[Tragik]Forfeit

Tragödien, Tragisches

[Tragik]Forfeit

Beitragvon Nadim22 » 19.03.2015, 16:34

Hey zusammen,

ich würd gern eure Meinung zu meinem Text hören. Hab ihn jetzt einfach mal unter "Trauriges" eingeordnet.
Dabei ist mir eines besonders wichtig: Ich möchte, dass ihr ehrlich seid und mir sagt, ob er echt ist und ihr etwas fühlt. Ich habe ihn als KG angelegt, könnte aber auch gut ein Prolog werden.

Ich danke jedem einzelnen Leser und Kommentatoren bereits vorab.

------------------------------------------

Forfeit –

Die Tage waren kürzer, als ich in Erinnerung hatte. Sie schienen noch endlos, als ich in ihr lag und sie mich liebte. Doch sie verschwand. Die meiste Zeit allein, abgetrennt, schrie ich vor mich hin, bis mir die Stimme den Rachen zerschnitt. Nichts ergab sich, nichts ergab Sinn, keine Chance. Die Welt war unscharf, gefaltet unter Milchglas, doppelt, dreifach, zu einfach, als dass es mich kümmerte.

Ich schlief viel und lang. Mit ihrer Abwesenheit verdoppelten sich die Stimmen, die mich abfüllten mit Doornkaat und Wild Turkey. Ich kletterte über Zäune, saß auf fremden Terrassen und warf das Glas nach vorbeifliegenden Wasserspeiern.

Der Himmel war gelb am Morgen und keiner bemerkte es. Ich lehnte am Holzbogen, dem, der im Garten des alten Mannes stand. In die obere Leiste war etwas eingraviert, ein Zitat von T. S. Eliot: „Jeder Tag ist ein neuer Anfang“. Bestimmt ist er das.
Das Gelb verfing sich in den Scherben um mich herum, ließ sie leuchten wie Gold, kalte Luft in meiner Lunge. Sie zogen die Vorhänge zurück, die Häuser öffneten die Augen, und eine Gruppe schwarzer Vögel stieg aus dem kahlen Geäst rechts von mir. Ein letztes Mal.

Ich wankte zurück in meine eigene, kleine Dekompressionskammer, lag im Bett, mein Körper unter vielfacher Schwerkraft. Mein Blick ging zum Weiß der Decke, das sich durch das Schwarz drückte. Es verschob sich in zwei Bilder. Ich konzentrierte mich darauf sie zusammenzufügen, doch konnte nicht. Es war anstrengend und machte müde. Trotzdem kein Schlaf.

Gedanken an die Blicke um mich herum, die gelöst waren in dem, was sie taten, die Pläne konkret und Ziele gefunden. Sie hatten keine Zeit mehr für Ausfälle oder Verständnis gegenüber denen, die nicht funktionierten. Getreu trippelten sie an der Longe, um das abgegriffene Zentrum ihrer Vorstellungskraft, und ich hatte den Kopf im Nacken. Doch sie gab mir nichts, die Stille, die mich abtrug. Ich war falsch.

Ich stieß mir die Nägel tief in die Handflächen und versuchte zu fühlen, doch fühlte nicht. Konnte nicht mehr lesen oder sehen, konnte nicht liegen, stand schlaflos und blutete meine Seele aufs Parkett. Nie wieder will ich so leer sein. Hier gibt es keinen Ort an den ich gehen kann, denn ich kenne nur den einen; mit derselben Komposition aus Möbeln und Bildern, denselben dumpfen Klängen und schnellen Partien. Das bringt mich um. Der Motorenlärm der Straße brachte mich um, die Termine, der Small Talk, die Höflichkeit, das Geläster, die Ausgrenzung, Abgrenzung, die Arroganz dieser Wichser in den Autos, die vorbeifuhren und über die lachten, die liefen.

Ich verstand mittlerweile, verstand die Verzweiflung der Herzen derer, die sich nachts heimlich mit Leitern auf Brückenbalustraden hievten, die mit dem Lauf an der Schläfe und der Liebe zum Abzug, die mit dem Hass auf alles, was da war und atmete. Wo waren die Freunde? Die, die nie fragten? Gottverdammt, ich war so bedeutungslos wie sie.

So schreie ich und schreie und endlich. Er hielt die Klinge an meinen Kehlkopf. Ich griff nach der Schneide, drückte sie fest in den Knorpel und drehte sie ruckartig vor und zurück bis sie tief genug saß, meine Stimmbänder zu kappen. Kein Rückzug. Kein Verhandeln.
Das muss es dann wohl gewesen sein. Ich falte keine Hände. Es gibt nichts mehr. Hat nicht lang gehalten, aber dennoch.

