[SciFi]Faber23

[SciFi]Faber23

Beitragvon DrJones » 26.05.2014, 18:25

Wollte auch zur Stimmung der Geschichte und Verbesserungsvorschlägen fragen ...

Faber23

Ort: Metropolis, Unterstadt, Faustisches Viertel, Straße-der-Arbeit 1256, Wohnblock 3, Stockwerk 43, Wohnung „Nummer 17“

Zeit: 257 Neue Zeitrechnung, Monat 3, Tag 8, 5 Uhr morgens

Ein vom Fenster exakt ausgeschnittener Streifen künstlichen Lichts fällt auf Wand und Boden des kleinen Zimmers. Ein hallendes Tropfen durchbricht die Stille. Ehepaar Faber23 sitzt sich am Tisch gegenüber.

»Wie viele Esswürfel?«, fragt Frau Faber23.
»Fünf«, sagt Herr Faber23. »Nein, sechs!«

Sie schließt kurz die Augen und schiebt fünf Würfel über den Tisch. Er drückt sich einen Würfel in den Mund, dreht sich links zur Wand und betätigt eine Taste. Aus einem Hahn fließt eine hellgraue Flüssigkeit in den hingehaltenen Becher.

»Wie sind die Erfolge deiner Näh-Brigade?«, fragt er.
»Plansoll schon jetzt erfüllt!«, antwortet sie und nippt an ihrem Becher. »Und bei den Tief-Bauern? Das Fundament des Turms schon fertig?«
»Hm. Gestern ist einer von uns abgetreten ...«
»Tot?«
»Jaa ... er ... er war ein Freund.«
Sie schaut auf: »Ein Freund? Wir haben keine Freunde!«

Seine Hand zittert, zerbröselt einen Esswürfel; Krümel fallen auf die Tischplatte. Stille. Hallendes Tropfen.

»Dieses Tropfen!«, sagt Frau Faber23. »Hast du deswegen Meldung gemacht?«
»Ja. Heute wird es gerichtet.«
»Guut!«

Durch den Tisch und die Krümel geht ein leichtes Vibrieren.

»Die Hochbahn.«, sagt sie und blickt aus dem Fenster.

Die in den Fußboden eingelassenen Strahler gehen an, aus den Deckenlautsprechern ertönt elektronische Marschmusik. Ehepaar Faber23 steht auf und läuft zur Wohnungstür.

Auf dem Hausflur verabschieden sich bereits die anderen Paare. Herr Faber23 blickt seiner Frau flüchtig in die Augen: »Einen erfolgreichen Tag für dich.«

Sie nickt: »Ja. Sei auch du produktiv!« und berührt kurz seine Hand.

Sie läuft nach links, er nach rechts. Zu den anderen Männern am Aufzug 326.

Stockwerk 43. Abtransport.
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Re: Faber23

Beitragvon Azareon29 » 26.05.2014, 23:48

Der Titel. Faber23. Ist das eine Anspielung auf Homo Faber?

Ort: Metropolis, Unterstadt, Faustisches Viertel, Straße-der-Arbeit 1256, Wohnblock 3, Stockwerk 43, Wohnung „Nummer 17“

Zeit: 257 Neue Zeitrechnung, Monat 3, Tag 8, 5 Uhr morgens

Okay, ich gebe frei zu, dass ich Metropolis nie gesehen habe. Dementsprechend kann ich nicht sagen, ob du darauf anspielst.
Davon abgesehen, du zählst die Fakten einfach auf, als würden die aus einem Newsticker laufen. Es erzeugt eine eher trockene, fast schon bedrückende Stimmung. Falls beabsichtigt, sehr gut; falls unbeabsichtigt, muss was geändert werden. Mein Vorschlag wäre, die Details zu reduzieren, oder irgendwie in die Erzählung einfließen zu lassen.

Ein vom Fenster exakt ausgeschnittener Streifen künstlichen Lichts fällt auf Wand und Boden des kleinen Zimmers. Ein hallendes Tropfen durchbricht die Stille. Ehepaar Faber23 sitzt sich am Tisch gegenüber.

»Wie viele Esswürfel?«, fragt Frau Faber23.
»Fünf«, sagt Herr Faber23. »Nein, sechs!«

[...]

»Wie sind die Erfolge deiner Näh-Brigade?«, fragt er.
»Plansoll schon jetzt erfüllt!«, antwortet sie und nippt an ihrem Becher. »Und bei den Tief-Bauern? Das Fundament des Turms schon fertig?«
»Hm. Gestern ist einer von uns abgetreten ...«
»Tot?«
»Jaa ... er ... er war ein Freund.«
Sie schaut auf: »Ein Freund? Wir haben keine Freunde!«

Wenn die beiden ein Ehepaar sind, dann ist die Anredeform Herr und Frau nach meiner Meinung überflüssig. Kann auch durch er und sie ersetzt werden.
Was mich fasziniert ist diese heftige Reaktion von ihr. Warum haben sie keine Freunde? Sehr spannend.

»Dieses Tropfen!«, sagt Frau Faber23. »Hast du deswegen Meldung gemacht?«
»Ja. Heute wird es gerichtet.«
»Guut!«

Sie klingt viel zu enthusiastisch dafür, dass der Klempner vorbeikommt. Was willst du damit andeuten?

Durch den Tisch und die Krümel geht ein leichtes Vibrieren.

»Die Hochbahn.«, sagt sie und blickt aus dem Fenster.

Die in den Fußboden eingelassenen Strahler gehen an, aus den Deckenlautsprechern ertönt elektronische Marschmusik. Ehepaar Faber23 steht auf und läuft zur Wohnungstür.

