Grundsatzdiskussion: Freier Vers

Tipps, Ratschläge und Diskussionen zur Lyrik. Wie machst du das? Hilfe bei Schreibblockaden und Anfangsschwierigkeiten für Dichter

Grundsatzdiskussion: Freier Vers

Beitragvon Aelfgar » 26.01.2013, 17:58

Liebe Schreibwerkstatt,

ich möchte hier nicht zu einer Lösung kommen; die Frage wird von genügend Leuten diskutiert, die sich ständig mit dem Thema befassen. Doch es interessiert mich zu wissen, was die Leute hier im Forum davon halten und was sie darüber denken:

Ist freier Vers eine angemessene Form der Lyrik? Und wenn ja, wodurch grenzt sich der Freie Vers von Prosa ab? Was macht dann einen Vers aus?

Freier Vers besagt ja, dass alle vorgegebenen Struckturen über Bord geworfen werden. D.h. es gibt keinen Versfuß mehr (wahrscheinlich das Wichtigste beim Dichten) und auch kein Reimschema mehr. Kurz - man kann schreiben was man möchte. Doch wo ist dann der Unterschied zur Prosa? Ist es denn kein Gedicht, wenn ich schreibe:

Mein Hund, der
ging heute alleine

spazieren.

Ich war nämlich
krank und lag in mei-
nem Bett.

Wenn wir die Zeilenumsprünge löschen, ist es selbstverständlich Prosa. Ist es so, wie es hier steht, Vers? Wodurch definiert sich dann Vers? Einige der Gedichte, wie sie hier im Forum geschrieben werden, könnte man genau so wie hier einfach zusammenschreiben, dann wären es allerdings keine Gedichte mehr.

Auf eure Meinungen gespannt wartend, wünsche ich euch einen schönen Tag :)

LG
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Re: Grundsatzdiskussion: Freier Vers

Beitragvon Arminius » 26.01.2013, 18:35

Der Unterschied liegt im Begriff Vers. Wird ein Text in Versen verfasst, egal ob als freier Vers oder als herkömmlicher, so handelt es sich um Lyrik.
Alles was nicht in Versform verfasst ist, ist Prosa.

So ist zumindestens meine Auffassung davon.
"Gedanken sind wie Schnee. Frierst du sie nicht ein, dann tauen sie davon!" -Ich-
"Ich sage immer noch Negerkuss. Warum? Weil Political Correctness verlogen ist." -Ich-
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Re: Grundsatzdiskussion: Freier Vers

Beitragvon zickzack » 27.01.2013, 13:07

Also, ich kann dir nicht wirklich darauf antworten, weil ich mich mit Lyrik nicht wirklich auskenne. Doch habe ich letztens ein Gedicht von Hans Magnus Enzensberger gelesen "Aufbruchsstimmung", welches er zur Wende geschrieben hat und das ähnelt so vom ersten Lesen mehr einen Prosatext, aber wenn man sich das dann ein zweites, drittes und vielleicht auch ein viertes Mal durchliest, dann entdeckt man ganz viele rethorische Mittel.
Für mich ist das dann Lyrik, weil es trotz prosaähnlicher Form sehr komprimiert ist und eine Menge rethorische Mittel aufweist. Ob nun freier Vers oder herkömmlicher, wenn man viel zwischen den Zeilen lesen kann und es komprimiert ist, dann ist es für mich Lyrik. Ob das so stimmt, weiß ich nicht. Ist nur mein Befinden. :wink:
:nano: is back: Bleibt auf dem Laufendem was die Ausbreitung angeht!
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Re: Grundsatzdiskussion: Freier Vers

Beitragvon Aelfgar » 27.01.2013, 20:22

Nun, dass es öfters kompakt ist ist schon ein Argument; gibt aber auch ellenlange Gedichte; siehe die epischen Gedichte (Beowulf, Niebelungen, Paradise Lost etc.) oder auch gewöhnliche Balladen (Ballad of the reading Gaol etc.) aber Rhetorische Mittel sind kein Argument - in Prosa ist das genauso häufig wie in Vers (Vergleiche Dickens, Tolstoi o.Ä., aber sogar Nieten wie Boyle kriegen es auf die Reihe, viele Rhetorische Mittel zu verpacken).