Am nächsten Morgen schien der Himmel besonders blau. Keine Wolke an dem Platz, der mir am liebsten war. Häufig lag ich hier, auf dem Rot, auf dem Rücken, und hielt meinen Kopf über die Kante. Der Moment, in dem alles zurücktrat. Die Brücke, die mir im Sommer so viel gab, weit entfernt von den Lichtern der Stadt, die die Sterne schluckten.

Ich brauchte keine Leiter. Es war hell, doch kein Passant nahm Notiz von mir. Ich war nicht echt für sie und sie nicht echt für mich.

Je höher man kam, desto stärker schnitt der Wind in die Haut. Ich spürte den Puls an der Schläfe, wie er sich in meinen Schädel hämmerte mit immer stärkeren Hieben.

Hörsturz. Schwindel. Alles ist still.

Ich atme ein und nichts war je wirklicher als das. Meine Lider sind geschwollen und ich rieche das Gras und den Regen vom Vortag.

Die Luft war warm, als ich in ihr lag, die Augen geschlossen.

Nur sie war die, die mich hörte, das einzig echte.

Mein einziges.

Ende.
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Re: Forfeit

Beitragvon Sasskia » 19.03.2015, 17:52

Hallo Nadim22!

Interessanter Text, meiner ehrlichen Meinung nach.
Ich möchte ihn ein wenig gliedern, um dir meine Empfindungen besser darstellen zu können.

Die Tage waren kürzer, als ich in Erinnerung hatte.


Da möchte ich gern ein "sie" einfügen. Als ich sie in Erinnerung hatte.

Nichts ergab sich, nichts ergab Sinn, keine Chance.


Das "keine Chance" stört mich ein wenig. Vielleicht als eigener Kurzsatz?

Nichts ergab sich, nichts ergab Sinn. Keine Chance.
Nichts ergab sich. Nichts ergab Sinn. Keine Chance.

Hm :thinking:

Die Welt war unscharf, gefaltet unter Milchglas, doppelt, dreifach, zu einfach, als dass es mich kümmerte.


Der Satz ist mir definitiv zu lang und deshalb verwirrend.
Mein Vorschlag:

Die Welt war unscharf, gefaltet unter Milchglas. Doppelt. Dreifach. Zu einfach, als dass es mich kümmerte.

Mit ihrer Abwesenheit verdoppelten sich die Stimmen ...


Durch ihre Anwesenheit? "Mit" versteh ich in diesem Zusammenhang nicht.

Gedanken an die Blicke um mich herum, die gelöst waren in dem, was sie taten, die Pläne konkret und Ziele gefunden. Sie hatten keine Zeit mehr für Ausfälle oder Verständnis gegenüber denen, die nicht funktionierten. Getreu trippelten sie an der Longe, um das abgegriffene Zentrum ihrer Vorstellungskraft, und ich hatte den Kopf im Nacken. Doch sie gab mir nichts, die Stille, die mich abtrug. Ich war falsch.


Bei diesem Absatz steig ich komplett aus.
Ich finde keinen Zusammenhang, keinen Sinn, keine Emotion ... nur Worte, aneinandergereiht.
Mit ganz viel, also unglaublich viel Fantasie könnte ich mir vorstellen, du redest von Menschen, die funktionieren. Die im täglichen Rad ihre Runden drehen und eigentlich nichts mehr fühlen. Alltagstrott mit Unverständnis allen Depressiven gegenüber.
Aber mit sehr viel Fantasie. :|

Ich stieß mir die Nägel tief in die Handflächen und versuchte zu fühlen, doch fühlte nicht.


Jaaaaaa :love: Supergrandioser Satz. Das ist Emotion pur!

Konnte nicht mehr lesen oder sehen, konnte nicht liegen, stand schlaflos und blutete meine Seele aufs Parkett.


Dieser Satz ist auch wunderschön, nur zu lang.

Konnte nicht mehr lesen oder Sehen. Konnte nicht liegen. Stand schlaflos und blutete meine Seele aufs Parkett.

Das macht für mich den Schmerz deutlicher. Wie unterträglich das Leben geworden ist.

Hier gibt es keinen Ort an den ich gehen kann, denn ich kenne nur den einen; mit derselben Komposition aus Möbeln und Bildern, denselben dumpfen Klängen und schnellen Partien


In diesem Satz fehlt auf jeden Fall ein Komma.
Hier gibt es keinen Ort, ...