Auf dem Hausflur verabschieden sich bereits die anderen Paare. Herr Faber23 blickt seiner Frau flüchtig in die Augen: »Einen erfolgreichen Tag für dich.«

Sie nickt: »Ja. Sei auch du produktiv!« und berührt kurz seine Hand.

Sie läuft nach links, er nach rechts. Zu den anderen Männern am Aufzug 326.

Stockwerk 43. Abtransport.

Wenn ich das richtig sehe, dann leben die schon längere Zeit in dieser Wohnung. Da halte ich es für unrealistisch und mehr an den Leser gerichtet, dass sie "Die Hochbahn".
Ihre HAND-Wünsche (Have A Nice Day) könnten ruhig noch förmlicher sein. So in der Richtung: "Konform mit Edikt 24, § 13a, Absatz 4 spreche ich dir hiermit meine Hoffnung aus, dass dein Tag produktiv ist."

Tja, ich weiß nicht ganz, was ich von der Geschichte halten soll. Auf mich scheint es wie eine Momentaufnahme aus einer Dystopie. So richtig hat sie noch keine Spannung für mich erzeugt. Da müsstest du noch mehr andeuten. Wird das eine längere Sache oder war das nur ein One-Shot?
Man muss sich ins Leben fallen lassen - was wäre die Alternative?
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Re: Faber23

Beitragvon DrJones » 27.05.2014, 09:17

Hallo Azareon29,

Vielen Dank für diese ausführliche Textanalyse.

Ich denke, es war mehr ein Dystopie-One-Shot. Eher im Sinne einer Verbeugung
vor Fritz Langs Film Metropolis. Die Frage war für mich, wie ein Arbeiterehepaar
in dieser Welt wohl lebt. Der Name Faber hatte mir gefallen, und wie
durch einen sonderbaren Zufall passt es auch zu Walter Faber, dem Haupt-
protagonisten aus Max Frischs Homo Faber. Der ist ja Ingenieur, und
in seine rationale, technische Welt bricht der Zufall ein.

Mit dem Anfang:
Ort: Metropolis, Unterstadt, Faustisches Viertel, Straße-der-Arbeit 1256, Wohnblock 3, Stockwerk 43, Wohnung „Nummer 17“

Zeit: 257 Neue Zeitrechnung, Monat 3, Tag 8, 5 Uhr morgens


hatte ich mir eine Art Kamerafahrt bis zum Zimmer der Faber23 vorgestellt.
Ich bin froh, dass es so bedrückend rüber kam. Der Film wirkt auch so trostlos
in der Unterstadt.

»Wie viele Esswürfel?«, fragt Frau Faber23.
»Fünf«, sagt Herr Faber23. »Nein, sechs!«


Ja, an der Stelle habe ich mich auch gefragt, ob "er" oder "sie" besser wäre.
"Er" oder "Sie" erschien mir bis jetzt immer zu nah an den Personen dran. Sie
sollten für den Leser lange Zeit geheimnisvoll und unnahbar wirken. Werde das
mal umschreiben und sehen, wie es im Kontext wirkt ...

Die heftige Reaktion von ihr nach der Äußerung mit den Freunden ist so zu
verstehen, dass in (meiner) Version von Metropolis Freundschaften offiziell
verboten sind. Das "wir" bezieht sich mehr auf das Kollektiv.

Ihr "Guut!" war mehr gedacht als ein geheimnisvoll und bedrohlich ausgesprochenes
"gut". Muss ich nochmal überarbeiten, damit das deutlicher wird. Richtig.
Andeuten möchte ich, dass in ihrer Denke alles ordentlich und exakt zu sein hat.
Nicht sechs, nein! fünf Esswürfel, usw.


Ja, sie leben in der Wohnung seit ihrer "Zusammenführung" als Faber23, also mehrere Jahre.
Ihre Äußerung "Die Hochbahn." ist evtl. indirekt an den Leser gerichtet. Das stimmt. Primär
aber an ihren Mann, da sie das Gefühl hat, sie müsste ihn unter Kontrolle halten, ihn anleiten.
Er reflektiert ja mehr als sie, wünscht sich einen Freund, usw. Sie empfindet es als latente
Bedrohung und muss gegenarbeiten. In diesem Sinne, dachte ich ...


Deine Idee mit dem Edikt 24, ... finde ich brillant!

Es gibt mehr unheimliche Andeutungen als Spannung. Das stimmt.
Mir war es hier eher wichtig, eine graue, monotone Atmosphäre zu
generieren.

Eine Frage noch ... Die letzte Zeile mit:

Stockwerk 43. Abtransport.


enthält ja durch "Abtransport" eine gewisse Wertung, was auf einen auktorialen Erzähler
hinweisen könnte. Das wollte ich eigentlich durch eine möglichst objektive Erzählweise
vermeiden. Ist das Dir oder jemand anderem auch aufgefallen? Falls ja, wie könnte man
das verbessern?
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Re: Faber23

Beitragvon magico » 27.05.2014, 10:55

Hallo DrJones,

vorweg: Ich liebe diesen Film! (Metropolis - ist auf der ersten CD der Band, in der ich spiele, sogar vertont)

Ort: Metropolis, Unterstadt, Faustisches Viertel, Straße-der-Arbeit 1256, Wohnblock 3, Stockwerk 43, Wohnung „Nummer 17“

Zeit: 257 Neue Zeitrechnung, Monat 3, Tag 8, 5 Uhr morgens


Allein diese knappe und faktische Aufzählung verdeutlicht die Tristesse der Szenerie schon ziemlich gut.

