[Humor]Geschichte vom guten Grafen vom Berge. Teil 1

Komödie, Satire, Parodie

[Humor]Geschichte vom guten Grafen vom Berge. Teil 1

Beitragvon Fuffinger » 03.11.2012, 17:54

„Ähnlichkeiten mit gewissen [...] Praktiken sind weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.“ (nach Böll)

„SCHADENFREUDE, f. [F]reude über den [S]chaden anderer […]weil .. das [L]ustspiel überhaupt immer etwas [S]chadenfreude bei dem [Z]uschauer voraussetzt oder erweckt.“
BRÜDER GRIMM. Deutsches Wörterbuch

IN Mitteldeutschland liegt ein beschauliches Städtchen, das den Fluss, welcher einst der angeblichen Heimat des Buchdrucks ihren Namen verlieh, gebärt. In eben diesem Städtchen sind alle Bürger zufrieden mit ihrem Leben und das verdanken sie ihrem Grafen, der hoch oben über der Siedlung in seinem gotischen Schloss mit vielen Ecken und Kanten und Türmen und Gewölben und Hallen sitzt. Entschließt man sich beispielsweise am roten Ufer des Flusses entlang zu spazieren und die Passanten nach ihrer Meinung über den Grafen zu fragen, hörte man einhellig: „Das ist ein herzensguter Mensch, der alle mit dem gebührenden Respekt begegnet und ganz anders ist als all die anderen Herrscher in unseren Landen.“
Am weißen Ufer erfährt man hingegen nur noch besseres über ihn: „Das ist ein ganz Großer; ein Hoffnungsträger! Er ist nicht nur gut zu seinen Bürgern und versteht sein Handwerk hervorragend; er kann auch so gut und charmant reden. Es macht einfach Spaß ihm zuzuhören, denn dieser Mann hat was zu sagen.“
Nun gibt es überall auf der Welt Herrscher, die bei ihrem Volk beliebt sind und allein da die Tatsache, dass dies auch von den Beherrschten in dem Maße geäußert wird, wie es eben hier geschieht, nicht eben von besonderer Relevanz erscheint, muss man allerdings bedenken, dass die Menschen, die an diesem Flecke lebten, nicht gerade bekannt dafür waren (und es auch heute sicherlich nicht sind), großartige Optimisten zu sein. Sie grantelten und meckerten was das Zeug hält, nichts war ihnen gut genug und auch schon die Laute, die sie als ihre Mundart bezeichneten legten die Vermutung nahe, dass hier – wie böse Zungen behaupten – nicht ein Mal gelebt, sondern eher so vor sich hin gestorben wird.
Je weniger der einfache Bürger mit sich selbst und vor allem mit dem Leben an sich zufrieden war, desto mehr wurde der Graf nicht etwa beneidet, sondern wie ein Idol verehrt. Alljährlich gab es zu der Zeit, in welcher in anderen deutschen Landen die Straßen üblicherweise von Narren regiert werden, eine Parade, deren einziger Sinn es war den Grafen zu ehren und ihm und seiner jungen und beliebten Familie zu huldigen. Für die Bürger war dies der höchste Feiertag im Jahre, denn ihre Lichtgestalt begab sich zusammen mit seinen liebsten vom hohen Berge hinab, um die Feierlichkeiten zu besehen. Lampions zierten die Laternen, Konfetti die Kanäle (die Stadt war zu jener Zeit noch vollständig schiffbar) und jeder Untertan, vom kleinsten Balge angefangen, über die strammen Burschen und den Mägden mit den rosigen Wangen und vollen Busen, bis hin zu den Großeltern - und den möglicherweise noch vorhanden den Ur-Großeltern – jeder dieser prachtvollen, meckernden Kreaturen hatte eine Maske auf, die das Gesicht des Grafen widerspiegelte.
