[Sonstiges]Graubarts Beute

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Re: Graubarts Beute

Beitragvon anby77 » 02.04.2015, 17:44

Die juristische Ausdeutung der Situation interessiert mich weniger. Weil sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ohnehin nicht zum Tragen käme. Armin stellt sich nicht die Frage ob er das was da passiert will oder nicht will. Dafür ist er viel zu sehr damit beschäftigt, rauszufinden ob das gerade wirklich passiert. Wie gesagt: Armin weiß nicht, was von der Sache halten soll. Deshalb geht er den Weg des geringsten Widerstandes und versucht aus der Tatsache, dass seine Chefin ihn vernaschen will, das Beste zu machen. Er stimmt nicht ausdrücklich zu. Aber daraus kann man nicht zwingend, dass es gegen seinen Willen geschieht, es bedeutet nur, dass sein Wille nicht geäußert und man nicht weiß, ob er es will oder nicht.
Armins Verstand sagt: "Finger weg, das gibt nur Ärger". Aber sobald Frau Graubart in der Nähe ist, sagen die Hormone: "Verstand du hast jetzt Sendepause, wir übernehmen". Und hinterher blickt Armin zurück und begreift nicht, wie das jetzt schon wieder passieren konnte. Er schwankt zwischen Wollen, Nicht-Wollen und Nicht-Begreifen-wie-ihm-geschieht hin und her.
Hier wird sehr in Vordergrund gerückt, wie man die Sache wohl sehen würde, wenn es eine Frau bzw. ein Kind ginge. Aber Armin ist weder eine Frau noch ein Kind sondern ein erwachsener Mann. Und als solcher muss er, wenn hinterher erzählt, er sei zum Sex gezwungen worden, mit Sprüchen rechnen von wegen: "Wie soll das gehen, du bist doch größer und stärker als sie" oder "Zum Sex gezwungen, bist du schwul oder was?". Man mag diese Sprüche daneben finde, aber das heißt weder dass sie nicht kommen, noch dass sie (bzw. die Angst, dass sie kommen könnten) Armin unbeeindruckt lassen.
Dazu kommt: Frauen haben einen beträchtlichen Glaubwürdigkeitsvorschuss, auf den sehr schnell noch der "armes-schwaches-Opferbonus" drauf kommt. Egal wie viele Ohrfeigen eine Frau einem Mann verpasst, sobald er ein einziges Mal zurück schlägt, wird er als brutaler Schläger und die Frau als armes schutzbedürftiges Opfer wahrgenommen. Wenn hinterher er sagt: "Ich habe zwar nichts gesagt aber auch nicht zugestimmt, ich wollte das nicht" und sie "so wie er mitgegangen ist, hatte ich keinerlei Zweifel, dass er Spaß dran hat und will dass ich weiter mache. Dass er jetzt was anderes behauptet ist gelogen, wahrscheinlich hofft er auf ein paar schnelle Euro", wird man eher ihr als ihm glauben.
Langer Rede kurzer Sinn: Wenn ein Mann Opfer von - eigentlich egal was eine Frau mit einem Mann anstellen kann - wird, stehen ihm nicht dieselben Möglichkeiten offen, die eine Frau hätte, wenn die Situation anders herum wäre. Wenn ein männlicher Chef eine weibliche Angestellte so überrumpelt, ist die Gefahr, dass das ganze vor Gericht landet, deutlich größer als wenn eine weibliche Chefin das mit einem männlichen Angestellten tut. Das mag man falsch finden, aber so es nun mal aus. Armin und Frau Graubart wissen das und dieses Wissen wirkt sich darauf aus, wie sie die Situation interpretieren.

Meiner Erfahrung nach haben Frauen, die sich in den Kopf gesetzt haben, mit einem Mann zu schlafen, die Möglichkeit, dass der das vielleicht gar nicht will, in den seltensten Fällen auf dem Radar. Einer Frau, die nackt vor einem zu steht, zu sagen, "nö ich hab' grad keine Lust" provoziert die schönsten "error does not compute"-Gesichter. Wenn das nicht so oft Krisen von wegen: "Ich bin ja so hässlich niemals mich wieder einer haben wollen" oder - wenn es in einer Beziehung passiert - "er liebt mich nicht mehr", "er hat eine andere, die es ihm besser besorgt" nach sich zöge, wäre das beinahe witzig. In einer solchen Situation ist mit der Frau zu schlafen, auch wenn man eigentlich gar nicht scharf darauf ist, einfach der Weg des geringsten Widerstandes. Gut, technisch gesehen liegt da eine Nötigung vor, aber wenn Armin Frau Graubart machen lässt, um Stress zu vermeiden, wird er sich den viel größeren Stress, den eine Anzeige nach sich zieht, garantiert auch nicht geben. Noch ein Grund, warum Frau Graubart keine juristischen Konsequenzen zu fürchten hat.
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Re: Graubarts Beute

