Grundlagen der Lyrik - Der Reim

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Grundlagen der Lyrik - Der Reim

Beitragvon KleineLady1981 » 13.05.2015, 15:52

Hallo liebe Federfreunde.

"Reim dich, oder ich fress dich!" Wer kennt diesen Spruch nicht?

Widmen wir uns also dem Reim. Er dient der Strukturierung des Textes und ist wohl für die meisten das auffälligste Merkmal eines Gedichts. Die Griechen und Römer kannten die Möglichkeit nicht, Verse zueinander in Beziehung zu setzen und zu einem Gebilde zu fügen, Reime gab es nicht. Stattdessen fand man bei unseren Vorfahren eher Stabreime, Alliterationen. Vor allem Richard Wagner belebte dieses Stilmittel zwar wieder, doch letztlich hat er nur in formelhaften Redewendungen überlebt, wie "Mann und Maus", "Haus und Hof", "Kind und Kegel".

Wenn wir von heute von einem Reim sprechen, meinen wir meistens den Reim am Ende einer Verszeile, wenn der letzte betonte Vokal in zwei oder mehreren Wörtern klanglich identisch ist mit allen darauffolgenden Lauten. Reimen sich die letzten beiden Hebungen so spricht man von einem reichen Reim.

" Und jedes Heer, mit Sing und Sang,
Mit Paukenschlag und Kling und Klang, …"
(Lenore von Gottfried August Bürger)

Reime unterscheidet man nicht nur nach der zusammenklingenden Silbenmenge, sondern auch nach ihrer Stellung. So findet man beim Paarreim zwei aufeinander folgende Verszeilen, die sich reimen. Im Reimschema würde das so ausschauen:
aa bb cc dd
(die Buchstaben zeigen die einzelnen Verse, gleiche Buchstaben = gleiche Reime). Der Paarreim wird vorwiegend bei allen erzählenden Gedichtformen verwendet wie dem Versepos, der Ballade, etc.

"Wer reitet so spät noch durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm. …"
(Erlkönig von J. W. v. Goethe)


Der Kreuzreim ist ähnlich, reimen sich hier jedoch der erste mit dem dritten und der zweite mit dem vierten Vers:
a b a b

"Ihr verblühet, süße Rosen,
Meine Liebe trug euch nicht;
Blühtet, ach, dem Hoffnungslosen,
Dem der Gram die Seele bricht!"
(Ihr verblühet, süße Rosen von J. W. v. Goethe)


Wenn in einer Gruppe von vier Versen der erste mit dem vierten Vers sowie der zweite mit dem dritten Vers sich reimt spricht man von einem umarmenden Reim:
a b b a
Doch nur mit dem Gleichklang ist es hier nicht getan. Der Bezug, der in der ersten Zeile offen gelassen wurde, muss in der vierten Zeile kräftig wie sinnvoll geschlossen werden.

"Da stand ich nun verzweifelnd, stumm;
Im Kopfe war mir's wie betrunken,
Fast wär' ich in den Strom gesunken,
Es ging die Welt mit mir herum."
(Rettung von J. W. v. Goethe)


Machen wir weiter mit dem Schweifreim:
aa b cc b
Bei einer Gruppe von sechs Versehen reimt sich also der dritte mit dem sechsten Vers, während der erste und zweite sowie der vierte und fünfte je paarweise zusammen gehören.

"Auf Kieseln im Bache da lieg' ich, wie helle!
Verbreite die Arme der kommenden Welle,
Und buhlerisch drückt sie die sehnende Brust;
Dann führt sie der Leichtsinn im Strome danieder,
Da naht sich die zweite, sie streichelt mich wieder;
So fühl' ich die Freuden der wechselnden Lust."
(Wechsel von J. W. v. Goethe)

Diese Stellungen im Schweifreim können nun vielfältig abgewandelt und kombiniert werden:
- Der verschränkte Reim: a b c a b c
- Der Ketten- oder Terzinenreim: aba bcb cdc
- Das Reimband: a b a b a a b etc.

Man muss sich jedoch in jedem Fall fragen, inwiefern die Inhalte eines Verses oder einer Strophe verdeutlicht oder unterstützt werden. Sie sollten nicht nur deshalb verwendet werden, um die Kunstfertigkeit des Autors zu demonstrieren. Die blinde Erfüllung eines Reimschemas ist nicht der Sinn des Reimes. Es sollte etwas zu den Versen beitragen, die Aussagen verstärken, Zusammenhänge zeigen, Details unterstreichen.