Den Adeligen freute die Liebe, die ihm sein Volk entgegenbrachte sehr und deswegen nahm er den beschwerlichen Weg vom Hügel hinab in die Siedlung jedes Jahr aufs Neue nur zu gerne in Kauf. Bei dieser Gelegenheit, es war die einzige, die sich ihm bot, um mit seinen Schäfchen Kontakt aufzunehmen, gelobte er ein treuer und schützender Herrscher zu sein und immer Recht zu tun und niemals zu lügen und überhaupt sich selbst an den höchsten moralischen Idealen zu messen, denn „was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu!“, so oder so ähnlich hatte Kant gesprochen. Basta!
Jedes Jahr nach dieser Ansprache, stieg der Graf, dessen Namen im Übrigen an dieser Stelle verraten werden soll (DE MONTBON) abermals den Berg hinauf, um auch ja wieder auf seine Untergebenen herab sehen zu können. Er schritt durch ein gespenstisches Ambiente, nämlich einen dunklen Wald, der Berg von Tal trennte und überquerte den noch jungen und reißenden weißen Fluss. Der Weg war steinig und schwer, steil und durch schlangenförmige Serpentinen geprägt, doch da der Montbon ja noch jung war und er moralische Stütze durch seine Familie erhielt, kam es ihm vor wie ein als bedeute es rein gar keine Arbeit den Gipfel mit dem Schloss und seinen vielen Ecken und Kanten und Türmen und Gewölben und Hallen zu erreichen. Für gewöhnlich tat der Graf de Montbon nach diesen Anstrengungen erst ein mal eine Zeit lang nichts, außer dass er sich um seine Familie kümmert. Nach einiger Zeit begann er die Tagesgeschäfte aufzunehmen, was allerlei Arbeit bedeutete. Er wähnte sich dort oben bereits im Himmel auf Erden, doch eines Tages sollte ihn die Vergangenheit einholen.
Dieser Tag begann mit dem Morgen des Abends vor der Geburt unseres Herrn, den Montbon mit ein wenig Frühsport sowie dem Verzehr einer Tasse Kaffee und eines Schokoladencroissants zu verbringen pflegte. Plötzlich kam sein Sohn eilig in die Kemenate und hatte den Fernsprechapparat in der Hand: „Papa, s ist für dich!“. Der Graf meldete sich mit seinem Namen und erbat den Grund der Störung und vor allem den Namen des Störers.
„Hier sprich ihr guter alter Doktor Vater. Ich wollte ihnen nur eben schnell meine besten Weihnachtsgrüße übersenden. Was machen Weib und Kinder?“
„Oh, Herr Vater, das ist ja schön, dass sie sich melden.“, sprach Montbon „Ihnen ebenfalls eine frohe Weihnacht. Meiner Familie geht es gut, bin ich doch schließlich ein verantwortungsvoller und fürsorglicher Vater.“
„Nanana, Herr de Montbon. Da wollen wir den Doktor doch wohl nicht vergessen, wenn sie uns anreden.“, sagte Vater tadelnd.
„Das tut mir Leid, Herr Doktor Vater. Aber ich bin nun ein Mal doch ein wenig im Weihnachtsstress. Ich habe die letzten Wochen ausschließlich mit dem Einkaufen von Geschenken verbracht, die jetzt im ganzen Schloss verteilt sind. Offenbar habe ich jetzt die Übersicht verloren.“
„Um ehrlich zu sein“, sagte Dr. Vater „Ich interessiere mich für ihren privaten Angelegenheiten doch eher peripher. Die Übermittelung von weihnachtlichen Grüßen war auch nicht der einzige Grund meines Anrufes. Ich wollte sie auch gerne mahnen endlich ihre Doktorarbeit abzugeben. Ich gab ihnen so viele Vorschusslorbeeren und jetzt kommt nichts. Ich verkomme langsam aber sicher schon zum Gespött meiner Kollegen.“
De Montbons Kehle war wie zugeschnürt. Er musste sich arg zusammenreißen, um antworten zu können, doch konnte er sich später daran erinnern, dem Doktor versprochen zu haben die Arbeit bis zum Dreikönigstag abgegeben zu haben. Wie er dies anstellen wollte, blieb freilich sein Geheimnis. Er trank einen Cognac und schlief ein, bis zum nächsten Morgen.
We dance round in a ring and suppose,
But the Secret sits in the middle an knows.
Fuffinger
 
