[Fanty]Frau Tellmanns Erneuerung

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[Fanty]Frau Tellmanns Erneuerung

Beitragvon Heribertpolta » 13.10.2015, 20:29

Tellmanns Frau Ulrike lief etwas teilnahmslos durchs Haus, tauchte einmal in der Diele auf, etwas später in der Küche und dann wieder im gemeinsamen Wohnzimmer, wo sich gerade ihr Mann und dessen langjähriger Freund Schuster aufhielten. Die beiden hatten einander länger nicht gesehen und tranken Kaffee.
Ulrike war gerade damit fertig geworden, ihren kahlen Kopf aus der alten Haut zu befreien und weiterhin damit beschäftigt, die abgestorbene Epidermis über ihre Schultern zu stülpen.

Schuster fragte seinen Freund, während er seine Kaffeetasse zum Mund führte: „Sag mal, Ulf, bist du sicher, dass ich das mit ansehen soll? Mir ist etwas mulmig dabei zumute“ Aber Tellmann klopfte Schuster beruhigend auf die Schulter, sodass der einen Balanceakt mit der Tasse vollführen musste. „Siehst du, Schuster-Bub, du wolltest mir nicht glauben. Du dachtest ja, mir sind die Verschwörungstheorien zu Kopf gestiegen. Haha. Und jetzt sieh hin!“

Ulrike hatte gerade damit zu tun, die alte Hülle über ihre Brüste zu ziehen; dazu stemmte sie ihren Rücken zusätzlich gegen den Türstock zum Wohnzimmer und machte dabei Auf- und Abbewegungen, gleich einer Wildsau am Eichenstamm, um die Rückenkruste gleichmäßig abzurollen.

Schuster stellte seine Tasse zitternd auf dem Couchtisch ab. „Du, sag mal, Ulf, wie viele von diesen Repti… Repti…“
„Reptiloiden“, half Tellmann Schuster auf die Sprünge.
„…Reptiloiden gibt es denn überhaupt?“
„Ach, eine Menge. Die Kanzlerin, der Kerner… Und dieser Welke von der „heute show“ ist auch eines. Allerdings werden sie in der Regel nicht so fett wie Merkel und Welke“

Jetzt legte sich Ulrike auf das gegenüberliegende Couchteil, lümmelte sich in den Winkel zwischen Arm- und Rückenlehne, verdrehte ihre Augen und sagte Sachen wie Krawlalack – ke, Ke – Sk – ke und Ke.

Schuster: „Was sagt sie?“
Tellmann: „Keine Ahnung. Uns ist es nicht möglich, diese Sprache zu sprechen oder zu begreifen, verstehst du? Tja, unsere Kehlen sind dafür nicht ausgelegt und unser Gehör ist nicht komplex genug. So ist das. Zwischen den Klack-Lauten stehen ganze Sätze, die wir nicht hören, geschweige denn verstehen können. Unsere Hirne sind einfach ein wenig zu klein dazu; wie vertrocknete Erbsen, Schuster-Bub! So spricht sie übrigens nur in der Häutungsphase. – Ach ja, und wenn sie betrunken ist... Und wenn sie sauer ist. Meistens wird sie ja sauer, wenn sie säuft“
Schuster war fast im Polster des Sofas verschwunden, drückte die Kaffeetasse krampfartig gegen seine Brust und nickte und schüttelte seinen Kopf gleichsam.

Nun hub Ulrike an, die restliche Pelle über ihre Hüften zu schieben, in etwa so, wie sich andere Menschen aus einer nassen Jeans quälen würden. Dazu hob sie ihren Hintern und räkelte sich ächzend. Die neue Haut glänzte feucht und milchig im Schein der Deckenleuchte.

