Gute Handlung = unlogisches Verhalten

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Gute Handlung = unlogisches Verhalten

 
Hallo

ich schreibe gerade an meinem Suwrimo-Projekt, einem Mystery-Thriller.

Und ich habe mal eine zugegeben etwas blöde Frage. Blöd deshalb weil ich sie eigentlich schon selbst bejahen kann. Aber ich würde einfach mal gern eure Meinung hören.

Lebt eine gute Handlung vom teilweise unlogischen Verhalten der Protagonisten?
Ok jemand wurde ermordet und es gibt eine Hinweiskette, da würde jeder normale Mensch doch einfach zu Polizei gehen.
Gut aber das ist ja ein Buch. Ich habe einen Plot um Menschen die das nicht tun. Einfach alles von sich weisen und die anderen alles machen lassen. Keiner liest ein Buch über einen Typen der nur auf der Couch hockt und sich selber leid tut.

Bsp. (Random)
Ein Mord passiert und der Prota forscht auf eigene Faust nach weil es ihn interessiert. Es führt ihn zu einem alten Industriegelände. ICH würde, weil ich ein Schisshase bin, JETZT die Bullen rufen. Der Prota aber geht alleine rein, wird natürlich erwischt und bekommt eins über den Schädel.
Eine Geschichte lebt ja von diesen "nein geh da nicht rein!" "Oh Gott tu das nicht" "Vorsicht der Mörder...zu spät!" Momenten.
Aber wo ist für Euch Schluss?
Wann wird Euch das Verhalten zu unlogisch oder an den Haaren herbeigezogen?
Muss ein guter Thriller immer weiter nach vorne preschen und den Protas gar keine Zeit lassen um zu verschnaufen und ihre Handlungen zu reflektieren?
Rutschen die einfach mal so in etwas was sich nicht mehr aufhalten lässt?

lg
Anell

von © anell

Re: Gute Handlung = unlogisches Verhalten

 
huhu :)

also ich glaube das liegt auch bissl im Persönlichkeitsbereich deines Protas. Wenn er gewöhnt ist mit Problemen selber fertig zu werden, eine gesunde Neugier mitbringt, mutig ist und auch sonst nur vor wenigem Angst hat könnte man ihn doch wirklich locker auf eigene Faust da rein gehen lassen. Wenns schief geht, ok..aber das läge in seinem Naturell es zumindest zu versuchen.

Dann ein anderer Prota, nicht sooo Selbstbewusst dem Anschein nach, jedoch sehr neugierig. Steht eines Tages vor der Wahl..gehe ich zur Polizei und berichte ihnen von meinen Entdeckungen oder versuche ich selber noch mehr herauszubekommen? Die Gründe dafür könnten ja sein; er sucht eine interessante Story für die Schülerzeitung-bringt ihm Anerkennung/Lob ect..oder er hat schon vorher einiges ausgefressen und die Polizei würde ihm (oder ihr) jetzt nicht mehr glauben ( denkt er/sie..)

zu unlogisch würde das alles für mich auf jedenfall werden wenn es total dem Charakter wiederspricht so zu handeln ohne das es dafür einen wirklich guten Grund gibt. Oder wenn im vornherein schon klar ist das es einfach nur unsinnig ist wenn eine (nur Beispiel) körperlich unterlegene und unbewaffnete Frau sich freiwillig in eine solche Situation begiebt wo von vornerein klar ist..das könnte sogar tötlich enden..

Lg Alessia

von © Alessia

Re: Gute Handlung = unlogisches Verhalten

 
Hallo,

Allessia hat ja schon gesagt, dass wenn dein Protagonist schon viel ausgefressen hat, er die Finger von der Polizei lässt, um nicht selbst als Tatverdächtiger auserkoren zu werden.