"an den ich gehen kann" ... diesen Ausdruck kenne ich nicht. "zu dem ich gehen kann." Das ist mir geläufig.

Was meinst du mit "schnellen Partien"?

Der Motorenlärm der Straße brachte mich um, die Termine, der Small Talk, die Höflichkeit, das Geläster, die Ausgrenzung, Abgrenzung, die Arroganz dieser Wichser in den Autos, die vorbeifuhren und über die lachten, die liefen.


Schön das Tempo gesteigert, doch insgesamt zu lang geworden.

Der Motorenlärm der Straße brachte mich um, die Termine, der Small Talk, die Höflichkeit und das Geläster. Die Ausgrenzung, Abgrenzung, die Arroganz dieser Wicher in den Autos, die vorbeifuhren. Die über diejenigen lachten, die laufen mussten.

Ich würde nach "Geläster" einen neuen Satz beginnen, weil es mit den Worten gut passt. Ausgrenzung, Abgrenzung, Arroganz ... du verstehst, was ich meine?

Das Satzende hab ich ein wenig "modelliert", weil ich den Satz mindestens dreimal lesen musste, ehe ich ihn verstanden hab :XD:

Ich verstand mittlerweile, verstand die Verzweiflung der Herzen derer, die sich nachts heimlich mit Leitern auf Brückenbalustraden hievten, die mit dem Lauf an der Schläfe und der Liebe zum Abzug, die mit dem Hass auf alles, was da war und atmete.


Wundervoller Satz, aber definitiv zu lang. Dadurch verliert er, meiner Meinung nach.

Ich verstand mittlerweile. Ich verstand die Verzweiflung der Herzen derer, die sich nachts heimlich mit Leitern auf Brückenbalustraden hievten. Die mit dem Lauf an der Schläfe und der Liebe zum Abzug. Die mit dem Hass auf alles, was da war und atmete.

So schreie ich und schreie und endlich. Er hielt die Klinge an meinen Kehlkopf. Ich griff nach der Schneide, drückte sie fest in den Knorpel und drehte sie ruckartig vor und zurück bis sie tief genug saß, meine Stimmbänder zu kappen. Kein Rückzug. Kein Verhandeln.
Das muss es dann wohl gewesen sein. Ich falte keine Hände. Es gibt nichts mehr. Hat nicht lang gehalten, aber dennoch.


Ich steig aus.
Hä?
Meine Fantasie verlässt mich völlig.
Was willst du mir damit sagen?

Auch im nächsten Absatz finde ich mich nicht zurecht.

Keine Wolke an dem Platz, der mir am liebsten war. Häufig lag ich hier, auf dem Rot, auf dem Rücken, und hielt meinen Kopf über die Kante.


Die Wolke auf dem Platz? Über dem Platz? Auf welchem Rot? Über welche Kante?
Meinst du die Brücke? :roll:

Dafür gefällt mir das Ende sehr gut. Also nicht, dass du dich hinabstürzt, sondern wie du es schilderst.

Fazit:

Anspruchsvoller Text, zumindest für mich, der mir deshalb besonders gut gefallen hat.
Ich hoffe, du nimmst mir meine "Änderungswünsche" nicht übel, sondern kannst meine Gedankengänge nachvollziehen.
Vielleicht gefallen sie dir ja sogar. :dasheye:

Liebe Grüße aus Wien

Sasskia :girl:
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Re: Forfeit

Beitragvon IPatricia » 19.03.2015, 19:44

Die Stimmung wird sehr gut rübergebracht und das Sprachliche ist sehr gut, dennoch ist mir etwas aufgefallen. Ich möchte jetzt nicht jede Stelle zitieren, dann müsste ich es nochmals suchen. Aber du wirst sicher wissen, was ich meine.
An einigen Stellen wechselst du für nur einen Satz oder zwei den Tempus. Du solltest in einer Geschichte aber die Zeit, in der du schreibst, immer beibehalten. Das heißt, wenn du wie bei dir im Präteritum schreibst, darfst du nicht einfach so ins Präsens verfallen. Zumindest kenne ich es nicht so.

Mein Lösungsvorschlag daher für die Stellen:
Entweder, du änderst sie um in Vergangenheitsform, oder aber du schreibst diesen Satz kursiv, quasi als "direkter Gedanke". Dann wäre das Problem recht elegant umgangen.

Ich atme ein und nichts war je wirklicher als das.


