[Humor]Fußball, von außen gesehen

Komödie, Satire, Parodie

[Humor]Fußball, von außen gesehen

Beitragvon anby77 » 08.07.2014, 09:31

Momentan gibt es ja ein großes Thema, das vieles andere an den Rand drängt. Das hat mich inspiriert, eine Glosse dazu zu verfassen. Ich habe sie mal - da es für Glossen keine eigene Kategorie gibt - mal unter "Lustiges" einsortiert, obwohl sie dafür wahrscheinlich doch etwas zu bissig ist.
Ich bin auf Eure Meinungen gespannt:
_______________________________________

Fußball, von außen gesehen:


Ein traditionell aus weißen Sechsecken und schwarzen Fünfecken zusammengenähte Lederkugel. Inzwischen haben sich aber andere Materialien und Teilstücke durchgesetzt. Das ist der Fußball von außen gesehen. Ende der Geschichte.

Nein, so einfach mache ich es mir nicht. Dieses Land braucht eine Außenansicht auf den Fußballwahn. Schließlich kostet der Satz „Ich hasse Fußball” hier mehr Überwindung als der Satz „Ich bin schwul”. Wenn gerade eine WM, EM, Championsleague oder UEFA-Cupfinale stattfindet, haben vermutlich selbst Satanisten und Kinderschänder mehr Mitgefühl zu erwarten als Fußballverweigerer. Schon für ein verschämtes „ich hab‛ da nich‛ so den Draht zu” wird man ganz mitledig angegafft und man sieht eine Frage auf der Stirn der Leute, die da lautet: „Was ist im Leben dieses Menschen nur falsch gelaufen?”
Ich kann mit der Lüge nicht mehr leben und bekenne, im vollen Bewusstsein der Konsequenzen, die meiner harren: „Ich hasse Fußball”. Ich hasse es, dass man von mir erwartet, eine Meinung zu einem Tor haben, das mehr als ein Jahrzehnt vor meiner Geburt, in einem Stadion das inzwischen abgerissen und neu gebaut wurde, gefallen oder vielleicht nicht gefallen ist. Ich hasse, wie die Züge aussehen, nachdem Fußballfans darin gereist sind. Ich hasse es, in der Innenstadt ohne Vorwarnung von wildfremden Beschickerten angetascht, umarmt und/oder vollgekotzt zu werden. Ich hasse es, wenn die Straßen von wild hupenden Autokorso blockiert werden. Ich hasse den Machismo im Fußball, dieses unreflektiert grölende Männlichkeitsideal, das diesem Sport in Deutschland anhaftet.

Natürlich habe ich als Kind auch Fußball gespielt. Das ist Teil des Schulsports, da kommt man nicht drum herum. Und dieser Fußball steht weder für Kameradschaft, noch für Fairplay noch sonst eine der Tugenden, die die Funktionäre ihrem Sport gern ans Revers heften. Fußball an Schulen ist eine Demütigung, wer schlecht Fußball spielt und deshalb – wenn überhaupt – nur als letzter in die Mannschaften gewählt wird, steht in der Hackordnung ganz unten und weil man dann die Zeit damit verbringt, ohne Ballkontakte zwischen den Strafräumen hin und her zu laufen, wird das fußballerische Gefälle immer größer.
Und wenn ich heute höre, wie die Mannschaften Kolumbiens und Brasiliens als „brutale Rumpeltruppen” bezeichnet werden, frage ich mich, wie die früher selber gespielt haben. Vermutlich haben sie nach einem Foul am Boden liegenden Mitspielern vorgeworfen, sie sollten sich nicht so memmenhaft verhalten und gefälligst weiter spielen. Ich hatte das Pech, dass der Sportlehrer auch so drauf war, weswegen ich einmal mit gebrochener Rippe weiterspielen musste und nicht mal einen Freistoß bekam. Daran zeigt sich wie gespalten das Weltbild im Fußball ist; wer man im Spiel einem Millionenverdiener wie Neymar die Knochen bricht, kriegt man Morddrohungen. Wenn man jemandem, der für‛s Fußball spielen außer blauen Flecken nichts bekommt, die Knochen bricht, bekommt man ein Lob für leidenschaftliche Einsatzbereitschaft.
Aber auch abseits des Platzes stehen Fußball und Gerechtigkeit in einem merkwürdigen Verhältnis zueinander. Wenn ein Unternehmer zwei Millionen im Jahr verdient, ist er ein gieriger Raffke. Wenn ein Profi-Fußballer zwei Millionen, betreibt schon Lohndumping. Und wenn ein Würstchenfabrikant, der nebenbei im Vorstand eines Fußballvereins sitzt, so viel verdient – wobei verdient, kann man da nicht sagen, er bekommt es halt – dass er siebenundzwanzig Millionen Euro an Steuern hinterziehen kann, wird die fällige Strafverfolgung zu „sozialneidischer Hetze gegen einen guten Mann, der besseres verdient, weil er so viel gutes getan hat”.

