Grundlagen der Lyrik – Die Strophe

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Grundlagen der Lyrik – Die Strophe

Beitragvon KleineLady1981 » 13.05.2015, 15:59

Hallo liebe Federfreunde.

So wie der Vers die Bezeichnung für eine einzelne Zeile in einem Gedicht ist, so benennt man mehrere Verse in rhythmisch-metrischer Einheit, die zugleich auch eine Sinneinheit darstellen, als Strophe. Im einfachsten Fall bilden zwei Verse, die sich miteinander reimen eine Strophe. Doch ganz so einfach ist es auch wieder nicht, denn es gibt auch Gedichte, in denen eine Strophe über mehrere Seiten geht. Die Gliederung in diesen Fällen folgt anderen Strukturen.

Grundsätzlich hängt der Umfang einer Strophe davon ab, was wir zu einer Sinneinheit zusammenbinden wollen. Um eine Strophe von außen zu erkennen, setzt man sie zumeist mit einer Leerzeile voneinander ab. Auch kann diese Leerzeile ein wichtiges Stilmittel sein, dann zum Beispiel, wenn wir eine Strophenform verwenden, die in ihren Bauelementen nicht festgelegt ist. Die Leerzeile signalisiert eine gedankliche Pause. Damit zeigen wir dem Leser, dass wir das Folgende vom Sinn oder Inhalt der vorangegangenen Strophe absetzen wollen.

Es bleibt allein dem Autor überlassen, wie viele Verse er für einen Sinnzusammenhang nutzen will, den wir als Strophe bezeichnen. Auch ist er innerhalb seines Werkes nicht an eine einzelne Form gebunden, er kann ohne weiteres einer zweizeiligen Strophe mit vier Hebungen eine zehnzeilige mit Dreihebern folgen lassen.

Trotz dieser Freiheiten haben sich einige Muster herausgebildet, die immer wiederkehren. Um genau diese Muster soll es heute gehen. Dabei werfe ich wieder wie wild mit exotisch klingenden Fremdwörtern um mich, die aber – keine Sorge – alle erklärt werden und sowohl am Ende des Beitrages als auch im Wörterbuch noch einmal kurz zusammengefasst aufgelistet sind. Also, legen wir los.




Die Volksliedstrophe ist in den germanischen und romanischen Literaturen gleichermaßen beliebt. In vier Zeilen fallen meist zwei Verse zusammen, wobei das Reimschema nicht festgelegt ist. Es kann also a b a b, aa bb oder auch a bb a lauten.
Vor allem in der deutschen Literatur verwendet man gerne einen Wechsel von drei- und vierhebigen Versen. Mit stumpfen und klingenden Kadenzen sorgt man für Abwechslung und Variation.

"Fühle, was dies Herz empfindet,
Reiche frei mir deine Hand,
Und das Band, das uns verbindet,
Sei kein schwaches Rosenband."
(Mit einem gemalten Band von J. W. v. Goethe)




Dreizeilig kommt die Terzine daher. Sie reimt nach dem Schema a b a b c b c d c …y z y z.
Der Strophencharakter ist hier eher schwach, weil der Reim erst in der Folgestrophe auftaucht.

"Im ernsten Beinhaus war’s wo ich beschaute
Wie Schädel Schädeln angeordnet paßten;
Die alte Zeit gedacht‘ ich, die ergraute.
Sie stehn in Reih‘ geklemmt‘ die sonst sich haßten,
Und derbe Knochen die sich tödlich schlugen
Sie liegen kreuzweis, zahm allhier zu rasten."
(Im ernsten Beinhaus von J. W. v. Goethe)




Bleibt bei der Terzine in einer dreizeiligen Strophe die zweite Zeile ohne Reim, so nennt man das ein Ritornell. Meistens ist der erste Vers kürzer als die restlichen.

"Blühende Myrte
Ich hoffte süße Frucht von dir zu pflücken;
Die Blüte fiel; nun seh ich dass ich irrte.

Schnell welkende Winden
Die Spur von meinen Kindertagen sucht ich
An eurem Zaun, doch konnt ich sie nicht finden."
(Frauenritornellen von Theodor Storm)

Der Charakter der Strophen ist hier ausgeprägter als bei der Terzine. Das liegt an der Reimbindung zwischen dem ersten und dem dritten Vers. Sie ist so beherrschend, dass die zweite reimlose Zeile beinahe dazwischen untergeht und wie ein zu lang geratener Auftakt zum dritten Vers wirkt. Je stärker die Klangwirkung der beiden Reime, desto mehr besteht die Dreizeiligkeit des Ritornells nur für das Auge.

Die Terzinen wirken unvollständig, unsymmetrisch. Das Ritornell wird behandelt, als hätte es nur zwei Zeilen. Beides macht deutlich, dass ich unser Ohr schon stark an die Paarigkeit von Verszeilen gewöhnt hat. Hierdurch entstehen die Gegensätze unseres klanglich-rhythmischen Harmoniebedürfnisses zur abschreckenden monotonen Aufdringlichkeit paariger oder andersartige symmetrisch aufgebauter Verse.




Um dieses Dilemma zu vermeiden, versucht man eine fünfzeilige Strophe. Ein Reimschema ist dabei nicht vorgegeben. Ohne bestimmte Vorlieben nutzt man a a b a b, a a b b a, a b a a b. Allein am Ende der Strophe darf kein Paarreim stehen. Er würde die Besonderheit der Strophe wieder zunichtemachen, denn der letzte Vers soll den kräftigen Abschluss bilden.

"Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
und durch die Stille braust das Meer
eintönig um die Stadt."
(Die Stadt von Theodor Storm)




Geeignet für die Erzähl- oder Berichtform zeigt die Stanze sich in einer achtzeiligen Strophe mit dem Reimschema a b a b a b c c. Das abschließende Reimpaar kann eine Zusammenfassung oder eine Steigerung des Vorangegangenen geben und gibt eine inhaltliche Abrundung.

"Gewiß, ich wäre schon so ferne, ferne,
So weit die Welt nur offen liegt, gegangen,
Bezwängen mich nicht übermächt'ge Sterne,
Die mein Geschick an deines angehangen,
Daß ich in dir nur erst mich kennenlerne.
Mein Dichten, Trachten, Hoffen und Verlangen
Allein nach dir und deinem Wesen drängt,
Mein Leben nur an deinem leben hängt."
(Aus den Briefen an Frau von Stein von J. W. v. Goethe)




Damit sind den Strophenformen natürlich keine Grenzen gesetzt. Du kannst experimentieren und schauen, was dabei herauskommt. Allerdings bedenke dabei, dass eine Strophe umso weniger fließend wird, je kunstvoller die Strophe gebaut ist. Musikalität und Klanghaftigkeit leiden unter einem Zuviel an Architektur.

Hast du eine bestimmte Strophenform, die dir besonders gefällt?
Welche geht dir besonders leicht von der Hand?
Gibt es welche, die du ganz außergewöhnlich und ansprechend findest?
Kennst du Strophenformen in der deutschen Literatur, die immer wieder auftreten, die hier aber nicht genannt sind?

Federgruß
KleineLady1981




Zusammenfassung der Begriffe:
  • Terzine = Dreizeilige Strophe, Reimschema a b a b c b c d c …y z y z.
  • Ritornell = Terzine mit reimloser zweiter Zeile
  • Stanze= achtzeilige Strophe mit dem Reimschema a b a b a b c c.

Diese und mehr findest du auch im Wörterbuch.
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