Frustration: Meine Geschichte ist Mist

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Frustration: Meine Geschichte ist Mist

Beitragvon Erotomania » 10.11.2015, 23:09

Guten Abend Leute,

nun sitze ich hier vor meinem Text und bin frustriert. Ich habe mich jetzt nach einigem Zögern an ein neues Projekt gewagt und habe das Gefühl, dass es ein Fehler war. Innerlich wollte ich schon länger einen Psychothriller schreiben, weil ich selbst solche Bücher gerne lese und mich allgemein Psychologie und Polizeiarbeit interessiert. Aber jetzt, nach über hundert Normseiten packt mich die Frustration. Ich habe keinen Schimmer von Polizeiarbeit ( da ich noch nie Kontakt zu diesem Bereich hatte und Praktika aufgrund meiner jetzigen Ausbildung nicht möglich sind). Dementsprechend wollte ich diesen Aspekt erst einmal zurück halten, aber da ich ihn nicht komplett rauslassen kann muss ich dazu etwas schreiben. Und nun sitze ich hier und komme nicht weiter, finde den ganzen Text schlecht und denke mir, dass ich es auch sein lassen kann, weil ich niemals etwas gutes produzieren werde ( ich weiß, darüber sollte ich mir keine Gedanken machen, aber sie schleichen sich einfach ein). Bei meinem letzten Projekt habe ich genau solche Gedanken schon gehabt und sie erfolgreich ignoriert, aber jetzt?
Klar, ich recherchiere über Polizeiarbeit, aber mit ein bisschen googlen ist es nicht getan. Ich befrage Polizisten in Foren und stelle meine Probleme vor, aber dann merke ich, dass ich zu dieser Arbeit einfach keinen Zugang finde und in meiner Geschichte alles so...unglaubwürdig ist. Jeder, der davon Ahnung hat würde vor Lachen vom Stuhl fallen. Aber ich will das Ding zu Ende schreiben, weil ich im Grunde an die Story glaube, nur dieser Aspekt greift mir dazwischen. Und ehrlich gesagt sind meine Selbstzweifel momentan größer, als meine Freude am schreiben.

Klar, einen Tipp, der mir dieses Problem nimmt kann mir keiner geben. Ich lese (hoffentlich gute) Thriller, recherchiere und versuche, so viel wie möglich zu verstehen und zu lesen. Aber diese Selbstzweifel nehmen mir den ganzen Spaß und ich hänge immer wieder an diesen Szenen fest...ich bin verzweifelt und traurig ( ehrlich gesagt bin ich aber aufgrund meiner stressigen Ausbildung sowieso nah am Wasser gebaut und zweifel grade an allem, was ich tue. Vermutlich kommt das noch erschwerend hinzu).

Was soll ich tun? Habe ich mich übernommen? Soll ich es zu Ende schreiben und erstmal diese Szenen der Polizeiarbeit auslassen und später hinzufügen, wenn ich darin sicherer bin? Ich weiß es nicht :(

Nun ja, nun habe ich mich genug ausgejammert. Vielleicht kennt ja jemand dieses Problem und kann mir berichten, wie derjenige damit umgegangen ist. Wie gesagt, ich glaube an die Geschichte, sonst würde ich sie einfach abbrechen und was anderes schreiben ^^ Es ist ein Gefühlschaos zwischen "die Story ist gut, schreibe weiter" und " alles Mist, es will sowieso keiner lesen, also ab in den Schredder"....

Danke an alle, die diesen Text lesen :D
Einen schönen Abend, Ero
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Re: Frustration: Meine Geschichte ist Mist

Beitragvon Zytra » 11.11.2015, 04:14

Hallo,

ich denke, Selbstzweifel hat jeder irgendwann mal während seines/ihres Projektes. Du bist mit deinem Problem nicht allein ;)
Ich denke auch, dass du es vielleicht nicht unbedingt allein/selbst beurteilen solltest, ob deine Story bzw. dein Text wirklich so ein Mist ist - gerade WEIL du derzeit in einer Selbstzweifelphase steckst. Lass es mal von jemandem gegenlesen, der dich nicht von Natur aus in den Himmel lobt, sondern ehrlich ist. Vielleicht kannst du daraus auch Ideen schöpfen, wo du etwas verbessern könntest.

Unabhängig davon ist Recherche natürlich extrem wichtig. Da du in deinem Posting oft über Polizeiarbeit sprichst, vermute ich, dass sich dein Thriller auch genau darum dreht. Daher meine Frage: Könntest du dir vorstellen, dieselbe Story (also den Aufhänger und die dahinter steckende Idee) so umzuschreiben, dass sie sich um einen Nicht-Polizisten dreht?

