[Nachdenk]Flucht

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachdenk]Flucht

Beitragvon olli » 04.01.2014, 05:23

Eilig durchwühle ich die Schränke und Regale nach den Dingen die ich brauchen werde. Das ist es also, das Ende und der Anfang. Tabula Rasa. Jetzt wo ich den Entschluss gefasst habe, halte ich es kaum noch aus. Spüre die Ketten um mich deutlicher als je zuvor. Ich war blind, sediert durch all den Konsum. Ein funktionierendes Teil im System. Jeden Tag dasselbe, immer sparen für das nächste Auto, immer warten auf den nächsten Urlaub. Schule, Arbeit, Rente, Tod. Ich muss fliehen, hier ersticke ich.

Ein letzter Blick durch meine Wohnung. Auf den neuen Fernseher für den ich wochenlang sparte. Als ich ihn dann hatte war da kein Glück, nur Leere. Ich fühle nichts als Erleichterung als ich ihn einschlage.

Mein Blick bleibt an einem Bild hängen, sanft streiche ich darüber. Ich kann es nicht mitnehmen, entweder ganz oder gar nicht. Vier Jahre lang lebte ich hier mit ihr. Zwei Jahre lang starb ich hier ohne Sie. Ich werde Sie vergessen, wie auch Sie mich vergessen hat.

Ich verlasse die Zelle und trete ins Freie, bewaffnet mit meinem Rucksack.

Mein Herz schlägt wie wild.
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Re: Flucht

Beitragvon WcPc » 06.01.2014, 17:40

Hi

Als ich die Geschichte zum ersten mal sah dachte ich: Mit so wenig Text wird er kaum eine gute Geschichte erzählen können.
Ich habe dann trotzdem angefangen zu lesen und es hat sich gelohnt!

Ich weiss nicht, wie die Geschichte auf jemanden wirkt, der gerne in diesem (wie du es nennst) System lebt. Ich finde die Geschichte nämlich gerade deswegen so gut, weil ich am liebsten genau das tun würde, was in dieser Geschichte steht. Ich kann mich mit dem Protagonisten identifizieren, du sprichst mir aus der Seele!

Beim X-ten Mal durchlesen sind mir zwei kleine "Fehler" aufgefallen, beides Geschmackssache:

olli hat geschrieben:Das ist es also, das Ende und der Anfang.
Ich würde schreiben: "Da ist es also...".

olli hat geschrieben:Ein funktionierendes Teil im System.
"Der Teil des Systems" nicht "Das Teil des Systems", oder? Ich denke es geht beides, aber ersteres gefällt mir persönlich besser.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand so etwas schreiben kann, wenn er/sie dieses Gefühl des Eingesperrt-seins nicht schon erlebt hat bzw. gerade jetzt erlebt. Deshalb bin ich überzeugt, dass du entweder selber dieser Protagonist bist oder es gerne wärst. Wenn die Geschichte noch nicht Realität wurde, hier ein Ratschlag von jemandem, der auch genau an diesem Punkt steht: Wenn es irgendwie möglich ist, lass die Geschichte Realität werden! Ich kann dir nicht sagen, ob du danach glücklicher bist, oder ob das Gefühl des Eingesperrt-seins danach verschwindet, aber ich kann dir etwas sagen: Es verschwindet nicht, solange du dich nicht überwindest und aus dem System ausbrichst!

Gruss und viel Glück!
WcPc
Bin Schweizer, also sorry wenn ihr "ss/ß"-Fehler findet...
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Re: Flucht

Beitragvon Andalie » 11.01.2014, 20:45

Hallo Olli,

als ich gerade hier ein wenig durch das Forum gestöbert habe, bin ich auf deine Story gestoßen. Mir geht es ähnlich wie WcPc. Ich konnte mich gleich mit dem Prota identifizieren und wäre gern in die Rolle geschlüpft.
Dein Schreibstil macht es einfach, die Gefühle wahr zu nehmen.

olli hat geschrieben:Das ist es also, das Ende und der Anfang.

