[Sonstiges]Graubarts Beute

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[Sonstiges]Graubarts Beute

Beitragvon anby77 » 12.03.2015, 21:53

Hallo zusammen,

ich habe hier (mal wieder) eine Ideenskizze, die einzusortieren mir ein bisschen schwer fällt. Was denkt Ihr über die Figuren, über die Vorgänge, die Art wie sie kommunizieren? Ich freue mich auf Feedback
______________________________________
Ich hatte zwei Wochen bei Graubart Im- und Export gearbeitet, als die Chefin mich das erste Mal in ihr Büro bestellte. Es war schon etwas ganz anderes als das Kabuff, in dem wir Buchhalter arbeiteten. Schon das Vorzimmer war beeindruckend. Ein Schreibtisch, so groß, dass man darauf hätte Ping-Pong spielen können. Und zwar ohne vorher große Stapel mit Belegen und Quittungen wegzuräumen. Frau Graubarts Sekretär verrichtete seinen Job anscheinend mit nichts weiter als einem Smartphone und einem niegelnagelneuen Macbook. Bis auf den Wandkalender war das Büro anscheinend völlig papierlos. In meinem Konfektionsanzug fühlte ich mich, verglichen mit dem Maßanzug des Sekretärs wie ein Schmutzfleck in einer ansonsten völlig durchgestylten Welt. Das Hand des Sekretärs vibrierte und mit einer wortlosen Geste schickte er mich zur Chefin.

Sie saß hinter einem großen Glastisch, der den Blick auf ihren etwas zu hoch gerutschten Rock frei gab.
„Sie sehen blass aus. Kommen sie nicht genug an die Sonne?”
Ich hatte eine Menge Varianten des Gesprächs durchgespielt, aber das Thema war in keiner davon vorgekommen. Außerdem wurde mir siedendheiß bewusst, dass ich immer noch den Rand ihres Rockes anstarrte. Ich zwang mich, ihr ins Gesicht zu sehen und stammelte etwas von hellem Hauttyp und Sonnenbrand.
Die Art, wie sie ihr Haar zurück gekämmt hatte und mich über den Rand ihrer Brille hinweg musterte, ließen keinen Zweifel daran, wer hier das Sagen hatte.
„Nun gut. Mir ist wichtig, dass meine Mitarbeiter auf ihre Gesundheit achten.”
Es fiel mir zusehends schwer, ihrem Blick stand zu halten.
„Ihr Anzug; scheußliche Farbe, steht ihnen gar nicht. Da muss was passieren.”
„Was kann ich für sie tun?” fragte ich, nachdem ich den Kloß in meinem Hals herunter geschluckt hatte. „Sie haben mich doch bestimmt nicht her bestellt, um meine Garderobe zu begutachten?”
„Ich überzeuge mich gerne selbst davon, dass neue Mitarbeiter sich gut bei uns einleben. Gefällt Ihnen ihre Arbeit?”
„Es ist Buchhaltung. Mir gefällt vor allem der Gehaltsscheck am Ende des Monats.
„Nun, sie sind ehrlich. Gefällt mir. Wir sind hier fertig.”
So ein merkwürdiges Chefgespräch hatte ich noch nicht erlebt. Noch während ich ratlos im Vorzimmer stand, und mich fragte, ob der Sekretär vielleicht ein wenig Erleuchtung beisteuern könnte, drückte er mir zwei Dinge in die Hand: Die Mitgliedskarte eines Fitnessstudios und die Visitenkarte eines Schneiders.
„Sie lassen heute 16:30 ihre Maße nehmen. Die Rechnung wird übernommen.”
Dann wies er mir wortlos den Weg zur Tür.

„Schneider” war eine maßlose Untertreibung. Tempel der Herrenmode traf es besser. „Ich glaube, sie sind hier falsch,” sagte ein Angestellter, nachdem er meinen Anzug gemustert hatte. „Karstadt ist wohl eher ihre Preisklasse. Zwei Straßen diese Richtung,” fügte er, nach Westen weisend hinzu.
„Man hat mir diese Visitenkarte gegeben und mir gesagt, ich hätte einen Termin.”
Er nahm die Karte an sich, musterte sie wie einen Geldschein, den man für eine Blüte hält und gab sie mir schließlich zurück. „Armin Steinbacher?” Ich nickte. „Sie sind unpünktlich, es ist 16:17.” Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ er mich stehen.
Dreizehn Minuten später kam er zurück und führe mich ein Separée. „Ziehen sie sich aus und stellen sie sich hier drauf.” Außer vielleicht bei meiner Musterung hatte ich mich noch nie so nackt gefühlt wie während dieses Vermessen-Werden. Während der ganzen Prozedur wurde kein Wort gesagt, nur kräftig an mir gezogen, um meine Gliedmaßen in Position zu bringen. Mit einem trockenen „Warten Sie hier,” wurde die Prozedur beendet.
Unschlüssig, was von mir erwartet wurde, fing ich nach ein paar Minuten an, mich wieder anzuziehen. Nachdem ich den zweiten Hemdknopf geschlossen hatte, kam der Angestellte zurück, hielt mir einen Anzug ins Gesicht und forderte mich auf, ihn anzuprobieren.
Ich hatte keine Ahnung, dass ein Anzug so gut sitzen konnte. Bisher waren Anzüge Arbeitskleidung gewesen, die zwar zum Job gehörten, aber wie eine Verkleidung wirkten. Dieser schien mich zu einem neuen Mann zu machen. Entsprechend überrascht war ich, als der Angestellte meinte: „Naja, vorerst wird es gehen.” Nachdem er mich noch ein wenig gemustert hattet, fügte er hinzu: „Das Hemd passt nicht zu ihrem Hauttyp, bin gleich wieder da.” Er kam mit einem weiteren Anzug und Hemden in verschiedenen Farben zurück. „Sie sollten über Bräunungscreme nachdenken, das erweitert ihre Farboptionen” sagte er, nachdem er mir eine ganze Reihe Hemden an den Hals gehalten und verworfen hatte. „Der Vampirlook ist Gottseidank out”. Ich zog das eine übrig gebliebene Hemd und den zweiten Anzug an. „Ja, so kann man Sie auf die Straße lassen,” meinte der Angestellte selbstzufrieden. „Soll ich das da,” er meinte offensichtlich den Anzug, mit dem ich gekommen war, „für sie entsorgen oder einpacken?” „Einpacken bitte, aber vorher – mein Portemonnaie...”
„Natürlich, wann sind Sie privat erreichbar?”
„Normalerweise so ab sechs Uhr abends, die Nummer...”
„Die haben wir von Frau Graubart bekommen.”
„Wie viel schulde ich Ihnen?”
„Frau Graubart,” war alles, was ich als Antwort bekam, während ich aus dem Laden geführt wurde.