Das ist so ein Satz, den ich meine. Hier ist es noch einmal eine andere Nummer, weil du in einem Satz zwei verschiedene Zeitformen verwendest. Das geht glaube ich so nicht.
Richtig würde es dann heißen: "Ich atmete ein und nichts war je wirklicher als das."
Achte auf solche Stellen, die stören den Lesefluss und sind etwas verwirrend.

Ich habe jetzt doch noch eine Stelle herausgegriffen, in der ich dir stilistisch näherbringen will, wie man es auch schreiben kann.

Der Himmel war gelb am Morgen und keiner bemerkte es. Ich lehnte am Holzbogen, dem, der im Garten des alten Mannes stand. In die obere Leiste war etwas eingraviert, ein Zitat von T. S. Eliot: „Jeder Tag ist ein neuer Anfang“. Bestimmt ist er das.
Das Gelb verfing sich in den Scherben um mich herum, ließ sie leuchten wie Gold, kalte Luft in meiner Lunge. Sie zogen die Vorhänge zurück, die Häuser öffneten die Augen, und eine Gruppe schwarzer Vögel stieg aus dem kahlen Geäst rechts von mir. Ein letztes Mal.


Und so würde ich es machen (Achtung, kleine Änderungen habe ich noch vorgenommen):

Der Himmel erschien gelb am Morgen, doch niemand bemerkte es. Ich lehnte am Holzbogen, jenem, der sich im Garten des alten Mannes befand. In die obere Leiste war etwas eingraviert. Ein Zitat von T. S. Eliot: "Jeder Tag ist ein neuer Anfang." Bestimmt ist er das.
Das Gelb verfing sich in den Scherben um mich herum, ließ sie golden leuchten. Kalte Luft füllte meine Lunge. Sie zogen die Vorhänge zurück, die Häuser öffneten mir die Augen. Eine Gruppe schwarzer Vögel stieg aus dem kahlen Geäst zu meiner Rechten hervor. Ein letztes Mal.

Das wäre in etwa meine Überlegung. Mir gefällt es ansonsten sehr gut. Du bedienst dich so wie ich das sehe dem Stream of Consciousness, was finde ich zu dieser Stimmung passt. Natürlich ist es dadurch auch schwierig, zu verstehen, worum es genau geht, aber vielleicht soll das auch genauso sein. Zumindest habe ich verstanden, dass die Figur recht verzweifelt und auch resignierend wirkt, und ich denke, das ist eine der Hauptaussagen, oder?

Wie gesagt, ich hätte nur Kleinigkeiten als Anmerkung, und die wären eher formulierungstechnisch, aber ich weiß, dass jeder Schreiberling da seinen eigenen Stil hat, deshalb würde ich es genauso lassen, wie es ist. Nur in dieser einen Szene habe ich das etwas umgesetzt. Wie gesagt, das Einzige, das ich als störend und unpassend empfand, der häufige Zeitenwechsel. Falls das deine Absicht war, und das Bestandteil des Textes ist, dann habe ich das leider falsch interpretiert. Aber normalerweise sollte man das eher nicht machen, weil es verwirrt.

Ich hoffe, ich konnte dir damit ein bisschen weiterhelfen. :)
Ansonsten aber gute Arbeit! :)
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Re: Forfeit

Beitragvon KleineLady1981 » 20.03.2015, 09:43

Hallo Nadim22.

Mich hatte der Titel deines Werkes angesprochen. Deshalb hab ich mal reingeschaut und möchte dir auch einen Kommentar da lassen.
Wie gesagt, der Titel hat mich angesprochen, ich muss aber zugeben, dass ich nicht weiß, was er bedeutet. Magst du mich erleuchten?
Nun zum Text. Der erste Satz reißt mich zwar nicht gleich vom Stuhl, aber er reicht, damit ich weiterlesen möchte. Er bringt mich in eine eher niedergeschlagene Stimmung. Wie der einsame Cowboy der auf seinem Pferd durch die Steppe schleicht und über sein Leben sinniert.

Sie schienen noch endlos, als ich in ihr lag und sie mich liebte.


Das „lag“ find ich etwas...unpassend. Das vermittelt mir ein eher unschönes Bild, auf das ich jetzt nicht näher eingehen möchte. Vielleicht besser: „Sie schienen noch endlos, als ich in ihr war und sie mich liebte.“ Wenn ich so darüber nachdenke kann man das auch auf zwei Weisen interpretieren, wobei durch den Kontext annehme, dass es sich bei „Sie“ um eine Verflossene, eine Geliebte handelt.

[...], bis mir die Stimme den Rachen zerschnitt.


