Frau M. kennt die Geschichte vom Froschkönig nicht...

Liebe, Hoffnung, Romantik

Frau M. kennt die Geschichte vom Froschkönig nicht...

 

Gestern Vormittag habe ich Frau M. in ihrem Heim in Freiburg-Herdern besucht. Sie ist Französin und spricht ein wunderbares deutsch. Sie hat trotz ihrer Erkrankung ihr sanftes Wesen bewahrt. Ihre Augen strahlen sanft. Ich besuche Frau M. jeden Freitag. Normalerweise gehe ich mit ihr eine Stunde spazieren. Doch gestern war das Wetter nicht danach.

Auf dem Weihnachtsmarkt hatte ich Magenbrot gekauft. In der Pflegestation bat ich um eine Kerze und Streichhölzer. Ich war aufgeregt, nicht des Besuches bei Frau M. wegen. Das war nicht der Grund. Ich zündete die Kerze an, klopfte an ihrer Tür, wartete einen Augenblick, und betrat dann das Zimmer.
"Bonjour Madame."
"Bonjour Monsieur Friedrisch."
"Comment allez-vous, Madame?"
"Très bien, Monsieur!"
"Pardon Madame, me jö nö parl pa francais tres bien."
"Herr Friedrisch, Sie spreschen wunderbar französisch, wenn auch ein bisschen wenig."
Wir lachten und ich übergab ihr mein mitgebrachtes Geschenk.

Sie öffnete die Papiertüte mit dem Magenbrot und warf einen ersten Blick hinein.
"Was ist das?"
"Das ist Magenbrot. Eine Art Lebkuchen. Kennen Sie Lebkuchen?"
"Ja natürlisch, Lebkuchen kenne isch. Als isch früher bei der marrokanischen Botschaft in Bonn arbeitete, bekamen wir an Weihnachten von unserem Hausherrn immer eine Blechdose gefüllt mit Lebkuchen geschenkt.
„Die Tüte hat mir der Weihnachtsmann am Rathausplatz für sie zugesteckt.“
„Ist das wahr?“. In ihrem Gesicht stand ein Fragezeichen geschrieben.
„Sie können mir ruhig glauben. Ich war vorhin etwas spät dran und lief, von der Merianstraße kommend, am Rathaus vorbei, als ich aus der Rathausgasse ein Rauschen hörte und zurückschreckte. Direkt vor mir hielt ein großer Holzschlitten, gezogen von zwei Rentieren. Ich erschrak. Hinten auf dem Schlitten saß er – der Weihnachtsmann. ´Junger Mann´ , rief er, ´nicht so eilig. Frau M. freut sich auch, wenn sie etwas später bei ihr sind.´ Ich war verdutzt, brachte aber kein Wort heraus. ´Hier, nimm das mit. Das ist ein kleines Geschenk für sie.´ Er holte diese Papiertüte aus einem großen Leinensack, der vor ihm auf dem Schlitten stand und gab sie mir. Kein weiteres Wort. Die Rentiere zogen kräftig an und der Schlitten glitt in Richtung Kaiser-Joseph-Straße davon. Er schien davon zu fliegen.“
Frau M. blickte mich entgeistert an. „Ist das wahr? Sie wollen mir doch einen Bärschen aufbinden.“
Wir lachten. Dann wandte sich Frau M. der Tüte zu und zog die eingefalteten Ränder hervor. Sie nahm mit spitzen Fingern ein Brötchen, offenbar noch in Gedanken an den Weihnachtsmann. Sie kostete.

Kauend und mit fast geschlossenem Mund, um zu verhindern, dass ihr ein wertvoller Krümel herausfiel, sagte sie: „Fein.“
„Lebkuchen gab es bei uns früher immer, wenn wir mit den Eltern auf die Messe gingen,“ setzte ich das Gespräch fort." Ich mochte weder Achterbahn noch Riesenrad fahren – aber Magenbrot, das liebte ich.“
„Ich mag es... Ich liebe es jetzt auch.“ Es trat eine Pause ein, in der sie mir ein Brötchen anbot und selbst ein zweites nahm.
In Gedanken war ich die ganze Zeit woanders gewesen, als ich mich auf meinem Stuhl zu ihr nach vorne beugte und wie ein Geheimnis ausplaudernd ihr zuflüsterte:
„Frau M., da wir schon über die Liebe sprechen…“
„Wir spreschen nischt über die Liebe, wir spreschen über Lebkuchen“, unterbrach sie mich, „oder sind sie etwa verliebt?“
„Das wollte ich damit doch sagen. Ich bin verliebt wie ein Froschkönig.“ Ich lehnte mich erwartungsvoll zurück.
„Das kommt vor,“ antwortete sie. „Aber was ist ein Froschkönig um Himmels Willen?“
„Aber Madame, sie kennen doch die Geschichte vom Froschkönig - von der Prinzessin und der goldenen Kugel und dem Brunnen und dem Frosch?“ Sie bestand darauf, sie nicht zu kennen und so erzählte ich ihr die ganze Geschichte von Anfang bis Ende.
„Und was hat das mit ihnen zu tun?“ fragte sie, als ich zu Ende erzählt hatte.
„Nun, ich bin verliebt wie ein Froschkönig. Ich liebe eine junge Frau. Sie wohnt im Rieselfeld und hat drei bezaubernde Kinder. Aber ich habe den Eindruck, sie liebt mich nicht.“
„Dann müssen sie sie fragen, ob sie sie liebt.“
„Einfach so?“
„Einfach so!“ Ich dachte eine nach. Schien ja tatsächlich ganz einfach zu sein.
„Übrigens, was ich noch sagen wollte, sie heißt Eva.“
„Die Frau kenne isch nischt.“ Wir lachten und sie fuhr fort: „Aber glauben sie mir, Herr Friedrisch, wenn sie diese Frau lieben, dann muss es eine bezaubernde Frau sein. Und bei solch einem lieben Mann, wie sie einer sind, wird sie früher oder später nicht umhinkommen, ihre Liebe zu erwidern.“
„Glauben sie wirklich, Madame?“
„Ja, das glaube ich!“
Ich verabschiedete mich mit einem guten Gefühl im Herzen und freute mich schon auf den nächsten Besuch bei ihr.