Ein vom Fenster exakt ausgeschnittener Streifen künstlichen Lichts fällt auf Wand und Boden des kleinen Zimmers.


Alles richtig gemacht. Wichtig ist das Wort "exakt". Es macht deutlich, dass hier alles seine Ordnung haben muss.

»Wie viele Esswürfel?«, fragt Frau Faber23.
»Fünf«, sagt Herr Faber23. »Nein, sechs!«


Das "sagt" von Herr Faber23 würde ich durch "antwortet" ersetzen. Fragt und sagt reimt sich und passt somit nicht in diese konstruierte Welt.

Er drückt sich einen Würfel in den Mund...


Das kann ich mir nun wiederum gar nicht vorstellen. Wie drückt man sich denn etwas in den Mund? Liest sich, als müsste er dafür extrem viel Kraft aufwenden. Ich würde eher "schob" verwenden.

Aus einem Hahn fließt eine hellgraue Flüssigkeit in den hingehaltenen Becher.


"Hingehaltenen" ist ein seltsames Wort. Ich würde "daruntergehaltenen" verwenden.

»Jaa ... er ... er war ein Freund.«


Das langgezogene "Jaa" passt nicht. Ich würde das einfache "Ja" bevorzugen, denn das lange "Jaa" hat zu viele Interpretationsmöglichkeiten.

Seine Hand zittert, zerbröselt einen Esswürfel; Krümel fallen auf die Tischplatte. Stille. Hallendes Tropfen.


Sehr schöne Situationsbeschreibung, die genau die richtige Stimmung erwirkt.

Stockwerk 43. Abtransport.


enthält ja durch "Abtransport" eine gewisse Wertung, was auf einen auktorialen Erzähler
hinweisen könnte. Das wollte ich eigentlich durch eine möglichst objektive Erzählweise
vermeiden. Ist das Dir oder jemand anderem auch aufgefallen? Falls ja, wie könnte man
das verbessern?


Ich finde das Wort "Abtransport" in der Welt von Metropolis durchaus passend und denke nicht, dass es einer Wertung unterworfen ist. Es steht für die totalitäre Welt, in der sich Familie Faber23 (übrigens der perfekte Name) befindet.

Fazit:

Bis auf die 2 - 3 Kleinigkeiten, ein sehr schöner Ausschnitt eines Arbeiterehepaares aus Metropolis. Gute Idee, gute (nicht perfekte) Umsetzung. Habe ich sehr gerne gelesen. Danke
Neuester Artikel (30.11.): Das Gutmensch-Experiment: Ngana & Klaus

“Don’t go where the path may lead, go instead where there is no path … and leave a trail” - Ralph Waldo Emerson
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Re: Faber23

Beitragvon DrJones » 27.05.2014, 13:33

Hallo magico,

Danke Dir für diese guten Tipps. Mal wieder eine unverbrauchte, neue
Sichtweise!

Thnx

Hier nun die Überarbeitung nach all Euren tollen Tipps!

Faber23


Ort: Metropolis, Unterstadt, Faustisches Viertel, Straße-der-Arbeit 1256, Wohnblock 3, Stockwerk 43, Wohnung „Nummer 17“

Zeit: 257 Neue Zeitrechnung, Monat 3, Tag 8, 5 Uhr morgens

Ein vom Fenster exakt ausgeschnittener Streifen künstlichen Lichts fällt auf Wand und Boden des kleinen Zimmers. Ein hallendes Tropfen durchbricht die Stille. Ehepaar Faber23 sitzt sich am Tisch gegenüber.

»Wie viele Esswürfel?«, fragt sie.
»Fünf«, antwortet er. »Nein, sechs!«

Sie schließt kurz die Augen und schiebt fünf Würfel über den Tisch. Er drückt sich einen Würfel in den Mund, dreht sich links zur Wand und betätigt eine Taste. Aus einem Hahn fließt eine hellgraue Flüssigkeit in den darunter gehaltenen Becher.

»Wie sind die Erfolge deiner Näh-Brigade?«, fragt er.
»Plansoll schon jetzt erfüllt!«, antwortet sie und nippt an ihrem Becher. »Und bei den Tief-Bauern? Das Fundament des Turms schon fertig?«
»Hm. Gestern ist einer von uns abgetreten ...«
»Tot?«
»Ja ... er ... er war ein Freund.«
Sie schaut auf. »Ein Freund? Wir haben keine Freunde!«

Seine Hand zittert, zerbröselt einen Esswürfel; Krümel fallen auf die Tischplatte. Stille. Hallendes Tropfen.

»Dieses Tropfen!«, sagt Frau Faber23. »Hast du deswegen Meldung gemacht?«
»Ja. Heute wird es gerichtet.«
»Guut!«

Durch den Tisch und die Krümel geht ein leichtes Vibrieren.

»Die Hochbahn.«, sagt sie und blickt aus dem Fenster.

Die in den Fußboden eingelassenen Strahler gehen an, aus den Deckenlautsprechern ertönt elektronische Marschmusik. Ehepaar Faber23 steht auf und läuft zur Wohnungstür.

Auf dem Hausflur verabschieden sich bereits die anderen Paare. Herr Faber23 blickt seiner Frau flüchtig in die Augen: »Konform mit Edikt 21, § 16a, Absatz 13 spreche ich dir hiermit meine Hoffnung aus, dass dein Tag produktiv ist.«

Sie nickt. »Ja. Sei auch du produktiv!« und berührt kurz seine Hand.