Schuster; etwas fassungslos:
„Ich… ich weiß nicht, Ulf, ob… ob ich das mit ansehen sollte. Ich meine… deine Frau hat ja nichts an…“
Tellmann schien seinen Freund nicht zu hören und erklärte freudig:
„Sieh mal, Schuster-Bub, ist sie nicht schön? Sie altert nicht. Nach jeder Häutung sieht sie aus wie eine Fünfzehnjährige! Stark, was? - Möchtest du noch einen Kaffee? Oder lieber ein Bier? Schusti? - Oha!“

Fertig. Ulrike stieß die ausgediente Haut mit den Füßen von sich, stand auf und zog sich die blonde Langhaarperücke wieder über den Kopf, setzte sich, etwas geschafft von der Prozedur, neben Tellmann und den ohnmächtigen Schuster, fuhr sich lächelnd mit den Händen über ihre frischen Brüste und sagte:
„So, Schatz, geschafft! Kannst du mir ein Glas Wasser holen? Ein großes!“
Grüße,

Heribert Polta
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Re: Frau Tellmanns Erneuerung

Beitragvon Sasskia » 14.10.2015, 12:18

Schön, wieder etwas von dir zu lesen, Heribert!

Deine Texte sind nie langweilig, gleichgültig, ob sie mir gefallen oder nicht :nod:

Also, Frau Tellmann erneuert sich.
Der erste Eindruck deines Textes auf mich: Interessantes Thema, witzig geschrieben und unverkennbar "Heribert Polta".

Mir sind nur winzige Dinge aufgefallen, die ich dir mitteilen möchte (auch weil es mir leid tut, dass du noch keinen Kommentar bekommen hast), und die total subjektiv sind!

Ulrike war gerade damit fertig geworden, ihren kahlen Kopf aus der alten Haut zu befreien und weiterhin damit beschäftigt, die abgestorbene Epidermis über ihre Schultern zu stülpen.


Statt "weiterhin" möchte ich "nun" vorschlagen, da sie sich ja strategisch weiterarbeitet.
Ulrike war gerade damit fertig geworden, ihren kahlen Kopf aus der alten Haut zu befreien und nun damit beschäftigt ...

Schuster fragte seinen Freund, während er seine Kaffeetasse zum Mund führte: „Sag mal, Ulf, bist du sicher, dass ich das mit ansehen soll? Mir ist etwas mulmig dabei zumute“


Beim letzten Satz würde ich die Wortstellung ändern: Mir ist dabei etwas mulmig zumute.

Aber Tellmann klopfte Schuster beruhigend auf die Schulter, sodass der einen Balanceakt mit der Tasse vollführen musste.


:froi: Treffend beschrieben!

Schuster stellte seine Tasse zitternd auf dem Couchtisch ab.


Schusters Hand zittert, nehm ich an. Deshalb mein Vorschlag:

Schusters Hand zitterte, als er die Tasse auf dem Couchtisch abstellte, und stirnrunzelnd fragte: "Du sag mal...

„Ach, eine Menge. Die Kanzlerin, der Kerner… Und dieser Welke von der „heute show“ ist auch eines.


Da es sich um eine Aufzählung handelt, sollte ein Doppelpunkt vor die Kanzlerin. Das "und" nach den Gedankenpunkten würde ich klein schreiben (bin aber kein Spezialist :mrgreen: )

Schuster war fast im Polster des Sofas verschwunden, drückte die Kaffeetasse krampfartig gegen seine Brust und nickte und schüttelte seinen Kopf gleichsam.


Dazu mein Vorschlag: Schuster war fast im Polster des Sofas verschwunden, die Kaffeetasse krampfartig gegen seine Brust drückend nickte und schüttelte er den Kopf.

Was genau das "Gleichsam" hier bedeuten soll, ist mir nicht klar? Gleichzeitig? Abwechselnd?
Deshalb hab ich es in meinem Vorschlag einfach weggelassen.

Ulrike stieß die ausgediente Haut mit den Füßen von sich, stand auf und zog sich die blonde Langhaarperücke wieder über den Kopf, setzte sich, etwas geschafft von der Prozedur, neben Tellmann und den ohnmächtigen Schuster, fuhr sich lächelnd mit den Händen über ihre frischen Brüste und sagte:...


Dieser Satz hat viele "sich" und eine verwirrende Anzahl an Nebensätzen.
Für den Schlußsatz hätte ich mir noch eine Pointe gewünscht (die Ohnmacht von Schuster-Bub reicht mir da nicht).

Das gewünschte Glas Wasser mag für die "jugendfreie" Version noch durchgehen, trotzdem fehlt mir etwas und ich würde kürzere Sätze vorschlagen.

Aber ... alles nur Kinkerlitzchen!
Dein Text ist meiner Meinung nach ausgereift, intelligent geschrieben und sprachlich gut gelungen!