Alternativ könnten die Indizien ja so wirken, als wäre ein Bekannter oder Freund deines Protagonisten der Schuldige, und dein Protagonist will den wirklichen Schuldigen finden, um dessen Unschuld zu beweisen. In dem Fall könnte die Polizei als Gegenspieler in deiner Geschichte auftauchen, weil jemand anders sie auf das Verbrechen aufmerksam gemacht hat. Das könnte etwas zusätzliche Spannung in die Geschichte bringen, wenn es in die Geschichte passt.

von © Verena

Re: Gute Handlung = unlogisches Verhalten

 
Hi,

Und ich habe mal eine zugegeben etwas blöde Frage. Blöd deshalb weil ich sie eigentlich schon selbst bejahen kann.


Blöde Fragen gibt es nicht. Man darf es sich nur mit der Beantwortung nicht viel zu einfach machen :wink:

Lebt eine gute Handlung vom teilweise unlogischen Verhalten der Protagonisten?


Auf gar keinen Fall! Muss sich aus unlogischem Verhalten nicht eher ein völlig unlogischer Handlungsverlauf ergeben? Was direkt hierzu führt:

Ein Mord passiert und der Prota forscht auf eigene Faust nach weil es ihn interessiert.


Weil es ihn interessiert? Unlogisches Verhalten führt zu unlogischem Handlungsverlauf... Sag ich doch.

Ok jemand wurde ermordet und es gibt eine Hinweiskette, da würde jeder normale Mensch doch einfach zu Polizei gehen.


Es sei denn, es gibt einen verdammt triftigen Grund, gerade das nicht zu tun. Es sind doch genau diese Fragen, die eine gute und logische Handlung ausmachen. Genau aus diesem Stoff werden Romanhelden gemacht.

Wann wird Euch das Verhalten zu unlogisch oder an den Haaren herbeigezogen?


Wenn ich die Beweggründe der Protagonisten nicht nachvollziehen kann. Wenn sie Dinge eben aus Langeweile oder Neugier machen. Ab diesem Moment fühle ich mich als Leser verarsch*

Natürlich darf und muss der Protagonist auch die eine oder andere falsche Entscheidung treffen, aber nie grundlos. Und er muss die Konsequenzen aus seinem Fehlverhalten spüren.



Ich sehe die Sache also ein wenig anders. Nach meinem Geschmack ist logisches Verhalten für einen guten Handlungsverlauf absolut unerlässlich.



Grüße
flushbox

von © flushbox

Re: Gute Handlung = unlogisches Verhalten

 
Ob eine bestimmte Verhaltensweise logisch oder nicht logisch ist, hängt nicht nur von der Persönlichkeit sondern auch davon ab, welche Informationen der Figur zur Verfügung stehen und welche Gedankengänge sie motivieren. Ich fände es überhaupt nicht unlogisch, wenn Deine Figur die Fabrik betritt, um sicher zu sein, dass die Mörder auch da sind, ehe sie die Polizei ruft. Vor allem, wenn sie das damit verbundene Risiko aus irgendwelchen Gründen unterschätzt.
Der "Geh bloß nicht durch diese Tür"-Faktor kommt meistens daher, dass der Leser/Zuschauer mehr weiß als die Figur. Wenn man weiß, dass in der Küche ein Axtmörder lauert, ist unlogisch bis wahnsinnig in die Küche zu gehen. Wenn man es aber nicht weiß, und sich ein Sandwich oder eine Cola holen möchte, ist es absolut naheliegend, die Küche arglos zu betreten.

Trenne sorgfältig zwischen Figurenwissen, Leserwissen und Autorenwissen. So wird es möglich, dass sich Figuren logisch oder zumindest nachvollziehbar verhalten, der Leser aber trotzdem weiß, dass sie gerade dabei sind, riesige Fehler zu begehen.

Gruß

Anby

von © anby77

Re: Gute Handlung = unlogisches Verhalten

 
anell hat geschrieben:Ein Mord passiert und der Prota forscht auf eigene Faust nach weil es ihn interessiert. Es führt ihn zu einem alten Industriegelände. ICH würde, weil ich ein Schisshase bin, JETZT die Bullen rufen. Der Prota aber geht alleine rein, wird natürlich erwischt und bekommt eins über den Schädel.