Sie läuft nach links, er nach rechts. Zu den anderen Männern am Aufzug 326.

Stockwerk 43. Abtransport.
Zuletzt geändert von DrJones am 27.05.2014, 19:27, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Faber23

Beitragvon Justin » 24.09.2014, 09:21

Grüße DrJones,

deine Geschichte fand ich sehr gut - ich mag solche Geschichten a la Brave New World, 1984 und Metropolis.
Ich fände es sehr, sehr schade wenn diese kleine Ausschnitt als Einziges für sich allein bleiben sollte. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass eine Art Sammlung von Kurzgeschichte, die alle in deiner Metropoliswelt spielen, gut funktionieren wurde. So kannst du nach Lust und Laune, Geschichten dazu schreiben, die alle einen gemeinsamen Ziel haben (die Revolution?) - immer aus der Sicht von jemand anders.

Zur Geschichte: Ich finde, dass du mit wenig Dialog die Spannung und die Atmosphäre erhöhen kannst - sowie was "Größeres" andeuten könntest.

»Wie viele Esswürfel?«, fragt sie.
»Fünf«, antwortet er. »Nein, sechs!«
"Sechs?" fragt sie verdächtig. "Du nimmst doch immer nur fünf. Ist was?"
"Oh nein, ich habe nur Hunger heute morgen", sagt er schnell um seine Unwohl zu überbrücken.


»Plansoll schon jetzt erfüllt!«, antwortet sie stolz und nippt an ihrem Becher. »Und bei den Tief-Bauern? Das Fundament des Turms schon fertig?«
»Hm. Gestern ist einer von uns abgetreten ...«
»Tot?«
»Ja ... er ... er war ein Freund.«
Sie schaut erschrocken auf. »Ein Freund? (Wir haben) Es gibt doch keine Freunde! Das weißt du doch."
"Ähm, ich meine er war ein geschätzter Arbeiter und treuer Bürger."
Frau Faber23 lächelte zufrieden und schaut beiläufig auf die Mikrofon an der Wand.


Seine Hand zittert, zerbröselt einen Esswürfel; Krümel fallen auf die Tischplatte. Stille. Hallendes Tropfen.
Als Frau Faber23 zur Wasserhahn schaut, schob Herr Faber23 einen Esswürfel in seiner Tasche.

Durch den Tisch und die Krümel geht ein leichtes Vibrieren.

(»Die Hochbahn.«, sagt sie und blickt aus dem Fenster.)
Frau Faber23 schaut zum Chronometer an der Wand hoch und sagt, "Die Hochbahn hat in letzter Zeit immer wieder Verspätung. Ob das was zu Bedeuten hat?"
Er schaut zur Fenster und nickte zufrieden. "Bestimmt nicht. Wahrscheinlich nur eine neue Stromknappheit."


Sie läuft nach links, er nach rechts. Zu den anderen Männern am Aufzug 326. Sie begrüßen sich mit einem stummen Nicken.

Außer Herr Mayer56 aus "Nummer 45".

Da merkt Herr Faber23 eine leicht gehobene Augenbraune - kaum merklich. Er zuckt selber mit der Augenbraune zurück.


So kannst du Andeuten was du willst und weitere Geschichte spinnen oder es bei dieser einen Geschichte belassen und der Leser seine Fantasie freien Lauf lassen.

LG justin
You can observe a lot just by watching.
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Re: Faber23

Beitragvon DrJones » 24.09.2014, 20:21

@ Justin


Dir vielen Dank für Deine Ideen!

Auch wenn ich im Kern verstanden habe, was Du meintest, denke ich, würde es
zu meiner Geschichte vielleicht nicht so optimal passen. Da war mir auch zuviel "Tell".
Zwischen den Zeilen wird bisher klar, was gemeint ist. Da sollte ich den Leser besser nicht
noch einmal extra drauf hinweisen.

Interessant fand ich jedoch folgende Vorschläge:
Als Frau Faber23 zur Wasserhahn schaut, schob Herr Faber23 einen Esswürfel in seiner Tasche.



Frau Faber23 schaut zum Chronometer an der Wand hoch und sagt, "Die Hochbahn hat in letzter Zeit immer wieder Verspätung. Ob das was zu Bedeuten hat?"
Er schaut zur Fenster und nickte zufrieden. "Bestimmt nicht. Wahrscheinlich nur eine neue Stromknappheit."


Auch wenn mir da zuviele Adverbien drin sind, ist der Inhalt des Dialogs durchaus reizvoll...
Auch die Einführung eines Herrn Mayer56 finde ich von der Grundidee her gut.
Allerdings kollidiert das ein wenig mit der Anonymität in dieser Gesellschaft.
Mal sehen, wohin mich Eure interessanten Ideen so treiben... :wink:

HG,

DrJones
Zuletzt geändert von KleineLady1981 am 25.09.2014, 09:44, insgesamt 1-mal geändert.
Grund: Bezug zu gelöschtem Kommentar entfernt
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Re: Faber23

Beitragvon Heisenberg » 18.10.2014, 15:48

Moin,

ich beziehe mich nun auf deine Überarbeitung.

