[SciFi] Extinktion (Teil3)

[SciFi] Extinktion (Teil3)

Beitragvon Feindesland » 22.01.2014, 14:26

http://www.schreibwerkstatt.de/extinktion-teil-2-t48235.html Teil 2

Nachdem ihn sechs Streifenpolizisten aus dem Treppenhaus getragen hatten, saß Steller auf dem Bürgersteig und starrte ins Nichts. Die Kollegen standen im Halbkreis um ihn herum, bereit sich jederzeit auf ihn zu stürzen, als wäre er ein feindlicher Quarterback. Seine Hand zitterte. Er schloss sie zur Faust, öffnete sie und streckte die Finger. Das Zittern blieb. Der Mann, dem er die Zähne ausgeschlagen hatte, wurde mit einem Rettungswagen abtransportiert, eskortiert von zwei Streifenwagen. Kurz darauf tauchte die Spurensicherung in weißen Schutzanzügen auf, schleppte Aluminiumkoffer ins Haus.

Kollegen vom Kriminaldauerdienst befragten Wilczek und Steller getrennt voneinander.
»Und dann habe ich ihm die Fresse poliert«, sagte Steller.
»Das solltest du später etwas anders formulieren.«
»Ist mir egal.« Steller steckte sich eine Zigarette an. »Ich melde mich jetzt krank.«
»Verstehe. Hast du einen vernünftigen Anwalt?«, wollte der Kripomann wissen.
Steller schüttelte den Kopf.
»Must du dir besorgen.«
»Was ist mit meinem Partner?«
»Alles in Ordnung. Ich denke, mein Kollege ist gleich mit der Befragung fertig.« Der Kripo-Mann beugte sich zu ihm, flüsterte: »Ihr solltet eure Aussagen abstimmen.«
»Da gibt es nichts abzustimmen. Ich wollte dem Typen den Schädel einschlagen. Ben hatte damit nichts zu tun. Dabei bleibt es. Ich bin alt genug. Ich komme klar.«
»Geh nach Hause und trink einen Schnaps. Oder besser eine Flasche.«
Steller nickte, ließ den Kollegen stehen. Sollte er auf Ben warten? Er entschied sich dagegen.

Eine Streife brachte ihn zu seiner Wohnung im Frankfurter Westend. Zwei Zimmer, Küche und Bad, die er alleine bewohnte. Als er die Wohnungstür hinter sich zugezogen hatte, bleib er einen Moment lang unschlüssig im Flur stehen. Dann schloss er, einem Impuls folgend, alle Zimmertüren. In der Dunkelheit legte er sich auf den Flurboden. Er spürte die Dielen unter seinem Körper. Das gab ihm Halt. Bevor er noch einen Gedanken zu fassen bekam, schlief er ein.

Stille.

Stellers Kopf schlug gegen etwas Hartes, dass seine Zähne klapperten. Er biss sich auf die Zunge. Überall schwarz. Orientierungslos drehte er sich in die andere Richtung, stieß sich erneut, jagte wie Rotwild auf der Flucht durch die Dunkelheit. Lebendig begraben.
Die Panik trieb ihn, bis er mit einem Gegenstand kollidierte, der seinem Gewicht nachgab. Es rumpelte. Dinge fielen nach unten. Er sah ein rotes Licht, über dem ein Rechteck leuchtete. Da lag sein Telefon. Die hatten ihn mit seinem Telefon beerdigt. Das Leuchten des Displays reichte aus, um der Schwärze Konturen zu geben, die Realität zu beleuchten. Er kam auf die Beine, tastete nach dem Lichtschalter.
»Was für eine Scheiße.« Die Deckenstrahler reflektierten in einer schimmernden Pfütze auf dem Boden. Er sah an sich hinab, hatte sich eingenässt. »Was für eine Scheiße.«
Steller zog sich bis auf die Haut aus, wischte mit den Kleidungsstücken die Lache auf. In der Küche fand er einen Müllsack, schmiss alles hinein und griff einen Putzeimer.

Im Windschatten seines Verstandes nahm eine Logikroutine die Arbeit auf, puzzelte mit den Erinnerungssplittern des Tages. Unruhe überkam ihn. Er hatte geträumt. Ziemlich beschissen geträumt. Einzelne glitschige Traumbilder verfingen sich im Netz seiner Erinnerung. Da war ein Kind gewesen. Genau. Er selbst hatte auf der Toilette gesessen, auf einer öffentlichen, vielleicht in einem Geschäft. Dann kam das Mädchen. Sie begann zu seinem Entsetzen, durch den breiten Spalt zwischen Tür und Boden hindurchzukriechen. Mit langem Arm zog sie an seinem Knöchel. Ihr Gesicht blieb im Verborgenen. Blut lief über den Fliesen in seine Richtung. Er versuchte sich dem Griff zu entziehen und drückte sich an die Wand hinter ihm. »Komm mit!«, schrie sie. »Du sollst endlich kommen.«
Filmende. An mehr erinnerte er sich nicht.