Beiträge: 8
Registriert: 03.11.2012, 16:31
Wohnort: Saarbrücken/Rubenheim

Re: Geschichte vom guten Grafen vom Berge. Teil 1

Beitragvon SophieGirly » 24.03.2013, 13:57

Hallo erstmal :D ich habe mich gewundert dass du zu deiner Geschichte überhaupt keine Rückmeldungen bekommen hast, deswegen gebe ich dir ein kleines Feedback.
Nur eine Frage habe ich: Ich bin mir nicht im Klaren darüber was diese Geschichte bei "witzige Kurzgeschichten" zu suchen hat. Sie hat mir schon gefallen aber bis auf einige lustige Sätze war sie für mich eher ernst (wenn du verstehst was ich meine). Aber vielleicht ist das nur so weil ich den zweiten Teil nicht kenne. Ich lass mich mal überraschen :mrgreen:

Mir gefällt dir Stelle:

in seinem gotischen Schloss mit vielen Ecken und Kanten und Türmen und Gewölben und Hallen sitzt.


Etwas weiter unten kommt dann eine Wiederholung:

mit dem Schloss und seinen vielen Ecken und Kanten und Türmen und Gewölben und Hallen zu erreichen.


Die Wiederholung macht das ganze für mich irgendwie total spannend, ich habe keine Ahnung wieso :mrgreen:

Entschließt man sich beispielsweise am roten Ufer des Flusses entlang zu spazieren und die Passanten nach ihrer Meinung über den Grafen zu fragen, hörte man einhellig:


Hier bist du aus der Gegenwert in die Vergangenheit gerutscht.

Eine Sache verstehe ich nicht. Du hast geschrieben

Alljährlich gab es zu der Zeit, in welcher in anderen deutschen Landen die Straßen üblicherweise von Narren regiert werden


Dadurch habe ich an Karneval gedacht... ist das jetzt richtig oder falsch? Weil weiter unten ist die Rede von Weihnachten. Das hat etwas Verwirrung bei mir gestiftet.

Sonst fand ich deine Kurzgeschichte sehr schön. Daumen hoch :wink:
SophieGirly
Geburtstagskind
Geburtstagskind
 
Beiträge: 31
Registriert: 26.02.2013, 18:10
Wohnort: Koblenz
Blog: Blog ansehen (2)

Re: Geschichte vom guten Grafen vom Berge. Teil 1

Beitragvon Eleyna » 05.12.2014, 00:17

Hi Fuffinger,

das ist eine wirklich schöne Geschichte und es hat echt Spaß gemacht sie zu lesen. Mir gefällt vor allem wie du beschreibst. Wie zum Beispiel diese Stelle hier:

Lampions zierten die Laternen, Konfetti die Kanäle (die Stadt war zu jener Zeit noch vollständig schiffbar) und jeder Untertan, vom kleinsten Balge angefangen, über die strammen Burschen und den Mägden mit den rosigen Wangen und vollen Busen, bis hin zu den Großeltern - und den möglicherweise noch vorhanden den Ur-Großeltern – jeder dieser prachtvollen, meckernden Kreaturen hatte eine Maske auf, die das Gesicht des Grafen widerspiegelte.


Der Satz ist zwar ziemlich lang, aber das finde ich eigentlich nicht schlimm. Die Art und Weise wie du die verschiedenen Personen (Balge, Burschen, Mägde,...) beschreibst, beeindruckt mich. Ich wünschte mir würden beim Schreiben mehr solche abwechslungsreichen Ausdrücke einfallen :)

Der Weg war steinig und schwer, steil und durch schlangenförmige Serpentinen geprägt, doch da der Montbon ja noch jung war und er moralische Stütze durch seine Familie erhielt, kam es ihm vor wie ein als bedeute es rein gar keine Arbeit den Gipfel mit dem Schloss und seinen vielen Ecken und Kanten und Türmen und Gewölben und Hallen zu erreichen.


...und er von seiner Familie moralisch unterstützt wurde... würde mir besser gefallen, aber das ist Geschmackssache :)

Dein Text lässt sich flüssig lesen, trotz der vielen Schachtelsätze und ich bin gespannt auf Teil 2 :D

Liebe Grüße,
Eleyna
You got to fight for all that you believe in!
Benutzeravatar
Eleyna
 
Beiträge: 37
Registriert: 11.08.2011, 13:54
Wohnort: Märchenland


Zurück zu Lustiges

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste