Fliegen...(1)
Fliegen müsste man können, wegfliegen, wohin auch immer, frei sein, wovon und für was auch immer. Dieser Gedanke hat mich schon immer fasziniert.
Aus dem alltäglichen Trott rauskommen, etwas anderes machen, nicht alles so wichtig nehmen.
Es ist Mittag, mein Unterricht ist zu Ende. Kein schlechter Tag heute. Ich gehe die Treppe vom zweiten Stock hinunter. Gedränge, Schüler überholen mich. Frau Willauer will wissen, ob ich sie morgen in der ersten Stunde vertreten kann Sie sagt, sie müsse zum Arzt.
Ich gehe etwas langsamer, bin müde. Ich habe Schmerzen in den Beinen. Nachwirkungen der Grippe.
Im Urlaub waren meine Frau und ich in unserem Ferienhaus am Meer. Lange Wanderungen, gutes Essen, Wein, Diskussionen. In der letzten Woche hatte mich dann eine Grippe erwischt, Hals- und Kopfschmerzen. Joggen konnte ich auch nicht mehr.
Ich komme von der Arbeit, stressiger Tag heute. Alle glauben, dass wir vom Sozialamt alle ihre Probleme lösen können.
Die Küche hat er nicht aufgeräumt, die Wäsche ist immer noch in der Maschine, er wollte sie doch zum Trocknen aufhängen. Nun liegt er auf dem Sofa und schläft, obwohl es erst 17.00 Uhr ist.
In letzter Zeit ist er immer müde, wahrscheinlich Nachwirkungen seiner Grippe. Ich schaue ihn an, er ist erst fünfzig, sieht jetzt aber älter aus, abgespannt und müde. Ich mag seine Art, er ist intelligent, feinfühlig, hat Humor. Ich liebe ihn immer noch, obwohl wir jetzt über zwanzig Jahre verheiratet sind.
Ich wecke ihn mit einem Kuss auf, dann arbeiten wir im Haus.
Wir essen zu Abend, erzählen von unserem Arbeitstag, immer die gleichen Probleme.
Beim Fernsehen trinken wir zusammen Wein, ihm fällt sein Glas aus der Hand. Früh gehen wir ins Bett, habe morgen einen anstrengenden Tag vor mir.
Nach der zweiten Unterrichtsstunde gehe ich zum Arzt. Die Schmerzen in meinen Beinen sind stärker geworden. Ich konnte nachts kaum schlafen. Fast wäre ich hingefallen, als ich in der Schule die Treppe runterging. Musste mich am Geländer festhalten.
Es sitzen ein paar Leute im Wartezimmer, eine Frau ist schwanger. Warum haben wir eigentlich keine Kinder, denke ich. Ella wollte immer noch ein bisschen warten, wollte ihren Beruf nicht aufgeben. So wurde es „später“ und „später“, die Zeit ist uns davon gelaufen.
Dr. Lauer untersucht mich gründlich, erkundigt sich nach meinen Beschwerden, schaut mich merkwürdig an. Er schreibt mich eine Woche krank und überweist mich ins Krankenhaus. Eine Reihe von Untersuchungen müsste stattfinden, sagt er. In einer Woche solle ich wiederkommen, dann hätte er genaue Ergebnisse.
Der ganze Vormittag vergeht mit allen möglichen neurologischen Untersuchungen, Rückenmarkflüssigkeit wird entnommen. Die probieren wohl alles an mir aus, bin ja Privatpatient, denke ich.
Er liegt wieder auf dem Sofa, stiert vor sich hin. Wir bereiten zusammen das Abendessen vor, kleinste körperliche Anstrengungen scheinen ihm Mühe zu bereiten. Er sagt, dass er morgen erst zur dritten Stunde Unterricht habe.
Meiner Frau habe ich nichts von Arztbesuchen erzählt, auch nicht, dass ich krank geschrieben wurde. Sie geht früh aus dem Haus.
Mir schmerzen fast alle Glieder, auch der Rücken. Ich werde trotzdem heute joggen gehen. Unser Haus liegt direkt am Wald.
Vielleicht kann mir das helfen. Ich erinnere mich, dass das Joggen mir bei allen möglichen Problemen immer geholfen hat. Glücksgefühle werden dabei freigesetzt, die kann ich jetzt dringend gebrauchen. Ich ziehe mein Sportzeug an und verlasse das Haus.
Ich fange am Waldrand an zu rennen und falle hin. Mühsam rappele ich mich auf, humple zum Haus zurück.
Als ich mir die Schuhe ausziehe, merke ich, dass es in meinen Händen kribbelt, dass ich kaum etwas fühle. Gehen kann ich nur mühsam, meine Beine knicken weg.
Im Keller haben wir ein Paar Krücken, Ella hatte sich im letzten Winter beim Skifahren ein Bein gebrochen. Ich taste mich die Kellertreppe hinunter und hole sie. Ich werde ihr erzählen, dass ich mir beim Joggen den Fuß verstaucht habe.
Als ich nach Hause komme, liegt er im Bett. Den Fuß habe er sich beim Joggen verstaucht, sagt er. Er sieht nicht gut aus, scheint Fieber zu haben, redet wenig und ist heiser.
Später kommt sein Freund und Kollege Theo vorbei. Er fragt, wie es ihm gehe, die Vertretung in seiner Klasse sei geregelt.
Wir sitzen zusammen am Tisch, essen und trinken Wein, Rainer trinkt wenig, isst wenig, redet wenig. Die Krücken stehen neben ihm.
Ich fange an, mir Gedanken zu machen, wusste nicht, dass er krank geschrieben wurde.