Kleider machen Leute. Wie sehr erfuhr ich, als ich am nächsten Morgen in einem der neuen Anzüge zur Arbeit kam. Die Blicke der Kollegen folgten mir, Gespräche hörten auf, ich hatte die Wirkung, auf die Frauen mit prachtvollen Abendkleidern abzielten. Es fühlte sich gleichzeitig gut und beunruhigend an, so im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen.
Kurz vor der Mittagspause klingelte das Telefon. „Die Chefin wünscht sie zu sehen”. Bevor ich antworten konnte, wurde die Verbindung auch schon wieder beendet. Also macht eich auf den Weg in die Chefetage. Das Vorzimmer war nicht besetzt, die Tür zum Büro der Chefin nur angelehnt. Ich öffnete sie etwas weiter und sah, dass sie am Fenster stand und per Headset telefonierte. Sie bedeutete mir einzutreten, dabei lächelte sie mich kurz an um gleich darauf laut „Mistkerl” ins die Leitung zu brüllen. Ihr Headset prallte vom Schreibtisch ab und rutschte unter einen der Schränke.
„Ich vermisse die alten Telefone. So einen Hörer auf die Gabel zu knallen ist viel befriedigender als das Genestel mit einem Headset.”
Ich kannte diese Sorte Telefon nur aus alten Filmen, nickte aber sicherheitshalber. Sie musterte mich noch einmal wie am Vortag und sagte: „Ja, das ist besser. Viel besser. Anständige Klamotten werten einen Menschen doch ganz schön auf.” Sie kam auf mich zu, bis ihr Busen mich berührte und sog vernehmlich meinen Duft ein.
„Sexy”
Mir fiel keine bessere Antwort ein als „Balea”. Beziehungsweise nur „Bal...” denn als ich ihre Hand in meinem Schritt spürte, blieb mir die Stimme weg. Ein Satz mit Füllern und Firmentinte schoss mir in den Kopf. Aber was wusste ich von Füllern? Ich benutzte nur Kugelschreiber.
Ohne zu wissen, wie mir geschah, fand ich mich mein Jackett auf dem Boden und mich selbst auf einer Couch wieder.
„Nicht bewegen,” wies Frau Graubart mich mit einem Tonfall an, der keinerlei Widerspruch zuließ. Also gehorchte ich. Sie öffnete eine Knöpfe meines Hemdes. Den Rest riss sie ungeduldig ab. „Sehr schön,” sagte sie, während sie ihre blutrot lackierten Fingernägel über meinen Brustkorb gleiten ließ. Dann öffnete sie meine Hose und es war passiert: Mein Füller hatte mit Firmentinte Bekanntschaft geschlossen. Obwohl, ‚die Firmentinte hatte meinen Füller überrumpelt‛ traf es wohl eher. Sie fickte nicht mich, sie fickte meinen Penis.
Als sie fertig war sagte sie: „Das habe ich gebraucht. Mit Ihnen kann man was anfangen. Heute 19:30 im ‚Chez la Vigneronne‛ und jetzt gehen Sie wieder an die Arbeit.”

Hatte ich mich am Morgen schon wie auf einem Präsentierteller gefühlt, war ich jetzt unter einem Vergrößerungsglas. Die Kollegen schauten nicht, sie tuschelten wegen des offenen Hemdes.
Je größer der Dachschaden, desto schöner der Ausblick zum Himmel.
(Karlheinz Deschner)
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Re: Graubarts Beute

Beitragvon magico » 13.03.2015, 12:57

Mit dem Titel führst du einen schön an der Nase herum. Man erwartet irgendwas mit Piraten.

Das Hand des Sekretärs vibrierte


* Handy (ich glaube nicht, dass die Hand vibriert)

aber das Thema war in keiner davon vorgekommen.


Ich weiß nicht weshalb, aber anstelle von "das" hätte ich eher "dieses" geschrieben. Liest sich dann flüssiger.

Außerdem wurde mir siedendheiß bewusst


Diese Formulierung finde ich seltsam.

Die Art, wie sie ihr Haar zurück gekämmt hatte


* zurückgekämmt

ihrem Blick stand zu halten.


* standzuhalten

herunter geschluckt hatte


* heruntergeschluckt

bestimmt nicht her bestellt


* herbestellt

„Es ist Buchhaltung. Mir gefällt vor allem der Gehaltsscheck am Ende des Monats.


Anführungszeichen fehlen am Ende des Satzes.
Die Aussage passt überhaupt nicht zum Protagonisten. Er wirkt die restliche Geschichte so unsicher und dann so ein cooler Spruch?

„Sie lassen heute 16:30 (Uhr?) ihre Maße nehmen.


„Ich glaube, sie sind hier falsch,” sagte


Kommt das Komma nicht hinter die Anführungszeichen?

„Karstadt ist wohl eher ihre Preisklasse. Zwei Straßen diese Richtung,”


Entweder "Zwei Straßen, diese Richtung" oder "Zwei Straßen in diese Richtung".
Komma hinter Anführungszeichen.

„Sie sind unpünktlich, es ist 16:17 (Uhr?).” Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ er mich stehen.


Sagt man "unpünktlich" wenn jemand überpünktlich ist? :thinking:

kam er zurück und führe mich ein Separée.


* führte mich in ein Séparée

hatte ich mich noch nie so nackt gefühlt (Komma) wie während dieses Vermessen-Werden.


* dieses Vermessen-Werdens

Naja, vorerst wird es gehen.”


* Na ja

nachdem er mir eine ganze Reihe Hemden an den Hals gehalten und (wieder?) verworfen hatte.


„Der Vampirlook ist Gottseidank out”.


Punkt nach "out".

„Einpacken bitte, aber vorher – mein Portemonnaie...”


Leerzeichen vor Auslassungszeichen.

„Die Chefin wünscht sie zu sehen”.


Punkt nach "sehen".

Also macht eich auf den Weg


* machte ich mich

darauf laut „Mistkerl” ins die Leitung zu brüllen.


„Sexy”


Punkt? Ausrufezeichen?

fand ich mich mein Jackett


Sie öffnete eine Knöpfe meines Hemdes.


* einige

„Sehr schön,”


Weshalb setzt du Satzzeichen ständig anders? Mal vor, mal hinter den Anführungszeichen, mal gar nicht. Ich habe nicht alle Stellen aufgeführt, weil es einfach zu viele sind. :fool:

Sie fickte nicht mich, sie fickte meinen Penis.


Ich weiß nicht, ob das mit dem Jugendschutzgesetz bzw. diesem Forum vereinbar ist? :|

Die Kollegen schauten nicht, sie tuschelten wegen des offenen Hemdes.


Wenn sie nicht schauen, wie können sie dann das offene Hemd sehen?

-------------------------

Fazit:

Im Prinzip ist es recht flüssig geschrieben. (bis auf die eigentümliche Zeichensetzung)
Der Protagonist kommt sehr verunsichert rüber, der Sekretär gelangweilt, die Chefin wie eine Domina und der Herrenausstatter wie ein wichtigtuerischer Schnösel. Von daher, alles richtig gemacht.
Ansonsten passiert im gesamten Text ja nicht viel. Jemand beginnt seinen neuen Job als Buchhalter, die Chefin scheint seltsam zu sein, lässt ihn neu ausstatten und fällt dann über ihn her.
Keine Ahnung, was du mit dem Fragment anfangen möchtest. Ist es die erste Szene eines Romans oder bleibt es bei dieser kurzen Geschichte?
Den Name "Graubart" finde ich sehr befremdlich, aber vielleicht hat er ja eine tiefere Bewandtnis.


Grüße - magico
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Re: Graubarts Beute

Beitragvon unkompliziert » 13.03.2015, 14:08

Das soll ein Shades of Grey mit vertauschten Geschlechtern sein. Damit das "Grau" nicht einfach plump übersetzt wird, kam halt noch ein "Bart" dazu.

Vielleicht sogar als tiefgreifende Anspielung, dass das Rollenverständnis in Shades of Grey ja "So einen Bart!" hat. Etwas, das man sagt, wenn ein Witz alt und abgedroschen ist.

Die Geschichte der männlichen Cinderella wider Willen

Die Idee:
Ein eingängiges, archetypisches Thema zu varieren find ich super!
Kann ich gar nicht anders sagen: (Zitiere den Song:) Leider geil :girl:

Der Gesamteindruck:
Eher fade. :oops:
Was aber nicht am Potenzial, sondern an der zuwenig konsequenten Umsetzung liegt.
Es gibt, gerade am Anfang, komisch und leicht ironische Stellen.
Dann hebt es ab ins Überzeichnete (überreich, übermächtig, über rechtliche Bedenken erhaben) um dann wieder in die graue Alltagsrealität zu crashen.
Ist es eine Satire, eine modernes Märchen, eine Romanze, eine Missbrauchsschilderung - die Elemente behindern sich gegenseitig.

Meine Empfehlung: Wenn du knallhart Richtung bitterböser Satire bretterst, hast du mit wenig Schreibaufwand den größtmöglichen Effekt.

Die Sprache:
anby77 hat geschrieben: beeindruckend

Show don't tell. Ich soll als Leser beeindruckt sein, aber alles, was mir geboten wird um mich zu beeindrucken ist ein großer Raum, mit großem aufgeräumten Schreibtisch und Headset.

anby77 hat geschrieben:völlig durchgestylten Welt

Das ist auch ein show-don't-tell Urteil, dass ich mir als Leser gerne selbst bilden würde. Aber um irgendein Bild von diesem Büro entstehen zu lassen, fehlen mir die Details.

Jeder, der beim Bügeln telefonieren will besitzt ein Headset aus dem Mediamarkt. Dort gibt es auch noch kabelgebundene Telefone mit einem Hörer, den man auf die Gabel knallen kann.
Die sind keinesfalls ausgestorben.

anby77 hat geschrieben:Ping-Pong spielen

Das klingt komisch. Vielleicht noch sarkastisch. Aber ich war ja darauf vorbereitet beeindruckt zu werden.
"Tischtennis" wäre ein neutralerer Ausdruck. Aber das Bild bringt einen trotzdem nicht in Stimmung.

anby77 hat geschrieben:niegelnagelneuen

Ein neues Macbook ist teuer. Wenn auch nicht unerreichbar.
Aber was Apple einem sehr eleganten, funktionellen und modernen Design erreicht, macht ein altbackener Begriff wie "niegelnagelneu" wieder zunichte. Etwas neutraler wäre "brandneu".
Wenn du diese Stimmungsunterbrechende Komik konsequent einsetzen würdest. Immer ein schönes Sandschlösschen hinstellen und es dann "zack!" demontieren, dann könnte daraus eine Satire werden, die sehr unterhaltsam zu lesen ist.

anby77 hat geschrieben: „Sie sehen blass aus. Kommen sie nicht genug an die Sonne?”

anby77 hat geschrieben: „Sie haben mich doch bestimmt nicht her bestellt, um meine Garderobe zu begutachten?”

anby77 hat geschrieben: „Karstadt ist wohl eher ihre Preisklasse. Zwei Straßen diese Richtung,”


Ich finde es schade, dass drei Figuren, die sich sonst sehr unterscheiden sollten, alle dieselbe Schnoddrigkeit an den Tag legen. Ich verstehe es, wenn du möchtest, dass sich Armin von Geld und Reichtung nicht das Mundwerk verbieten lässt. Aber wenn derselbe Tonfall auch aus seiner Umgebung kommt, dann ist da zu wenig Kontrast.

Wenn du ein Produkt, sei es das Büro oder den Anzug, wirklich als qualitativ hochwertig beschreiben würdest, dann fühl in dich rein, welche Aspekte dir daran angenehm wären. Welche Worte würdest du verwenden, wenn du wirklich überzeugt von der Leistung wärst, die hinter diesem Produkt steht.
Wenn du das Gefühl in deinen Worten mitschwingt, dass du die Figur die sie besitzt eigentlich nicht leiden kannst, dann wird die Wortwahl eine halbgare Sache.
Ich würde bei beiden Dingen 100% geben. Die Elektronik ist erste Sahne. Die Chefin ist eine #####. Und damit in beiden Aussagen deine Leser überzeugen.

Die Figuren:
Die Chefin:
Sie soll erfolgreich, einflussreich, wohlhabend, kompromisslos und gewissenlos sein. Nehme ich an.
Ich nehme ihr aber ihre berufliche Qualifikation nicht ab, weil ihre Sprache so gewöhnlich ist. Ich nehme ihr ihre Macht nicht ab, weil sie "Scheißkerl" brüllen muss und frustriert das Headset in die Ecke werfen.
Sie hat es nötig sich aufzuregen (anstelle kaltblütig die Konsequenzen zu beschließen) und erlebt offensichtlich gerade eine Niederlage.
Das klingt, als hätten für eine Fernsehdoku Chefin und ordinäre Angestellte für eine Woche die Rollen getauscht.
Warum sie sich mit einem Anzug eine Penis kaufen muss und auch noch rechtliche Konsequenze befürchten, weil sie einen Angestellten überrumpelt versteht man auch nicht. Eine derart reiche Frau hätte selbst in der käuflichen Erotik ein leichteres Spiel und mehr Auswahl.

Der Angestellte:
Er ist widersprüchlich, weil ihm auf der einen Seite klar zu sein scheint, dass er einen langweiligen Job deswegen machen muss, weil er auf das Geld angewiesen ist. Auf der anderen Seite pampt er seine Chefin an.
Sich nicht durch Geld und Macht beeindrucken zu lassen wäre eine sehr sympatische Eigenschaft. Aber er ist übertrieben rotzig, so als ob er den Job gar nicht mehr will. Das ist wie gesagt, widersprüchlich.
Gleichzeitig badet er auch in den anerkennenden Blicken, die er wegen seinem Anzug bekommt. Also ist er nicht ganz zu anti-materialistisch. Durch das Hin und Her verblasst der Effekt.
Ich würde da in seiner Sicht zu Geld und schönem Schein eine einheitlichere Linie fahren.

Wie geht es ihm mit dem Zwischenfall?
Eigentlich müsste man wissen, wie er sich fühlt, weil die Geschichte ja aus seiner Sicht erzählt wird.
Schämt er sich? Fühlt er sich in die Ecke gedrängt? Geht es ihm schlecht?
Oder ist er stolz als kleiner Angestellter eine Geliebte dieses Kalibers erobert zu haben? Alleine durch seine Existenz? Oder ist er sogar distanziert und freut sich über die Gelegentheit zum Dampfablassen samt Taschengeld.
Es gibt zwei kleine Hinweise: "Sie f***** nur seinen Penis, nicht ihn." und er kaschiert sein offenes Hemd nicht.
Ersteres wäre ein Hinweis, dass er bemerkt, dass sie sich um ihn als Person nicht kümmert. Heißt das nun, dass er dann den Sex auch nicht will? Oder das er Liebeskummer hat, weil er sich eigentlich eine Beziehung wünscht?