Allgemeines

Die Grundidee ist keinesfalls neu, aber das ist weniger tragisch als es sich anhören mag. Denn was dem knappen Text auf jeden Fall gelingt: Es wird eine monotone und graue Atmosphäre geschaffen, gefühlsarm und nicht gerade etwas, das man haben will, worin man als Leser existieren wollen würde. Da dies auch die erkennbare Intention des Textes ist, ist diese Mission auf jeden Fall erfüllt. Zwar sind einige der Ideen und Ansätze im Text auch nicht gerade neu, sie wissen dennoch zu wirken. Vielleicht gerade, weil man diese Ansätze durchaus kennt und einzuordnen weiß.
Die deutlichen Anspielungen, in welchem Szenario sich die knappe Handlung abspielt, sind natürlich ein ausgezeichneter Bonus. Wie würde der Alltag in der Welt von "Metropolis" wohl ablaufen bzw. wie würde ein Teilausschnitt wohl aussehen? Wahrscheinlich genau so. Eine der Figuren dann noch "Faber" zu nennen, das gefällt mir sehr. Anspielung sollte bekannt sein und ergibt überaus viel Sinn.
Es gibt einige Punkte in der Umsetzung, die sich verbessern ließen (dazu gleich mehr). Auch möchte ich anmerken, dass eine längere Fassung oder gar eine den Rahmen bildende längere Erzählung sich bei diesem lohnenswerten Thema durchaus anbieten würde. Ich würde die Gelegenheit nicht verstreichen lassen, sondern nutzen.
Ein Kritikpunkt noch, bevor ich zu detaillierteren Anmerkungen komme: So gut und interessant dieser "Ausschnitt" auch ist, so passend auch die Knappheit und Kürze - der Text könnte ebenso ein Drehbuchausschnitt sein. Ich bin mir sicher, dass dies ob des Themas auch beabsichtigt ist, dennoch kann so etwas auch in einer längeren Form (epischer, im Sinne von Epik natürlich!) umgesetzt werden und ebenso wirken.

Details

Faber23

Toller Titel, bloß behalten! Die Figur "Faber" zu nennen, gibt dem Text eine weitere höhere Bedeutung. Das Rationale wird betont, eben weil man als (natürlich belesener^^) Leser sofort Assiziationen zu "Homo Faber" herstellen kann, die auch funktionieren.

Diese
Ort: Metropolis, Unterstadt, Faustisches Viertel, Straße-der-Arbeit 1256, Wohnblock 3, Stockwerk 43, Wohnung „Nummer 17“

Zeit: 257 Neue Zeitrechnung, Monat 3, Tag 8, 5 Uhr morgens

Ortsangaben und Zeitangaben ergeben innerhalb des Themas inhaltlich wie formal Sinn. Das Rationale, Kühle und der dystopische Charakter werden, wie auch die klare Ansage, wo man sich befindet (Metropolis!), klar herausgestellt und unterstützen die Atmosphäre ungemein.
Hier dann auch als Beispiel für den angesprochenen Drehbuchcharakter. Das kann man kritisch betrachten, könnte aber ebenso einen Aspekt zur Deutung beitragen (dazu im Fazit mehr, siehe unten).

Ein vom Fenster exakt ausgeschnittener Streifen künstlichen Lichts fällt auf Wand und Boden des kleinen Zimmers. Ein hallendes Tropfen durchbricht die Stille. Ehepaar Faber23 sitzt sich am Tisch gegenüber.

Hier erneut: Eine emotionslose und sachliche Darstellung, ganz wie das Thema es bereits vorgibt. Und doch gibt es eine Momentaufnahme (man beachte den Begriff!), die erst wie ein Fremdkörper wirkt, dann jedoch die Szene in Gang bringt und fast wie ein Echo des Autors erscheint: "Ein hallendes Tropfen (...)".
Auch entsteht, wie an anderen Stellen, der Charakter eines Drehbuches.

»Ja ... er ... er war ein Freund.«
Sie schaut auf. »Ein Freund? Wir haben keine Freunde!«

Die Dialoge entsprechen der Szenerie. Kühl, emotionsarm und rational. Fast verkümmert im Ausdruck. Es ist eine fast sprachlose Welt, was durch die Kürze auch unterstrichen wird.
Und doch keimt hier Emotion auf, etwas, das mehr ist als die Gesellschaft erlaubt - und wird gleich vehement erdrückt. Sehr gut umgesetzt.

»Dieses Tropfen!«, sagt Frau Faber23. »Hast du deswegen Meldung gemacht?«
»Ja. Heute wird es gerichtet.«
»Guut!«

Das Tropfen, welches die gewünschte Stille unterbricht (und fast schon menschlichere Züge als die beschriebenen Menschen hat), muss ebenso unterdrückt werden. Es schadet dem, was sein muss. Wie eine Metapher, die in einer gefühllosen Welt nichts zu suchen hat.
Einzig das "guut" würde ich ersetzen in ein simples: "gut."

Auf dem Hausflur verabschieden sich bereits die anderen Paare. Herr Faber23 blickt seiner Frau flüchtig in die Augen: »Konform mit Edikt 21, § 16a, Absatz 13 spreche ich dir hiermit meine Hoffnung aus, dass dein Tag produktiv ist.«

Großartig. Es ist einzig Poduktivität und Funktionieren, das in dieser Gesellschaftsform etwas zu suchen hat. Und man fügt sich, heuchelt sogar Emotion, wo keine Emotion ist. Ohne es zu verstehen.

Das Ende dieser Szene
Stockwerk 43. Abtransport.

ist sehr gut. "Abtransport", ein tolles Schlusswort. In dieser Welt ist einfach nichts, das ein Mensch braucht. Und was er braucht, gibt es nicht. Wenn doch, dann wird es erstickt.