Wieso geben so viele Mensch Geld aus, um einer Veranstaltung beizuwohnen, die sie augenscheinlich nur besoffen über sich ergehen lassen können? Oder gibt es einen anderen Grund, warum man vor Fußballstadien überwiegend Gestalten antrifft, die über den Verlust der Muttersprache hinaus abgefüllt sind? Das ist eines der wenigen Dinge, die ähnlich großes Befremden auslösen können, wie sich als Fußball-Hasser zu erkennen zu geben: Während ein Fußballspiel läuft, Wasser, Tee oder sonst ein nicht-alkoholisches Getränk vor sich stehen zu haben. Da ist er wieder dieser komische Machismo. „Ein Mann muss Fußball mögen, zwischen Leber und Milz immer Platz für ein Pils haben und darf kein Weichei sein.” Ich sage: Ein Mann ist, wer nach dem Biergenuss den Weg zum Klo noch findet, dort seinen Penis benutzen kann, um dem Bier auf der Flucht aus dem Körper unmissverständlich den Weg in Richtung Schüssel zu weisen. Etwas, das auf den Toiletten in Fan-Zügen wohl eher selten gelingt.

Fußball ist ein Sport. Ein sehr verletzungsträchtiger Sport. Man kann also mit Fug und Recht sagen: Fußball verbindet. Oft mit Mull. Und das nicht nur Spieler, die vom Feld getragen werden müssen, sondern auch Fans, die meinen Rivalitäten, die außer ihnen niemand versteht, im öffentlichen Raum austragen zu müssen. Wenn Leidenschaften geweckt werden, machen sie niemanden zum einem besseren Menschen, sie verstärken jede Eigenschaften, die jemand hat. Begeisterung genauso wie Aggression. Also hört auf, den Fußball mit Werten, Moral und Symbolismus zu überfrachten. Das schafft Erwartungen, denen er - und auch jede andere Sportart - nicht gerecht werden kann.

So. Und jetzt gehe ich Bier für‛s Halbfinale kaufen.
Zuletzt geändert von anby77 am 24.08.2014, 22:41, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Fußball, von außen gesehen

Beitragvon HFillyen » 08.07.2014, 10:41

Hallo anby77,

ich habe mich gerade eben durch Deinen Text gelesen und ein paar meiner Eindrücke und Vorschläge vermerkt. Ich muss sagen, dass mir Dein Beitrag ausgesprochen gut gefallen hat und die Beschreibungen in der Regel äußerst treffend sind. Es hat Spaß gemacht, sich durch den Text hindurchzuwühlen. Die Rechtschreibung scheint äußerst gut zu sein, zumindest sind mir diesbezüglich keine Auffälligkeiten untergekommen. Auch der Rest wirkte sehr ansprechend.

anby77 hat geschrieben:Fußball, von außen gesehen:

Ein traditionell aus weißen Sechsecken und schwarzen Fünfecken zusammengenähte Lederkugel. Inzwischen haben sich aber andere Materialien und Teilstücke durchgesetzt. Das ist der Fußball von außen gesehen. Ende der Geschichte.

Sehr schöner Start in den Text.

Nein, so einfach mache ich es mir nicht. Dieses Land braucht eine Außenansicht auf den Fußballwahn. Schließlich kostet der Satz „Ich hasse Fußball” hier mehr Überwindung als der Satz „Ich bin schwul”.

An dieser Stelle musste ich etwas schmunzeln, aber es steckt schon eine nicht zu verachtende Portion Wahrheit in dieser Aussage.

Wenn gerade eine WM, EM, Championsleague oder UEFA-Cupfinale stattfindet, haben vermutlich selbst Satanisten und Kinderschänder mehr Mitgefühl zu erwarten als Fußballverweigerer.

Sehr heftig und provokant formuliert, aber durchaus noch in Ordnung. Beschreibt den "Fußballwahn" aus einer äußerst kritischen Perspektive.

Schon für ein verschämtes „ich hab‛ da nich‛ so den Draht zu” wird man ganz mitledig angegafft und man sieht eine Frage auf der Stirn der Leute, die da lautet: „Was ist im Leben dieses Menschen nur falsch gelaufen?”

