Fliegen 1/2

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

Fliegen 1/2

 
Fliegen...(1)

Fliegen müsste man können, wegfliegen, wohin auch immer, frei sein, wovon und für was auch immer. Dieser Gedanke hat mich schon immer fasziniert.
Aus dem alltäglichen Trott rauskommen, etwas anderes machen, nicht alles so wichtig nehmen.

Es ist Mittag, mein Unterricht ist zu Ende. Kein schlechter Tag heute. Ich gehe die Treppe vom zweiten Stock hinunter. Gedränge, Schüler überholen mich. Frau Willauer will wissen, ob ich sie morgen in der ersten Stunde vertreten kann Sie sagt, sie müsse zum Arzt.
Ich gehe etwas langsamer, bin müde. Ich habe Schmerzen in den Beinen. Nachwirkungen der Grippe.
Im Urlaub waren meine Frau und ich in unserem Ferienhaus am Meer. Lange Wanderungen, gutes Essen, Wein, Diskussionen. In der letzten Woche hatte mich dann eine Grippe erwischt, Hals- und Kopfschmerzen. Joggen konnte ich auch nicht mehr.

Ich komme von der Arbeit, stressiger Tag heute. Alle glauben, dass wir vom Sozialamt alle ihre Probleme lösen können.
Die Küche hat er nicht aufgeräumt, die Wäsche ist immer noch in der Maschine, er wollte sie doch zum Trocknen aufhängen. Nun liegt er auf dem Sofa und schläft, obwohl es erst 17.00 Uhr ist.
In letzter Zeit ist er immer müde, wahrscheinlich Nachwirkungen seiner Grippe. Ich schaue ihn an, er ist erst fünfzig, sieht jetzt aber älter aus, abgespannt und müde. Ich mag seine Art, er ist intelligent, feinfühlig, hat Humor. Ich liebe ihn immer noch, obwohl wir jetzt über zwanzig Jahre verheiratet sind.
Ich wecke ihn mit einem Kuss auf, dann arbeiten wir im Haus.
Wir essen zu Abend, erzählen von unserem Arbeitstag, immer die gleichen Probleme.
Beim Fernsehen trinken wir zusammen Wein, ihm fällt sein Glas aus der Hand. Früh gehen wir ins Bett, habe morgen einen anstrengenden Tag vor mir.

Nach der zweiten Unterrichtsstunde gehe ich zum Arzt. Die Schmerzen in meinen Beinen sind stärker geworden. Ich konnte nachts kaum schlafen. Fast wäre ich hingefallen, als ich in der Schule die Treppe runterging. Musste mich am Geländer festhalten.
Es sitzen ein paar Leute im Wartezimmer, eine Frau ist schwanger. Warum haben wir eigentlich keine Kinder, denke ich. Ella wollte immer noch ein bisschen warten, wollte ihren Beruf nicht aufgeben. So wurde es „später“ und „später“, die Zeit ist uns davon gelaufen.
Dr. Lauer untersucht mich gründlich, erkundigt sich nach meinen Beschwerden, schaut mich merkwürdig an. Er schreibt mich eine Woche krank und überweist mich ins Krankenhaus. Eine Reihe von Untersuchungen müsste stattfinden, sagt er. In einer Woche solle ich wiederkommen, dann hätte er genaue Ergebnisse.
Der ganze Vormittag vergeht mit allen möglichen neurologischen Untersuchungen, Rückenmarkflüssigkeit wird entnommen. Die probieren wohl alles an mir aus, bin ja Privatpatient, denke ich.

Er liegt wieder auf dem Sofa, stiert vor sich hin. Wir bereiten zusammen das Abendessen vor, kleinste körperliche Anstrengungen scheinen ihm Mühe zu bereiten. Er sagt, dass er morgen erst zur dritten Stunde Unterricht habe.