Liebe Grüße aus Wien

Sasskia :girl:

PS: Ich mag es sehr, wenn du bei deinen Texten "du selbst" bleibst!
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Re: Frau Tellmanns Erneuerung

Beitragvon Samis » 15.10.2015, 00:34

Hallo Heribertpolta,

da habe ich kaum etwas auszusetzen, das ist sehr gut geschrieben. Tolle Idee, gute Dialoge und lustig obendrein – ganz großes Lob, Hut ab!

Nur ein paar Kleinigkeiten:

Ulrike war gerade damit fertig geworden, ihren kahlen Kopf aus der alten Haut zu befreien und weiterhin damit beschäftigt, die abgestorbene Epidermis über ihre Schultern zu stülpen.

Anstatt weiterhin damit beschäftigt, fände ich hier nun oder jetzt damit beschäftig treffender, da sie mit dem Kopf fertig und nun anderswo weiter macht.



„Sieh mal, Schuster-Bub, ist sie nicht schön? Sie altert nicht. Nach jeder Häutung sieht sie aus wie eine Fünfzehnjährige! Stark, was?

Der Text hat, meiner Meinung nach (gewollt oder nicht) auch eine erotische Note, weswegen mir 15 etwas gewagt erscheint. Vielleicht sehe ich das zu kritisch, aber ich würde den Altersvergleich etwas anheben.



Ulrike stieß die ausgediente Haut mit den Füßen von sich, stand auf und zog sich die blonde Langhaarperücke wieder über den Kopf, setzte sich, etwas geschafft von der Prozedur, neben Tellmann und den ohnmächtigen Schuster, fuhr sich lächelnd mit den Händen über ihre frischen Brüste und sagte:
„So, Schatz, geschafft! Kannst du mir ein Glas Wasser holen? Ein großes!“


Das ist der einzige Satz, der mir im Ganzen nicht recht gefallen will. Ein kleinwenig zu lang, ein kleines Bisschen zu verschachtelt.

Mein Vorschlag: Ulrike stieß die ausgediente Haut mit den Füßen von sich, stand auf und zog die blonde Langhaarperücke über den Kopf. Etwas geschafft von der Prozedur setzte sie sich neben Tellmann und den ohnmächtigen Schuster, strich lächelnd über ihre frischen Brüste und sagte:
„So, Schatz, geschafft! Kannst du mir ein Glas Wasser holen? Ein großes!“


Darüber hinaus kann ich mich nur wiederholen: Hervorragende Arbeit!

Beste Grüße,
Samis
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Re: Frau Tellmanns Erneuerung

Beitragvon Asieral » 15.10.2015, 20:26

Hallo Heribertpolta,

zu den Formulierungen möchte ich jetzt eher wenig schreiben, außer, dass ich diese als recht bildlich und zum Text passend empfinde.
Was ich zu deinem Text schreiben möchte, ist, wie eine mögliche Interpretation sein könnte. Wahrscheinlich liege ich mit dieser Interpretation aber nicht nahe, an der von dir intendierten.

Reptiloiden, das ist ein interessantes Wort, das verschiedene Sichtweisen eröffnet respektive Bilder erzeugt:
In diesem Zusammenhang denke ich zumindest beispielsweise an ein Chamäleon, welches zwar nicht seine Haut wechselt, (wie Schlangen, aber das ist wiederum ein anderer Punkt) aber doch sein Erscheinungsbild. Und Bei Chamäleon wiederum denke ich an Tschechows "Ein Chamäleon", welches zu meinen Lieblingsgeschichten gehört.
Bezüglich der Häutung, welche mich auch an Schlangen erinnert, könnte man auch das Motiv der ewigen Jugend vermuten; zumindest könnte man darin den Wunsch einiger Menschen sehen, die sich mit etlichen Dingen, die es da zu kaufen gibt, "verjüngen" wollen. Und hier kommt dann das Motiv der Schlange zum Tragen, was meiner Einschätzung nach, ebenjene Handlung kritisieren soll.

Zu dem Altersvergleich, von dem dir geraten wurde, das das Alter angehoben werden sollte.. das würde ich jetzt nicht unbedingt unterstützen, da das so, wie es jetzt dasteht meiner Meinung nach recht gut in die bisherige Darstellung passt, die, zumindest denke ich das, absurd wirken soll. Ich interpretiere es zumindest so, dass du den Wunsch nach Verjüngung überspitzt zum Ausdruck bringst, sodass der Leser sich eher angeekelt fühlt, ohne dass vll jeder bemerkt, was gemeint ist.