An dieser Stelle musste ich schon wieder schmunzeln, derartige Reaktionen sind mir persönlich nämlich nicht fremd und wurden ausgezeichnet beschrieben.

Ich kann mit der Lüge nicht mehr leben und bekenne, im vollen Bewusstsein der Konsequenzen, die meiner harren: „Ich hasse Fußball”. Ich hasse es, dass man von mir erwartet, eine Meinung zu einem Tor haben, das mehr als ein Jahrzehnt vor meiner Geburt, in einem Stadion das inzwischen abgerissen und neu gebaut wurde, gefallen oder vielleicht nicht gefallen ist. Ich hasse, wie die Züge aussehen, nachdem Fußballfans darin gereist sind. Ich hasse es, in der Innenstadt ohne Vorwarnung von wildfremden Beschickerten angetascht, umarmt und/oder vollgekotzt zu werden. Ich hasse es, wenn die Straßen von wild hupenden Autokorso blockiert werden. Ich hasse den Machismo im Fußball, dieses unreflektiert grölende Männlichkeitsideal, das diesem Sport in Deutschland anhaftet.

Überspitzt formuliert, aber auch hier ist wieder ein Funken Wahrheit zu erkennen.

Natürlich habe ich als Kind auch Fußball gespielt. Das ist Teil des Schulsports, da kommt man nicht drum herum. Und dieser Fußball steht weder für Kameradschaft, noch für Fairplay noch sonst eine der Tugenden, die die Funktionäre ihrem Sport gern ans Revers heften. Fußball an Schulen ist eine Demütigung, wer schlecht Fußball spielt und deshalb – wenn überhaupt – nur als letzter in die Mannschaften gewählt wird, steht in der Hackordnung ganz unten und weil man dann die Zeit damit verbringt, ohne Ballkontakte zwischen den Strafräumen hin und her zu laufen, wird das fußballerische Gefälle immer größer. Und wenn ich heute höre, wie die Mannschaften Kolumbiens und Brasiliens als „brutale Rumpeltruppen” bezeichnet werden, frage ich mich, wie die früher selber gespielt haben. Vermutlich haben sie nach einem Foul am Boden liegenden Mitspielern vorgeworfen, sie sollten sich nicht so memmenhaft verhalten und gefälligst weiter spielen. Ich hatte das Pech, dass der (hier würde ich das "der", durch ein "mein" ersetzen) Sportlehrer auch so drauf war, weswegen ich einmal mit gebrochener Rippe weiterspielen musste und nicht mal einen Freistoß bekam. Daran zeigt sich wie gespalten das Weltbild im Fußball ist; wer man im Spiel einem Millionenverdiener wie Neymar die Knochen bricht, kriegt man Morddrohungen. Wenn man jemandem, der für‛s Fußball spielen außer blauen Flecken nichts bekommt, die Knochen bricht, bekommt man ein Lob für leidenschaftliche Einsatzbereitschaft.

Diese Passage sticht aus den bisherigen heraus. Hier fehlt mir persönlich etwas Biss, oder Humor.

Aber auch abseits des Platzes stehen Fußball und Gerechtigkeit in einem merkwürdigen Verhältnis zueinander. Wenn ein Unternehmer zwei Millionen im Jahr verdient, ist er ein gieriger Raffke. Wenn ein Profi-Fußballer zwei Millionen, betreibt schon Lohndumping. Und wenn ein Würstchenfabrikant, der nebenbei im Vorstand eines Fußballvereins sitzt, so viel verdient – wobei verdient, kann man da nicht sagen, er bekommt es halt – (diese Stelle liest sich sehr holprig und wirkt unfertig) dass er siebenundzwanzig Millionen Euro an Steuern hinterziehen kann, wird die fällige Strafverfolgung zu „sozialneidischer Hetze gegen einen guten Mann, der besseres verdient, weil er so viel gutes getan hat”.

Auch dieser Abschnitt fällt aus dem bisherigen Muster und könnte noch etwas Feinschliff vertragen.

Wieso geben so viele Mensch Geld aus, um einer Veranstaltung beizuwohnen, die sie augenscheinlich nur besoffen über sich ergehen lassen können? Oder gibt es einen anderen Grund, warum man vor Fußballstadien überwiegend Gestalten antrifft, die über den Verlust der Muttersprache hinaus abgefüllt sind?

Hier ist der bereits vermisste Humor wieder vorhanden. Besonders der letzte Satz hat für ein breites Grinsen gesorgt.