Aber schonmal interessante Beiträge, freue mich auf weitere :)
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Re: Grundsatzdiskussion: Freier Vers

Beitragvon Herzeloyde » 31.01.2013, 20:51

Ich tue mich ebenfalls sehr schwer mit freier Lyrik. Aber ich muss gestehen, dass ich mich bisher sehr wenig damit befasst habe. Für mich ist Lyrik, mehr noch als Prosa, Kunst. Und Kunst steht immer in einer Tradition: abstrakte Gemälde sind beispielsweise entstanden, weil naturalitische Kunst gewisse Gefühle nicht ausdrücken konnte usw.
Um die Berechtigung von freier Lyrik zu ergründen, müsste man sich also ihre Entstehungsgeschichte genauer ansehen. Und dann eine Menge freier Lyrik (die von "Experten" als gut befunden wurde) lesen, damit man sich ein Bild über die Tradition machen kann, in der sie steht.
Der Standard-Absagesatz eines befreundeten (Lyrik-)Verlegers war immer: Gute Lyrik entsteht nicht, indem der Dichter einsam an seinem sonnenbeschienen Schreibtisch sitzt und seine Verse schmiedet (o-Ton). Um gute Lyrik zu schreiben, müsse man sich in der zeitgenössischen Lyrik auskennen, sich an Wettbewerben tummeln usw.
So gesehen: Lyrik (ob frei oder nicht) mit künsterlischem Wert entsteht dann, wenn sie sich in charakteristischer Art und Weise, entweder als Folge oder Abgrenzung, an einer Tradition orientiert.

Für mich pesönlich allerdings sind Verse, die überhaupt keine erkennbaren Strukturen haben (ausser dem Zeilenumbruch), keine Lyrik.
Aber jetzt bitte nicht mit Steinen werfen :boxjump: Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.
Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben. (Alexander von Humboldt, Naturforscher)
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Re: Grundsatzdiskussion: Freier Vers

Beitragvon Aelfgar » 09.02.2013, 19:37

Hi Herzeloyde,

danke für den netten Beitrag.

Vermutlich hast du dabei recht: Man sollte sich mehr mit Freiem Vers beschäftigen, um es beurteilen zu können. Wie ich bereits sagte, einige Sachen, welche dem Freien Vers zuzuordnen sind, gefallen mir sehr gut - doch das Meiste ist mir sehr schwerfällig und ungenießbar.

Ich widerspreche mal deinem Verlegerfreund - ich wage es einmal zu behaupten, dass Wettbewerbe zwar dazu führen, dass bekannte Lyrik entsteht - jedoch nicht unbedingt gute. Allerdings stimme ich ihm zu, dass man sich mit zeitgenössischer Lyrik auskennen sollte.

Auch sollte man, falls man Gedichte wirklich und wahrhaftig mag, sich sowieso mit der Materie auseinandersetzen - egal ob man sie schreiben oder nur lesen möchte - denn wie alle andere Kunstformen auch enthält Lyrik ein handwerkliches Können. Um es zu genießen braucht man diese handwerklichen Kenntnisse zwar natürlich nicht, doch jede Interpretation, welche ohne diese Kenntnisse entsteht, ist reine Spekulation. Und man beobachtet oft, dass diejenigen, die sich damit auskennen, öfters in Formen schreiben als in Freiem Vers.

Just my 2 cents
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Re: Grundsatzdiskussion: Freier Vers

Beitragvon Literatte » 12.04.2013, 13:53

Hallo in die Runde,

ich wollte gerade schon einen eigenen "Lyrik-Werkstattthread" eröffnen, weil ich mich als frischgebackener Lyrik-Lehrling aktuell eifrig mit diesen Fragen befasse: was macht Lyrik aus und was ist als Lyrik eher nicht zu bezeichnen, da entdeckt ich diesen hier.

Dabei tummele ich mich selbstredend auch auf dem weiten Feld des freien Verses, der ja gemeinhin als modern gilt und vielen als "unverstaubter" Gegenpart zur gereimten Lyrik der einem (vermeintlich) sämtliche Freiheiten einräumt.

Seit ein paar Wochen habe ich mich nun endlich :wink: auch unter die Lyrik-Leser gesellt und stelle fest, dass es sich wirklich lohnt Lyrik zu lesen und zu lesen und zu lesen. Alte wie neue. Vor allem aber vermeintlich verstaubte :mrgreen: .