Kommen wir nun zu den reinen und unreinen Reimen. Als reine können derlei Reime bezeichnet werden, die sich durch eine vollkommene vokalische und konsonantische Übereinstimmung der Reimsilbe auszeichnen.

"Herz, mein Herz, was soll das geben?
Was bedränget dich so sehr?
Welch ein fremdes, neues Leben!
Ich erkenne dich nicht mehr.
Weg ist alles, was du liebtest,
Weg, warum du dich betrübtest,
Weg dein Fleiß und deine Ruh' –
Ach, wie kamst du nur dazu!"
(Neue Liebe, neues Leben von J. W. v. Goethe)

In Vers fünf und sechs findet ihr auch gleich das Gegenstück zum reinen Reim: den unreinen Reim, in diesem Falle "liebtest" und "betrübtest". Für solche Fälle habe ich mir das Reimlexikon von Steputat (Reclams-Universalbibliothek) empfehlen lassen. Allerdings befindet es sich noch nicht in meinem Besitz, so dass ich dazu nicht wirklich eine Meinung abgeben kann. Ich wollte es nur mal erwähnt haben.

Will man die störrischen Reimpartner aber keines falls austauschen, so kann man – ähnlich wie bei optischer Täuschung – auch das Ohr mit kleinen Tricks übertölpeln. Die Unreinheit der Reimworte stört weniger, wenn sie weit auseinander stehen, wie zum Beispiel beim oben erwähnten Schweifreim. Problemfälle, mit denen man vorsichtig umgehen sollte, sind jedoch bei konsonantischen Unreinheiten zu finden: stimmhaftes und stimmloses s, t und d, f und stimmhaftes v.
(Wiesen – sprießen, spannte – Lande, schlafen – Oktaven)
Das gleiche gilt für die Zusammenstellung langer und kurzer Vokale
(Straßen – verlassen, Luft - ruft)
oder langer Vokale und Zwielauten (Diphtongen)
(Tür - Vier).

Soll Komik jedoch das Ziel sein, ist der unreine Reim ein fast unumgängliches Stilmittel. Gerade bei Dialektgedichten oder gereimten Büttenreden ist er häufig zu finden.


Die Klangreize des Reims lassen sich noch weiter verwenden. So sprechen wir von einem Anfangsreim, wenn die ersten Wörter in zwei aufeinander folgenden Zeilen gleich klingen.

"Das Leben ist
Ein Laub, das grünt und falbt geschwind.
Ein Staub, den leicht vertreibt der Wind.
Ein Schnee, der in dem Nu vergeht.
Ein See, der niemals stille steht.
Ein Blum, so nach der Blüt verfällt.
Der Ruhm, auf kurze Zeit gestellt."
(Das Leben des Menschen von Georg Philipp Harsdörffer)


Reimen sich zwei Wörter im Innern einer Zeile so nennen wir das einen Binnenreim. Das gleiche gilt, wenn zusätzlich zu den Versschlüssen die Zäsuren miteinander reimen oder der Reim des Versendes im Innern der nächsten Zeile wiederholt wird.

"…es nisten und pisten die Vögel im Kühlen,
es herzet und scherzet das flüchtige Reh,
es setzet und hetzet durch Kräuter und Klee. …"
(Kleines Bestiarium von Johann Klaj)

Zieht sich das zuletzt genannte Verfahren wie eine Kette durch die gesamte Strophe, so nennt man das – naheliegend – einen Kettenreim.

"Wenn langsam Welle sich an Welle schließet,
Im breiten Bette fließet still das Leben,
Wird jeder Wunsch Verschweben in den einen:
Nichts soll des Daseins reinen Fluß dir stören."
(Der Wasserfall von Fr. Schlegel)


Von einem Schlagreim ist die Rede, findet man einen Gleichklang unmittelbar aufeinander folgender Wörter:

"Quellende, schwellende Nacht.
Steigendes, neigendes Lehen,…"
(Nachtlied von F. Hebbel)


Um die Aufzählung zu vervollständigen erwähne ich noch den Echoreim, den wohl jeder von euch kennen wird:

Wie heißt der Bürgermeister von Wesel? – Esel
Was essen Studenten? – Enten
Wer versichert dessen mich? – Ich


Einen gebrochenen Reim erkennt ihr daran, dass sich das Reimwort durch die Trennung des Wortes am Versende ergibt.

"Jeder weiß, was so ein Mai-
Käfer für ein Vogel sei."

"Hans Sachs war ein Schuh-
Macher und Poet dazu."

Und schlussendlich noch der Schüttelreim. Konsonanten stellen die Reimwörter so um, dass neue Wortbedeutungen entstehen.