Das ist eines der wenigen Dinge, die ähnlich großes Befremden auslösen können, wie sich als Fußball-Hasser zu erkennen zu geben: Während ein Fußballspiel läuft, Wasser, Tee oder sonst ein nicht-alkoholisches Getränk vor sich stehen zu haben. Da ist er wieder dieser komische Machismo. „Ein Mann muss Fußball mögen, zwischen Leber und Milz immer Platz für ein Pils haben und darf kein Weichei sein.” Ich sage: Ein Mann ist, wer nach dem Biergenuss den Weg zum Klo noch findet, dort seinen Penis(das Wort will sich für mich nicht recht in den sonst witzig geschriebenen Abschnitt einfügen. "Schwengel" oder "Dödel" würde unter Umständen vielleicht besser passen.) benutzen kann, um dem Bier auf der Flucht aus dem Körper unmissverständlich den Weg in Richtung Schüssel zu weisen. Etwas, das auf den Toiletten in Fan-Zügen wohl eher selten gelingt.

Dieser Abschnitt ist ebenfalls wieder sehr gut gelungen.

Fußball ist ein Sport. Ein sehr verletzungsträchtiger Sport. Man kann also mit Fug und Recht sagen: Fußball verbindet. Oft mit Mull.

Sehr schön geschrieben.

Und das nicht nur Spieler, die vom Feld getragen werden müssen, sondern auch Fans, die meinen Rivalitäten, die außer ihnen niemand versteht, im öffentlichen Raum austragen zu müssen. Wenn Leidenschaften geweckt werden, machen sie niemanden zum einem besseren Menschen, sie verstärken jede Eigenschaften, die jemand hat. Begeisterung genauso wie Aggression. Also hört auf, den Fußball mit Werten, Moral und Symbolismus zu überfrachten. Das schafft Erwartungen, denen er – und keine andere Sportart dieser Welt – gerecht werden kann.

Dieser Abschnitt ist wie die Beiden weiter oben, wieder recht arm an Biss und Witz, hier passt es aber sehr gut und entlässt einen als Leser mit einem Stupser zum nachdenken aus dem Text.

So. Und jetzt gehe ich Bier für‛s Halbfinale kaufen.

Sehr schönes, versöhnliches, Ende.


MfG
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Re: Fußball, von außen gesehen

Beitragvon anby77 » 10.07.2014, 14:25

Danke für Deine Rückmeldung HFillyen,

Freut mich, dass Du Dich trotz der Schwächen amüsiert hast. Bei künftigen Glossen werde ich direkter und bissgehemmt schreiben.
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Re: Fußball, von außen gesehen

Beitragvon RayhamGreen » 21.07.2014, 14:17

Servus anby77,

mit deinem Text hier hast du mich wirklich eiskalt erwischt. :D

Grammatikalisch oder beim Thema Rechtschreibung ist mir kaum etwas störendes aufgefallen. Der Inhalt jedoch hatte es in sich.

Seid Jahren, ja seid ich denken kann bin ich Fußballfan. War immer schon und ohne Ausnahme Fan einer Mannschaft, die keinerlei Anerkennung bei meinen damaligen Schulkameraden im Ruhrgebiet fand.
Der Fußball hat mir meine Schulzeit nicht einfach gemacht :), aber dennoch war ich bereits in zahlreichen Stadien unserer Nation und habe " Veranstaltungen beigewohnt" sowie beinahe jedes spiel dieser Weltmeisterschaft gesehen.

Deine Glosse hat mich regelrecht gefesselt, ich merkte wie Ärger in mir hoch stieg, ich den drang hatte mich verteidigen zu müssen, bereits beim lesen Argumente sammelte, die ich dir in eine äußerst ausführliche, nicht beleidigende, aber durchaus bestimmt formulierten Antwort hätte schreiben können. Bis der letzte Satz mich nochmal einiges überdenken lies.

Ich musste feststellen, dass ich doch anscheinend einer dieser Leute bin, die du, besonders im ersten Teil beschrieben hast. Zwar pöbel ich nicht (ok, fast nicht), bin seltenst besoffen und das mit dem Zielen bekomme ich auch meistens noch hin, doch bin ich wohl ganz offensichtlich einer von denjenigen, die etwas gegen Personen haben, die was gegen Fußball haben.