Dadurch, dass er alles emotionslos beobachtet. Sich weder ärgert, noch freut noch irgendetwas hofft, erscheint er sehr dickhäutig und stumpf.
Bei einer Liebesgeschichte müsste ihm doch irgendetwas gefallen. Oder bei einer Missbrauchsgeschichte sollte er, auch wenn er später alles verdrängt, vielleicht irgendwelche Gedanken dazu haben.
Das ist eine Interpretation, die du als Autor vornehmen kannst.
Weil da im Moment nichts ist, weiß man als Leser nicht, ob man sich über das Unrecht aufregen soll das ihm passiert ist, oder sich mit ihm freuen, weil er schicke Kleider und Sex hatte.

Zum Plot:
Es gibt die Problematik, dass sich seine Chefin damit strafbar macht und er sie damit in der Hand hat, wenn es ihn nicht hemmt, zugeben zu müssen, dass er von einer Frau zumindest genötigt wurde.
Wenn er richtig leidet, könnte aus der Geschichte eine bewegende Anklage an die Gesellschaft werden.

Ich würde mir die Problematik des Angestelltenverhältnisses nicht antun wollen. Und nach anderen Gründen suchen, warum sie wiederholt aufeinander treffen. Er könnte zumindest in einer anderen Abteilung arbeiten.

Die Frage ist auch, ob man die Geschichte von Shades of - oder der Unfreiwilligen Cinderella - wirklich umkehrt, wenn man nur die Geschlechter vertauscht?
Ich weiß nicht, wie viele Männer gerne davon fantasieren, nur ein kleiner Angestellter zu sein, der von einer älteren Frau aus seinem tristen Leben gerettet werden muss.
Der mächte Mann, der sich von keinem Konkurrenten ans Bein pissen lässt und neben vielen heißen Blondinen zu Schluss auch noch eine nicht-materielle, unabhängige Jungfrau erobert, ist zumindest im Cliché die beliebtere Fantasie.

Vorschlag:
Wenn dann sollte er ein junger Herzensbrecher sein, der seine atemberaubende Sportart oder seine verwegene Kunst nur mit einem Brotjob finanziert, weil der absolute Durchbruch bereits absehbar ist.
Und die Chefin nimmt er als Eroberung mit, weil ihn alle anderen Frauen, deren Herzen ihm wegen seines collen Hobbies sowieso schon zufliegen, mit ihrer leichten Verfügbarkeit langweilen.
Wer will stattdessen die Widerspenstige zähmen.

Viele Grüße
Unki
Zuletzt geändert von unkompliziert am 13.03.2015, 16:03, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Graubarts Beute

Beitragvon Libelle » 13.03.2015, 15:15

Hallöle,

dein Text hat mir gut gefallen. Er ist amüsant geschrieben, wobei ich stellenweise den Humor vielleicht zu aufdringlich finde. Aber das ist Geschmackssache.

Und nun ein paar Kommentare …

Ich hatte zwei Wochen bei Graubart Im- und Export gearbeitet, als die Chefin mich das erste Mal in ihr Büro bestellte.

Im Laufe des Lesens hat es mich total verwirrt, weil ich dachte, der Protagonist arbeite nicht mehr dort. Vielleicht wäre es besser zu schreiben: »Ich arbeitete seit zwei Wochen bei …, als …«

anby77 hat geschrieben:Ein Schreibtisch, so groß, dass man darauf hätte Ping-Pong spielen können. Und zwar ohne vorher große Stapel mit Belegen und Quittungen wegzuräumen. [...] Bis auf den Wandkalender war das Büro anscheinend völlig papierlos.

Ich denke, dass du eins von beidem streichen solltest. Entweder es stapelt sich Papier auf dem Schreibtisch oder es stapelt sich keins. Imaginäres Papier räumt niemand weg.

Das Hand des Sekretärs vibrierte

Wie habe ich mir das vorzustellen? Ist er ein Roboter?

Sie saß hinter einem großen Glastisch, der den Blick auf ihren etwas zu hoch gerutschten Rock frei gab.
Sie sehen blass aus. Kommen Sie nicht genug an die Sonne?”

Vielleicht kann man einen der beiden Satzanfänge ändern. Sie-Sie und dann noch nicht einmal in derselben Bedeutung könnte verwirren. Vielleicht in »Blass sehen Sie aus«, analog zu »Gut sehen Sie aus«.

„Was kann ich für sie tun?” fragte ich, nachdem ich den Kloß in meinem Hals herunter geschluckt hatte. „Sie haben mich doch bestimmt nicht her bestellt, um meine Garderobe zu begutachten?”

Die Frage kommt mir zu gewollt vor. Der gute Mann ist eingeschüchtert von dem Blick der Chefin. Die geschäftliche Frage wird er wohl kaum stellen. Und der zweite Teil klingt mir ein bisschen zu aufmümpfig, aber das finde ich nicht so tragisch, sofern der Protagonist im Folgenden auch so ist.

Dinge in die Hand: Die Mitgliedskarte eines Fitnessstudios und die Visitenkarte eines Schneiders.
„Sie lassen heute 16:30 ihre Maße nehmen. Die Rechnung wird übernommen.”

Finde ich witzig. Andererseits … Sollte sich der gute Mann nicht erst einmal im Fitnessstudio abstrampeln, bevor er sich einen Maßanzug anfertigen lässt? Sonst kann er in zwei Wochen wiederkommen, weil die Maße schon nicht mehr stimmen.

Außer vielleicht bei meiner Musterung hatte ich mich noch nie so nackt gefühlt wie während dieses Vermessen-Werden.

Dann hoffe ich mal, dass er vorher geduscht hat und nicht vor Nervosität schwitzt und stinkt.

„Sie sollten über Bräunungscreme nachdenken, das erweitert ihre Farboptionen” sagte er

Nicht eher nach Münzmallorca? Bräunungscreme färbt ab. Man will ja nicht gleich die schönen, neuen, teuren Hemden ruinieren.

„Natürlich, wann sind Sie privat erreichbar?”

Klingt wie ein unbeholfener Flirtversuch.

Sie fickte nicht mich, sie fickte meinen Penis.

Ich hoffe, die beiden benutzen einen Kondom. Sonst gibt’s vielleicht noch ganz andere Probleme als Tintenflecken.

Ich hoffe, dass du mit den Kommentaren etwas anfangen kannst.