Steller ging ins Bad, schloss die Tür und drehte den Schlüssel um.
Er machte sich lächerlich. Kurz überlegte er, ob er die Tür wieder aufschließen sollte. Lies es bleiben.
Nach dem er geduscht hatte, ging er in die Küche. Die Wanduhr zeigte 15:56 Uhr. Lange geschlafen hatte er nicht. Im Kühlschrank wühlte er nach einem Bier.
Er stand da, das Pils in der Hand. Die Puzzlemaschine beendete ihre Arbeit. Die Flasche fiel, zerplatzte auf den Fliesen. Steller sprang in den Flur, griff das Telefon, wählte, verwählte sich, versuchte es erneut, gewann die Kontrolle zurück, traf die Tasten. Nach dreimaligem Klingeln wurde der Hörer abgenommen. Eine Frau meldete sich.
»Einsatzzentrale.«
»Ich brauche für einen Bericht Daten aus dem Log.«
»Identität?«
»Fahndung, Steller, KHK, Personalnummer: C 45372, Abfragekennwort: Eisregen.«
Eine kurze Pause. Im Hintergrund das Klackern einer Computertastatur, Stimmengemurmel.
»Was wollen Sie wissen?«
»Der Falke 14/3 hatte heute Mittag einen Einsatz im Cheruskerweg 16. Tötungsdelikt.«
»Moment.« Klicken. »Ja, habe ich.«
»Ich brauche den Zeitstrahl.«
»11:52 Uhr. Falke 14/3 übernimmt Auftrag. Verdacht häusliche Gewalt. 12:00 Uhr. Falke 14/3 ist am Einsatzort eingetroffen. 12:06 Uhr. Falke 14/3 fordert dringende Unterstützung an. Unklare Gefahrenlage. 12:09 Uhr. Falke 14/3 fordert NAW an. Schwer verletztes Kind aufgefunden.«

Das reichte ihm, er legte auf, bemüht seine Gedanken ins Leere zu steuern. Nicht denken, nur sitzen, bis sich alles von selbst erledigt. Blut rauschte hörbar durch seinen Kopf. Der Innendruck stieg, bis er den Deckel nicht mehr halten konnte. Er griff erneut nach dem Telefon, dachte kurz nach, wählte die Nummer der Mordkommission. Er ließ es zehnmal klingeln, war kurz davor, den Hörer aufzulegen, als sich eine Raucherstimme meldete: »Schreiber?«
Den Namen hatte er schon gehört, kannte den Kollegen aber nicht näher. Steller wollte nicht mit der Tür ins Haus fallen. Darum riss er sich zusammen, versuchte sich an die entscheidende Frage heranzutasten.

Teil 4 http://www.schreibwerkstatt.de/extinktion-teil-4-t48289.html Teil 4
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Re: Extinktion (Teil3)

Beitragvon Siba » 23.01.2014, 13:28

»Must Musst du dir besorgen.«


Als er die Wohnungstür hinter sich zugezogen hatte, bleib blieb er einen Moment lang unschlüssig im Flur stehen.



Blut lief über den die Fliesen in seine Richtung.



»Komm mit!«, schrie sie. »Du sollst endlich kommen.!«


Das reichte ihm, er legte auf, bemüht seine Gedanken ins Leere zu steuern. Nicht denken, nur sitzen, bis sich alles von selbst erledigt. Blut rauschte hörbar durch seinen Kopf. Der Innendruck stieg, bis er den Deckel nicht mehr halten konnte. Er griff erneut nach dem Telefon, dachte kurz nach, wählte die Nummer der Mordkommission.


Blaue Markierung: Für meine Begriffe eine etwas ungünstige Formulierung.

Das Tempo in der Geschichte ist noch immer sehr schnell. Ich hätte es besser gefunden, wenn man das Tempo hier etwas reduziert hätte. Für mein Empfinden wird der Leser momentan unnötig gehetzt.

LG
Siba
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Re: Extinktion (Teil3)

Beitragvon Feindesland » 23.01.2014, 23:08

Hallo Siba,

ich gehe nur auf das wesentliche ein.