Was bei mir jedoch vor allem hängen geblieben ist ist die Art und Weis, wie du es schafft mit meinen Emotionen zu spielen. Dieser Ärger, diese Freude beim letzen Satz, aber auch dieses Gefühl reingelegt worden, bzw. ins offene Messer gelaufen zu sein ist ganz großes Kino.


Und da ich es jetzt nicht mehr hinbekommen würde mit dem Ernst eines beleidigten Fußballfans sagen zu können, dass ich dich hasse, lasse ich es lieber :wink: und verbleibe

MfG Rayham Green

übrigens: Mia san Mia :D
Ich könnte dir deine Überlebenschancen ausrechnen, aber du wärst nicht begeistert.
-Marvin
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Re: Fußball, von außen gesehen

Beitragvon humankapitel » 20.08.2014, 11:29

Hallo anby77,

nach solch lobenden Kommentaren darf ich hoffentlich etwas kritischer daher kommen. Teilweise hat mir dein Text ausgesprochen gut gefallen und mir inhaltlich aus dem Herzen gesprochen. Ich fahre häufig Zug und habe zu wenig auf dem Zettel, wann ich gerade auf welchen Strecken mit rücksichtslosen Fußballfans zu rechnen habe. In anderen Teilen war es mir aber inhaltlich zu flach und grammatikalisch bzw. orthografisch zu wenig überarbeitet.

Fußball, von außen gesehen:


Ein traditionell aus weißen Sechsecken und schwarzen Fünfecken zusammengenähte Lederkugel. Inzwischen haben sich aber andere Materialien und Teilstücke durchgesetzt. Das ist der Fußball von außen gesehen. Ende der Geschichte.

Nein, so einfach mache ich es mir nicht.

Der Einstieg gefällt mir. Das aber würde ich weglassen, dann liest es sich flüssiger.

Dieses Land braucht eine Außenansicht auf den Fußballwahn. Schließlich kostet der Satz „Ich hasse Fußball” hier mehr Überwindung als der Satz „Ich bin schwul”.


Hier habe ich mich spontan geärgert. Implizit habe ich darin gelesen: Eigentlich sollte das Outing als Homosexueller größere Überwindung kosten. Vermutlich und hoffentlich war das nicht gemeint. Dadurch war ich aber kurzfristig vom eigentlichen Thema abgelenkt. Da ich inzwischen eingesehen habe, dass ich gar nicht so ungewöhnlich bin, geht es vielleicht anderen auch so. Deshalb empfehle ich, den Vergleich zu überdenken. Vielleicht könnte es etwas Witziges sein, weil gleich noch genügend Schärfe kommt, z. B. "Ich habe meine Großmutter hintergangen", oder etwas Illegales, z. B. "Ich habe eine Bank überfallen". Man kann eher zugeben, etwas Illegales getan zu haben als Fußball zu hassen! Da würde ich denken "Mannometer, das ist ja wirklich verrückt" und wäre voll im Thema.

Wenn gerade eine WM, EM, Championsleague oder UEFA-Cupfinale stattfindet, haben vermutlich selbst Satanisten und Kinderschänder mehr Mitgefühl zu erwarten als Fußballverweigerer. Schon für ein verschämtes „ich hab‛ da nich‛ so den Draht zu” wird man ganz mitleidig angegafft und man sieht eine Frage auf der Stirn der Leute, die da lautet: „Was ist im Leben dieses Menschen nur falsch gelaufen?”


Hier ist die Beurteilung der 'Satanisten' und 'Kinderschänder' nicht doppeldeutig wie oben das Outing. Trotzdem schwanke ich etwas, ob ich 'Schwerverbrecher' nicht bevorzugen würde. Den Vorteil deiner Lösung sehe ich in den konkreteren Bildern. Darin sehe ich zugleich einen Nachteil bei Lesern, denen genau diese Themen besonders wichtig sind. Sie könnten den Vergleich nicht als bewusst überspitzt, sondern als lächerlich überzogen wahrnehmen und deshalb hier aussteigen. Während ich hier so 'laut' darüber nachgrüble, komme ich zu dem Schluss, dass es den Preis wohl wert ist, konkret zu bleiben.

Den zweiten Teil des Absatzes finde ich wieder klasse. Was ist da nur falsch gelaufen? :D Nur ein bisschen viel Nebensatz zum flüssigen Lesen. Vielleicht besser "... angegafft. Auf der Stirn der Leute taucht / leuchtet die Frage auf: ..."