Fazit:

Ein guter Text, der eigentlich Lust auf mehr macht. Ich würde das ausbauen und sehen, wohin die Reise führt. Natürlich besteht bei solchen Dystopien auch die Gefahr der Wiederholung, aber vielleicht gibt es Ansatzpunkte, die mehr zulassen.
Die Kürze ist an sich kein Problem, aber sicher lässt sich dieses Szenario auch in mehr Prosa umsetzen, ohne den Grundcharakter zu verlieren.
Interessant ist, dass diese szenische Beschreibung, die - wie erwähnt - etwas von einem Drehbuch hat, sich in seiner Annhäherung an den Film "Metropolis" gleich in doppelter Hinsicht von der Textebene und Textart in eine Bedeutungsebene begibt, die genau diese Form auch inhaltlich begründen kann: Eine kleine "Meditation" zum Thema Film, insbesondere dem Stummfilm - wodurch Form und Sprache erneut Sinn ergeben. Keine Ahnung, inwiefern das auch beabsichtigt ist, aber vielleicht hilft es ja auch, Denkanstoß für mehr davon zu sein.

LG

H.
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Re: Faber23

Beitragvon DrJones » 06.11.2014, 22:28

Hallo Heisenberg,

1000 Dank für Deine ausführliche Kritik!
Es war wirklich äußerst interessant zu erfahren, wie diese Geschichte wahrgenommen
und interpretiert wird. Meine Intention war, alles so kalt und emotionslos wie
möglich erscheinen zu lassen: Der Mensch im Räderwerk einer technisierten
und abweisenden Welt. Sinnbildlich verbinde ich das auch mit dem Film Metropolis -
gerade in der Szene, wo die Arbeiter die Zeiger bewegen. Und dennoch blüht
dort der zarte Gedanke an Menschlichkeit. EIne der großen Legenden des Kinos...
Über den Namen Faber23 hatte ich nicht nachgedacht. Es war eine wirklich
merkwürdige Koinzidenz mit "Homo Faber", den ich nie gelesen habe.


Herzlichen Gruß,

DrJones
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Re: Faber23

Beitragvon shortcutcliffe » 12.11.2014, 19:54

Moin moin,

auch wenn die Geschichte nun schon etwas länger her eingstellt wurde, wollte ich sie doch noch einmal kommentieren.

Also vorweg: Auch ich habe Metropolis nicht gesehen, allerdings sind mir Bücher wie Brave New World usw. natürlich bekannt und das ganze Dystopie Genre gründet ja gemein hin auf der selben Wurzel. Aber denken musste ich beim Lesen des Textes vor allem an Stasiberichte - was ja sicher auch eine Komponente ist, die Dystopien immer wieder aufgreifen. Warum ich es aber erwähne, ist, weil sich der Text für mich ein wenig wie ein Aktenauszug liest. Damit hast du finde ich schon eine bemerkenswert gute Erzählperspektive eingenommen. Dadurch kommt die Stimmung sehr gut rüber, nach der du ja gefragt hast. Der Inhalt trägt dazu sicherlich auch bei, jedoch finde ich hier die Perspektive am entscheidensten, weshalb ich diese auch am stärksten kommentieren werde.

Aber nun in medias res:

Ort: Metropolis, Unterstadt, Faustisches Viertel, Straße-der-Arbeit 1256, Wohnblock 3, Stockwerk 43, Wohnung „Nummer 17“

Zeit: 257 Neue Zeitrechnung, Monat 3, Tag 8, 5 Uhr morgens

Aktenfeeling perfekt getroffen und somit gleich die Erzählperspektive und Haltung zum Geschehen bestimmt. Gefällt mir sehr gut.

Ein vom Fenster exakt ausgeschnittener Streifen künstlichen Lichts fällt auf Wand und Boden des kleinen Zimmers. Ein hallendes Tropfen durchbricht die Stille. Ehepaar Faber23 sitzt sich am Tisch gegenüber.

Mir gefällt die mathematisch angehauchte Beschreibung. Jedoch bricht sich der Fluss etwas an dem Wort "kleinen" vor Zimmer. Da rutscht du etwas aus der Perspektive, finde ich, da es leicht wertend und emotional wirkt. Vielleicht Haarspalterei, dass ich es erwähne, aber mir ists aufgefallen. Der Rest wieder gut.

»Wie viele Esswürfel?«, fragt Frau Faber23.
»Fünf«, sagt Herr Faber23. »Nein, sechs!«

Finde es leicht unauthentisch, dass die Frau fragt, wie viele der Esswürfel er möchte. Besser fände ich ein einfaches "Wie viele?", denn sie sitzen am selben Tisch und dem Mann ist klar, worauf sich die Frage bezieht. Das Wort Esswürfel wird sowieso im nächsten Absatz eingeführt.

»Wie sind die Erfolge deiner Näh-Brigade?«, fragt er.
»Plansoll schon jetzt erfüllt!«, antwortet sie und nippt an ihrem Becher. »Und bei den Tief-Bauern? Das Fundament des Turms schon fertig?«
»Hm. Gestern ist einer von uns abgetreten ...«
»Tot?«
»Jaa ... er ... er war ein Freund.«
Sie schaut auf: »Ein Freund? Wir haben keine Freunde!«

Hm, da packst du mir etwas zu viel Exposition in den Dialog. Die beiden wissen um die Arbeit des jeweils anderen Bescheid, warum sollten sie diese im Dialog extra erwähnen? Besser fände ich:

"Wie gehts bei dir vorran?" Herr Faber23 war Aufseher der Tief-Bauern.
"Gestern ist einer von uns abgetreten."