LG
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Re: Frustration: Meine Geschichte ist Mist

Beitragvon DodoHH » 11.11.2015, 09:55

Hallo Ero,
gerade gestern habe ich meine mehrmonatige Frustphase mit einem Tritt in den eigenen verkürzt. Witzigerweise hänge ich an einem ähnlichen Problem fest: Die Polizei trifft ein, los geht's mit dem Ermitteln, und ich habe keine echte Ahnung, wie Polizeiarbeit abläuft, werde mich durch ein Lehrbuch über Forensic Sciences ackern müssen. Und ehrlich gesagt: Ich habe mich noch nicht einmal auf die genauen Mord-Modalitäten festgelegt - und wie mein Prota die Leiche findet. Ein Plot mit einer Lücke, so breit wie der Grand Canyon.
Ich schreibe jetzt einfach die lachhafte Version.
Es geht jazunächst darum, die Geschichte weiterzutreiben, selbst wenn die Polizisten klischeehaft und dem amerikanischen TV entsprungen erscheinen. Während des Schreibens fallen einem (jedenfalls mir) oft Lösungen für nicht so gelungene Szenen (oder Plotlöcher) ein. Außerdem setze ich darauf, dass ich beim Schreiben merke, welche Details der Ermittlungsarbeit ich WIRKLICH brauche / wissen muss; mir hilft es bei der Recherche, wenn ich feststelle, dass meine Suchergebnisse bereits mehr Informationen beinhalten, als ich verwenden könnte. Und ich mit dem Recherchieren aufhören kann :mrgreen:
Daher mein Tipp: Schreibe einfach weiter, damit Du Deine Story entwickeln und wieder gerne haben kannst. Deine Story wird es zunächst verkraften, wenn die Ermittlungen nicht lege artis erfolgen, sofern sich Deine Geschichte nicht um die Brillanz der Polizeiarbeit dreht.
Vielleicht wird es gar nicht so lachhaft, wie Du denkst. :pc: :2thumbs:
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Re: Frustration: Meine Geschichte ist Mist

Beitragvon Uli2 » 11.11.2015, 12:27

Hallo Ero,

das kann ich gut nachvollziehen, mir geht es ähnlich bei meinem jetzigen Projekt, nur bin ich schon im ersten Kapitel bei der Vorstellung meines Protas, der später die verschwundene Prinzessin suchen soll, steckengeblieben. :(
Das Problem, er ist Söldner und ich habe keine Ahnung vom Söldner sein in der Antike. :( :shock: :D
Die Kampfszene habe ich noch hinbekommen, doch dann ist mein Söldner in melancholischen Tagträumen und Grübeleien mit Infodump versunken, während ich die wichtigen Szenen, die ich geplottet hatte und die die Handlung voranbringen, sowie meinen Prota vorstellen und charakterisieren sollten, nicht schreiben konnte.

Liebe Grüße
Uli
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Re: Frustration: Meine Geschichte ist Mist

Beitragvon unkompliziert » 11.11.2015, 13:59

Und wieviele von deinen potentiellen Lesern haben Ahnung von Polizeiarbeit?
Doch die allerwenigsten!

Ich wette mit dir, du weißt genausoviel wie 95% der Bevölkerung, die ihr wissen auch nur aus der Unterhaltungsliteratur hat.

Das reicht doch völlig!
Du willst doch kein Sachbuch darüber schreiben!

Dann wird es halt kein Buch für Mitarbeiter der Kripo.
Obwohl -- in Familie und Freundeskreis habe ich Piloten, Fluglotsen und Flugzeug-Spotter. Was man in Kinofilmen über Flugzeuge sieht ist durch die Bank weg himmelschreiender Blödsinn. Und sie genießen diese Filme TROTZDEM.
Genauso wie meine Freundinnen im Kloster gerne Sister Act und Klosterkaltenbach schauen, auch wenn das mit dem wirklichen Leben als Nonne herzlich wenig zu tun hat.

Warum also päpstlicher als der Papst sein?
Du bist ein Teil deiner Zielgruppe. Wenn du selbst deine Geschichte genießt, wird es einige Menschen geben, die das auch tun.

Das lustige ist, wenn man bei manchen Spezialgebieten schreibt, wie es *wirklich* ist, würde man von den Lesern noch viel mehr Gegenwind bekommen, weil es einem keiner glaubt ( oder die Realität gerne auch mal langweilig ist).

Also schreib Dinge, die du als Leser glauben würdest.
unkompliziert
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Re: Frustration: Meine Geschichte ist Mist

Beitragvon Padrion » 11.11.2015, 15:59

unkompliziert hat geschrieben:Warum also päpstlicher als der Papst sein?


Finde ich auch. Die meisten Leser kennen Polizeiarbeit nur aus Krimis. Wenn du das ganze also auf Krimi-Niveau beschreibst, wird es bei der breiten Masse schon durchgehen. Alles darüber hinaus ist Bonus. Geht doch jedem in seinem Spezialgebiet so: Wenn ich sehe wie die bei CSI kurz das Reagenzglas schütteln und dann die DNA des Täters bestimmt haben, greife ich mir als Biologe auch an den Kopf aber das ist eben der Dramaturgie geschuldet. Solange solche Details nicht handlungsrelevant sind, müssen sie auch nicht 100% korrekt sein.
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Re: Frustration: Meine Geschichte ist Mist

Beitragvon Nigromantia » 11.11.2015, 17:12

Guter Einwand, unkompliziert.

