Ein Rauschen kam auf. Es klapperte und prasselte. Vor ihren Augen flirrte und schwankte alles. Schnell schloss sie die Augen. Wind wirbelte von allen Seiten um Finja herum. Noch ehe sie fassen konnte, was überhaupt passierte, ließ die Frau ihre Hände los und einen sehr undamenhaften Fluch hören: ‚Chamäleonpups und Eidechsenmist!’, rief sie. Finja musste wieder kichern. Sie machte die Augen auf und guckte sich wie vom Donner gerührt um. Mitten in der Küche schneite es. Eigentlich schneite es nicht nur, es stürmte dabei und die Flocken waren so dick, dass sich schon hier und da einige Schneehäufchen gebildet hatten. Über der Butter und der Marmelade auf dem Küchentisch, auf dem Herd, im Regal, wo Papas heilige Töpfe standen und sogar auf Lietheas Kopf. Die seufzte, streckte wieder ihre Hände aus und meinte rasch: ‚Das machen wir später weg, los, gib mir deine Hände, jetzt weiß ich wieder, wie es heißen muss...’
Als Finja das nächste Mal die Augen öffnete, kam sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Küche war verschwunden, ja die ganze Wohnung schien sich aufgelöst zu haben und sie beide standen inmitten einer riesigen Blumenwiese. Die Sonne schien und Bienen summten. Es duftete süß nach den verschiedensten Blumen.
‚Das ist es auch nicht’, meinte Liethea neben ihr ratlos. ‚Hier ist eindeutig zu wenig Wasser.’ Sie selbst schien kein bisschen verwundert zu sein über das, was passiert war. Eher ein wenig verärgert. Finja warf ihr einen verwirrten Blick zu. Liethea zwinkerte beruhigend mit einem Auge und ergriff erneut ihre Hände.
Für weiteres Staunen blieb keine Zeit, denn im nächsten Moment fühlte Finja jede Menge Wasser um sich. Es war kalt und furchtbar tief, doch die Hand von Liethea ließ sie nicht los. Sie paddelte und schnappte nach Luft, dann öffnete sie die Augen und schwamm. Liethea fluchte schon wieder. Überall war soviel Wasser, das kein Land mehr übrig geblieben war. Und das Wasser schmeckte salzig. Zum Glück hatte sie im letzten Sommer schwimmen gelernt. ‚Das Meer...’, verkündete Liethea entschuldigend. Doch noch bevor Finja weiter darüber nachdenken konnte, begann das Singen wieder und gleich darauf rauschte und drehte und flirrte es wieder…
‚Na siehst du, ich war nur ein wenig eingerostet!’
Grau war der Himmel jetzt, grau die Straße, in dessen Pfützen sich schon die ersten Lichter der Straßenlaternen spiegelten. Ein kühler Wind wehte und es duftete nach Teer, aber sehr kalt war es eigentlich nicht, obwohl Finjas nasse Kleider unangenehm am Körper klebten. Vorsichtig sah sie sich um. Sie standen mitten auf einer riesig langen Brücke, die so groß war, dass sogar zwei Türme drauf platz fanden. Am Ende der Brücke lag eine riesige Stadt, die ganz und gar von Lichtern erhellt wurde.
‚London!’, erklärte Liethea. ‚Hier hast du eigentlich immer Glück, wenn du Regenwetter magst’. Sie schnippte mit dem Finger und im nächsten Augenblick reichte sie Finja einen gelben Regenschirm. Sie selbst spannte einen roten Schirm auf und marschierte los. Finja hinter ihr her. Doch kaum hatten sie einen Schritt getan, begann ein wahres Hupkonzert. Bremsen quietschten und wenig später stiegen einige Leute aus ihren Autos und schimpften laut. Finja verstand nicht viel von dem was gesagt wurde, denn es war ja englisch, doch Liethea guckte die Leute unbeeindruckt an und antwortete ihnen in ihrer Sprache.
Finja guckte zwischen den Leuten und Liethea hin und her und wünschte sich, dass sie Englisch verstehen könne. Irgendwie schaffte die Rothaarige es, die Leute zu besänftigen und schließlich wurden Finja und Liethea auf die Rückbank eines kleinen, grünen Autos verfrachtet und der Fahrer (er saß auf der falschen Seite im Auto), ein untersetzter, dicklicher Mann, grinste Finja freundlich an. Sie fuhren los, über die Brücke und kreuz und quer durch die Stadt. Finja drückte sich die Nase an der Fensterscheibe platt. Was es hier alles zu sehen gab! Riesige Hochhäuser, verwinkelte Gassen, weite Plätze, ein altes Schloss, ein Riesenrad und vieles, vieles mehr, das Finja noch nie gesehen hatte. Alles von Lichtern erhellt und von Leuchtschriften überfunkelt. Sie war beeindruckt. Diese Reise gefiel ihr immer besser.
Irgendwann hielten sie und Liethea bedankte sich bei dem Mann, ehe sie ausstiegen.
‚Jetzt gehen wir erstmal einen heißen Tee trinken. Die Engländer können besonders guten Tee kochen.’, meinte Liethea vergnügt und deutete auf ein gemütlich wirkendes schmales Haus mit der Leuchtaufschrift: ‚Teatime’.
Es war warm in dem kleinen Raum, es duftete nach Zimt und ein paar anderen Gewürzen, die Finja nicht kannte. An kleinen runden Tischen hockten ein paar Engländer und genossen ihren Tee. Die beiden fanden einen Platz am Fenster, von wo aus man das Leben auf der Straße beobachten konnte. Bald darauf standen große, dampfende Teetassen vor ihnen und eine Schale mit leckeren Keksen.
Und während sie darauf warteten, dass ihre Kleider trocken wurden und sie den Tee genossen, erzählten sie sich gegenseitig spannende Geschichten. Liethea konnte das fast genauso gut wie Papa, vielleicht sogar noch ein bisschen besser.
Gerade als Finja den letzten Schluck Tee trank, klackte laut die Tür. Es war ein vertrautes Klacken, so wie es zu Hause klang, dann, wenn Papa endlich nach Hause kam. Doch bevor sich Finja darüber wundern konnte, drang auch Papas Stimme an ihr Ohr und er sagte: ‚Na? Habt ihr beiden einen schönen Tag gehabt?’
Und im selben Moment fand Finja sich in ihrer eigenen Küche wieder, ihr gegenüber saß Liethea am Küchentisch und nirgendwo war auch nur die geringste Schneeflocke zu sehen.
Einen Moment überlegte sie, ob sie alles nur geträumt hatte, da strubbelte ihr Papa durchs Haar und meinte: ‚Wart ihr Baden? Du hast so nasse Haare?’
Finja nickte. Ja, sie waren Baden. Liethea zwinkerte Finja zu und die zwinkerte zurück. Aber sie sagte nicht, dass sie im Meer gebadet hatten.
Und hoffte, dass die roten Schuhe noch lange in ihrem Schuhregal wohnen würden…