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Re: Graubarts Beute

Beitragvon anby77 » 15.03.2015, 00:21

Hallo zusammen,

@magico,

Der Text ist wie gesagt eine Skizze - trotzdem hätte ich ihn auf der formalen Ebene etwas gründlicher durchsehen sollen. Asche auf mein Haupt. Ich werde die Tage korrigierend eingreifen.
Diese Passage ist ein Einstieg in einen längeren Text. Ob es zu einem ganzen Roman reichen wird... Mal sehen.
Zum Namen Graubart: Der ist noch nicht fix, aber die Assoziation zu Piraten war durchaus gewollt, der Bart sollte einen Kontrast zu ihrer Weiblichkeit bilden und damit die Figur ein wenig "vermännlichen", weil sie eine Menge Dinge tut, die man sonst eher Männern als Frauen zuschreibt.

@unkompliziert,
Dann hebt es ab ins Überzeichnete (überreich, übermächtig, über rechtliche Bedenken erhaben) um dann wieder in die graue Alltagsrealität zu crashen.

Interessant. Ich habe mich Details sehr zurück gehalten. Frau Graubart ist reicher und mächtiger als Armin Steinbacher, aber überreich und übermächtig? Damit ich da gegensteuern kann, müsste ich wissen, woher dieser Eindruck kommt.
Rechtliche Bedenken spielen hier keine Rolle, weil sie in dieser Passage nichts Illegales tut (es sei denn, man legt ihr die abgerissen Knöpfe als Sachbeschädigung aus). Armin hat zwar Bedenken, aber die äußert er ja nicht. Er sagt weder nein, noch hindert er sie an irgendetwas.

Die Sprache soll die des Ich-Erzählers sein. Ich habe mich da ein bisschen an Winston Grooms "Forrest Gump" orientiert. Armin soll nicht ganz so beschränkt sein wie Forrest, aber er stellt die Ereignisse und das Drumherum auf seine subjektive Weise dar. Ich will nicht vermitteln, wie die Szenerie objektiv aussieht, sondern wie Armin sie wahrnimmt. Der ist ein nüchterner Faktenmensch, der sich außerdem noch nicht klar darüber ist, was er von der ganzen Situation, in der da geraten ist, halten soll.
"Rotzig" sollte er eigentlich nicht rüber kommen, eher ein wenig unbeholfen. Mangels besserer Antworten sagt er das erste das ihm einfällt; was nicht immer passt, nicht immer zu seinem Vorteil und manchmal unfreiwillig komisch ist.
Sie soll erfolgreich, einflussreich, wohlhabend, kompromisslos und gewissenlos sein. Nehme ich an.
Ich nehme ihr aber ihre berufliche Qualifikation nicht ab, weil ihre Sprache so gewöhnlich ist. Ich nehme ihr ihre Macht nicht ab, weil sie "Scheißkerl" brüllen muss und frustriert das Headset in die Ecke werfen.

Sie soll eine Geschäftsfrau sein. Keine Magnatin, bei der alles zu Gold wird, sondern eine bei der es mal gut und mal weniger gut läuft. Sie hat kein weltumspannendes Imperium, nur ein Unternehmen, das sie wohlhabend macht aber gemessen an den Big Players eher unbedeutend ist. Verglichen mit Armin ist sie reich und einflussreich. Verglichen mit den Quandts, den Albrechts oder den Oetkers ist sie ein Fliegenschiss. Dass sie "Mistkerl" ins Telefon ruft, sollte nicht Macht demonstrieren, sondern dass sie impulsiv ist (einer der Gründe, warum sie gegen die Quandts nicht anstinken kann) und mit Rückschlägen nicht gut umgehehen kann.

Wie geht es ihm mit dem Zwischenfall?
Eigentlich müsste man wissen, wie er sich fühlt, weil die Geschichte ja aus seiner Sicht erzählt wird.
Schämt er sich? Fühlt er sich in die Ecke gedrängt? Geht es ihm schlecht?
Oder ist er stolz als kleiner Angestellter eine Geliebte dieses Kalibers erobert zu haben? Alleine durch seine Existenz?

Wie gesagt: Er weiß noch nicht, was er von der Situation halten und wie er sie bewerten soll. Er steht nicht unbedingt in enger Verbindung zu seinen Gefühlen; das ist einer der Gründe, warum er es nicht weiß. Das Auflösen dieser Ambivalenz ist, was die Geschichte tragen soll; das kann ich nicht in den ersten Seiten auflösen.
er kaschiert sein offenes Hemd nicht.

Er kann es gar nicht kaschieren, weil sie zu viele Knöpfe abgerissen hat.
Er könnte zumindest in einer anderen Abteilung arbeiten.

Das würde aber nichts ändern. Er arbeitet für "Graubart Im- und Exporte". Da ist egal, in welcher Abteilung er sitzt, Frau Graubart ist immer "die Chefin" - es gibt zwischen den beiden zwar einen Abteilungsleiter, sonst könnte er nicht seit zwei Wochen in der Firma arbeiten, ohne sie gesehen zu haben, aber für dieses Stück Handlung ist er irrelevant und tritt deshalb nicht auf.

Die Frage ist auch, ob man die Geschichte von Shades of - oder der Unfreiwilligen Cinderella - wirklich umkehrt, wenn man nur die Geschlechter vertauscht?
Ich weiß nicht, wie viele Männer gerne davon fantasieren, nur ein kleiner Angestellter zu sein, der von einer älteren Frau aus seinem tristen Leben gerettet werden muss.

Ich habe weder die Absicht, eine Männerphantasie zu bedienen, noch shades of Grey oder Cinderella nachzuerzählen - auch wenn die Ausgangssituation vielleicht ein bisschen daran erinnert.

@Libelle:

Die Frage kommt mir zu gewollt vor. Der gute Mann ist eingeschüchtert von dem Blick der Chefin. Die geschäftliche Frage wird er wohl kaum stellen. Und der zweite Teil klingt mir ein bisschen zu aufmümpfig, aber das finde ich nicht so tragisch, sofern der Protagonist im Folgenden auch so ist.

Das ist ein - kläglicher - Versuch, das Gespräch in profesionellere Bahnen zu führen und vertrauteres Fahrwasser zu erreichen. Ich schätze, ich muss hier den Tonfall beschreiben, damit es anders rüber kommt.
Nicht eher nach Münzmallorca? Bräunungscreme färbt ab. Man will ja nicht gleich die schönen, neuen, teuren Hemden ruinieren.

Da Sonnenstudios wegen Hautkrebs in der Kritik stehen, wollte ich nicht in die Richtung gehen. Außerdem wird Armin dem Rat eh nicht folgen; insofern ist es egal, was Bräunungscreme mit Hemden macht.

Klingt wie ein unbeholfener Flirtversuch.

Ups, das sollte es nicht. Der Angestellte des Schneider will nur wissen, wann die fertigen Anzüge geliefert werden können. Die beiden, die Armin gleich mitnimmt sind besser passende Konfektionsware, die die Zeit, die richtigen Maßanzüge fertig sind, überbrücken sollen; das muss vielleicht auch deutlicher werden.
Ich hoffe, die beiden benutzen einen Kondom. Sonst gibt’s vielleicht noch ganz andere Probleme als Tintenflecken.
Nö. Aber Kraft meiner Macht als Autor gibt es weder eine Schwangerschaft noch Geschlechtskrankheiten (zumindest noch nicht...)
Je größer der Dachschaden, desto schöner der Ausblick zum Himmel.
(Karlheinz Deschner)
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Re: Graubarts Beute

Beitragvon Libelle » 15.03.2015, 01:47

Ich meinte, dass der Berater dem Kunden wohl kaum zu (ebenfalls gesundheitlich bedenklicher) Bräunungscreme raten wird, da diese die Klamotten ruiniert. Eher rät er zu einem Make-up, Bronzing-Puder oder so.