Gefällt mir gut, starkes Bild.

Nichts ergab sich, nichts ergab Sinn, keine Chance. Die Welt war unscharf, gefaltet unter Milchglas, doppelt, dreifach, zu einfach, als dass es mich kümmerte.


Du streust sehr gerne mit Kommas herum ^^ Stellenweise würden Punkte den Lesefluss etwas besser leiten:

„Nichts ergab sich. Nichts ergab Sinn. Die Welt war unscharf, gefaltet unter Milchglas. Doppelt. Dreifach. Zu einfach, als dass es mich kümmerte.“
Die Chance habe ich absichtlich weggelassen, die erscheint mir überflüssig und transportiert auch keinerlei Emotion. Ab „gefaltet“ gefällt mir der Satz (also das ganze bis „kümmerte“) sehr gut. Es hat Klang, gerade die Steigerung von doppelt zu dreifach und dann der Abfall zu einfach fühlt sich irgendwie richtig an.

Ich schlief viel und lang.


Viel und lang ist doppelt gemoppelt. Du kannst nicht viel aber kurz schlafen und auch nicht lang aber wenig. Eins würd ich streichen.

Mit ihrer Abwesenheit verdoppelten sich die Stimmen, die mich abfüllten mit Doornkaat und Wild Turkey. Ich kletterte über Zäune, saß auf fremden Terrassen und warf das Glas nach vorbeifliegenden Wasserspeiern.


Über den Wasserspeier bin ich gestolpert, aber beim zweiten Lesen macht er Sinn. Den ersten Satz find ich sehr gelungen. Als sie noch da war, war alles noch in Ordnung, die Stimmen in ihm waren ruhig oder leise. Doch jetzt wo sie fort ist, gießen sie ihm einen Drink nach dem anderen ein (so kommt es bei mir jedenfalls an). „...das Glas...“ stockt ein wenig, weil du alles andere in dem Satz in der Mehrzahl geschrieben hast. Dadurch ergibt sich ein Rhythmus, den du mit der Einzahl unterbrichst. „Gläser“ würde aber nicht passen. Flaschen vielleicht?

Ich lehnte am Holzbogen, dem, der im Garten des alten Mannes stand.


Holpriger Satzbau. Besser: „Ich lehnte an dem Holzbogen, der im Garten des alten Mannes stand.“

In die obere Leiste war etwas eingraviert, ein Zitat von T. S. Eliot: „Jeder Tag ist ein neuer Anfang“. Bestimmt ist er das.


Über die Leiste stolpere ich etwas. Leisten sind für mich irgendwie immer gerade, das passt nicht zum Holzbogen. Vielleicht „Am oberen Rand war etwas eingraviert, ...“
Im letzten Satz ist ein Zeitfehler. Entweder als Gedanken kursiv setzen oder die Zeit korrigieren.

Das Gelb verfing sich in den Scherben um mich herum, ließ sie leuchten wie Gold, kalte Luft in meiner Lunge.


Das leuchtende Gold klingt zu positiv für die eher deprimierte Gesamtstimmung. Es wirkt wie ein Hoffnungsschimmer. Ich weiß nicht, ob das gewollt ist. Nach „Gold“ würde ich einen Punkt setzen. Und im nächsten Satz fehlt mir ein Verb. Das würde sich aber nach dem richten, ob das Gold wirklich eher positiv gemeint war oder nicht. Dementsprechend ist das Verb zu wählen.

Sie zogen die Vorhänge zurück, die Häuser öffneten die Augen, und eine Gruppe schwarzer Vögel stieg aus dem kahlen Geäst rechts von mir. Ein letztes Mal.


Der Satz ist sehr lang, aber ich würde die Kommas dennoch so lassen. Den Satz aber kürzen. Vielleicht
„Vorhänge wurden zurückgezogen, Häuser öffneten ihre Augen, und schwarze Vögel stiegen...“
Oder
„Vorhänge zogen sich zurück, Häuser öffneten ihre Augen, und schwarze Vögel stiegen...“

Ich wankte zurück in meine eigene, kleine Dekompressionskammer, lag im Bett, mein Körper unter vielfacher Schwerkraft. Mein Blick ging zum Weiß der Decke, das sich durch das Schwarz drückte. Es verschob sich in zwei Bilder. Ich konzentrierte mich darauf sie zusammenzufügen, doch konnte nicht. Es war anstrengend und machte müde. Trotzdem kein Schlaf.