"Nun ziehn sie durch die Lande wieder
Und singen ihre Wanderlieder."

"Es sprach der Herr von Finkenstein:
Die Harzer Käslein stinken fein!"

"Als wach mich hat der Sonne Schein gerüttelt,
Fragt ich mich bang: hab ich auch rein geschüttelt?"


Zweifellos gibt es noch mehr Reimarten, wenn ihr noch welche kennt, immer raus damit. Um diesen Beitrag nun zu beschließen möchte ich aus meinem Lernheft für meinen Studiengang zitieren:

"Die Zahl der Reime ist endlich, die Gefahr der Abnutzung groß. Der erste Autor, der "Herz" auf "Schmerz" und "Liebe" auf "Triebe" reimte, war genial. Der hundertste nur noch ein Trottel."

Der Reim sollte nicht zum Selbstzweck werden nur um auf Biegen und Brechen originell zu sein, was immer mehr dazu führt, sich reimlosen Gedichtformen zuzuwenden.


Welches Reimschema mögt ihr am liebsten und warum?
Mit welchem kommt ihr gar nicht klar?
Kennt ihr noch andere, die ich hier nicht genannt habe?

Federgruß
KleineLady1981




Zusammenfassung der Begriffe:
  • Paarreim = zwei aufeinander folgende, sich reimende Verszeilen (aa bb cc dd)
  • Kreuzreim = der erste reimt mit dem dritten und der zweite mit dem vierten Vers (a b a b )
  • umarmender Reim = In einer Gruppe von vier Versen reimt der erste mit dem vierten Vers sowie der zweite mit dem dritten Vers (a b b a)
  • Schweifreim = Bei einer Gruppe von sechs Versehen reimt der dritte mit dem sechsten Vers, der erste und zweite sowie der vierte und fünfte (aa b cc b)
  • Reiner Reim = vollkommene vokalische und konsonantische Übereinstimmung der Reimsilbe
  • Anfangsreim = die ersten Wörter in zwei aufeinander folgenden Zeilen klingen gleich
  • Binnenreim = zwei Wörter im Innern einer Zeile reimen sich (auch wenn sich zusätzlich zu den Versschlüssen die Zäsuren miteinander reimen oder der Reim des Versendes im Innern der nächsten Zeile wiederholt wird.)
  • Kettenreim = wenn die ganze Strophe hindurch der Reim des Versendes im Innern der nächsten Zeile wiederholt wird
  • Schlagreim = Gleichklang unmittelbar aufeinander folgender Wörter
  • gebrochenen Reim = Reimwort ergibt sich durch die Trennung des Wortes am Versende
  • Schüttelreim = Konsonanten stellen die Reimwörter so um, dass neue Wortbedeutungen entstehen.

Diese und mehr findest du auch im Wörterbuch.
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Re: Grundlagen der Lyrik - Der Reim

Beitragvon Tintenklexxx » 24.08.2015, 19:02

Hallo, kleine Lady1981,
Ich selbst schreibe keine Gedichte, aber lese sie gerne. Allerdings habe ich von der Theorie und der Technik keine Ahnung. Für mich muß mit einem Gedicht Emotion entstehen, ein Bild und ich muß eine - wenn auch ganz kleine - Geschichte erleben. Dann gefällt es mir.
Sehr interessant finde ich diese Zusammenführung gereimter Verse. Doch gibt es auch Gedichtformen, Lyrik, die andere Formensprachen nutzen, als den Reim. Heiku und Elfchen zum Beispiel.
Ich bin neugierig, ob ich die hier auch finde. Jedenfalls haben reimlose Gedichte, also die freie Lyrik einen großen Reiz.
lieben Gruß
der Tintenklexxx
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Re: Grundlagen der Lyrik - Der Reim

Beitragvon Vaerson » 29.08.2015, 03:30

"
KleineLady1981 hat geschrieben:"Die Zahl der Reime ist endlich, die Gefahr der Abnutzung groß. Der erste Autor, der "Herz" auf "Schmerz" und "Liebe" auf "Triebe" reimte, war genial. Der hundertste nur noch ein Trottel."


Das würde ich so nicht unterschreiben können: Es hat sicherlich etwas wahres, allerdings würde ich dasselbe Gedicht auch ohne Reime nicht schätzen. Alleine, weil die Thematik abgenutzt ist, weniger die Reime. Außerdem kann man ja noch auf Neologismen zurückgreifen - DWie es bei der Beowulf-Übersetzung (wenn auch zum Stabreim) geschehen ist. Ob nun "Goldsaal", "Wasserwüsten, "Küstenflut" oder ähnliches.
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