Aber Kraft meiner Macht als Autor gibt es weder eine Schwangerschaft noch Geschlechtskrankheiten (zumindest noch nicht...)

Missionseifer – einen Versuch war’s wert … Ich find’s immer gut, wenn Autoren es schaffen, Kondome zu involvieren. Liest man leider nur selten.

Rechtliche Bedenken spielen hier keine Rolle, weil sie in dieser Passage nichts Illegales tut (es sei denn, man legt ihr die abgerissen Knöpfe als Sachbeschädigung aus). Armin hat zwar Bedenken, aber die äußert er ja nicht. Er sagt weder nein, noch hindert er sie an irgendetwas.

Und nun stell dir mal vor, Graubart wäre ein Mann und Armin eine Frau. Armina hat Bedenken, die sie aber nicht zu äußern vermag. Also reitet Graubart fleißig auf ihr herum. Er darf das, er ist ja ihr Chef?

Warum denkst du, es sei unbedenklich, wenn sich die Frau Graubart einfach nimmt, was sie will? Wenn du nicht willst, dass Leute darin eine Art Vergewaltigung oder zumindest sexuelle Ausbeutung sehen, würde ich dazu schreiben, dass sich Armin für den Sex entscheidet – trotz Bedenken.
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Re: Graubarts Beute

Beitragvon anby77 » 15.03.2015, 03:48

Und nun stell dir mal vor, Graubart wäre ein Mann und Armin eine Frau. Armina hat Bedenken, die sie aber nicht zu äußern vermag. Also reitet Graubart fleißig auf ihr herum. Er darf das, er ist ja ihr Chef?

Das Geschlecht spielt da keine Rolle. Sieh es mal aus der anderen Richtung: Menschen können keine Gedanken lesen. Woher soll Frau Graubart wissen, dass sie den Beischlaf gegen Armins Bedenken vollzieht, wenn er es ihr nicht sagt? Er sagt nichts, er wehrt sich nicht, sie findet eine Errektion vor. Das kann man für non-verbale Zustimmung halten. Gut, da kann man irren, aber welche Gründe hat sie von etwas anderem als Zustimmung auszugehen? Woher soll sie wissen, dass sie sich irrt?
Stell Dir mal vor, wie Armin bei der Polizei den Tathergang beschreibt: "Hat sie Gewalt angewendet?" "Sie hat mich aufs Sofa gestoßen." Hat sie sie dabei verletzt?" "Nein." Hat sie gedroht, Sie zu verletzen?" "Nein." "Haben Sie ihr gesagt, dass sie aufhören soll?" "Nein." "Haben Sie versucht, zu verhindern, dass sie ihren Piep in ihre Piep piept?" "Nein." Wie soll man darauf eine Anklage aufbauen?
Warum denkst du, es sei unbedenklich, wenn sich die Frau Graubart einfach nimmt, was sie will? Wenn du nicht willst, dass Leute darin eine Art Vergewaltigung oder zumindest sexuelle Ausbeutung sehen, würde ich dazu schreiben, dass sich Armin für den Sex entscheidet – trotz Bedenken.

Du vermischst rechtliche Bedenken (um die ging es ja bei der Aussage) - also die juristische Ebene - mit einer moralisch-gefühlsmäßigen Ebene. Armin (und mit ihm der Leser) soll gemischte Gefühle haben. Aber unabhängig davon hat Frau Graubart keine juristischen Konsequenzen zu fürchten.
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Re: Graubarts Beute

Beitragvon Libelle » 15.03.2015, 04:33

Woher soll Frau Graubart wissen, dass sie den Beischlaf gegen Armins Bedenken vollzieht, wenn er es ihr nicht sagt?

Stimmt. Woher soll sie das wissen? Ist das also ein Freischein für die schnelle Nummer?

Das, was du beschreibst, ist exakt die Situation, die es früher vielen vergewaltigten Frauen schwer gemacht hat, ernst genommen zu werden. Nicht »Nein« gesagt? Pech gehabt. Nicht gewehrt? Pech gehabt. Zu sexy angezogen? Pech gehabt.

Während es sich für uns Frauen zum Glück gebessert hat, müssen männliche Vergewaltigungsopfer immer noch mit der Stigmatisierung kämpfen. Mehr noch, viele Leute wollen ihnen das Recht absprechen, sich als Opfer einer Vergewaltigung zu fühlen. Dein Dialog ist ziemlich realistisch. Leider ist es ein ziemliches Tabu-Thema, weshalb man nicht so viele Infos darüber findet.

Ich bin echt nicht empfindlich, was blöde Sprüche und so weiter angeht, aber was für mich gar nicht geht, ist, wenn sich eine Seite einfach ohne Erlaubnis bedient. Wenn der Armin drauf steht, ist es in Ordnung. Das sollte der Leser aber wissen. Hat der Armin aber einen Kloß im Hals oder hat einfach nur Angst, den Job zu verlieren, und sagt deshalb nichts, dann ist es nicht in Ordnung, wenn du Frau Graubarts Aktion so unkritisch darstellst.

Und nun stelle dir mal vor, Frau Graubart wäre adipös mit Akne im Gesicht, schwitzend und müffelnd wie ein alter Käse. Die allermeisten Leser wäre garantiert empört, wenn diese Figur über den hilflosen Armin herfällt. Plötzlich erscheint die ganze Situation in einem anderen Licht.

Hier eine »nette« Geschichte auf VICE.
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Re: Graubarts Beute

Beitragvon anby77 » 15.03.2015, 13:37

Du verwechselt die Einschätzung "Frau Graubart hat keine juristischen Konsequenzen zu befürchten" mit einem gutheißen. Und seit wann darf Literatur nur Dinge darstellen, die gutgeheißen werden? In Büchern sind tausende, wenn nicht Millionen Menschen zu Unterhaltungszwecken gestorben. Die wenigsten davon in einer Weise, die sich moralisch rechtfertigen lässt. Da werden solche Debatten nicht geführt.

Stimmt. Woher soll sie das wissen? Ist das also ein Freischein für die schnelle Nummer?
Das, was du beschreibst, ist exakt die Situation, die es früher vielen vergewaltigten Frauen schwer gemacht hat, ernst genommen zu werden. Nicht »Nein« gesagt? Pech gehabt. Nicht gewehrt? Pech gehabt. Zu sexy angezogen? Pech gehabt.

