Grundsatzdiskussion: Freier Vers

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Re: Grundsatzdiskussion: Freier Vers

Beitragvon sulamay » 14.02.2015, 15:17

Ich denke der freie Vers kann auch als Hauptausdrucksform (post)moderner Lyrik angesehen werden. Das lässt sich etwa mit den Impressionisten/Expressionisten bzw. allgemein der Abstraktion in der Kunst vergleichen: Mit der Erfindung der Fotografie wurde das rein naturalistische Abbilden von Gegenständen/Menschen/... verdrängt, da Fotografien sehr viel preisgünstiger waren als einen Maler zu engagieren. Auch sahen sich die Künstler der Herausforderung beraubt, mit der Industrialisierung ergaben sich ganz neue gesellschaftliche Grundsatzfragen, kurzum: Sie brauchten eine neue Form der Kunst, welche die Gefühle bzw. Eindrücke der Künstler stärker in den Vordergrund rücken sollte, anstatt etwas "Ästhethisches " abzubilden. Heutzutage erscheint mir der Reim, vor allem wenn er sich als Paar/Kreuzreim durch das GESAMTE Gedicht zieht, oft als unangemessen, antiquiert, ja geradezu lächerlich. Es geht bei der Poesie ja nicht vornehmlich darum, die Technik des Reimens anzuwenden, sondern Themen in möglichst komprimierter-also VERDICHTETER- Form zu behandeln...gute Gedichte sollen intensiv berühren, intensiver als 500-seitige Prosastücke,etc. Es geht auch um die Betonung von Worten, um das Sprachgefühl an sich...aber das ist nur meine Meinung
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Re: Grundsatzdiskussion: Freier Vers

Beitragvon Kelpie » 15.02.2015, 15:10

Der Unterschied zwischen freiem Vers und Prosa liegt meines Erachtens im Sprachrhythmus bzw. in der Wortstellung ganz allgemein. Lyrik hat die Aufgabe, Sprache in einer bestimmten Melodie zu transportieren (welche diese ist, liegt am Autor); diese Melodie fehlt Prosatexten zumeist. Bei Prosa steht in gewissem Sinne immer die Grammatik im Vordergrund, während bei Lyrik diese in den Hintergrund rücken darf zugunsten des Inhaltes.
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Re: Grundsatzdiskussion: Freier Vers

Beitragvon Der Hakawati » 18.02.2015, 00:38

Kelpie hat geschrieben:Der Unterschied zwischen freiem Vers und Prosa liegt meines Erachtens im Sprachrhythmus

Das sehe ich auch so. Beziehungsweise ich würde noch einen Schritt weiter gehen: Lyrik ist Text in Form. Die Form kann sehr starr sein (z.B. ein barockes Sonett mit Alexandriner) oder sehr frei (z.B. freier Vers ohne Reim und Metrum). Wenn man ein Gedicht schreibt, so kann man sich beliebige Formanforderungen auferlegen oder diese gerade weglassen. Bis auf eine: Ein Gedicht hat immer Verse. Ohne Verse kein Gedicht. Man muss nicht reimen, man muss kein Metrum einhalten, aber wenn man alles in eine Zeile packt, ist es kein Gedicht mehr.

Verse sind also Minimalanforderung. Aber auch das reicht nicht. Beispiel:

Ein
Gedicht hat immer Verse.
Ohne Verse
kein Gedicht. Man
muss nicht reimen, man muss kein Metrum einhalten, aber
wenn man alles
in eine Zeile packt, ist
es kein Gedicht mehr.


Das ist Text mit Versen, aber kein Gedicht. Damit aus einem Text mit Versen ein Gedicht wird, damit aus einem Text mit Form ein Text in Form wird, muss ich versuchen, Text und Form in Einklang zu bringen. Ich setze also nicht willkürlich Zeilenumbrüche, sondern absichtlich um damit eine gewisse Wirkung zu erzielen.

Verse beeinflussen, wie man ein Gedicht liest. Man könnte jetzt die Verse nach grammatikalischen Gesichtspunkten setzen:

Ein Gedicht hat immer Verse.
Ohne Verse kein Gedicht.
Man muss nicht reimen,
man muss kein Metrum einhalten,
aber wenn man alles in eine Zeile packt,
ist es kein Gedicht mehr.


Auch das ist kein Gedicht. Zwar sind die Verse nicht willkürlich gewählt, aber man würde den Text nicht anders lesen, als wenn alles in einer Zeile stände (das sieht man schön an den Satzzeichen). Die Form hat keine Auswirkung, beeinflusst nicht die Interpretation des Textes -- noch nicht mal das Lesen. Anders sieht es aus, wenn man folgendes tut:
Ein Gedicht hat
Immer Verse
Ohne Verse
Kein Gedicht

Man muss
Nicht reimen
Man muss
Kein Metrum einhalten
Aber wenn man alles in eine Zeile packt
Ist
Es kein Ge-
dicht mehr


Das liest man anders -- durch die Verse. Es sind die selben Wörter. Aber eben in Form. Die Form hat eine gewisse Beziehung zum Inhalt. In der ersten Strophe erzeugt der Parallelismus in Versen 2 und 3 einen auffälligen Gegensatz, der sich auch inhaltlich widerspiegelt. Und in Vers 9 ist alles in eine Zeile gepackt, was auch genau so die inhaltliche Aussage ist. Das wiederum steht in krassem Gegensatz zum folgenden Vers, der nur aus dem Wort "ist" besteht und damit die Sache noch deutlicher macht.

Das Fehlen der Satzzeichen ermöglicht Interpretationsspielräume, die der Prosasatz so gar nicht hatte. Man könnte lesen "Ein Gedicht hat immer Verse ohne Verse -- kein Gedicht". Das hab ich so nicht gemeint, als ich den Prosasatz geschrieben habe, aber ein Leser kann das lesen und sich Gedanken darüber machen. Das macht das Gedicht zu mehr als zu reiner Informationsvermittlung. Wenn ich das möchte, schreibe ich kein Gedicht. Gute Gedichte laden dazu ein, auch dort Sinn zu finden, wo ihn der Dichter nicht hineingelegt hat.

Ein wichtiges Stilmittel, das ich auch jetzt erst so langsam verstehen lerne, ist das Enjambement -- der Zeilensprung. Als ich in der Schule gelernt habe, was das ist, fand ich das doof; irgendwie merkwürdig und unpassend. Gedichte müssen Metrum und Reim haben, dachte ich. Das ist irgendwie "gewohnter". Aber nein: Wenn man nicht Reim und Metrum als Stilmittel verwendet, muss man eben andere nehmen. Beispielsweise eben das Enjambement. Man kann das auch umgekehrt sehen: Wenn man auf Enjambements verzichtet (also im altbekannten Zeilenstil schreibt), muss man eben auf sowas wie Reim und Metrum zurückgreifen.

Ich glaub so richtig verstanden hab ich das erst, als ich letztens "Das verspielte Papier" von Kerstin Hensel gelesen habe. Ein wirklich lesenswertes Buch über starke, schwache und vollkommen misslungene Gedichte.
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