Hinter „Dekompressionskammer“ würd ich einen Punkt setzen. Im letzten Halbsatz würde ich ein Verb einfügen. „[...], mein Körper unter vielfacher Schwerkraft ins Laken gepresst.“ Oder so.
Welches Schwarz ist gemeint? Da kann ich nicht ganz folgen.

Gedanken an die Blicke um mich herum, die gelöst waren in dem, was sie taten, die Pläne konkret und Ziele gefunden. Sie hatten keine Zeit mehr für Ausfälle oder Verständnis gegenüber denen, die nicht funktionierten. Getreu trippelten sie an der Longe, um das abgegriffene Zentrum ihrer Vorstellungskraft, und ich hatte den Kopf im Nacken. Doch sie gab mir nichts, die Stille, die mich abtrug. Ich war falsch.


Der letzte Halbsatz zum Anfang scheint mir überflüssig. Kann meiner Meinung nach gestrichen werden. Mich verwirrt er nur und sagt nichts aus. Das Komma hinter „Longe“ muss weg, es hindert den Sinn des Satzes. Der Kopf im Nacken irritiert mich, da kann ich nicht folgen. Alles in allem aber ein guter Absatz. Die schafköpfige Menge, die einen tagtäglich umgibt und jeden misstrauisch oder herablassend beäugt, der nicht dem Weg folgt, der anders ist. Vermittelt ein deutliches Gefühl, mit dem auch ich mich lange Zeit auseinander gesetzt habe.

Ich stieß mir die Nägel tief in die Handflächen und versuchte zu fühlen, doch fühlte nicht.


Den letzten Halbsatz würde ich ändern: „..., doch da war nichts.“
Oder so. Zweimal „fühlte“ so kurz hintereinander ist unfein.

Konnte nicht mehr lesen oder sehen, konnte nicht liegen, stand schlaflos und blutete meine Seele aufs Parkett.


Bis auf das "lesen" ein toller Satz, vor allem der letzte Teil. Sehr schöne Metapher.

Nie wieder will ich so leer sein. Hier gibt es keinen Ort an den ich gehen kann, denn ich kenne nur den einen; mit derselben Komposition aus Möbeln und Bildern, denselben dumpfen Klängen und schnellen Partien. Das bringt mich um. Der Motorenlärm der Straße brachte mich um, die Termine, der Small Talk, die Höflichkeit, das Geläster, die Ausgrenzung, Abgrenzung, die Arroganz dieser Wichser in den Autos, die vorbeifuhren und über die lachten, die liefen.


Man merkt, dass das Ich in dem Text hier eine Entscheidung fällt. Es will nie wieder so leer sein. Doch hier gibt es nichts, was diesen Zustand ändern könnte. Es scheint nur ein Weg zu bleiben. Gutes Tempo, aber ich würde trotzdem die Satzzeichen etwas umstellen:

Nie wieder will ich so leer sein. Hier gibt es keinen Ort, an den ich gehen kann, denn ich kenne nur den einen. Mit derselben Komposition aus Möbeln und Bildern. Denselben dumpfen Klängen und schnellen Partien (was du mit Partien meinst, versteh ich nicht so ganz). Das bringt mich um. Der Motorenlärm auf der Straße. Die Termine, der Smalltalk. Die Höflichkeit, das Geläster. Die Ausgrenzung (Ausgrenzung und Abgrenzung sind doppelt gemoppelt). Die Arroganz dieser Wichser in den Autos...“
Wobei ich das Wort Wichser zu hart finde im Vergleich zum restlichen Text.

Ich verstand mittlerweile, verstand die Verzweiflung der Herzen derer, die sich nachts heimlich mit Leitern auf Brückenbalustraden hievten, die mit dem Lauf an der Schläfe und der Liebe zum Abzug, die mit dem Hass auf alles, was da war und atmete. Wo waren die Freunde? Die, die nie fragten? Gottverdammt, ich war so bedeutungslos wie sie.


Zu viele Kommas. Die Wiederholung im ersten Satz würde ich streichen, sie verwirrt. „Leiter, Brückenbalustrade, hieven“ find ich unglücklich gewählt. Sie blähen den Satz unnötig auf. Simpler scheint mir hier besser. Vorschlag:

„Ich verstand mittlerweile die Verzweiflung der Herzen derer, die sich nachts heimlich auf Autobahnbrücken stahlen. Die mit dem Lauf an der Schläfe und der Liebe zum Abzug (sehr schöner Satz übrigens). Die mit dem hass auf alles, was war und atmete.“

So schreie ich und schreie und endlich. Er hielt die Klinge an meinen Kehlkopf. Ich griff nach der Schneide, drückte sie fest in den Knorpel und drehte sie ruckartig vor und zurück bis sie tief genug saß, meine Stimmbänder zu kappen. Kein Rückzug. Kein Verhandeln.
Das muss es dann wohl gewesen sein. Ich falte keine Hände. Es gibt nichts mehr. Hat nicht lang gehalten, aber dennoch.