Statt den Dialog mit Exposition zu beschweren, kannst du ihn einfach in einen erzählten Satz packen. Die "Akten Perspektive" bietet sich dafür sowieso gut an. Auch die Sache mit "Er war ein Freund" finde ich eine Spur zu gekünzelt und schnell. Ich finde da hättest du etwas filigraner Arbeiten können, sowohl bei der Emotion des Mannes, als auch bei dr Reaktion der Frau. Aber dennoch ein guter Einfall um dem Gespräch eine neue Richtung zu geben und den Plot etwas vorranzutreiben.

Seine Hand zittert, zerbröselt einen Esswürfel; Krümel fallen auf die Tischplatte. Stille. Hallendes Tropfen.

Finde ich gut, doch auch hier wird die anfangs etablierte Perspektive etwas unterbrochen finde ich. Besser fände ich: "Stille. Dann tropft etwas und hallt wieder."

Durch den Tisch und die Krümel geht ein leichtes Vibrieren.

»Die Hochbahn.«, sagt sie und blickt aus dem Fenster.

Auch hier sagt sie etwas, das beiden bewusst sein muss. Die donnernde Hochbahn hat das Appartment sicher nicht zum ersten Mal erschüttert, ergo ist es pures Erklären für den Leser, was da donnert. Aber das allein sollte niemals einen Dialog rechtfertigen. Pack sowas einfach in den Erzähltext und gut is ;)

Die in den Fußboden eingelassenen Strahler gehen an, aus den Deckenlautsprechern ertönt elektronische Marschmusik. Ehepaar Faber23 steht auf und läuft zur Wohnungstür.

Super! Das ist die Erzähl-Perspektive die ich in dem Text so schön finde!

Auf dem Hausflur verabschieden sich bereits die anderen Paare. Herr Faber23 blickt seiner Frau flüchtig in die Augen: »Einen erfolgreichen Tag für dich.«

Sie nickt: »Ja. Sei auch du produktiv!« und berührt kurz seine Hand.

Dialog wieder eeetwas gestelzt, aber im Grunde eine gute Idee dahinter. Das Produktivitätsdenken usw. kommt hier gut raus. Dennoch muss der Dialog etwas mehr Alltagstauglichkeit versprühen.

Sie läuft nach links, er nach rechts. Zu den anderen Männern am Aufzug 326.

Stockwerk 43. Abtransport.

Wunderbar. Schöne Einfassung in Bezug auf den Anfang. Schönes Ende.

Alles in allem finde ich die Geschichte sehr gut, auch die Stimmung hat sich mir gut erschlossen. Achte nur etwas darauf, dass du aus einer einheitlichen Perspektive erzählst. Versetz dich am besten in die Perspektive des Erzählers hinein. Stell dir vor, du bist in dem Raum und schreibst einen Akten-Bericht, während du die Szene beobachtest.

Gruß,
shortcutcliffe
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Re: Faber23

Beitragvon DrJones » 13.11.2014, 09:11


Hallo shortcutcliffe,

Vielen Dank für diese genaue Kritik!
Es waren wieder neue Hinweise mit dabei. Dinge,
die mir zuvor nicht aufgefallen waren.


shortcutcliffe hat geschrieben:Moin moin,

auch wenn die Geschichte nun schon etwas länger her eingstellt wurde, wollte ich sie doch noch einmal kommentieren.

Immer gerne! Ich habe diese Story sowieso immer im Blick. Da möchte
ich gerne mehr draus machen...


Also vorweg: Auch ich habe Metropolis nicht gesehen, allerdings sind mir Bücher wie Brave New World usw. natürlich bekannt und das ganze Dystopie Genre gründet ja gemein hin auf der selben Wurzel. Aber denken musste ich beim Lesen des Textes vor allem an Stasiberichte - was ja sicher auch eine Komponente ist, die Dystopien immer wieder aufgreifen. Warum ich es aber erwähne, ist, weil sich der Text für mich ein wenig wie ein Aktenauszug liest. Damit hast du finde ich schon eine bemerkenswert gute Erzählperspektive eingenommen. Dadurch kommt die Stimmung sehr gut rüber, nach der du ja gefragt hast. Der Inhalt trägt dazu sicherlich auch bei, jedoch finde ich hier die Perspektive am entscheidensten, weshalb ich diese auch am stärksten kommentieren werde.

Ich wollte es einfach so kalt und emotionslos wie möglich erzählen. Die Aktenauszugatmo ist
eher eine Folge davon als eine ursprünglich gedachte Intention.


Aber nun in medias res:

Ort: Metropolis, Unterstadt, Faustisches Viertel, Straße-der-Arbeit 1256, Wohnblock 3, Stockwerk 43, Wohnung „Nummer 17“

Zeit: 257 Neue Zeitrechnung, Monat 3, Tag 8, 5 Uhr morgens

Aktenfeeling perfekt getroffen und somit gleich die Erzählperspektive und Haltung zum Geschehen bestimmt. Gefällt mir sehr gut.

Ein vom Fenster exakt ausgeschnittener Streifen künstlichen Lichts fällt auf Wand und Boden des kleinen Zimmers. Ein hallendes Tropfen durchbricht die Stille. Ehepaar Faber23 sitzt sich am Tisch gegenüber.

Mir gefällt die mathematisch angehauchte Beschreibung. Jedoch bricht sich der Fluss etwas an dem Wort "kleinen" vor Zimmer. Da rutscht du etwas aus der Perspektive, finde ich, da es leicht wertend und emotional wirkt. Vielleicht Haarspalterei, dass ich es erwähne, aber mir ists aufgefallen. Der Rest wieder gut.

Uberhaupt keine Haarspalterei. Du hast völlig Recht! Das "klein" beißt sich auch mit dem späteren
Marschieren bis zur Wohnungstür.