Vielleicht solltest du das, was du gerade schreibst, auch einfach als ersten Entwurf sehen. Schreib, wie du meinst, bring die Geschichte weiter und zu Ende und danach kannst du dir gezielt einen Testleser suchen, der sich mit Polizeiarbeit auskennt, und der dir hilft, die Plotlöcher zu kitten. Vielleicht kennst du sogar jemanden, der Polizist ist und dir helfen würde?
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Re: Frustration: Meine Geschichte ist Mist

Beitragvon Milch » 11.11.2015, 18:47

unkompliziert hat geschrieben:Das reicht doch völlig!
Du willst doch kein Sachbuch darüber schreiben!


So einfach würde ich es mir nicht machen.
Man muss nicht alles im kleinsten Details wissen, aber Grundzüge sollte man schon wissen.
Beispielsweise leben wir in einem Rechtsstaat und der Beschuldigte hat Rechte.
Sicherlich haben auch einige Ahnung, wie schlecht das Gehirn funktioniert, daraus müsste sich auch einiges ableiten lassen.
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Re: Frustration: Meine Geschichte ist Mist

Beitragvon Erotomania » 12.11.2015, 22:34

Hallo an alle und danke für die lieben Antworten =)

Ja, ich nehme es selber zu genau und mache mir selbst zu viel Druck. Das war schon immer so und grade in stressigen (Schul)phasen nehme ich alles sehr genau, pflücke auseinander und bin am Ende deprimiert und frustriert. Vielleicht muss ich dieser Stimme, die immer dazwischen redet den Mund verbieten, bis die Erstfassung fertig ist.

Aber ja, ihr habt recht, die meisten Leser sind wahrscheinlich nicht so im Bilde, was Polizeiarbeit angeht und würden manche Logikfehler nicht bemerken. Ich meine, wenn ich einen Thriller lese kann man mir auch alles mögliche erzählen und ich würde es glauben. Dann werde ich es wohl so machen, dass ich den Fokus erst einmal auf die Szenen lege, die nichts damit zu tun haben und in der Zeit recherchieren. Und hinterher die neuen Szenen einfügen. Meine Frustphase dauer jetzt eine Woche und langsam sollte ich wieder ins Schreiben kommen.

Danke an alle =) Ihr habt mich sehr aufgebaut :D
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Re: Frustration: Meine Geschichte ist Mist

Beitragvon Dingelchen » 13.11.2015, 02:55

Hi,

ja, ich kenne dieses Problem. Ich schreibe zwar keinen Psychothriller, aber auch bei mir ist Polizei zeitweise involviert. Und auch ich hab recherchiert und zumindest falls ich meinen 2. Teil weiterschreiben möchte, werde ich früher oder später konkret werden müssen, sofern ich meinen Plot nicht abändere (hab mehrere Optionen^^). :roll:
Im ersten Teil konnte ich es dank Perspektivwahl und Story so drehen, dass ich bei der Polizeiarbeit nicht zu sehr ins Detail gehen muss^^. Ob das bei dir auch möglich wäre? -- Ich fürchte aber eher nein, weil bei einem Psychothriller die Polizeiarbeit wohl mehr in den Vordergrund rückt.

Ich hatte btw. mehrere Szenen drin von Berufsfeldern, wo ich viiiel recherchieren musste (und wo mir u.a. hier auch sehr geholfen wurde :) ) - Arzt z.B. OPs, oder Pfarrgehilfin oO.
Wenn ich mit irgendetwas gar nicht warm wurde, hab ich es einfach "abgespeckt". Weil ich finde, es bringt nichts, bei einem Thema ins Detail zu gehen, wo man sich ganz sicher vertut und dann irgendetwas stark an den Haaren herbeigezogenes dabei rauskommt. Zumindest ist das die sichere Seite und ich bin halt sicherheitsbedürftig. :mrgreen:
Ich kenne deinen Plot nicht, aber viell. kannst du ihn auch einen Tick abändern, sodass du bei der Polizei nicht ganz so ins Detail gehen musst - gleichzeitig würd ich aber auch nicht gleich den Hut schmeißen. Vielleicht brauchst du da einfach nur ein bisschen Auszeit von der Recherche und hast später wieder Kraft und Motivation, dich auch diesem Aspekt noch mal anzunehmen :)

Liebe Grüße
Dingelchen
"Im Mondlicht drehten sich die Paare. Die Feigheit mit der Tugend, die Lüge mit der Gerechtigkeit, die Erbärmlichkeit mit der Kraft, die Tücke mit dem Mut.
Nur die Vernunft tanzte nicht mit."

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