Wenn jemand versucht, mit einem Sex zu initiieren und man das nicht will, muss man das seinem Gegenüber mitteilen. Die Chancen stehen gut, dass der Sex damit vom Tisch ist. Aber wenn man nicht mal versucht, die Sache zu verhindern, darf man sich nicht wundern, wenn sie passiert. Warum sollten bei sexueller Nötigung und Vergewaltigung andere Maßstäbe gelten als bei anderen Verbrechen? Um Schuld auf sich zu laden, muss man wissen, dass man etwas falsches tut. Wenn jemand unter einem Schild auf dem "Kostenlos zum Mitnehmen" steht, ein Fahrrad stehen sieht, darf er davon ausgehen, dass der Besitzer es nicht mehr will und er es nehmen kann, wenn er es haben will. Wenn sich das als Missverständnis erweist, muss er es zurück geben, aber es zu nehmen war trotzdem kein Diebstahl - auf Juristendeutsch heißt das "Tatbestandsirrtum". Warum also sollte jemand, der keinen Grund zur Annahme hat, dass seine sexuellen Handlungen unerwünscht sind, ein Vergewaltiger sein? Natürlich ist fahrlässig von Frau Graubart, nicht zu fragen, ob Armin einverstanden ist - aber es ist mindestens so fahrlässig von ihm, seine Bedenken nicht zu äußern.

Ich bin echt nicht empfindlich, was blöde Sprüche und so weiter angeht, aber was für mich gar nicht geht, ist, wenn sich eine Seite einfach ohne Erlaubnis bedient. Wenn der Armin drauf steht, ist es in Ordnung. Das sollte der Leser aber wissen. Hat der Armin aber einen Kloß im Hals oder hat einfach nur Angst, den Job zu verlieren, und sagt deshalb nichts, dann ist es nicht in Ordnung, wenn du Frau Graubarts Aktion so unkritisch darstellst.

Das ist ja der Gag. Ich will die Sache in einer Grauzone ansiedeln, die Fragen aufwirft. Armin ist sich (noch) nicht klar darüber, was er von der Sache halten soll. Und solange er das für sich nicht geklärt hat, kann man die Situation nicht bewerten. Wenn er eine Armina wäre und sagen würde; "aggressiv, aber geile Verführung" wäre es eine aggressive aber geile Verführung. Wenn sie sagen würde: "Das hat die Grenze zur Vergewaltigung überschritten" wäre es auch so. Als Armin hat er nicht dasselbe Maß an Deutungshoheit. Und das spielt in seine Gefühle mit hinein und verkompliziert die Sache. Das macht es für Armin so schwierig, sich darüber klar zu werden, wie er die Sache finden soll. Dafür braucht er Zeit, die in diesen Szenen nicht hat. Sich darüber klar zu werden, ist eine Entwicklung, die er durchlaufen soll und wie soll das gehen, wenn ich die Sache hier schon so klar darstelle, wie Du es Dir wünschst?
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Re: Graubarts Beute

Beitragvon Libelle » 15.03.2015, 15:40

Wenn das so ist, dann können die Pädosexuellen sich ja fleißig an Kindern vergreifen. Es scheint ja kein Verbrechen zu sein, wenn das Kind nicht richtig kommuniziert, dass es keine Lust auf Sex hat. Und was könnte man so alles mit Bebis machen …

Oder wenn du alle deine Weisheitszähne rausoperieren lässt, dann dürfen sich also alle Frauen (falls du FPS kennst, weißt du, worauf ich anspiele) an dir vergreifen. Du als Mann hast ja nicht das gleiche Maß an Deutungshoheit wie ein Walross.

Unter Armin steht nicht »Eine Runde kostenlos«. Ein sexy Anzug ist keine Einladung oder Aufforderung, ihm die Klamotten vom Leib zu reißen, wenn er nicht die Erlaubnis dazu gegeben hat. »Hier stand so ein eregierter Pimmel in der Gegend herum, wusste nicht, dass ich den nicht benutzen darf. Ach, der gehörte dir? Wusste ich nicht« zählt vor Gericht nicht.

Als Armin hat er nicht dasselbe Maß an Deutungshoheit.

Doch, das hat er. Viele männliche Vergewaltigungsopfer schämen sich, weil sie stimuliert worden sind, obwohl sie das nicht wollten. Das bedeutet aber nicht, dass ihr Penis stellvertretend für sie selbst eine Einverständniserklärung unterschrieben oder gar ejakuliert hat und die Situation damit keine Vergewaltigung mehr darstellt.

Deine Entwicklung kann er auch durchlaufen, wenn er danach Gewissensbisse oder Zweifel hat. Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass deutlich werden sollte, dass er die sexuelle Interaktion mit Graubart will. Ich denke, dass ein halbwegs guter Autor dazu in der Lage sein sollte, das Einvernehmen zwischen beiden Sexualpartnern so einzuflechten, dass der Reiz der Szene nicht verloren geht.

Dann weiß der Leser auch mehr oder minder, dass der Armin die Chefin nicht hinterher verklagt, denn »ich hab’s mir anders überlegt, jetzt will ich den Sex damals rückwirkend doch nicht gehabt haben« kommt bei den meisten nicht gut an.
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Re: Graubarts Beute

Beitragvon anby77 » 15.03.2015, 18:38

Wenn das so ist, dann können die Pädosexuellen sich ja fleißig an Kindern vergreifen. Es scheint ja kein Verbrechen zu sein, wenn das Kind nicht richtig kommuniziert, dass es keine Lust auf Sex hat. Und was könnte man so alles mit Bebis machen …

Es gibt Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen. Im Umgang mit Kindern gelten andere Regeln. Kinder sind grundsätzlich nicht in der Lage ihr Einverstädnis zu sexuellen Handlungen zu geben, egal was sie sagen oder nicht sagen. Das schließt aus, dass ein Tatbestandsirrtum vorliegen könnte.
Erwachsen zu sein, heißt Verantwortung zu tragen, für das eigenen Handeln genauso für das eigene Nicht-Handeln. Nicht zu widersprechen, obwohl man die Gelegenheit hat, kann als Einwilligung aufgefasst werden. Anders als von kleinen Kindern kann man von Erwachsenen erwarten, dass sie ihren Willen kommunizieren. Wenn jemand die Verantwortung, die zum Erwachsensein gehört, nicht tragen kann, warum sollte er dann die dazugehörigen Privilegien genießen? Ist es verantwortungsvoll, jemanden, der sein Maul nicht aufkriegt, wenn seine sexuelle Integrität auf dem Spiel steht, ein Wahlrecht zu geben, oder ihn Verträge abschließen zu lassen?
FPS kenne ich nur als Abkürzung für "Frame per Second" oder "First Person Shooter". Aber Deutungshoheit hat mit Weisheits- oder Walrosszähnen nichts zu tun. Es ist die Chance, seine Deutung der Dinge dritten gegenüber durchzusetzen. Wer - wie ein Mann, der Opfer sexueller Übergriffe wurde - mit Stigmata belastet ist, hat keine Chance, seine Deutung durchzusetzen, dazu sind die in den Stigmata enthaltenen und dem Opfer aufgezwungenen Deutungsmuster zu mächtig.


Deine Entwicklung kann er auch durchlaufen, wenn er danach Gewissensbisse oder Zweifel hat. Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass deutlich werden sollte, dass er die sexuelle Interaktion mit Graubart will. Ich denke, dass ein halbwegs guter Autor dazu in der Lage sein sollte, das Einvernehmen zwischen beiden Sexualpartnern so einzuflechten, dass der Reiz der Szene nicht verloren geht.