Ich kann mit der Lüge nicht mehr leben und bekenne, im vollen Bewusstsein der Konsequenzen, die meiner harren: „Ich hasse Fußball”. Ich hasse es, dass man von mir erwartet, eine Meinung zu einem Tor haben, das mehr als ein Jahrzehnt vor meiner Geburt, in einem Stadion das inzwischen abgerissen und neu gebaut wurde, gefallen oder vielleicht nicht gefallen ist. Ich hasse, wie die Züge aussehen, nachdem Fußballfans darin gereist sind. Ich hasse es, in der Innenstadt ohne Vorwarnung von wildfremden Beschickerten angetascht, umarmt und/oder vollgekotzt zu werden. Ich hasse es, wenn die Straßen von wild hupenden Autokorsos blockiert werden. Ich hasse den Machismo im Fußball, dieses unreflektiert grölende Männlichkeitsideal, das diesem Sport in Deutschland anhaftet.


Schöner Absatz! Vor allem das "und / oder" gefällt mir, weil ich mir unwillkürlich belustigt und angewidert vorstelle, dass alles gleichzeitig passiert.

Natürlich habe ich als Kind auch Fußball gespielt. Das ist Teil des Schulsports, da kommt man nicht drum herum. Und dieser Fußball steht weder für Kameradschaft, noch für Fairplay noch sonst eine der Tugenden, die die Funktionäre ihrem Sport gern ans Revers heften. Fußball an Schulen ist eine Demütigung, wer schlecht Fußball spielt und deshalb – wenn überhaupt – nur als letzter in die Mannschaften gewählt wird, steht in der Hackordnung ganz unten und weil man dann die Zeit damit verbringt, ohne Ballkontakte zwischen den Strafräumen hin und her zu laufen, wird das fußballerische Gefälle immer größer. Und wenn ich heute höre, wie die Mannschaften Kolumbiens und Brasiliens als „brutale Rumpeltruppen” bezeichnet werden, frage ich mich, wie die früher selber gespielt haben. Vermutlich haben sie nach einem Foul am Boden liegenden Mitspielern vorgeworfen, sie sollten sich nicht so memmenhaft verhalten und gefälligst weiter spielen. Ich hatte das Pech, dass der Sportlehrer auch so drauf war, weswegen ich einmal mit gebrochener Rippe weiterspielen musste und nicht mal einen Freistoß bekam. Daran zeigt sich wie gespalten das Weltbild im Fußball ist; wenn man im Spiel einem Millionenverdiener wie Neymar die Knochen bricht, kriegt man Morddrohungen. Wenn man jemandem, der für‛s Fußball spielen außer blauen Flecken nichts bekommt, die Knochen bricht, bekommt man ein Lob für leidenschaftliche Einsatzbereitschaft.
Aber auch abseits des Platzes stehen Fußball und Gerechtigkeit in einem merkwürdigen Verhältnis zueinander. Wenn ein Unternehmer zwei Millionen im Jahr verdient, ist er ein gieriger Raffke. Wenn ein Profi-Fußballer zwei Millionen, betreibt schon Lohndumping. Und wenn ein Würstchenfabrikant, der nebenbei im Vorstand eines Fußballvereins sitzt, so viel verdient – wobei verdient, kann man da nicht sagen, er bekommt es halt – dass er siebenundzwanzig Millionen Euro an Steuern hinterziehen kann, wird die fällige Strafverfolgung zu „sozialneidischer Hetze gegen einen guten Mann, der besseres verdient, weil er so viel Gutes getan hat”.


An diesem Absatz gefällt mir die persönliche Erfahrung. Zugleich hatte ich den Eindruck, dass du von der Emotionalität davon getragen wurdest und den Schreibstil aus dem Blick verloren hast. Bitte kürzere, knackigere Sätze! Beispiel: "Fußball an Schulen ist eine Demütigung. Wer schlecht Fußball spielt, wird als Letzter in die Mannschaften gewählt und steht in der Hackordnung ganz unten. Er verbringt die Spielzeit damit, ohne Ballkontakte zwischen den Strafräumen hin und her zu laufen. So wird das fußballerische Gefälle immer größer." Nach dem nicht erteilten Freistoß würde ich einen Absatz einbauen.

Wieso geben so viele Mensch Geld aus, um einer Veranstaltung beizuwohnen, die sie augenscheinlich nur besoffen über sich ergehen lassen können?

