Grundlagen der Lyrik - Der Vers

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Grundlagen der Lyrik - Der Vers

Beitragvon KleineLady1981 » 13.05.2015, 15:44

Hallo liebe Federfreunde.

Kommen wir zum Vers. Der Vers ist sozusagen die kleinste Einheit eines Gedichtes. Damit meint man eine Zeile des Textes. Wenn man über ein Gedicht spricht, sagt man immer Vers und niemals Zeile.

Die rhythmische Gliederung ist mithin die Hauptbedingung des Verses; die regelmäßige Wiederkehr eines gleichen Rhythmus im Vers heißt das Versmaß (Metrum), der einzelne Teil, aus denen das Metrum besteht, ist der Versfuß.

Der Vers ist in verschiedene Bereiche unterteilt, die je nach dem einen eigenen Namen haben. Der Beginn eines Verses heißt Auftakt. Betonte Silben nennt man Hebung, unbetonte heißen Senkung. Auftakt meint die Anfangssenkung vor der ersten Hebung, also unbetont betont. Z. B. wenn der Vers mit einem Artikel beginnt, einem Pronomen, einer Präposition:

"Auf Kieseln im Bache da lieg ich, wie helle!" (Wechsel von J. W. v. G.)

Das erste Wort ist hier unbetont, die erste Betonung erfolgt beim Substantiv.

Das Ende eines Verses in Bezug auf sein Metrum heißt Kadenz. Man unterscheidet zwischen weiblicher/klingender und männlicher/stumpfer Kadenz. Die Kadenz wird als weiblich bezeichnet, wenn der Vers mit einer unbetonten Silbe/einer Senkung endet. Das "weiblich" steht hier für offen, flexibel, anschmiegsam. Umgekehrt wird die Kadenz als männlich bezeichnet, wenn der Vers mit einer betonten Silbe endet. So steht "männlich" hier für fest, bestimmt, starr.

Soll ein Vers ohne zusätzlich gliedernde Elemente auskommen, ist es sinnvoll, nicht mehr als vier Hebungen darin unterzubringen. Denn je länger eine Verszeile ist, desto schwieriger ist es für den Leser, sie noch als eine Einheit zu empfinden und umso mehr gefährdet man den Verscharakter. Auch sollte man dabei immer im Hinterkopf halten, dass Formen und Inhalte untrennbar miteinander verbunden sind, ungeformte Inhalte sind ebenso sinnlos wie inhaltlose Formen.

Mehr als viersilbige Senkungen sollten nicht verwendet werden. Der Leser neigt z. B. bei einem Vers mit einer sechssilbigen Senkung dazu, selbigen wie Prosa zu lesen oder eine der Senkungen wie eine Hebung zu behandeln, also eine unbetonte Silbe zu betonen. Kurz: Der Leser gerät ins Straucheln. Der Großteil der deutschsprachigen Lyrik kommt mit ein- und zweisilbigen Senkungen aus (Hebungen unterstrichen):

"Freudvoll
Und leidvoll,
Gedankenvoll sein,
Hangen
Und bangen
In schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt."
(Klärchen von J. W. v. Goethe)

Wenn sich ein Vers durch die Abfolge der Hebungen und Senkungen kennzeichnen lässt, und wenn ein- und zweisilbige Senkungen der Regelfall sind, bleiben die Kombinationsmöglichkeiten überschaubar. So bilden sich Jambus, Trochäus, Anapäst und Daktylus. Wortakzent und Versakzent müssen zusammenfallen.

Der Jambus entsteht, wenn eine unbetonte Silbe mit einer betonten verbunden wird. Das folgende Beispiel zeigt einen zweifüßigen Jambus, die Reihenfolge unbetont-betont wird zweimal wiederholt in jeder Zeile.
"Dem Schnee, dem Regen,
dem Wind entgegen,…"
(Rastlose Liebe von J. W. v. Goethe)

Der Trochäus ist die Umkehrung des Jambus, er beginnt mit einer betonten Silbe. Hier ist die erste Zeile ein vierhebiger Trochäus, die zweite ist ein dreihebiger.
"Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Hass verschließt,…"
(An den Mond von J. W. v. Goethe)

Manchmal werden Jambus und Trochäus auch alternierende Verse mit und ohne Auftakt genannt. Alternierend bedeutet hier in Hebung und Senkung abwechselnd. Diese Versart ist in den germanischen Sprachen am weitesten verbreitet.

Der Daktylus ist ein Takt, der aus einer betonten und zwei unbetonten Silben gebildet wird.
"Lieber durch Leiden
Möcht' ich mich schlagen,…"
(Rastlose Liebe von J. W. v. Goethe)

Demgegenüber verbindet der Anapäst zwei unbetonte Silben mit einer betonten.
"Zwischen Weizen und Korn,
Zwischen Hecken und Dorn,
Zwischen Bäumen und Gras,..."
(Mailied von J. W. v. Goethe)

Zuletzt möchte ich noch einige Versarten (nicht verwechseln mit den Reimarten) nennen und kurz erläutern.

Knittelvers – Vierheber mit unregelmäßiger Füllung
Volksliedvers – ruhiges, harmonisches Fließen; auf ein- oder zweisilbige Senkungen beschränkter Vierheber
Blankvers – fünfhebige Jamben ohne Reim
Alexandriner – zwölfsilbiger Vers mit einer Pause (Zäsur) nach der 6. Silbe und Akzenten auf der 6. und 12. Silbe, typisch für Barockdichtung.
Hexameter – besteht aus sechs Takten, die in den antiken Sprachen nach dem Muster "Länge-Kürze-Kürze" gebaut sind.