Meiner Frau habe ich nichts von Arztbesuchen erzählt, auch nicht, dass ich krank geschrieben wurde. Sie geht früh aus dem Haus.
Mir schmerzen fast alle Glieder, auch der Rücken. Ich werde trotzdem heute joggen gehen. Unser Haus liegt direkt am Wald.
Vielleicht kann mir das helfen. Ich erinnere mich, dass das Joggen mir bei allen möglichen Problemen immer geholfen hat. Glücksgefühle werden dabei freigesetzt, die kann ich jetzt dringend gebrauchen. Ich ziehe mein Sportzeug an und verlasse das Haus.
Ich fange am Waldrand an zu rennen und falle hin. Mühsam rappele ich mich auf, humple zum Haus zurück.
Als ich mir die Schuhe ausziehe, merke ich, dass es in meinen Händen kribbelt, dass ich kaum etwas fühle. Gehen kann ich nur mühsam, meine Beine knicken weg.
Im Keller haben wir ein Paar Krücken, Ella hatte sich im letzten Winter beim Skifahren ein Bein gebrochen. Ich taste mich die Kellertreppe hinunter und hole sie. Ich werde ihr erzählen, dass ich mir beim Joggen den Fuß verstaucht habe.

Als ich nach Hause komme, liegt er im Bett. Den Fuß habe er sich beim Joggen verstaucht, sagt er. Er sieht nicht gut aus, scheint Fieber zu haben, redet wenig und ist heiser.
Später kommt sein Freund und Kollege Theo vorbei. Er fragt, wie es ihm gehe, die Vertretung in seiner Klasse sei geregelt.
Wir sitzen zusammen am Tisch, essen und trinken Wein, Rainer trinkt wenig, isst wenig, redet wenig. Die Krücken stehen neben ihm.
Ich fange an, mir Gedanken zu machen, wusste nicht, dass er krank geschrieben wurde.

von Pedro

Re: Fliegen 1/2

 
Hallo Pedro,

würde gerne wieder Deine Geschichte kommentieren, wenn das okay ist. Zuerst gehe ich mal auf ein paar Dinge ein, die mir ins Auge gefallen sind und zum Schluss gebe ich Dir mein Fazit (wie immer: alles, was ich schreibe ist nur meine persönliche Meinung!)

Du schreibst:
Ich gehe die Treppe aus dem zweiten Stock hinunter


Vorschlag: "Ich gehe die Treppe vom zweiten Stock hinunter."

Frau Willauer will wissen, ob ich sie morgen in der ersten Stunde vertreten kann, sie müsse zum Arzt.


Vorschlag: "Frau Willauer will wissen, ob ich sie morgen in der ersten Stunde vertreten kann, sie muss zum Arzt oder: ..., sie sagt, sie müsse zum Arzt."

Ich komme von der Arbeit, stressiger Tag heute, alle glauben, dass wir vom Sozialamt alle ihre Probleme lösen können.


Ich weiß, dass Du einen ganz besonderen Schreibstil hast und ich schätze diesen sehr (daher lese ich Deine Geschichten ja auch gerne), aber diesen Satz würde ich in zwei aufteilen.
Vorschlag: "Ich komme von der Arbeit, es war ein stressiger Tag heute. Alle glauben, dass wir vom Sozialamt jeden ihrer Probleme lösen können."

Nun liegt er auf dem Sofa und schläft, obwohl es schon 17.00 Uhr ist.


Meinst Du: "Nun liegt er auf dem Sofa und schläft, obwohl es erst 17.00 Uhr ist."?

Ich wecke ihn mit einem Kuss auf, dann arbeiten wir zusammen im Haus.


Vorschlag: "Ich wecke ihn mit einem Kuss auf, danach arbeiten wir zusammen im Haus."

Beim Fernsehen trinken wir zusammen Wein,


Das "wir" sagt bereits aus, dass sie zusammen Wein trinken. Das "zusammen" würde ich weglassen, da es sonst doppelt gemoppelt ist.

Früh gehen wir ins Bett, habe morgen einen anstrengenden Tag vor mir.


Würde ich hier ein wenig umstellen: "Wir gehen früh ins Bett, habe morgen einen anstrengenden Tag vor mir."

Dr. Lauer untersucht mich gründlich, erkundigt sich nach Beschwerden, schaut mich merkwürdig an.


Ich würde hier ein Wort hinzufügen: "Dr. Lauer untersucht mich gründlich, erkundigt sich nach meinen Beschwerden, schaut mich merkwürdig an."

Meiner Frau habe ich nichts von Arztbesuchen erzählt, auch nicht, dass ich krank- geschrieben wurde.


Vorschlag: "Meiner Frau habe ich nichts von den Arztbesuchen erzählt, auch nicht, dass ich krank geschrieben wurde. oder: ...von dem Arztbesuch erzählt, auch nicht, dass ich krank geschrieben wurde."