von helle

Re: Frau M. kennt die Geschichte vom Froschkönig nicht...

 
Hallo Helle,

ich habe gerade Deine Geschichte gelesen und sie gefällt mir gut. Der Titel ist vor allem sehr schön und regt die Fantasie an.
Mir sind nur zwei Kleinigkeiten aufgefallen:

Helle hat geschrieben:
„Lebkuchen gab es bei uns früher immer, wenn wir mit den Eltern auf die Messe gingen,“ setzte ich das Gespräch fort. Ich mochte weder Achterbahn noch Riesenrad fahren – aber Magenbrot, das liebte ich.“

Nach dem Punkt fehlen die Anführungszeichen, da die Rede dort weiter geht. („Lebkuchen gab es bei uns früher immer, wenn wir mit den Eltern auf die Messe gingen,“ setzte ich das Gespräch fort. "Ich mochte weder Achterbahn noch Riesenrad fahren – aber Magenbrot, das liebte ich.“

Helle hat geschrieben:
Als isch früher bei der marrokanischen Botschaft in Bonn arbeitete,

Das klingt jetzt vielleicht etwas pingelig, aber es ist meines Wissens unüblich, dass eine Französin bei der marrokanischen Botschaft arbeitet. Hauptamtlich arbeiten dort marrokanische Staatsängehörige, zumeist sogar bis zur Reinigungsfachkraft. Ausnahmsweise auch mal Deutsche (die Botschaft ist ja in Bonn), aber dann nur im Wachbereich oder Reinigung o.ä. Wie wäre es denn, wenn Du die marrokanische mit der französischen Botschaft austauschst?

Beim Lesen sind mir dann noch ein paar Fragen durch den Kopf gegangen:
In welcher Beziehung steht Herr Friedrich zu Frau M.? Wie kommt er dazu sie zu besuchen, aus reiner Menschenliebe oder sozialem Engagement? Oder ist er Pfleger? Kennt er sie von früher?
Und: Wie alt ist Herr Friedrich ungefähr? Er liebt eine "junge Frau"; ist er viel älter als sie oder ist das nur im Vergleich zu Frau M. zu sehen?
Es wäre schön, wenn Du hierzu ein paar Sätze dazu schreiben könntest, um die Geschichte abzurunden.
Ich hoffe, Du nimmst mir die kleine Kritik nicht übel. Deine Geschichte liest sich sehr angenehm und regt die Fantasie an. Vor allem über die Zukunft des Herrn Friedrich mit der jungen Frau.
Einen schönen Abend,

von Papillonk

Re: Frau M. kennt die Geschichte vom Froschkönig nicht...

 
Liebe/r Papillonk,

danke für Deine Kritik. Das ist immer hilfreich.
Habe eine Überraschung für Dich und für die anderen NutzerInnen der Schreibwerkstatt.

Die Geschichte "Frau M. kennt die Geschichte vom Froschkönig nicht..." wird im März beim R.G. Fischer Verlag, Frankfurt in einer Anthologie mit dem Titel "Collection Deutsche Erzähler, Ausgabe 2010" veröffentlicht. RIESIG!! Nicht wahr!

LG
helle

von helle

Re: Frau M. kennt die Geschichte vom Froschkönig nicht...

 
Hallo helle,

dann meinen herzlichen Glückwunsch! Schön, dass Du einen Verlag gefunden hast!

Alles Gute dafür!
Papi

von Papillonk

Re: Frau M. kennt die Geschichte vom Froschkönig nicht...

 
Auch von mir : "Herzlichen Glückwunsch!" Die nehmen also auch Geschichten die noch, ob einiger kleiner Widrigkeiten in Groß- und Kleinschreibung lektoriert werden müssen? ( du schreibst z. B. das Anrede "Sie" immer klein) Das macht mir Mut.

Sie Geschichte selbst gefällt mir ganz gut. Ich persönlich mag es, dass du mir als Leser überlässt, wie ich die von Papillon gestellten Fragen meine eigene Fantasie beantworten zu lassen!

Denn für mich macht das Literatur aus: Der Autor wirft dem Leser gut lesbare Brocken hin, die dieser noch ausschmücken kann, kaut ihm aber nicht jeden Bissen vor. Weil ,ci persönlich möchte zwar schon etwas über den Autoren und seine An - und Absichten erfahren, doch ich möchte in die Protagonisten seiner Geschichte auch ein wenig aus meiner eigenen Vorstellungskraft und Erfahrungswelt projizieren.


Ich wünsche dir viel Erfolg und einen wunderschönen 1.Weihnachtstag.

GLG
Leonie

von Leonie Lucas