Weil sich da Überraschendes auftun kann, wie z.B. freier Vers :wink: von Goethe selbst und das wollte ich euch gerne auch einfach mal zur Diskusison stellen. Vielleicht seid ihr ja auch schon selbst mal über Überraschendes gestolpert.

Hier aber erstmal J.W. Goethe:

Gesang der Geister über den Wassern

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muss es,
Ewig wechselnd.

Strömt von der hohen
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und leicht empfangen
Wallt er verschleiernd,
Leisrauschend
Zur Tiefe nieder.

Ragen Klippen
Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig
Stufenweise
Zum Abgrund.

Im Flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See
Weiden ihr Antlitz
Alle Gestirne.

Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt von Grund aus
Schäumende Wogen.

Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem WInd!

aus: K.O. Conrady Das Grosse Deutsche Gedichtbuch, 1977, S. 250
.................................................................

Ist doch eigentlich der Hammer, wenn man sich das mal in Sachen Versmaß, Metrik, Strophe, Reim / nicht Reim anguckt, oder?
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Re: Grundsatzdiskussion: Freier Vers

Beitragvon CharlySemmel » 12.04.2013, 15:11

Ist freier Vers eine angemessene Form der Lyrik? Und wenn ja, wodurch grenzt sich der Freie Vers von Prosa ab? Was macht dann einen Vers aus?


Hallo Aelfgar!

Ich gehe mal von vier formalen Elementen aus, die mMn ein Gedicht ausmachen:
1. Versmaß (Länge der Zeilen)
2. Reim (fällt beim freien Gedicht weg)
3. Silbenbetonung (Jambus z.B. beginnt unbetont; Trachäus betont etc.)
4. Spezielle Formen von Gedichten - wie z.B. Limerick oder Haiku (fällt beim freien Gedicht ebenfalls weg)

Wenn der Reim und die spez. Form wegfallen (was bei der freien Form von Lyrik der Fall ist), dann bleiben immer noch Versmaß und Betonung, die Lyrik von Prosa unterscheiden. Wie das Wort Gedicht ja schon suggeriert, ist Lyrik verdichtete Prosa. Sprich: Die Aussage eines Satzes (in Prosa) wird auf den Kern reduziert (und u.a. dadurch lyrisch) Und Prosa ist im Gegensatz zu Lyrik weniger akzentuiert (im Sinne von betont) Zumindest ist das mein Verständnis der Materie. :wink:

Gruß, CS
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Re: Grundsatzdiskussion: Freier Vers

Beitragvon Aelfgar » 22.10.2013, 00:21

Hey ihr zwei,

guter Fund Literatte!

@CharlySemmel

Freier Vers ist nicht nur Freiheit von Reim und Form, sondern Freiheit von Versmaß, Reim UND Form (Silbenbetonung ist übrigens umgangssprachlich für Versmaß). Bereits in der Antike, in der es in der Lyrik üblich war nicht zu reimen, gab es viele Gedichte die eben jenseits der üblichen Formlehre standen; allerdings hatten sie stets ein strenges Metrum. Auch gab es in allen Epochen viele Gedichte, die kein Reim und keien Form hatten, aber doch ebenfalls eine metrische Strenge -> kein Freivers. Im Gegenteil, Abwesenheit von Metrum ist sogar wesentlich wichtiger als Abwesenheit von Reim in einem Freivers... der Name suggeriert ja auch: Frei von Vers, also frei von der kompletten Versform. Dadurch kommen wir aber zu meiner ursprünglichen Frage zurück, was jetzt ein Gedicht ausmacht, wenn es sich nicht von Prosa unterscheiden lässt (ausser in inhaltlicher Aussage; wobei es ja auch Prosagedichte gibt...)

Doch danke für den Ansatz :)
LG
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Re: Grundsatzdiskussion: Freier Vers

Beitragvon pigeonpea » 22.10.2013, 17:10

Ist freier Vers eine angemessene Form der Lyrik? Und wenn ja, wodurch grenzt sich der Freie Vers von Prosa ab? Was macht dann einen Vers aus?