Also, falls der Protagonist nicht einen "zwingenden" Grund (komm ich gleich darauf zurück) hat, dort rein zu gehen, wäre für mich hier die Grenze bereits erreicht. Ich mag unlogische Dinge schon im realen Leben nicht, und will erst recht nicht darüber lesen & auch noch Geld dafür bezahlen :evil:

Alessia hat geschrieben:also ich glaube das liegt auch bissl im Persönlichkeitsbereich deines Protas. Wenn er gewöhnt ist mit Problemen selber fertig zu werden, eine gesunde Neugier mitbringt, mutig ist und auch sonst nur vor wenigem Angst hat könnte man ihn doch wirklich locker auf eigene Faust da rein gehen lassen. Wenns schief geht, ok..aber das läge in seinem Naturell es zumindest zu versuchen.


Stimmt sicher - zum Teil. Eine gewisse "Neigung" zu so einem Verhalten, sollte vorhanden und bereits angedeutet worden sein. Als "gesunde" Neugier, würde ich das allerdings nicht bezeichnen, eher als Idiotie - was den Charakter für mich (wie immer alles subjektiv) wahrscheinlich schon so uninteressant und unrealistisch machen würde, dass ich keine Lust mehr hätte, ihm länger meine Zeit zu widmen...

Wie gesagt, denke ich aber, dass es sehr wohl Gründe gibt, die jemand "normalen" dazu bewegen könnten, sich so zu verhalten:

Einmal, was Alessia schon erwähnt hat, er hat bereits "eigene" Erfahrungen mit der Polizei gemacht - als Verbrecher, z. B. und wird vielleicht immer noch gesucht; oder er hat vor Gericht mal einen Meineid abgelegt und dafür eine Bewährungsstrafe bekommen; oder er hat eine psychische Störung (Paranoia, Schizophrenie) und wurde deshalb auch schon behandelt, was evtl. bekannt ist, da die Polizei ihn damals zur Behandlung einweisen musste - diese Variante würde dem Charakter auch gleich einen Makel, bzw. einen Wiedererkennungswert geben & jede Menge neues Konfliktpotential.
Außerdem könnte jemand getötet worden sein, der ihm sehr nah stand - und er könnte auf Rache statt auf Gerechtigkeit sinnen, z. B. wenn der Mord sehr grausam oder bestialisch war. Alles Gründe, die sein Verhalten für mich glaubhaft und den Charakter mitunter sympathischer machen würden.

Verena hat geschrieben:Alternativ könnten die Indizien ja so wirken, als wäre ein Bekannter oder Freund deines Protagonisten der Schuldige, und dein Protagonist will den wirklichen Schuldigen finden, um dessen Unschuld zu beweisen.


Auch eine gute Grundidee :mrgreen: - allerdings wäre es glaubhafter, wenn der Prota selbst Tatverdächtiger wäre. Das macht das Motiv "drängender", besser nachvollziehbar.

anell hat geschrieben:Aber wo ist für Euch Schluss?


Schluss ist für mich also da, wo der Autor seinen Job nicht gründlich macht, und mir aus Bequemlichkeit oder Naivität keine "tiefen" Charaktere und logische, für normale Menschen nachvollziehbare Beweggründe präsentiert. Das macht ein gutes Buch aus :coofee:
Noch besser sind außergewöhnliche, einprägsame Charaktere und komplexe logische Motive - das macht ein SEHR gutes Buch und vor allem, einen SEHR guten Autor aus.

flushbox hat geschrieben:Ich sehe die Sache also ein wenig anders. Nach meinem Geschmack ist logisches Verhalten für einen guten Handlungsverlauf absolut unerlässlich.


Dem kann ich mich nur zu 100% anschließen :nod:

anell hat geschrieben:Muss ein guter Thriller immer weiter nach vorne breschen und den Protas gar keine Zeit lassen um zu verschnaufen und ihre Handlungen zu reflektieren?