Den letzten Satz, der als zu lang und verschachtelt empfunden wurde, würde ich auch eher so lassen, wie er ist. Wenn man den Satz trennt verliert er etwas an Wirkung im Kontrast zu der darauf folgenden Aussage von Ulrike. Dadurch, dass der Satz etwas länger ist und man somit keine wirkliche Pause beim Lesen einlegen kann(sollte) gewinnt das von Ulrike Gesagte etwas mehr an Absurdität.

Dein Text oder eher der Schreibstil entspricht nicht meinem persönlichen Geschmack, was auch ein Grund dafür ist, weshalb ich mich mit der Kritik zu Formulierungen zurückgehalten habe; Aber etwas muss einem nicht gefallen, damit man es wertschätzen kann. Ich halte den Schreibstil für gelungen und interessant und auch, wenn er mir nicht "gefällt", so hat er doch eine ganz bestimmte Wirkung, sodass ich vll gar nicht mehr sagen kann, dass er mir nicht gefalle.

Liebe Grüße
Asieral
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Re: [Fanty]Frau Tellmanns Erneuerung

Beitragvon Heribertpolta » 05.11.2015, 12:55

Hallo, liebe Kommentatoren,

nun noch eine letzte Antwort, bevor das Forum sich verabschiedet.

Hallo Saskia!

Statt "weiterhin" möchte ich "nun" vorschlagen, da sie sich ja strategisch weiterarbeitet.
Ulrike war gerade damit fertig geworden, ihren kahlen Kopf aus der alten Haut zu befreien und nun damit beschäftigt ...


Ja, das werde ich wohl ändern müssen. Das ist im folgenden Kommentar auch bemängelt worden.

Was genau das "Gleichsam" hier bedeuten soll, ist mir nicht klar? Gleichzeitig? Abwechselnd?
Deshalb hab ich es in meinem Vorschlag einfach weggelassen.


Ja, gleichsam bedeutet gleichzeitig oder auch auch. Ich mag alte Begriffe. Sie sterben nur scheinbar aus.

PS: Ich mag es sehr, wenn du bei deinen Texten "du selbst" bleibst!


Und ich mag es sehr, wenn du mir solche Sachen schreibst! :sweet:

Hallo Samis!

Der Text hat, meiner Meinung nach (gewollt oder nicht) auch eine erotische Note, weswegen mir 15 etwas gewagt erscheint. Vielleicht sehe ich das zu kritisch, aber ich würde den Altersvergleich etwas anheben.


Ach, das sehe ich nicht so. Nur weil man beschreibt, was Männer seit Jahrtausenden lieben, kann das noch kein Wagnis eingehen. Ich persönlich bevorzuge ältere Damen und stand schon als Jugendlicher auf meine Lehrerinnen. Aber das ist nur die Wahrheit, wenn man zugibt, dass die schöne Gestalt einer Fünfzehnjährigen auf Männer immer Eindruck macht. Damals wie heute.

Hallo Asieral!

Reptiloiden, das ist ein interessantes Wort, das verschiedene Sichtweisen eröffnet respektive Bilder erzeugt:
In diesem Zusammenhang denke ich zumindest beispielsweise an ein Chamäleon, welches zwar nicht seine Haut wechselt, (wie Schlangen, aber das ist wiederum ein anderer Punkt) aber doch sein Erscheinungsbild. Und Bei Chamäleon wiederum denke ich an Tschechows "Ein Chamäleon", welches zu meinen Lieblingsgeschichten gehört.


Das Reptiloid ist ein Begriff aus der Präastronautik und so ganz zufällig habe ich das Thema gar nicht gewählt. Es ist durch Anti-"Verschwörungstheoretiker" sehr negativ behaftet. Aber was solls; die Verschwörungstheorien sind schließlich eine Goldgrube für Autoren. Wenn man seine Themen nur im Mainstream sucht, dann muss man Übergroßes leisten, um nicht den Mittelmaß zu verfallen.

Danke euch!
Grüße,

Heribert Polta
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