Meiner Meinung nach unterscheiden sich Lyrik und Prosa in mehreren Punkten voneinander, nicht nur in Versmaß und Reim. Zum einen, was hier auch schon erwähnt wurde, sind lyrische Texte sprachlich dichter als Prosa, was durch Häufung an Stilmitteln deutlich wird. Auch entsteht oft eine Mehrdeutigkeit, die in Prosa fehlt.
Ich persönlich finde den freien Vers sogar meist besser, da er eine größere Freiheit bietet. Gedichte mit strengem Reimschema klingen oft sehr angestrengt und das nicht nur hier im Forum. Man sieht den Autor manchmal beinahe vor sich, wie er verzweifelt nach dem passenden Wort sucht :roll:
Meiner Meinung nach sollten Gedichte vor allem natürlich klingen.
Ich schreibe selbst oft im freien Vers, da es für mich einfach besser klappt. Im Unterschied zu Prosa schreibe ich Lyrik intuitiv und weiß manchmal gar nicht, wo genau die Worte jetzt herkommen, die da aufs Papier fließen.

Liebe Grüße, pigeonpea
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Re: Grundsatzdiskussion: Freier Vers

Beitragvon Aelfgar » 22.10.2013, 21:54

Den Ansatz in der Verdichtung der Sprache finde ich gut, und das könnte man schon eher nachvollziehen.

Bei deiner Bevorzugung des freien Verses kann ich dir aber auf keinem Fall zustimmen. Du willst mir doch nicht sagen, dass Leute wie Shakespeare, Coleridge, Keats, Milton, Wilde etc. durch die Form gezwungen klingen! Im Gegenteil: Ich persönlich finde Lyrik vor dem 20. Jhd. insgesamt schöner; beim freien Vers gibt es natürlich auch viele gute Vertreter (Auden, Adcock, Heaney, Eliot), aber die Lyrik in Form spricht mich einfach wesentlich stärker an. Auch ist es tatsächlich so, dass Vorgaben eher zu einer stärkeren künstlerischen Entfaltung führen als absolute Freiheit, sprich Form über Freivers, zumindest bei den meisten. Erst dadurch wird die Kreativität richtig angeregt, da man sonst einfach alles durchgehen lässt - ob bewusst oder unbewusst.

Was natürlich nicht heißen soll, dass der Inhalt eines Gedichtes vom Reim abhängen soll und darf. Das ist natürlich so ziemlich das Fatalste was man machen kann. Dannoch gelingt Gefühlsübertragung, was du - anscheinend - ebenfalls an oberster Stelle legst, eher, wenn du mit Form mehrere Mittel zur Verfügung hast, um diese Gefühle zu bilden. Wenn du "zur" die Worte zur Verfügung hast und nicht die Sprachrhythmik und Sprachmelodie ist es wesentlich schwieriger gute Lyrik zu schaffen.

LG
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Re: Grundsatzdiskussion: Freier Vers

Beitragvon haper » 23.10.2013, 13:11

Vielleicht ergibt sich ein Unterscheidungspunkt zwischen freien Versen und Prosa eher durch die Pausen als durch den Text. Freie Verse setzen Pausen jenseits der Satzstruktur. Durch diese Pausen entstehen wiederum Betonungen am Versende oder Versanfang, die im Prosatext so nicht vorkommen. Diese "Überhöhung" sorgt mit für ein unterschiedliches Sprachniveau zwischen freien Versen und Prosa.
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Re: Grundsatzdiskussion: Freier Vers

Beitragvon Milch » 05.05.2014, 16:43

Ich empfehle "gebunden frei sein" aus "Das verspielte Papier" von Kerstin Hensel dazu.
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Re: Grundsatzdiskussion: Freier Vers

Beitragvon urbanguerilla » 12.06.2014, 00:23

Heisses Thema,
wozu ich natürlich meine ganz persöhnlichen Auffassungen pflege. Ich handhabe es so(Lyrik) dass es dabei darum geht das/den poetischen Moment einzufangen, ein Erahnen dafür zu schaffen und die Stimmung zu benennen. Einen Raum zu erzeugen und den Leser darin zu "bannen". Prosa ist eher ein berichten, benennen ohne schmückendes Beiwerk und betörende WortEssenzen.

