Gedichtformen - Das Sonett

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Gedichtformen - Das Sonett

Beitragvon KleineLady1981 » 13.05.2015, 16:06

Hallo liebe Federfreunde.

Hier möchte ich euch die Grundregeln für ein Sonett nahebringen.

Ein Sonett ist in vier Strophen gegliedert und hat insgesamt 14 Zeilen. Auf zwei Quartette (Vierzeiler) folgen zwei Terzette (Dreizeiler). In seiner strengsten Form ist das Reimschema:

A b b a
a b b a
c d c
d c d


Natürlich gibt es auch weniger strenge Formen. So kann der Dichter sich auch die Freiheit nehmen, die Quartette besonders zu reimen. Z. B.

A b b a
c d d c
oder
a b a b
c d c d

usw.

Auch bei den Terzetten sind solcherlei Abweichungen erlaubt. Dennoch bleibt das Sonett eine der schwierigsten Gedichtformen überhaupt. Nicht wegen des oben genannten Schemas, sondern viel mehr wegen der inneren Struktur, die es erforderlich macht, die Inhalte nicht einfach nur in die Reime zu packen, sondern auf besonderer Weise zu ordnen.

Die Quartette stellen in diesem Fall die These und die Gegenthese des Gedichtes vor. Die Terzette bringen die Gegensätze abschließend zur Synthese. So stehen sich beide – Quartette und Terzette – in einem Verhältnis von Spannung und Entspannung, Erwartung und Erfüllung, Behauptung und Beweis, Voraussetzung und Folgerung gegenüber. Oftmals sieht man "wenn … dann" oder "da"-, "weil"-Konstruktionen.

"Er wusste nur vom Tod, was alle wissen:
Dass er uns nimmt und in das Stumme stößt.
Als aber sie, nicht von ihm fortgerissen,
nein, leis aus seinen Augen ausgelöst,

hinüberglitt zu unbekannten Schatten,
und als er fühlte, dass sie drüben nun
wie einen Mond ihr Mädchenlächeln hatten
und ihre Weise, wohlzutun:

da wurden ihm die Toten so bekannt,
als wäre er durch sie miot einem jeden
ganz nah verwandt; er ließ die andern reden

und glaubte nicht und nannte jenes Land
das gutgelegene, das immersüße -.
Und tastete es ab für ihre Füße."
(Der Tod der Geliebten von R. M. Rilke)

Das Thema ergibt sich fraglos aus dem Titel des Werkes (das sich, wie man an den Terzetten sieht nicht vollständig an das Reimschema hält). Zwei gegensätzliche Gedanken in den Quartetten. Einerseits die angstvolle Vorstellung des Mannes vom Tod ("Dass er uns nimmt und in das Stumme stößt.") und demgegenüber das sanfte Hinübergleiten seiner Geliebten ("hinüberglitt", " Mädchenlächeln", " wohlzutun").

Aufgelöst werden die beiden verschiedenen Vorstellungen vom Tod in den letzten beiden Strophen. Nun ist das Totenreich für ihn nicht mehr furchteinflößend ("das gutgelegene, das immersüße") und er hört nicht mehr – wie im ersten Vers angedeutet – auf das, was andere sagen ("er ließ die andern reden").

Ein Sonett sollte immer reflektierend sein, allein die Form verlangt schon nach gedanklicher Klarheit. Es genügt nicht, nur das Reimschema und die Strophenaufteilung zu berücksichtigen. Das ist es, was ein Sonett so schwierig macht und schon viele Dichter an dieser Gedichtform hat scheitern lassen.

Um einen größeren Zusammenhang zu erörtern, ist ein einzelnes Sonett natürlich zu kurz. Doch gibt es hier die Möglichkeit, einen Zyklus (Gedichtreihe) zu schaffen. Die höchste Form eines solchen stellt der Sonettenkranz dar. Dieser Kranz wird gebildet aus 15 Sonetten.

Bei den ersten 14 davon bildet der Schlussvers des vorangegangenen Sonetts jeweils die Anfangszeile des darauf folgenden. Im ersten Sonett ist der erste Vers die Schlusszeile des 14. Sonetts. Dadurch entsteht eine Ringkomposition.

Die Anfangszeilen der vorangegangenen 14 Sonette bilden nun das 15. und letzte im Zyklus. Damit stellt es die gedankliche Summe des ganzen Zyklus dar. Ein Beispiel werde ich hier nicht zitieren, das würde den Beitrag doch ziemlich sprengen.

Auf Wikipedia fand ich noch einen Hinweis auf Tenzone. Dabei handelt es sich wohl um ein Streitgespräch zwischen zwei Dichtern, wobei in einer strengen Form die Reim-Endungen des vorangehenden Sonetts aufgegriffen werden. Klingt für mich sehr interessant, aber ich muss auch gestehen, dass ich mich damit noch nicht auseinander gesetzt habe.

Was haltet ihr vom Sonett?
Habt ihr euch schon einmal daran versucht?
Ist es euch gelungen oder habt ihr aufgegeben?

Federgruß
KleineLady1981



Zusammenfassung der Begriffe:
  • Quartett = Vierzeiler
  • Terzett = Dreizeiler
  • Sonettenkranz = Zyklus von 15 Sonetten
  • Tenzone = Streitgespräch zwischen zwei Dichtern

Diese und mehr findest du auch im Wörterbuch.
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Re: Gedichtformen - Das Sonett

Beitragvon Leserättin » 16.05.2015, 07:29

Hallo,

schöne Zusammenfassung zum Sonett. Ich würde nur noch ergänzen, dass dies gerade im Barock eine hohe Bedeutung hatte. Im Zusammenhang mit dem Sonett sollte man vielleicht auch den Alexandriner erwähnen, ein Versmaß, das gerade im Barockzeitalter häufig im Sonett vorkam, aber auch noch später für viele Dichter interessant war.

Wer es nicht weiß:
Beim Alexandriner handelt es sich um einen jambisch alternierenden sechshebigen Reimvers, der eine Zäsur in der Mitte aufweist. Die Kadenzen können sowohl männlich als auch weiblich sein, wodurch Verse mit enweder 12 oder 13 Silben pro Vers entstehen.
Das wohl bekannteste Beispiel für ein Sonett mit Alexandrinern ist "Es ist alles eitel" von Andreas Gryphius (einfach mal danach googeln, kennt jeder noch von der Schulzeit).

Betonen möchte ich nochmal, dass der Alexandriner kein Muss für ein Sonett ist - meiner Meinung nach sollte man davon nur mal gehört haben.

Was haltet ihr vom Sonett?

Für mich eine der schönsten Gedichtformen.
Habt ihr euch schon einmal daran versucht?
Ist es euch gelungen oder habt ihr aufgegeben?

Versucht ja, aber aufgegeben. Es ist nicht leicht, gleichzeitig auf Metrum, Versmaß und Inhalt zu achten. Irgendwann versuche ich es vielleicht noch einmal.
Leserättin
 
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