Auch für mich würde sich "Da ist es also" besser und flüssiger anhören.

olli hat geschrieben:Spüre die Ketten um mich deutlicher als je zuvor.

Sehr schön bildlich dargestellt.

olli hat geschrieben:Jeden Tag dasselbe, immer sparen für das nächste Auto, immer warten auf den nächsten Urlaub.

Mir gefällt, daß durch die Wiederholung die Routine und Langeweile klar gemacht wird.

olli hat geschrieben:Mein Herz schlägt wie wild.


Der kurze Satz und dadurch das schnelle Ende macht mich neugierig, ich wüsste gern, ob die Flucht für den Prota den gewünschten Effekt hatte.

Liebe Grüße
Andalie
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Re: Flucht

Beitragvon Erich » 28.06.2014, 22:33

Hallo Oli,

auch ich möchte dir gerne einen Kommentar zu deiner Geschichte schreiben, auch wenn dein Post schon etwas älter ist. :D

Die Geschichte erlaubt ja viel Raum zum Deuten, somit fange ich einfach an. Ich würde sagen, es geht um eine Person, die eine Beziehung hinter sich hat. Seine Freundin oder Frau hat ihn verlassen und nun will er sich auch von dem Rest der Gesellschaft und deren Normen lossagen, da sie ihn mittlerweile anwidern.

Über den Abschnitt bin ich kurz gestolpert:

Ich war blind, sediert durch all den Konsum. Ein funktionierendes Teil im System.


Für mich war das zuerst total widersprüchlich, weil ich mir natürlich gedacht habe, wie kann jemand der (Drogen?) konsumiert, ein funktionierender Teil im System sein.
Ich finde diese Aussage wirklich genial, denn ich denke, dass der Konsum von Gütern, den Menschen wirklich sediert. Wenn ich mir nur noch darüber Gedanken mache, welchen Fernseher ich mir kaufen könnte und muss, arbeite ich schön brav und hab den Kopf zu, um mir über anderes keine Gedanken zu machen. Das Kaufverhalten der Menschen hat wohl etwas von einer Volksdroge, mit der man die Menschen kontrollieren kann.

Ich verlasse die Zelle und trete ins Freie, bewaffnet mit meinem Rucksack.


Den Vergleich mit der Zelle, die das normale Dasein darstellt, finde ich auch sehr gelungen.
Tut mir leid, dass mein Kommentar so kurz ausfällt, aber deine Geschichte ist ja auch kurz. Anarchismus ist sicher etwas reizvolles, aber wenn man nicht als Einsiedler lebt, sprich sich wieder unter Menschen begibt, entsteht sofort ein neues System – ist immer so – und wenn man sich die Geschichte so anschaut, ist das momentane System eigentlich ganz okay … Wobei ich übrigens auch keinen Fernseher habe, nur zerschlagen konnte ich meinen leider nicht, bei dem Lärm hätten sich die Nachbarn aufgeregt … :)

LG :D
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Re: Flucht

Beitragvon DrJones » 29.06.2014, 15:02

Hallo olli,

"Kurz aber knackig" beschreibt in etwa Dein Werk. Es werden viele Frage nicht
beantwortet, die sich einem so stellen. Das ist durchaus passend.

Eilig durchwühle ich die Schränke und Regale nach Dingen die ich brauchen werde.


Der Protagonist ist in Eile. Ich würde hier eventuell Artikel weglassen:

Eilig durchwühle ich Schränke und Regale nach Dingen, die ich brauchen werde.

Das ist es also, das Ende und der Anfang.


Ein richtig guter Satz!! :D

Tabula Rasa. Jetzt wo ich den Entschluss endgültig gefasst habe, halte ich es kaum noch aus.



Spüre die Ketten um mich deutlicher als je zuvor. Ich war blind, sediert durch all den Konsum.


Das Wort "sediert" finde ich suboptimal. Es klingt zu medizinisch. Vielleicht besser: "geblendet", "eingelullt", "betäubt"?

Ein funktionierendes Teil im System. Jeden Tag dasselbe, immer sparen für das nächste Auto, immer warten auf den nächsten Urlaub. Schule, Arbeit, Rente, Tod. Ich muss fliehen, hier ersticke ich.