Zwei Beispiele:

Ich bin der Atem der deiner Erscheinung einen Namen gibt,
das Licht was deine Dunkelheit in Form vollendet;
der Morgentau auf deinen Träumen,
das Feuer deiner Sehnsucht.
Ich bin die Erlösung im Fluß deiner Tränen,
und werde der Wind sein, der deine Asche hinfortwehen wird.
ICH BIN

Der perfekte Moment
Es fehlt ihm an nichts, und nichts kann ihm hinzugefügt werden. Glückseligkeit blubbt vor sich
hin, und Gleichwertigkeit der Ereignisse bezeugt einen befriedeten Beobachter in mir. Er dehnt
sich “unendlich” und umschließt Alles in sich, der Moment. Die vergewaltigende Schönheit der
Vergänglichkeit tritt zutage. Werden und Vergehen; das schönste im Kosmos. Kein Anhängen,
kein Festhalten ; ein genussvolles Zergehen in der Zeit, ein Sterben. Vollkommene Egalität und
dennoch ein vollkommenes Interesse an dem was eben jetzt hier ist. Die zerknitterte Hose auf
dem Boden, der Partner friedlich schlafend im Bett, das dreckige Geschirr in der Küche,…Alles
so schön und unberührt und heilig, kein Bedarf an Veränderung und Aktivität.
Ausgelotete Tiefe,
still durchdringend;
labend am Sein;
selbstgewahr ihres
schwungvoll
…ausgeformten Mangels
in der Erscheinung.
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Re: Grundsatzdiskussion: Freier Vers

Beitragvon Arius » 21.06.2014, 00:54

Dann werde ich auch mal meinen Senf dazu geben. Ich möchte jedoch anmerken, dass ich kein Lyriker bin. Meine Kenntnisse beruhen nur auf der Analyse der Thematik und nicht auf ihrer praktischen Anwendung, sind somit nur theoretisch.
Der Begriff „Lyrik“ stammt vom griechischen Wort Lyra = Leier (ein Saiteninstrument) ab. Daraus kann geschlossen werden, dass die Lyrik in der Antike ein von einem Instrument begleiteter Gesang war.
Heute wird zwischen Lied und Gedicht unterschieden. Gedichte sind sowohl bezüglich Form als auch Thematik sehr vielfältig. Hier alle Formen aufzuzählen wäre übertrieben und würde den Rahmen sprengen.

Bevor ich mich nun den freien Versen zuwende, stelle ich mir erst einmal diese Grundsatzfragen: „Was ist Lyrik? Woran ist Lyrik erkennbar?“

Manche meinen, am leeren Platz rechts neben dem Text. :mrgreen:

Konventionelle Lyrik ist leicht zu erkennen: zu ihr gehören immer regelmäßiger Rhythmus, Stropheneinteilung, Reim und Besonderheiten der Syntax (oft unvollständige Sätze, besondere Stellung der Satzglieder).
Handelt es sich um reimlose Lyrik im freien Rhythmus, ist das Erkennen bereits schwieriger. Folgende Kriterien aber müssen immer gegeben sein, damit man von einem Gedicht sprechen kann:
Stilisierte Knappheit des Ausdrucks, rhythmische und lautliche Gestaltung, durchgegliederte Aussage, bildliches Sprechen. Wegen dieser Besonderheiten ist die Mitwirkung des Lesers, seine aktive Rezeption vonnöten.

"Wo uns etwas erzählt wird, da handelt es sich um Epik, wo verkleidete Menschen auf einem Schauplatz etwas agieren, um Dramatik, und wo ein Zustand empfunden und von einem 'Ich' ausgesprochen wird, um Lyrik." (W.Kayser, 1948)

Wie frei kann Lyrik sein, ohne aufzuhören Lyrik zu sein?

Um dieser Frage nachzugehen, stelle ich die folgende These auf:

Lyrisch ist ein Text, wenn er sich durch Auswahl und Wiederholung von Sprachelementen von Prosa unterscheidet, einen singbaren Charakter hat und so verfasst ist, dass Sprachliche Intensität - Klang, Sinn, Stimmung, Bildhaftigkeit und Bedeutung miteinander verschmelzen.

Es wurde die Frage aufgeworfen, ob freier Vers eine angemessene Form der Lyrik ist und wodurch sie sich von Prosa abgrenzt.

Freie Verse sind Verse ohne Versmaß, jedoch mit rhythmischer Struktur. Freie Verse sind teils gereimt oder mit Assonanz gestaltet - das unterscheidet sie von freien Rhythmen Das bedeutet, sie besitzen immer noch ein Reimschema. Im Gegensatz zur Annahme des ersten Beitrages.