Ein schöner Absatz, vom emotionalen Standpunkt aus gesehen. Entschlossen und endgültig. Gefällt mir.
Aber, wer ist „er“? Der kommt etwas plötzlich daher. Den ersten Satz würde ich noch mal aufbrechen:
„So schreie ich. Und schreie. Und endlich.“ So kommt die Dauer etwas besser rüber. Allerdings ist es die falsche Zeit. Du schreibst ja überwiegend in der Vergangenheit. Es müsste also heißen „So schrie ich. Und schrie. Und endlich.“
Hier: „...drehte sie ruckartig vor und zurück, ...“ kann ich mir nicht vorstellen, wie das abläuft. Entweder schiebt er die Klinge oder er dreht sie. Aber so find ich es was schwer vorstellbar.

Am nächsten Morgen schien der Himmel besonders blau. Keine Wolke an dem Platz, der mir am liebsten war.


„Schien“ ist gemeint im Sinne von Scheinen, wie Sonnenschein? Dann passt es nicht richtig. Der Himmel scheint nicht.
Auch find ich den Schnitt etwas hart. Oben bekommt er die Kehle durchgeschnitten und hier lebt er plötzlich wieder? Oder liegt er im Sterben? Wenn ja, dann kommt das nicht so ganz rüber.

Häufig lag ich hier, auf dem Rot, auf dem Rücken, und hielt meinen Kopf über die Kante. Der Moment, in dem alles zurücktrat. Die Brücke, die mir im Sommer so viel gab, weit entfernt von den Lichtern der Stadt, die die Sterne schluckten.


Was ist mit Rot gemeint? Ich hatte kurz gedacht, das Blut, das aus seiner Kehle geflossen ist. Aber da kann er ja nicht häufig drin gelegen haben.
Welche Kante? Vielleicht stellst du sie Reihenfolge der Sätze etwas um. Den mit der Brücke als erstes, dann das Rot, dann der Moment.

Ich brauchte keine Leiter. Es war hell, doch kein Passant nahm Notiz von mir. Ich war nicht echt für sie und sie nicht echt für mich.


Mir scheint, das Ich steht jetzt auf der Brücke, um sich runter zu stürzen. Aber warum? Oben wurde doch die Kehle durchtrennt. Ist er nicht schon tot? Oder will er das, was nach dem Tod von ihm übrig ist, auch noch umbringen?

Je höher man kam, desto stärker schnitt der Wind in die Haut. Ich spürte den Puls an der Schläfe, wie er sich in meinen Schädel hämmerte mit immer stärkeren Hieben.

Hörsturz. Schwindel. Alles ist still.


Falsche Zeit: Alles war still.

Ich atme ein und nichts war je wirklicher als das. Meine Lider sind geschwollen und ich rieche das Gras und den Regen vom Vortag.


Falsche Zeit: Ich atmete ein und nichts war je wirklicher als das. Meine Lider waren geschwollen und ich roch das Gras und den Regen vom Vortag.

Die Luft war warm, als ich in ihr lag, die Augen geschlossen.

Nur sie war die, die mich hörte, das einzig echte.


Den find ich was holprig. Vielleicht
„Sie war die eine, die mich hörte. Das einzig echte.“

Mein einziges.

Ende.


Das letzte Wort, „Ende“ würde ich streichen. Der Satz davor ist als Abschluss sehr passend und hinterlässt auch dieses Gefühl der Endgültigkeit, des Abschlusses. Das Wort Ende zerstört die Stimmung nur.

Ich konnte dem Text soweit folgen, bis zu dem Punkt, da der Himmel wieder blau war. Denn für mich war das Ich gerade gestorben. Deshalb kann ich dem Rest zwar Emotionen zuordnen, aber sie erscheinen mir wirr und unstet. Alles in allem kann ich einen schönen Spannungsbogen erkennen. Vom Anbeginn, wo sie fort ist, und seine Welt nicht mehr die gleiche ist, über den Alkohol, zum „Ärger“ über die Gesellschaft, die Schafe bis hin zum Selbstmord.
Der Text transportiert eine niedergeschlagene Grundstimmung. Wobei ich denke, dass man kurz vor dem Tod, vor dem Selbstmord es etwas mehr steigern sollte. Entweder deutlicher machen, wenn er betrunken ist oder den Schmerz und die Verzweiflung mehr herausstreichen.