Beitragvon Libelle » 02.04.2015, 18:53

anby77 hat geschrieben:Aber sobald Frau Graubart in der Nähe ist, sagen die Hormone: "Verstand du hast jetzt Sendepause, wir übernehmen".

Wenn das deutlich werden würde, würde mir das persönlich schon reichen. Zudem würdest du meiner Meinung nach den Konflikt zwischen Verstand und Hormonen besser herausstellen.
Wenn sich Armin hinterher doch umentscheidet, dann ziehen deine Begründungen, dass er ja etwas hätte sagen oder sich wehren können, anstatt sofort spitz wie Fiffi zu werden und sich willig von Graubart vernaschen zu lassen. Das lenkt einfach von den juristischen Fragen ab, die sich manch einer (so wie ich) beim Lesen stellen könnte. Ich frage mich bei sowas immer: Wer verklagt wen?

Übrigens habe ich vorgestern eine FPS (keine Sorge, nicht grafisch) entdeckt, bei der ich direkt an dich denken musste. Laut OP würde es gerade zu einem Gerichtsverfahren kommen, obwohl ein (ausgebeuteter) Mann das Opfer ist.
Leider kann ich mich gerade an keine Geschichte erinnern, wo sich ein weiblicher Hamplanet über einen normalen »Armin« hermachte. (Ich lese zu viel von dem Zeugs und bin daher geprägt.)
Hm, vielleicht diese Geschichte, da beschreibt der Mann, welche Utensilien die Frau benutzt. (Und die Frau ist so schwer, dass er sie nicht einfach abschütteln kann. Zudem liegt er hilflos auf dem Futon. Klingt nach geiler Sexgeschichte, ist es aber nicht. Und die Schilderung ist auch nicht FSK18, keine Sorge.)

In einer solchen Situation ist mit der Frau zu schlafen, auch wenn man eigentlich gar nicht scharf darauf ist, einfach der Weg des geringsten Widerstandes.

Und wenn sich eine überproportionierte nackte Frau im Treppenhaus vor dich stellt und dich nicht vorbeilassen will, ehe du sie ordentlich rangenommen hast, gehst du dann auch den Weg des geringsten Widerstands oder rufst du nicht lieber schnell die Polizei, auch wenn die Dame deine Vermieterin/Kreditgeberin/Schwiegermutter/irgendwaswichtiges ist?
Anderes Beispiel: Du hast eine schwangere Verlobte, die du bald heiraten willst, und plötzlich ist diese hübsche Nachbarin scharf auf dich. Gehst du dann auch den Weg des geringsten Widerstandes, um den Hausfrieden zu bewahren? Wie lange? (Die Wohnung ist übrigens eine teuer erkaufte Eigentumswohnung, nicht dass du jetzt meinst, schnell umziehen zu können.)
Was soll ein Schwuler machen, der beim Anblick der Dame keinen Ständer bekommt? Wie lautet für ihn der Weg des geringsten Widerstands? Penispumpe und ran ans Werk?
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Re: Graubarts Beute

Beitragvon anby77 » 07.04.2015, 15:13

Armin hat keine schwangere Verlobte, Libelle und Frau Graubart ist auch nicht seine Nachbarin (und ich bin auch nicht mit Armin identisch; was er empfindet und tun würde ist nicht unbedingt das, was ich empfinden und tun würde). Welchen Zweck hat es, eine Situation nach der anderen zu entwerfen, in der man eine Vergewaltung oder zumindest eine Nötigung sehen würde, wenn es nicht die zwischen Frau Graubart und Armin tatsächlich stattfindende Situation ist?
Du schlägst mir immer wieder vor, dass Armin etwas a priori von der ersten Zeile an empfinden soll, das ich ihn im Verlauf der Geschichte schrittweise erkennen lassen will. Was Armin Deiner Ansicht nach empfinden soll, ist (in etwa) der Endpunkt, zu dem ich hin will. Aber wie soll ich den Weg, den Armin dahin geht schildern, wenn ich da anfange? Das ist, als hätte Bob Ross seine Sendungen mit fertigen Bildern angefangen, anstatt dem Zuschauer vorzuführen, wie sie entstehen.

