[Nachdenk] Fünf nach Drei (2/2)

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachdenk] Fünf nach Drei (2/2)

Beitragvon beatrice » 05.06.2015, 00:51

Teil 1: http://www.schreibwerkstatt.de/funf-nach-drei-1-2-t54291.html
...und weiter geht's... in der Geschichte ist hier ein Absatz, deshalb nicht über den Szenenwechsel wundern...

Die Haustür knallt hinter mir zu. Zumindest sollte sie das, so fest, wie ich sie zugeschlagen habe, doch ich höre nichts.
Immer noch das Bild von Pepe vor Augen, stolpere ich ein paar Schritte weiter und stoße fast mit dem Kopf gegen etwas. Erschreckt bleibe ich stehen.
Vor mir in der Luft schwebt ein Spatz, die Federn gespreizt, mit einem Brotkrümel im Schnabel. Vollkommen fassungslos laufe ich um den Vogel herum. Auch er bewegt sich keinen Zentimeter, als wäre er in der Luft festzementiert. Schließlich drücke ich mit dem Finger gegen seinen Bauch, um zu verstehen, was ich sehe.
Sein Federkleid ist aus Plastik.
Wie Pepe.
Ein Tränenschleier lässt meine Sicht zu Farbklecksen verschwimmen. Zum Glück bemerke ich das Auto, das mitten auf der Straße geparkt hat. Der Fahrer schaut in meine Richtung.
Ist auch ihm der Vogel aufgefallen?
Erleichtert laufe ich auf ihn zu. Ich klopfe auf die vereiste Scheibe, signalisiere ihm auszusteigen. Erst dann fällt mir auf, dass er an mir vorbeistarrt, mit dem Blick einer Schaufensterpuppe. Mir rutscht das Herz in die Hose.
Im hinteren Teil des Wagens drückt sich ein Mädchen die Nase an der Scheibe platt, die Patschehände hat sie ans Fenster gelegt, doch auch sie ist regungslos, wie eine Statue.
Wie seltsam aufgerissen Augen wirken, wenn niemand blinzelt, als hätten diese Leute Angst.
Diese Fratzen jagen mir einen Schauer über den Rücken. Mir entweicht ein Lachen, schrill wie eine Sirene.
Panik packt mich, als ich weiterirre. Überall stehen Menschen, mitten in der Bewegung erstarrt.
Ich bin in einem Gruselkabinett gefangen. Jemand hat einfach im Film auf Pause gedrückt. Wie Wachsfiguren bei Madame Tussauds reihen sie sich aneinander, bringen mich zum Zittern. Ruhelos wandert mein Blick über die Puppen, bis er an ihr hängen bleibt.

Wie eine Königin wacht sie über die Geistergestalten, thront am Ende der Straßenbahnhaltestelle.
Ihre Zeiger klagen mich an, still und unverrückbar, reiben mir wieder und wieder ihre Entscheidung unter die Nase.
Für immer fünf nach drei.
Als bestünde die Gefahr, ich könnte das Vergessen.
Zuletzt geändert von beatrice am 22.06.2015, 22:35, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Fünf nach Drei (2/2)

Beitragvon Diavolo » 18.06.2015, 07:25

Liebe Bea

Wie versprochen, mache ich mich an den zweiten Teil. Es ist ein harter Brocken, aber ich hoffe, ich kann dir weiterhelfen. Auch hier wieder mehr Absätze.

Der Szenenwechsel ist für mich zu krass. Denn trotz Absatz, die machst du ja jetzt schon im Text, ist der Übergang von aus dem Raum taumeln und dem Vogel nicht ganz logisch.

beatrice hat geschrieben:Vollkommen fassungslos laufe ich um einen Vogel herum. Er befindet sich auf Höhe meines Kopfes im Flug. Die Federn sind gespreizt, das Köpfchen gestreckt, im Schnabel des Spatzen steckt ein Brotkrümel.


Beim ersten Satz stelle ich mir vor, dass der Vogel tot auf der Straße liegt.

Ich würde den Vogel gleich als Spatzen bezeichnen und das ganze etwas kürzen.

Hier würde ich so oder ähnlich schreiben: Endlich draußen, (so hast du einen Übergang ohne etwas zu verraten)
fliegt mir ein Spatz um die Ohren. Das Köpfchen gestreckt, die Flügel gespreizt und ein Brotkrümel im Schnabel.

beatrice hat geschrieben: Schließlich drücke ich mit einem Finger gegen seinen Bauch. Doch er ist in der Luft festzementiert


Das schließlich würde ich weglassen.

Und hier erneut Zement, genauso wie im ersten Teil, der Stein und Fels, der nichts in einem Wachsfigurenkabinett zu suchen hat. In einem Wachsfigurenkabinett ist es kühl, denn Wachs schmilzt bei 40 Grad. Vielleicht kannst du die Kälte anders umschreiben, auch im ersten Teil. :oops:

Danach wieder einen Absatz.

beatrice hat geschrieben:Mittlerweile ist meine Panik ins Absurde abgedriftet ist und ich habe das Bedürfnis zu Lachen.


An diesem Satz beiße ich mir die Zähne aus. Kann Panik, das ist ja ein Gefühlszustand ins Absurde abdriften? Ich kann mir denken, was du damit ausdrücken willst, aber ich weiß nicht, wie ich dir hier ein Beispiel geben kann. Vielleicht schaffst du es selber. Werde aber noch mal darüber nachdenken. Vielleicht kannst du es auch weglassen.

Vielleicht lachst du ja auch wirklich und hast nicht nur das Bedürfnis.

beatrice hat geschrieben:Das hier muss ein Traum sein, zu diesem Schluss bin ich gekommen. Was soll ich jetzt tun?


Davor einen Absatz. zu diesem Schluss bin ich gekommen, weglassen und stattdessen statt dem Komma ein Ausrufezeichen. Dann erneut einen Absatz.

beatrice hat geschrieben:Ich habe keine Ahnung, wie lange ich schon in diesem Wachsfigurenkabinett herumspaziere.


Hier nimmst du die Spannung, weil du jetzt preisgibst, dass du in einem Wachsfigurenkabinett bist.

Vielleicht eine weitere Frage: Wie lange bin ich schon hier?

Und vor Was soll ich jetzt tun? stellen.

beatrice hat geschrieben:Mein verdammtes Glück war, dass Jackie gerade los wollte und die Haustür geöffnet hat, sonst wäre ich gar nicht erst hinausgekommen.


Wo hat sie die Haustüre geöffnet?

Im ersten Teil hast du nur geschrieben, dass du etwas für sie erledigen musstest und jetzt macht sie dir plötzlich die Türe auf?

Eine weitere Frage drängt sich mir hier auf, bist du jetzt im Freien oder im Wachsfigurenkabinett?

Den ganzen Teil mit Jackie und auch deinen Gedanken ob sie noch lebt und das mit dem Moment, würde ich streichen. Es gibt keinen Zusammenhang zu der Geschichte.

beatrice hat geschrieben:Es ist nicht einmal kalt. Der Wind ist nicht zu spüren. Jemand hat einfach mitten im Film auf Pause gedrückt.


Auch das ist hier verwirrend. Wenn du wirklich in einem Wachsfigurenkabinett bis, ist es kalt. Und was hat der Film mit dem ganzen zu tun?

beatrice hat geschrieben:Ich habe Angst vor diesen Steingeistern, vor den Fratzen, die durch mich durch starren, selbst vor den Tieren, die ausgestopft herumstehen.


Hier wieder Stein…. vielleicht nur Geistern.

statt durch starren: hindurch starren.

dass die Tiere ausgestopft sind, solltest du nicht erwähnen.

Vielleicht hier so oder ähnlich:

Die Geister, Fratzen und Tiere machen mir Angst.

beatrice hat geschrieben:Das ist ein Gruselkabinett voller Gespenster und ich bin darin gefangen.


Hier entweder so: Ich bin in einem Gruselkabinett gefangen. Oder: Bin ich in einem Gruselkabinett gefangen?

beatrice hat geschrieben:Aber die Wahrheit ist, dass ich der einzige Geist bin, der noch durch diese Welt wandelt.


Würde ich weglassen, es unterbricht den Spannungsbogen, den du hier aufbauen solltest.

beatrice hat geschrieben:Jedes Mal, wenn ich eine weitere Uhr erblicke, läuft mir ein Schauer über den Rücken. Ihre Zeiger klagen mich an, still und unverrückbar, reiben mir wieder und wieder ihre Entscheidung unter die Nase. Für immer fünf nach drei. Als bestünde die Gefahr, ich könnte das Vergessen.


Das würde ich zum Schluss schreiben, aber vielleicht ein bisschen spannender.

beatrice hat geschrieben:Gerade jetzt stolpere ich über eine Straße, blicke in das Gesicht eines Autofahrers, dessen Hände sich ans Lenkrad klammern, die Füße auf das Gaspedal gedrückt, die Lippen zum Sprechen geöffnet.


Hier würde ich schreiben: Ich gehe weiter und blicke in das Gesicht eines Autofahrers. Die Hände ans Lenkrad geklammert, die Lippen zum Sprechen geöffnet und den Fuss auf das Gaspedal gedrückt.

Beim Autofahren hat man nur einen Fuss auf dem Gaspedal.

beatrice hat geschrieben:Meine Finger fahren an der Karosserie entlang, an der Schneeklümpchen festhängen.


Das ist wieder zu umständlich, vielleicht einfach so: Die Karosserie ist mit Schnee bedeckt.

Vielleicht kannst du auch Puderzucker einfließen lassen, die Schneeklümpchen stören mich ein bisschen.

beatrice hat geschrieben:Ich bemerke, wie ein Kind im hinteren Teil des Wagens die Patschehände ans Fenster gelegt hat und sich die Nase platt drückt, während es in meine Augen starrt.


Hier das ich bemerke streichen, so was nimmt den Spannungsbogen.

Einfach so, vielleicht: Aus dem hinteren Fenster des Wagens starren mich Kinderaugen an, die Nase an die Scheibe gedrückt.

beatrice hat geschrieben:Du kannst mich nicht einmal sehen. , flüstere ich dem Mädchen zu.


Hier würde ich eine Frage daraus machen: "Kannst du mich überhaupt sehen?" ….

beatrice hat geschrieben:Die Scheibe ist nicht vollständig enteist. Wie von selbst beginnt meine Hand einen Strichvogel auf die Fläche zu kratzen. Als mir bewusst wird, was ich da tue, trete ich einen Schritt zurück. Der Vogel auf der Scheibe scheint das einzig Reale zu sein, was es in diesem Moment gibt. Und nicht einmal er kann fliegen. Mir schießt der Gedanke in den Kopf, dass ich noch nie barfüßig im Schnee gelaufen bin. Also schlappe ich aus meinen Hausschuhen und tappe mit den Zehen über das Weiß. Doch es ist weder pulvrig, noch nass, sondern fühlt sich genauso an wie Pepe, den vorhin angeschrien habe, vor dem ich in Tränen ausgebrochen bin. Ich sinke auf den Bordstein und stütze die Ellbogen auf die Knie. Was haben eine Büroklammer, ein Kaktus und Pepe gemeinsam? Sie alle sind zu Stein erstarrt.


Diesen Teil würde ich auslassen und gleich auf die Uhr mit den Zeigern kommen, die immer noch auf fünf nach drei stehen. Das wäre ein guter Abschluss.

So das wäre geschafft, war nicht einfach, aber es sollten ja nur Anregungen für dich sein. Mit den Absätzen wird es dann ja sicher selber klappen. Mache das Beste daraus. Ich werde mir das Ganze auch noch einmal ansehen, wenn du es überarbeitet hast.

Viel Spaß dabei :D

Liebe Grüße Diavolo
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