Alles in allem ein guter Text, anspruchsvoll möchte ich meinen. Bedenke, die Kritik geht nicht gegen dich, sondern bezieht sich nur auf dein Werk. Nimm, was du für sinnvoll hältst, den Rest lass liegen. Räum ich dann später weg.

Federgruß
Kady
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Re: Forfeit

Beitragvon Nadim22 » 29.03.2015, 18:21

Hallo an euch drei Kommentatoren,

ich danke erstmal für eure Zeit und Mühe. Es ist keine Selbstverständlichkeit einen Text in diesem Maße zu bearbeiten. Deshalb denk ich, der Dank ist mehr als angebracht. Ich habe meinen Text nochmals vollständig aufgearbeitet und vieles von euren Ratschlägen (wahrscheinlich um die 90%) integriert.

@Sasskia:
Der Text war an den von Dir angegebenen Stellen tatsächlich etwas zu abstrakt. Mein Schreiben basierte hier vor allem auf Assoziation, was es schwer machte einer Leitlinie zu folgen. Des Weiteren ist es eine unglaublich subjektive Art mit etwas umzugehen, daher oftmals schwer für jemanden, abseits des Schreibprozesses, nachzuvollziehen. Liebe Grüße zurück nach Wien! :)

@IPatricia:
Das mit dem Zeitwechsel war mitunter bei der Überarbeitung (also bevor ich mich dazu entschloss ihn zu posten) eines meiner Hauptprobleme. Deine Lösung, also den "direkten Gedanken" kursiv hervorzuheben, hat mir sehr geholfen. Die Nachteile des Stream of Consciousness sind leider gerade diese Dinge, wie, dass man zu sehr im Moment ist und dabei nur allzu schnell vergisst, was man überhaupt wie zuvörderst erreichen wollte. Ich bin Dir ebenfalls sehr dankbar für Deine Hilfe!

@KleineLady1981:
Zu Deiner Frage nach dem Titel: "Forfeit" hab ich mir aus dem Englischen geborgt. Es bedeutet: "verwirkt", oder auch "etw. einbüßen".

Ich neigte früher lustigerweise übermäßig zur Interpunktion. Das hat sich geändert, nachdem ich Koeppen für mich entdeckte. Die Kommata passen, wie ich finde, von der sprachlichen Hektik ab und an einfach besser als abschließende Satzzeichen. Jedoch scheint mir Deine Variation einiger meiner Passagen sogar noch näher an dem, was ich zu bewirken suchte :)

Das "schien" kommt hier von "scheinen" iSv "den Anschein haben, dass...".

Dein "Oder will er das, was nach dem Tod von ihm übrig ist, auch noch umbringen?" ist eine Idee, die so ziemlich das trifft, was ich mir dachte. So klar formulieren wie Du, konnt ich sie jedoch nicht. Deshalb hab ich das Ende anhand Deines zu Anfang erwähnten Satzes nochmal konkretisiert. Die originäre Grundidee war, dass das Messer, was er vorher spürt, die "einschneidende" Entscheidung symbolisieren sollte, mit dem "Schreien" aufzuhören und endlich reinen Tisch zu machen. D. h. zu dem Zeitpunkt ist er de facto noch physisch unversehrt, nur mental schließt er bereits ab. Letzteres führt dann zu seinem tatsächlichen Selbstmord. Die Idee, dass er sich umbringt und letztlich - noch immer da - seinen Rest an Seele ebenso umzubringen versucht, find ich jedoch super spannend. Danke, dass Du mich darauf gebracht hast ;)

Ich habe das letzte Wort ("Ende") - Deinem Rat folgend - gestrichen, wodurch der Klang tatsächlich offener und passender wird...so als fehle etwas...ein Echo vielleicht?! Das ist ein stilistisch toller Gegensatz zur Hektik der Assoziationsketten, die den übrigen Teil ausmachen. Danke Dir!

Abschließend: Vielen lieben Dank an alle auch dafür, dass ihr ehrlich wart. Das bedeutet mir viel.

Beste Grüße

Nadim

P. S. Falls ihr den Text in seiner jetzigen Ausprägung nochmal lesen wollt, dann schreibt mir einfach eine PN. Er ist derart verändert, dass ich theoretisch einen vollkommen neuen Beitrag initiieren müsste. Das scheint mir jedoch überflüssig.
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