Und anscheinend hast Du ein konkreteres Bild von meinen Figuren als ich selber. Ich habe über Gewicht und Statur der Figuren nichts geschrieben, weil Äußerlichkeiten für die Geschichte nicht so wichtig sind wie die Charaktere. Deshalb wollte ich das Aussehen so weit wie möglich der Phantasie des Lesers überlassen. Aber dass dabei "so fett und hässlich, dass sie's nötig hat, Männer zu vergewaltigen" rauskommt, überrascht mich, war so nicht vorgesehen, und passt mir auch nicht so recht in den Kram. Ich schätze, ich muss, was das Aussehen anbelangt, doch etwas konkreter werden...
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Re: Graubarts Beute

Beitragvon Libelle » 07.04.2015, 18:39

@Anby77

Kennst du die Funktion von Beispielen? Die Beispiele sollten dir etwas verdeutlichen. Ich habe nirgendwo behauptet, dass dass direkt etwas mit Armin zu tun hätte, sondern eher mit deiner pauschalen Behauptung, dass Männer lieber ihren Docht wo reinstopfen, um sämtlichen Problemen aus dem Weg zu gehen. Wenn Armin so ein Typ ist, ok, kann ich mit leben, sollte nur deutlich werden. (Ich hatte ihn nach den ersten paar Zeilen allerdings eher als Mann mit relativ viel Rückgrat, wenn auch irgendwo ein bisschen dümmlich, vor Augen gehabt.)

Ich hatte mehrere Vorschläge unterbreitet, wie man die negativen Assoziationen umgehen könnte. Was du daraus machst, bleibt dir überlassen. Ist ja deine Geschichte, nicht meine. Ich habe dir lediglich aus Viellesersicht geschildert, was mir persönlich beim Lesen deiner Zeilen durch den Kopf ging, wo für mich persönlich momentan das Problem liegt in Bezug auf dein Vorhaben. Mir schwebt keineswegs der Vorschlaghammer vor, auch wenn du es vielleicht in meine ausführlichen Beiträgen so hineininterpretierst.

Ein Vorschlag war unter anderem, den Erzähler (= Armin) Frau Graubart näher beschreiben zu lassen.
Ein halbwegs geschickter Autor, der ein Vorhaben wie du mit der Gefühlsentwicklung umsetzen wollte, der geht es nicht so an: »Mann, ist das eine heiße Schnecke mit ihrem Miniminirock und blablabla, ich will sie am liebsten flachlegen« oder »Ups, schon sprang sie auf mich und dann war’s auch schon vorbei, mein Füller juckt seitdem an der Spitze, hoffe ich muss nicht nochmal ins Büro«, sondern lässt den HC beschreiben, was er sieht. Was zum Beispiel ist dieser strenge Blick? Ist es der seiner alten, verschrumpelten Grundschullehrerin, die auch keinen Widerspruch duldete? Diese kleinen, hinterhältigen Knopfaugen, die längst an Farbe verloren haben unter den herabhängenden Schlupflidern?

Vielleicht ist er sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht über seine Gefühle (oder was auch immer) im Klaren. Als Leser will ich ehrlich gesagt auch nicht schon nach ein paar Zeilen damit zugesülzt werden. Aber aufgrund der (detaillierteren) Beschreibung des Gegenübers kann man fühlen/nachvollziehen, dass Armin hier dem Leser keine Vergewaltigung (durch eine fette Trulla oder wen auch immer) verschweigt, sondern dass er irgendwas »Geiles« mit einer Frau, die zu attraktiv ist, als dass er seinen Füller lieber mit Säure übergösse, erlebt. Ein Erlebnis, das er vielleicht zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht ganz verarbeitet hat, aber bei dem klar ist, dass er nicht abends den Anwalt kontaktiert, zwei Wochen später den Seelenklemptner anruft, aus dem Fenster springt vor Scham oder sich einen Tripper eingefangen hat, sondern das ihn auf andere, positive Art noch beschäftigen wird.

So, aber des war’s jetzt von meiner Seite. Will dich ja nicht vom Schreiben abhalten.
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