:lol:
Oder gibt es einen anderen Grund, warum man vor Fußballstadien überwiegend Gestalten antrifft, die über den Verlust der Muttersprache hinaus abgefüllt sind? Das ist eines der wenigen Dinge, die ähnlich großes Befremden auslösen können, wie sich als Fußball-Hasser zu erkennen zu geben: Während ein Fußballspiel läuft, Wasser, Tee oder sonst ein nicht-alkoholisches Getränk vor sich stehen zu haben. Da ist er wieder dieser komische Machismo. „Ein Mann muss Fußball mögen, zwischen Leber und Milz immer Platz für ein Pils haben und darf kein Weichei sein.” Ich sage: Ein Mann ist, wer nach dem Biergenuss den Weg zum Klo noch findet, dort seinen Penis benutzen kann, um dem Bier auf der Flucht aus dem Körper unmissverständlich den Weg in Richtung Schüssel zu weisen. Etwas, das auf den Toiletten in Fan-Zügen wohl eher selten gelingt.

Fußball ist ein Sport. Ein sehr verletzungsträchtiger Sport. Man kann also mit Fug und Recht sagen: Fußball verbindet. Oft mit Mull. Und das nicht nur Spieler, die vom Feld getragen werden müssen, sondern auch Fans, die meinen Rivalitäten, die außer ihnen niemand versteht, im öffentlichen Raum austragen zu müssen. Wenn Leidenschaften geweckt werden, machen sie niemanden zum einem besseren Menschen, sie verstärken jede Eigenschaften, die jemand hat. Begeisterung genauso wie Aggression. Also hört auf, den Fußball mit Werten, Moral und Symbolismus zu überfrachten. Das schafft Erwartungen, denen er – und keine andere Sportart dieser Welt – gerecht werden kann.


Über Leidenschaften und Eigenschaften bin ich nur versucht zu diskutieren. Ich verkneife es mir. Aber der letzte Satz ist unlogisch. Ohne Einschub steht dort, "... Erwartungen, denen er gerecht werden kann." Fügt man ein 'nicht' ein, stimmt der Nebensatz nicht mehr. Ich glaube, du willst sagen: "... Erwartungen, denen er - wie jede andere Sportart dieser Welt - unmöglich gerecht werden kann."

So. Und jetzt gehe ich Bier für‛s Halbfinale kaufen.

:lol:

Abschließend wünsche ich viel Gelassenheit bei DFB-Pokal, Bundesliga und was sonst noch so alles auf uns zukommt!
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Re: Fußball, von außen gesehen

Beitragvon anby77 » 24.08.2014, 22:40

Hallo,

tut mir leid, dass ich erst jetzt auf die jüngeren Kommentar reagiere; ich habe sie schlicht und ergreifend bis jetzt übersehen. Warum weiß ich nicht, und es ist natürlich mehr Erklärung als Entschuldigung.

zunächst mal @RayhamGreen:
Dein Kommentar ist ein ganz, ganz dickes Lob für mich, denn er zeigt, dass ich bei Dir genau das erreicht habe, was ich mit dem Text erreichen wollte.

Hier habe ich mich spontan geärgert. Implizit habe ich darin gelesen: Eigentlich sollte das Outing als Homosexueller größere Überwindung kosten. Vermutlich und hoffentlich war das nicht gemeint. Dadurch war ich aber kurzfristig vom eigentlichen Thema abgelenkt. Da ich inzwischen eingesehen habe, dass ich gar nicht so ungewöhnlich bin, geht es vielleicht anderen auch so. Deshalb empfehle ich, den Vergleich zu überdenken. Vielleicht könnte es etwas Witziges sein, weil gleich noch genügend Schärfe kommt, z. B. "Ich habe meine Großmutter hintergangen", oder etwas Illegales, z. B. "Ich habe eine Bank überfallen". Man kann eher zugeben, etwas Illegales getan zu haben als Fußball zu hassen! Da würde ich denken "Mannometer, das ist ja wirklich verrückt" und wäre voll im Thema.

Der Text ist eine Glosse. Er soll provozieren, polarisieren und polemisch sein. Und wenn ich ihn entschärfe und alles rausnehme, wodurch sich jemand auf die Füße getreten fühlen könnte, verliert er alles, was eine Glosse ausmacht. Man soll das, was in einer Glosse gesagt wird, lieben oder hassen, aber wenn es nur laue Gefühle weckt, hat man als Autor miserabel gearbeitet.
Außerdem war das ein sehr bewusst, aber vielleicht etwas zu subtil gesetzter Seitenhieb auf die im Fußball (angeblich) weit verbreitete Homophobie. Man denke nur an Thomas Hitzlsperger.
Zugleich hatte ich den Eindruck, dass du von der Emotionalität davon getragen wurdest und den Schreibstil aus dem Blick verloren hast. Bitte kürzere, knackigere Sätze! Beispiel: "Fußball an Schulen ist eine Demütigung. Wer schlecht Fußball spielt, wird als Letzter in die Mannschaften gewählt und steht in der Hackordnung ganz unten. Nach dem nicht erteilten Freistoß würde ich einen Absatz einbauen.

Interessant; die Idee hinter den längeren Sätzen war, den Eindruck eines "sich-heiß-redenden" oder zeternden Sprechers zu vermitteln. In gewisser Weise habe ich erreicht, was ich wollte: Den Eindruck zu erzeugen, dass die Ich-Figur emotional und leidenschaftlich wird. Ein Punkt ist eine Zäsur, die die Hitzigkeit, die ich hier vermitteln wollte, ersticken kann. Ich wollte dem Leser auf einer unter- oder halbbewussten Ebene Emotionen in den Kopf schreiben.
Den Stil selbst als Stilmittel einzusetzen, ist natürlich recht meta und verfehlt, wenn der Stil bewusst betrachtet wird, leicht seine Wirkung. Ich bin deshalb ein bisschen hin und her gerissen. Eigentlich ist die Schreibwerkstatt nicht der geeignete Ort für solche Texte. Texte können ja je nachdem, wie man sie liest, sehr unterschiedlich wirken. Ich habe den Eindruck, hier wird - da ja an den Texten gearbeitet wird - oft sehr analytisch und detailfixiert gelesen. Wenn man dagegen im Bus, einem Wartezimmer oder auf dem Klo liest, um Leerlauf zu überbrücken, liest man anders; emotionaler und bestimmt auch ein wenig oberflächlicher.
Mit dem Absatz hast Du uneingeschränkt Recht, wird eingefügt.
Aber der letzte Satz ist unlogisch. Ohne Einschub steht dort, "... Erwartungen, denen er gerecht werden kann." Fügt man ein 'nicht' ein, stimmt der Nebensatz nicht mehr. Ich glaube, du willst sagen: "... Erwartungen, denen er - wie jede andere Sportart dieser Welt - unmöglich gerecht werden kann."

Auch hier hast Du Recht, wird umgebaut.
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Re: Fußball, von außen gesehen

Beitragvon axumlaut » 28.08.2014, 20:21

Lieber anby77,

Deine Sprache finde ich angenehm klar. Von der Wortwahl und dem Stil geht der Text gut herunter. Er gefiel mir dennoch nicht.

Mein Problem mit dem Text ist, dass ich ihn thematisch langweilig finde. Ich interessiere mich zwar für Fußball. Das Problem ist: Das tut jeder, daher hat jeder etwas dazu sagen und es ist somit schwer, etwas interessantes dazu zu sagen. Dir ist das meines Erachtens nicht gelungen. Ich möchte das näher erläutern.

Beim Thema Fußball gibt es zwei gängige Positionen. Die erste lautet in etwa, dass der Fußball verbindet und für alles steht. Er wird philosophisch aufgeladen und als interessanter dargestellt als er ist. Das kannst Du in jedem zweiten Zeitungskommentar während eines Turniers lesen.

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Und so gibt es die umgekehrte Position, dass Fußball dumm, primitiv und Zeichen der Massenverblödung sei. Warum verdienen die soviel Geld und wie kann man es interessant finden, dass 22 Millionäre über den Platz laufen. Oft kommt auch der wenig originelle Vergleich zu den Gladiatorenkämpfen. Du weißt, wovon ich rede. Zu dieser Position zählt Dein Text.

Diese beiden Positionen geben mir nichts, denn ich höre sie täglich um die Ecke bei meinem Frisör.

Ich als Leser erwartet neue Aspekte von Literatur, nicht das, was ich täglich tausendfach höre. Man muss, finde ich, ein Gespür für diese langweiligen Allgemeinpositionen entwickeln und dann mit Ihnen spielen. Bloß niemandem nach dem Mund reden, sonst wird es langweilig, aber auch nicht renitent werden. Irgendwie muss Spannung entstehen, indem man zugestehen und widersprechen in Waage hält. Du kennst das aus täglichen Konversationen.

Ich dachte eigentlich, dass das bei Fußball unmöglich sei, weil alles ausgetreten ist. Ich wurde aber zuletzt positiv überrascht durch den Artikel Fußball in Brasilien von José Miguel Wisnik in der aktuellen Lettre International. Den halte ich für gelungen und das ist meine Vorstellung eines interessanten Artikels über ein eigentlich totes Thema.

Mit freundlichem Gruß
axu
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