So, das war es nun vorerst zum Thema Vers. Was du damit anfängst, bleibt ganz allein dir überlassen, schließlich sind die Regeln für die meisten eher alter Kram. Doch man sollte die Regeln zumindest kennen, wenn man sie brechen will.

Was hältst du denn von diesen Einteilungen?
Hast du sie schon benutzt oder benutzen müssen?
Findest du sie sinnvoll, um den Inhalt an den Leser bringen zu können?

Federgruß
KleineLady1981




Zusammenfassung der Begriffe:
  • Vers = Eine Zeile eines Gedichtes
  • Versmaß = regelmäßige Wiederkehr eines gleichen Rhythmus im Vers (auch Metrum)
  • Versfuß = einzelner Teil des Metrums
  • Auftakt = Beginn des Verses, Einfangssenkung vor der ersten Hebung
  • Kadenz = Ende des Verses in Bezug auf sein Metrum
         => Weiblich/klingend: unbetont, mit einer Senkung endend
         => Männlich/stumpf: betont, mit einer Hebung endend
  • Hebung = betonte Silbe
  • Senkung = unbetonte Silbe; alle Silben die zwischen zwei Hebungen liegen.
  • Jambus = Verbindung unbetonte-betonte Silbe
  • Trochäus = Umgekehrter Jambus, beginnt mit betonter Silbe

Diese und mehr findest du auch im Wörterbuch.
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Re: Grundlagen der Lyrik - Der Vers

Beitragvon brehb » 28.05.2015, 12:11

Hallo KLady,

kaum aus dem (Compi-losen) Urlaub zurück, erfreut mich diese Initiative zur Rettung der Lyrik in der SW. (Ebenso wie mich die Umgestaltung der 2-1 Regel hierzu überrascht)

Auch würde ich gerne etwas zu diesem deinem Beitrag - beitragen, aber was soll ich sagen? Wo du recht hast, hast du recht. Z.B. ist ein Alexandriner ein zwölfsilbiger Vers mit einer Pause (Zäsur) nach der 6. Silbe und Akzenten auf der 6. und 12. Silbe. Punkt.

Allerdings würde ich deine Empfehlung
Was du damit anfängst, bleibt ganz allein dir überlassen, schließlich sind die Regeln für die meisten eher alter Kram. Doch man sollte die Regeln zumindest kennen, wenn man sie brechen will.

gerne ergänzen/verschärfen:

Ein Gedicht ist ein Kunstwerk aus Worten. (Und meist viel kürzer als Prosa mit entsprechender Aussage)
Deshalb gilt für das Dichten (viel mehr als für Prosa schreiben) dass es eine Kunst ist. (deshalb: Dichtkunst)
Um sie zu erlernen, und sie einst "nach allen Regeln der Kunst" zu beherrschen, ist sie (wie alles, das man beherrschen möchte, z.B. Fussballspielen, Autos klauen, Matratzen nähen...)
zu lernen
zu üben
und zu trainieren

und erst dann, wenn man diese Kunstform beherrscht, darf man sie auch brechen (oder mit neuen Formen experimentieren)

...womit ich zu deinem Start komme
Der Vers ist sozusagen die kleinste Einheit eines Gedichtes


den ich (s.o.) gerne ergänzen würde. Da in der Lyrik viel mehr als in der Prosa auf das einzelne Wort geachtet werden muss (weniger Möglichkeiten um schluderige Geschriebenes mit Nebensätzen zu klarifizieren), kommt vor dem Vers das Wort (und exakt: vor dem Wort sogar der Buchstabe) als kleinste "zu bedenkende" Einheit.

Beispiel?
Walle! walle
Manche Strecke,
daß, zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße.

(Goethe: Zauberlehrling)

Ob sich der alte Geheimrat hier wohl (neben den simplen Reimen, Hebungen und Senkungen) besonders Gedanken zum Vokal "A" (und zum Konsonanten "W") gemacht hat, um etwas lyrisches zu erzeugen?

Unterschiedliche Vokalführung -> unterschiedliche Stimmung

Weil ihre Freunde von der jungen Linken
die grünen Äpfel fraßen, wie die Sau
saß Anna still und wollte sich betrinken
doch scheute sich, wer ist schon gerne blau?


Als alle andren grüne Äpfel aßen
saß Anna ganz allein und grämte sich
Warum? Die andern aßen nicht, sie fraßen
und Annas Gram? Na ja, da schämt man sich.


Deshalb schiene mir wichtig zu erläutern, dass dein dankenswerter Ansatz, hier in der SW Vers, Reim und Strophe zu deklinieren nur den (leider sehr trockenen) Teil der Dichtkunst, die Form (als Teil der Komposition) behandelt.

Wer sich mit "Gedichte machen" beschäftigt, sollte wissen, dass es weitere (ebenso wichtige) Kenntnisse über den Werkstoff Sprache zu erwerben gilt.
Die Phonetik
die Stilistik
die Tropik
die Komposition (von der du hier überwiegend schreibst)
sowie die Rezitation


Ich freue mich auf Weiteres.

LG brehb
[SigNat] Zu spät. Sich sputen bringst nichts
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