Ausgesprochen gut gelungen dieser Abschnitt! :lol: Würde vor Schule noch setzen: Das bisschen unbeschwerte Kindheit, dann Schule, Arbeit ...

Auf den neuen Fernseher für den ich wochenlang sparte.


"wochenlang" passt nicht 100%, da das Gehalt normalerweise monatlich kommt. Daher:

wochenlang --> monatelang

Mein Blick bleibt an einem Bild hängen, sanft streiche ich darüber.


Der Blick streift darüber? Falls das so ist, fände ich "sanft" relativ unpassend. Ich würde dem voranstellen:
Ich gehe zu den Fotos an der Wand. Mein Blick bleibt ...


Ich kann es nicht mitnehmen, entweder ganz oder gar nicht. Vier Jahre lang lebte ich hier mit ihr. Zwei Jahre lang starb ich hier ohne Sie. Ich werde Sie vergessen, wie auch Sie mich vergessen hat.


"Sie" kleinschreiben? Okay, da ist eine Frau, die ihn vor zwei Jahren verließ. Schöne Hintergrundgeschichte. :)

Ich verlasse die Zelle und trete ins Freie, bewaffnet mit meinem Rucksack.


Der Begriff "Zelle" verwirrt mich ein wenig. War er im Gefängnis? Natürlich nicht, klar! Ich verstehe
zwar den Bezug auf das Leben; er ist gefangen im Leben und entlässt sich nun selbst, aber irgendwie
ist das Zimmer ja nicht das ganze Sinnbild für die Zwänge des Lebens.
Vielleicht so?: Ich verlasse das winzige Zimmer und trete ins Freie, ...

"bewaffnet" finde ich auch etwas befremdlich. Es klingt auch so umgangssprachlich, etwas zu banal für
das, was er vorhat. Könntest Du so schreiben: ... ins Freie, auf dem Rücken mein Rucksack.


Mein Herz schlägt wie wild.


Guter Abschluss. :D

Ja, hat mir sehr gut gefallen! Danke dafür! :lol:
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Re: Flucht

Beitragvon curious » 01.01.2015, 16:40

Hallo Olli,

du brauchst nur wenige Worte, um viel zu sagen. Ich mag deinen Schreibstil. Obwohl ich mich durch mein Leben nicht eingeengt fühle und keine Fluchtgedanken habe, kann ich mich gut in den Protagonisten hineinversetzen.

Ich habe nur einige kleine Kritikpunkte und die sind Kritik auf hohem Niveau:

sediert durch all den Konsum.

All den Konsum hört sich meiner Meinung nach seltsam an. Ich würde nur "Konsum" schreiben.

Auf den neuen Fernseher für den ich wochenlang sparte. Als ich ihn dann hatte war da kein Glück, nur Leere. Ich fühle nichts als Erleichterung als ich ihn einschlage.


Die Formulierung: "der Fernseher, für den ich wochenlang sparte", stört mich. Da ist schon wieder das Wort "sparen". Ich hätte es eher in etwa so formuliert: "der neue Fernseher, der mir zu meinem vollkommenem Glück noch fehlte, den ich mir wochenlang sehnlich wünschte."
Statt "einschlagen" würde ich "zerschlagen" schreiben. Ich finde das klingt schöner.

Schön finde ich, die Todesthematik, die sich wie ein roter Faden durch deinen Text zieht, genauso wie das Gefühl des Gefangenseins.

Die wahrscheinlich in die Brüche gegangene Beziehung reißt du nur kurz an. Genial finde ich die Beschreibung "starb ich ohne sie". Du lässt noch genügend Freiraum für eigene Interpretationen und ich habe mich tatsächlich dabei ertappt, wie ich überlegt habe, was da genau vorgefallen sein könnte. ;)

Gelungen sind auch die kurzen Sätze. Daran merkt man, in welcher Hektik und Aufregung sich der Protagonist gerade befindet.

Soweit erstmal von mir ;)
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