Ich erinnere mich, dass Joggen mir bei allen möglichen Problemen immer geholfen hat.

"Joggen" muss hier klein geschrieben werden, oder Du schreibst: "dass das Joggen..."

Als ich nach Hause komme, liegt er im Bett, den Fuß hat er sich beim Joggen verstaucht, wie er sagt.


Hier würde ich auch wieder zwei Sätze aus einem machen. Vorschlag: "Als ich nach Hause komme, liegt er im Bett. Den Fuß hat er sich beim Joggen verstaucht, sagt er. "

Da sitzen ein paar Leute im Wartezimmer, eine Frau ist schwanger; Da müsste eine Reihe von Untersuchungen stattfinden, sagt er.


Hier hast Du kurz hintereinander die Sätze mit "da" angefangen. Das finde ich (nur meine Meinung!) nicht ganz so schön. Vorschlag: "Es sitzen ein paar Leute im Wartezimmer, eine Frau ist schwanger" und "Eine Reihe von Untersuchungen müssten durchgeführt werden, sagt er."

Fazit:
Es bleiben natürlich am Ende noch Fragen offen, die hoffentlich mit dem zweiten Teil gelöst werden. Du hast Deinen eigenen Schreibstil und das gefällt mir gut. Das ein oder andere Mal wirkt aber ein Satz mit vielen Kommas und sehr viel Inhalt etwas überladen und manchmal muss man dadurch einen Satz mehrmals lesen. Ansonsten finde ich den Perspektivenwechsel gelungen. So können Deine Protagonisten jeweils ihre Ansichten über das Geschehene wieder geben. Das zeigt, dass jeder Situationen auch anders wahrnimmt als der andere.

Deine Geschichte spricht eine Problematik an: wie verhält "Mann" sich, wenn er krank ist. Für Männer ist es teilweise immer noch schwierig, zuzugeben, dass sie mal nicht ganz so stark wie sonst sind. Vor allem, wenn sie sich das, wie hier, selber nicht erklären können (die Grippe scheint ja weniger schlimm für Rainer gewesen zu sein). Ich weiß, dass das nicht für alle Männer gilt, aber doch für viele.

Der erste Teil war gut und ich freue mich auf den zweiten Teil! :wink:

von Papillonk

Re: Fliegen 1/2

 
Also in dem Teil wo die frau nachhause kommt, musste ich direkt an meine eltern denken.
Alles was du da geschrieben hast kam mir bekannt vor :D

Die Geschichte lässt sich gut lesen ist flüssig geschrieben.

Ausser den Teil bei der Praxis mit den Kindern. Da wird mir nicht direkt klar wer das denkt, also bin bei dem teil verwirrt gewesen. Da hättest du vielleicht klarere aussagen finden können.

von Keyc

Re: Fliegen 1/2

 
Hallo Papillonk,

würde gerne wieder Deine Geschichte kommentieren, wenn das okay ist. Zuerst gehe ich mal auf ein paar Dinge ein, die mir ins Auge gefallen sind und zum Schluss gebe ich Dir mein Fazit (wie immer: alles, was ich schreibe ist nur meine persönliche Meinung!)


Selbstverstaendlich ist das okay, deswegen stelle ich meine Schreibversuche hier ein. Habe nahezu alle deine Vorschlaege uebernommen. Es ist schon erstaunlich, was man alles selber nicht merkt. (Betriebsblindheit?)

Das ein oder andere Mal wirkt aber ein Satz mit vielen Kommas und sehr viel Inhalt etwas überladen und manchmal muss man dadurch einen Satz mehrmals lesen.

- Ja, das sehe ich auch so.

Ich danke dir fuer deinen sehr konstruktiven Kommentar, freut mich, dass dir mein Schreibversuch gefallen hat.

Saludos

Pedro


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von Pedro

Re: Fliegen 1/2

 
Hallo Keyc,

freut mich, dass du dich einfuehlen konntest.

Ausser den Teil bei der Praxis mit den Kindern. Da wird mir nicht direkt klar wer das denkt, also bin bei dem teil verwirrt gewesen. Da hättest du vielleicht klarere aussagen finden können.

- Habe ich geaendert.

Danke fuer deinen Kommentar.

Saludos

Pedro

von Pedro