Das Tempo in der Geschichte ist noch immer sehr schnell. Ich hätte es besser gefunden, wenn man das Tempo hier etwas reduziert hätte. Für mein Empfinden wird der Leser momentan unnötig gehetzt.

Ja, das Tempo ist zu hoch. ich weiß nur noch nicht genau wie ich es drosseln soll.
Allerdings sind die nächsten Kapitel wesentlich ruhiger. Bis es dann eskaliert.

Mfg
Feindesland
 
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Re: Extinktion (Teil3)

Beitragvon Siba » 24.01.2014, 11:56

Ja, das Tempo ist zu hoch. ich weiß nur noch nicht genau wie ich es drosseln soll.


Ein Text lässt sich z.B. durch die Satzbauweise beschleunigen oder aber auch beruhigen. Ersteres z.B. durch eine Aneinanderreihung von kurzen Sätzen. Dadurch bekommt das geschilderte Geschehen sein Tempo. Damit steigerst du als Autor die Spannung und der Leser will wissen wie es weiter geht.
Gewissermaßen baut sich da ein Druck auf, weil man sozusagen durch das Geschehen "getrieben" wird; die Szenen sind unruhig, bewegt und es passieren viele Dinge in kürzester Zeit.
Wenn man dann noch häufig Ellipsen verwendet - also eigentlich unvollständige Sätze - und zudem noch zusätzlich vermeidet Bindewörter einzusetzen, wird das Texttempo nochmals erhöht, weil die Sätze nicht richtig ausformuliert werden.
(Das ist u.a. ein Merkmal deiner Schreibe, was mir auffiel. Du vermeidest Bindewörter einzusetzen. Warum auch nicht. Dadurch vermeidest du häufig Wörter wie: wenn, weil, dass, und usw., womit man sonst einen Nebensatz einleiten oder aber durch "und" verbinden würde. Dadurch erhält deine Schreibe an manchen Stellen einen "aufzählenden" Charakter und erhöht natürlich das Tempo.)
Aber auch die hauptsächliche Verwendung von Verben (was gut ist) unterstreicht Bewegung, Tempo.

Ein Text wird ruhiger, wenn man den Satzbau nun verändert, indem man z.B. mal etwas längere Sätze formuliert und/oder weniger Ellipsen verwendet. Das vermittelt dem Leser Ruhe. Textinhalte können so aber auch eindringlicher wirken. Könnte man gut dort einsetzen, wo z.B. Gedanken geschildert werden, Umgebungen beschrieben oder Landschaften/Orte. Situationen werden dann meistens detaillierter in Szene gesetzt.

Liebe Grüße
Siba
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Re: Extinktion (Teil3)

Beitragvon Azareon29 » 29.05.2014, 00:09

Und weiter geht es mit Teil drei


Die Kollegen standen im Halbkreis um ihn herum, bereit sich jederzeit auf ihn zu stürzen, als wäre er ein feindlicher Quarterback.
Ich bin mir nicht sicher, ob jeder Leser automatisch mit American Football vertraut ist. Den Vergleich kannst Du eigentlich weglassen.

Hast du einen vernünftigen Anwalt?«, wollte der Kripomann wissen.
Steller schüttelte den Kopf.
»Must du dir besorgen.«

Die Formulierung des Kripomanns weckt in mir den Wunsch sehr laut "Ach, nee." zu sagen.
Mein Vorschlag:
"... und dann hab ich ihm die Fresse poliert", sagte Steller.
"Soll ich das ins Protokoll aufnehmen?"
"Vollidiot." Steller steckte sich eine Zigarette an. "Ich melde mich von jetzt auf gleich krank."
"Ich werde dich nicht abhalten. Hast du einen vernünftigen Anwalt?", wollte der Kripomann wissen.
Steller schüttelte den Kopf.
"Besorg dir einen. So schnell wie möglich. Vorgestern."
"Was ist mit meinem Partner?"
"Der soll sich auch einen besorgen." Er beugte sich vor und flüsterte: "Stimmt um Gotteswillen eure Aussagen ab."
"Da gibt es nichts abzustimmen. Ich wollte dem Typ den Schädel einschlagen. Das ging alles auf meine Kappe."
"Ist deine Beerdigung. Und jetzt mach dich heim und heb einen. Oder besser gleich eine ganze Flasche. Da hilft nur Schnaps."
Steller nickte, ließ den Kollegen stehen und machte sich auf den Heimweg. Er wartete nicht auf Ben.



Davon abgesehen, weiterhin sehr gut geschrieben. Jetzt bin ich mal auf Teil Vier gespannt.
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