»Wie viele Esswürfel?«, fragt Frau Faber23.
»Fünf«, sagt Herr Faber23. »Nein, sechs!«

Finde es leicht unauthentisch, dass die Frau fragt, wie viele der Esswürfel er möchte. Besser fände ich ein einfaches "Wie viele?", denn sie sitzen am selben Tisch und dem Mann ist klar, worauf sich die Frage bezieht. Das Wort Esswürfel wird sowieso im nächsten Absatz eingeführt.

Ja, stimmt. Das ist, wie Du es so schön ausgedrückt hast, Exposotion für den Leser.
Nehme ich wieder raus. Es wird so wirkungsvoller.


»Wie sind die Erfolge deiner Näh-Brigade?«, fragt er.
»Plansoll schon jetzt erfüllt!«, antwortet sie und nippt an ihrem Becher. »Und bei den Tief-Bauern? Das Fundament des Turms schon fertig?«
»Hm. Gestern ist einer von uns abgetreten ...«
»Tot?«
»Jaa ... er ... er war ein Freund.«
Sie schaut auf: »Ein Freund? Wir haben keine Freunde!«

Hm, da packst du mir etwas zu viel Exposition in den Dialog. Die beiden wissen um die Arbeit des jeweils anderen Bescheid, warum sollten sie diese im Dialog extra erwähnen? Besser fände ich:

"Wie gehts bei dir vorran?" Herr Faber23 war Aufseher der Tief-Bauern.
"Gestern ist einer von uns abgetreten."

Exposition trifft es auf den Kopf. Habe ich gar nicht dran gedacht. Ich werde mir eine Zwischenlösung
ausdenken. Es soll aber so ein Stück weit cineastisch rüberkommen mit eeetwas mehr Exposition
im Gesprochenen. Das hat auch seinen Grund darin, dass sie sich quasi nur über ihre Arbeit
definieren. Daher sollte die Arbeitsstelle schon genannt sein, oder?


Statt den Dialog mit Exposition zu beschweren, kannst du ihn einfach in einen erzählten Satz packen. Die "Akten Perspektive" bietet sich dafür sowieso gut an. Auch die Sache mit "Er war ein Freund" finde ich eine Spur zu gekünzelt und schnell. Ich finde da hättest du etwas filigraner Arbeiten können, sowohl bei der Emotion des Mannes, als auch bei dr Reaktion der Frau. Aber dennoch ein guter Einfall um dem Gespräch eine neue Richtung zu geben und den Plot etwas vorranzutreiben.


Ich hatte da bei ihm so einen "Indiana Jones-Blick" im Kopf. Schwer zu beschrieben. Aber das mit
dem Freund muss 100% so bleiben.


Seine Hand zittert, zerbröselt einen Esswürfel; Krümel fallen auf die Tischplatte. Stille. Hallendes Tropfen.

Finde ich gut, doch auch hier wird die anfangs etablierte Perspektive etwas unterbrochen finde ich. Besser fände ich: "Stille. Dann tropft etwas und hallt wieder."


Es tropft ja ständig. Ich beschreibe auktorial.


Durch den Tisch und die Krümel geht ein leichtes Vibrieren.

»Die Hochbahn.«, sagt sie und blickt aus dem Fenster.

Auch hier sagt sie etwas, das beiden bewusst sein muss. Die donnernde Hochbahn hat das Appartment sicher nicht zum ersten Mal erschüttert, ergo ist es pures Erklären für den Leser, was da donnert. Aber das allein sollte niemals einen Dialog rechtfertigen. Pack sowas einfach in den Erzähltext und gut is ;)

Ja, stimmt. Ist auch schon anderen aufgefallen. Ich habe es im Text mit "die neue Hochbahn"
abgeändert. Die Welt ist sehr techniklastig, unddas ist schon Gesprächsthema.



Die in den Fußboden eingelassenen Strahler gehen an, aus den Deckenlautsprechern ertönt elektronische Marschmusik. Ehepaar Faber23 steht auf und läuft zur Wohnungstür.

Super! Das ist die Erzähl-Perspektive die ich in dem Text so schön finde!

Danke! DIe sollen so zur Tür laufen wie Soldaten. Kam das in etwa rüber?

Auf dem Hausflur verabschieden sich bereits die anderen Paare. Herr Faber23 blickt seiner Frau flüchtig in die Augen: »Einen erfolgreichen Tag für dich.«

Sie nickt: »Ja. Sei auch du produktiv!« und berührt kurz seine Hand.

Dialog wieder eeetwas gestelzt, aber im Grunde eine gute Idee dahinter. Das Produktivitätsdenken usw. kommt hier gut raus. Dennoch muss der Dialog etwas mehr Alltagstauglichkeit versprühen.

Ja, wirkt gestelzt. Aber auch fremd? Ich wollte das Fremde, Entmenschlichte...


Sie läuft nach links, er nach rechts. Zu den anderen Männern am Aufzug 326.

Stockwerk 43. Abtransport.

Wunderbar. Schöne Einfassung in Bezug auf den Anfang. Schönes Ende.

Danke! :lol:

Alles in allem finde ich die Geschichte sehr gut, auch die Stimmung hat sich mir gut erschlossen. Achte nur etwas darauf, dass du aus einer einheitlichen Perspektive erzählst. Versetz dich am besten in die Perspektive des Erzählers hinein. Stell dir vor, du bist in dem Raum und schreibst einen Akten-Bericht, während du die Szene beobachtest.

Gruß,
shortcutcliffe



Vielen Dank nochmal und VG,

DrJones
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