank.«

Dass das geschockte Mädchen den selben Satz wiederholt, unterstreicht ihren Schockzustand und das finde ich auch gut so. Da würde ich sie keinen zweiten anders lautenden Satz sagen lassen. Um sich aber nicht zu oft zu wiederholen, folgender Vorschlag:
Den ersten Sprechtext herausnehmen (streichen) und den letzten damit ersetzen.

»Keine Angst.« Ihm fehlten die Worte.

Nun ja- immerhin zwei Worte sind ihm ja eingefallen, das widerspricht sich etwas.

Der Hals ein aufgeschnittenes Stück Fleischwurst.

Stört mich auch. Vor allem, weil Fleischwurst auch nicht blutet.

... sich über das sterbende Mädchen. Die Blauen umlagerten die zwischen Möbeln eingeklemmte Schwester. Steller verließ das Zimmer, ...

An dieser Stelle ist mir nicht ganz klar, dass oder ob das Mädchen jetzt tatsächlich gestorben ist.

Zwischen ihnen lehnte ein Anderer an der Wand, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Der Andere sagte etwas.

Über die Bezeichnung „ein Anderer“ bin ich gestolpert, schöner wäre es, wenn du hier die Verbindung zu der gemeinten Figur schneller herstellen könntest, z.B. Zwischen ihnen lehnte ein vom Alkohol ausgezehrtes Gesicht an der Wand ...
Auch der zweite Satz gefällt mir nicht. Was sollte er denn sagen? Ich würde ihn wie oben lächeln lassen, schön zynisch:
... und lächelte mich an.

Steller nahm sein Reservemagazin, schloss es in seiner Faust ein.

Kleines Detail: Die Waffe glitt ihm zuvor bei dem Mädchen aus der Hand. Es sollte meiner Meinung nach noch eingefügt werden, dass er sie wieder aufhebt und mitnimmt.

Der Kritik von Jason finde ich ebenfalls durchaus berechtigt. Es fehlt der Hinweis, dass da mehr als eine übliche Kriminalgeschichte erzählt wird. Es hilft niemanden, wenn du dies im Forum zu rechtfertigen versuchst, dieser Hinweis fehlt definitiv in der Geschichte und dort – und nur dort sollte er vorhanden sein.
Die wahren Abenteuer sind im Kopf und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo.
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Re: Extinktion (Teil 2)

Beitragvon Azareon29 » 28.05.2014, 23:39

Und weiter mit Teil 2.



Dann besann sich die Mechanik der Welt, gab ihm Gewicht zurück. Er schlug mit dem Rücken auf dem Boden auf, ein gepresstes Lächeln im Gesicht. Der Mann war etwa vierzig, dürr, vom Alkohol ausgesogen. Steller kniete auf seiner Brust, zog die Waffe und drückte ihm die Mündung gegen den Kopf.
»Beweg dich nicht. Beweg. dich. nicht.«

Das erklärt den eigenartigen Satz mit dem Astronauten aus dem letzten Teil. Gefällt mir aber nicht so richtig. Für Deine ansonsten hartgesotten-realistische Schreibweise ist es zu lyrisch, zu poetisch.

Er sah ein paar nackte Füße auf dem Boden, dann zwei Beine, ein Gesäß, einen Oberkörper, rote Haare.
Okay, bei dem Satz dachte ich erst, das Mädchen wäre zerstückelt worden. Vielleicht solltest du das sagen: Stellers Blick glitt über einen liegenden Körper. Ein Mädchen, rothaarig, gerade... etc.


Er riss die Waffe hoch, wirbelte herum, malte mit der Mündung Kreise in der Luft. Da war nichts. Nur das blasse tote Mädchen. Er wollte sich wegdrehen, sah, wie die Tote den Mund öffnete. Ihr Körper zuckte leicht. Wie bei einem Kind, das einschläft.
Also. Ich habe wenig bis keine Erfahrung mit Tod durch Ausblutung wegen durchgeschnittener Kehle... aber, wenn Du im Abschnitt vorher beschreibst, dass ihre Augen schon gebrochen sind und dass ihr Blut schon in den Teppich eingesickert ist, als wäre das schon vor längerer Zeit passiert, dann erscheint mir ihr Todeskampf hier etwas unrealistisch. Spannend und dramatisch, das schon, aber unrealistisch.

Der Hals ein aufgeschnittenes Stück Fleischwurst.
Ich verstehe zwar, was Du sagen willst, aber die Beschreibung wirft mich aus dem Lesefluss.


Fazit: hart und heftig. Bis auf einige Sachen, die ich als Logikfehler empfinde, eine gute, flüssige Erzählweise. Weiter so.

Dann mal an den dritten Teil
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