Ich will nicht, dass das Verhalten der Figuren über jeden Zweifel erhaben ist. Wenn der Sex so einvernehmlich dargestellt wird, wie Du es gerne hättest, bekomme ich eine ganz andere Dynamik zwischen den Figuren und kann nicht die Geschichte erzählen, die ich erzählen will.
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Re: Graubarts Beute

Beitragvon magico » 02.04.2015, 11:42

anby77 hat geschrieben:Nicht zu widersprechen, obwohl man die Gelegenheit hat, kann als Einwilligung aufgefasst werden.


Hui ... da wäre ich vorsichtig. Ein "Nicht Widersprechen" ist noch lange keine Einwilligung. Kleines Beispiel:

Jeder kennt doch diese Bandansagen an den Service-Hotlines. "Der Anruf wird zu Qualitätszwecken aufgezeichnet. Möchten Sie dies nicht, sagen Sie bitte Nein oder drücken Sie die 1."
Der Anrufer hat nur die Möglchkeit "Nein" zu sagen. Rein rechtlich gesehen, muss er aber "Ja" sagen. Das heißt, er muss der Aufzeichnung des Gesprächs aktiv zustimmen und darf sie nicht passiv wählen.
Rechtlich gesehen sind diese Aufzeichnungen, welche durch ein "Nicht-Nein" entstanden sind, nicht haltbar.

anby77 hat geschrieben:Ich will nicht, dass das Verhalten der Figuren über jeden Zweifel erhaben ist. Wenn der Sex so einvernehmlich dargestellt wird, wie Du es gerne hättest, bekomme ich eine ganz andere Dynamik zwischen den Figuren und kann nicht die Geschichte erzählen, die ich erzählen will.


Man kann die Geschichte bzw. die Handlung der Figuren gutheißen oder auch nicht, aber ich bin ebenfalls der Meinung, dass ein Autor die Geschichte so schreiben sollen darf, wie er sie sich (meist nicht ohne Grund) erdacht hat.
Wo kämen wir denn hin, wenn jeder an Frau Rowling, Herrn King oder von mir aus auch an Herrn Houellebecq schreibt: Das können Sie so aber nicht schreiben. Bitte schreiben Sie es nach meinen Vorstellungen um, damit ich es mit meinem moralischen Gewissen vereinbaren kann. Danke.


Grüße - magico
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Re: Graubarts Beute

Beitragvon unkompliziert » 02.04.2015, 12:44

Bei der Anmerkung ging es nicht darum, ob der Autor es nicht darf, sondern ob die Leser einen Plot unter diesen Voraussetzungen glaubwürdig finden.

Hübsche Kleidung ist nicht dasselbe wie ein Schild: "Bitte begrabscht mich."
Es muss nicht an jedem Fahrrad ein Schild "Bitte nicht stehlen!" hängen, nur damit der Diebstahl ein solcher wäre.

Es ist eine Sache sich mit einem Angestellten einzulassen. - bzw das seinen Lesern verkaufen zu wollen!
Aber wenn dann noch dazu kommt, dass das am Arbeitsplatz passiert UND ohne ausdrückliche Zustimmung.
Das ist schon sehr risikofreudig. Da braucht es schon Einiges an Autorenkunst mir als Leser zu erklären, warum das ein Chef riskieren sollte (wenn es auch anders geht) und warum ausgerechnet *das* einer der Fälle ist, wo das keine weiteren Schwierigkeiten nach sich zieht.

Also nicht eine Frage der Moral sondern der Glaubwürdigkeit des Plots.

Das soll jeder so schreiben wir er mag. Aber hier geht es ja um Ratschläge. Und der Ratschläg in diesen Fall war entweder sich eine wasserdichte Begründung einfallen zu lassen oder ein bisschen an den Vorraussetzungen zu drehen.
Sonst könnten einige sagen: "Nein. Das ist mir zu unrealisitisch. Das ist zu wild fantasiert."
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Re: Graubarts Beute

Beitragvon magico » 02.04.2015, 13:47

unkompliziert hat geschrieben:Also nicht eine Frage der Moral sondern der Glaubwürdigkeit des Plots.


Ich glaube nicht, dass es lediglich um die Glaubwürdigkeit ging, aber wir auch immer ...
Die Realität ist oftmals viel kurioser, als es sich der beste Autor je einfallen lassen könnte.

Hier nur mal ein paar Beispiele:

* Eine blonde Dame steigt im Urlaub in einen Pool und taucht mit grünen Haaren wieder auf, da zu viel Chlor im Wasser ist. (Klingt das glaubwürdig?)

* Ein Mann sperrt seinen Hund im Gäste-WC ein. Der Hund spielt mit dem Klopapier und verstopft damit die Toilette. Zu allem Überfluss (Wortwitz, haha) dreht er auch noch den Wasserhahn auf und verursacht einen riesigen Wasserschaden. (Realistisch?)

* Ein Häftling legt sich eine E-Mail-Adresse zu, die der amtlichen Adresse der Justiz sehr ähnlich ist und schickt daraufhin von dieser Adresse via geschmuggeltem Smartphone die gefälschten Entlassungspapiere und den Hinweis auf eine hinterlegte Kaution. Er wird prompt aus dem Gefängnis entlassen. (Wie wahrscheinlich ist diese Geschichte?)


Es gab schon so oft Fälle, bei denen ich mir beim Lesen dachte: :wary: Ach, komm!
Aber die Wirklichkeit hat noch immer alles getoppt! (mal von Fantasy und SciFi abgesehen)
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Re: Graubarts Beute

Beitragvon unkompliziert » 02.04.2015, 14:57

Nun, ich hab in Chemie aufgepasst und weiß, dass Chlorgas grün ist.
Die Frage ist, wie intensiv war der Grünstich und wieviel Spaß hat das Schwimmen im Wasser mit so einer Chlorkonzentration gemacht?
Sicher, dass du keinen Urban Myth erzählst? Beweise?

(Hab grade selber gegoogelt: Das Chlor färbt keine Haare grün. Ist schon mal falsch.
Wenn, dann ein kupferhaltiges Algenmittel, dass sich mit klarem Wasser ausspülen lässt.
http://www.daserste.de/information/wiss ... n-100.html

Manchmal ist etwas aus gutem Grund nicht zu glauben.)

Aber der Punkt ist:
Klar gibt es verrückte Ausnahmen. -- Manchmal sind sogar die Fakten noch viel schwerer zu Glauben, wenn die Allgemeinheit oft genug das gegenteilige Märchen weitergeplappert hat.

Aber macht sich der Leser die Mühe sich mit dir zu streiten? - Ne, er kauft ein Buch, das ihm weniger absurd erscheint!

Anstatt einen Kommentator zu missionieren, könnte man einfach dessen persönlichen Eindruck zur Kenntnis nehmen und den Verdacht zulassen, dass wenn 50% der Kommentatoren so denken, es sicher auch ein nicht unerheblicher Anteil der stillen Leser es tut.
Was man mit dieser Erkenntnis anfängt, ist dann jedem selbst überlassen.
unkompliziert
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