Freie Rhytmen hingegen bezeichnen reimlose, metrisch ungebundene Verse mit beliebiger Silbenanzahl und unterschiedlich vielen Hebungen und Senkungen, die dennoch einen bestimmten Rhythmus aufweisen: Im Unterschied zur Prosa sind Korrespondenzen in der Verteilung der Hebungen erkennbar. Freie Rhythmen erscheinen in Gedichten ohne feste Strophenform, die Verse können aber dennoch in Versgruppen beisammen stehen.

Da Freie Verse und Freie Rhythmen den Anforderungen eines Gedichtes entsprechen (Stilisierte Knappheit des Ausdrucks, rhythmische und lautliche Gestaltung, durchgegliederte Aussage, bildliches Sprechen.), sind sie klar der Lyrik zuzuordnen.

Wo es komplizierter wird, ist das Prosagedicht. Dabei handelt es sich um eine Mischform. Und ich denke, dass diese Gedichtsgattung das eigentliche Thema dieses Beitrages ist.

Nur einem Franzosen konnte es einfallen, ‹Lieder› in Prosa zu verfassen, wie das Lautréamont mit seinen ‹Chants de Maldoror› getan hat. In dieser Gedichtform, die Berühmtheit erlangte in Baudelaires ‹Spleen de Paris› (1868), konvergiert das lyrisch-getragene Sprechen mit der Umgangssprache und der freie Rhythmus mit dem Prosarhythmus. Dabei entsteht jedoch keine Erzählung, sondern eine Art Gemälde, ein schwebendes, irisierendes Gewebe aus Wirklichkeit und Traum. Das Prosagedicht dient dabei häufig als Mittel zur Stimmungsverstärkung. Seine Zwitterstellung, wie die Biologen sagen würden, oder seine hermaphroditische Gestalt, wie die Philosophen betonen könnten, erlaubt eine weit größere Spannbreite des Ausdrucks als die herkömmliche Gedichtform, birgt aber die Gefahr in sich, entweder ins Poetisch–Kitschige oder ins Prosaisch-Nüchterne abzudriften.

Nun, was kennzeichnet ein Prosagedicht? Handelt es sich um Lyrik oder Prosa?

Wikipedias Auskunft ist ungewohnt knapp: „Ein Prosagedicht ist ein Gedicht in Prosa, also ohne für Lyrik konstitutive Formelemente wie Verse oder Reime. Seine Blüte erlebte es im Frankreich des 19. und 20. Jahrhunderts. Auch im deutschen Sprachraum sind seit dem 20. Jahrhundert Prosagedichte in weit verbreiteten lyrischen Werken verstärkt nachweisbar.“

Das Beste, was über das Prosagedicht gefunden habe, stammt von Professorin Dr. Erika Gräber:
„Das Prosagedicht ist in der deutschen Literaturwissenschaft seit jeher als recht heikles literarisches Phänomen angesehen worden: Zum einen verweigert es sich in seinem Oszillieren zwischen Prosa und Lyrik der klassischen Gattungstrias. Es ist ein Störelement und erzwingt eine Revision des Gattungssystems. Zum anderen bleibt das deutsche Prosagedicht merkwürdig blass im Vergleich zum schillernden gesamteuropäischen Kontext der Gattung, die geprägt ist von Größen wie Charles Baudelaire, Arthur Rimbaud, Stéphane Mallarmé, Ivan Turgenev …“

Otto Knörrich setzt sich in seinem „Lexikon lyrischer Formen“ auf den Seiten 171 bis 173 mit verschiedenen Definitionen auseinander und endet mit dem Eingeständnis, „dass nicht jede poetische (im emphatischen Sinn lyrische) Prosa ein Prosagedicht ist, dass es sich aber bei ihm sowohl um »Prosa wie um ein Gedicht« handelt wird man nicht bezweifeln können. Auch lässt die ziemlich breite Begriffsverwendung … eine präzisere Bestimmung kaum zu.“

Somit streiten sich auch größere Geister als wir darum, ab wann ein Gedicht zur Prosa wird.
Phantasie ist unser guter Genius oder unser Dämon. Immanuel Kant


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