Nein! Natürlich gibt es solche Thriller massig, und die meisten Thriller-Fans werden auch nicht mehr als das erwarten. Wenn sich der Autor jedoch auch noch die Mühe macht, außer einem spannenden Plot auch noch einen vielschichtigen, ungewöhnlichen Charakter zu entwickeln, hebt er sich und sein Werk automatisch qualitativ von der Masse ab. Ich bin kein großer Thriller-Fan - und die "flachen", eindimensionalen und stereotypen Charaktere, sowie der Mangel an logisch nachvollziehbaren Motiven, sind sicherlich die Hauptgründe für meinen geringen Enthusiasmus :yawn:

Liebe Grüße,
Dawn

von © Dawn of the world

Re: Gute Handlung = unlogisches Verhalten

 
Hallo,

es gibt nichts, was es NICHT gibt.
Vielleicht solltet ihr euch das mal vor Augen halten. Menschen handeln unlogisch. Sie tun es in Romanen und am allermeisten tun sie es in der Realität. Natürlich hängt das auch von der Betrachtungsweise ab. Was für den einen logisch ist, darüber kann ein anderer nur Kopfschütteln. Bloß denke ich muss ich als Leser verstehen können, warum die eine oder andere Person sich mitunter so seltsam verhält.

zu dem erwähnten "Bullen rufen-ja oder nein-Problem"...
nun ICH würde sie rufen. Unabhängig von der Tatsache ob ich in die Fabrikshalle zusätzlich auch noch selber reingehe. (ich stand wirklich mal vor dem Problem. Ich habe sie nicht gerufen, weil mir die Sache zu belanglos schien. Mittlerweile weiß ich, dass es ein Fehler war, kein sehr schwerwiegender, aber doch ein Fehler den ich nicht nochmal machen möchte.)

Ich kenne aber auch einen Fall, von einer Bekannten von mir, die gute Frau hatte doch tatsächlich einen Einbrecher in der Wohnung, am hellichten Tag. Überrascht von der Tatsache in einer vermeintlich leeren Wohnung doch jemanden anzutreffen hat sich der Typ vertschüsst... und auf meine Frage ob sie denn wohl Anzeige erstattet habe, meinte sie, natürlich nicht, wieso auch, außerdem mag sie die Polizei nicht. Sie ist nicht vorbestraft, hat keinen Führerschein, kein Auto und daher auch noch keine Strafmandate bezahlt. Aber sie nimmt es hin dass ein Fremder ih ihrer Wohnung rumrüsselt. Und da soll mir irgendeiner erzählen, Menschen würden logisch handeln... :roll:

Überhaupt glaube ich, dass Thema sehr viel Potential für unlogische Handlungen in sich birgt. Viele Menschen verhalten sich in Gegenwart der Polizei oft, nun sagen wir... etwas seltsam. Um so schlimmer wird es wenn ein Kapitalverbrechen ins Spiel kommt. Schlechtes Gewissen, der Wunsch einfach nur keinen Ärger zu haben... Die Tatsache dass viele eine Zeugenaussage mit einer Anklage/Verdächtigungg gleichsetzen... und vieles mehr.

Interessanter für den Roman wäre aber in dem erwähnten Mordfall wohl noch viel mehr die Frage warum der Prota überhaupt nachzuforschen beginnt. Es ist ja nicht unbedingt alltäglich, dass Otto Normalbürger sich überhaupt mit einem Mordfall auseinandersetzt. Allein die (an sich unlogische) Handlung des privaten rumschnüffelns setzt meist eine persönliche Betroffenheit voraus (die Personengruppe a la "wollte mal zur Kripo habs aber nich geschafft" dürfte wohl eher eine Minderheit darstellen). Und in der persönlichen Betroffenheit finden sich dann sicherlich auch die Gründe dafür, warum der Mensch eben NICHT zum Telefon greift und 133 wählt.

Klar liegt es auch in der Natur des Thrillers, dass er Dinge beschreibt die - gott sei dank - normalerweise nicht vorkommen. Normalerrweise lauert in der Küche kein Axtmörder. Weshalb auch keiner Angst hätte in die Küche zu gehen. Aber gerade wegen dieses Axtmörders lesen wir die Geschichte, sonst würde ich mir ein Kochbuch kaufen...
Also, es darf spannend, rasant, ungewöhnlich sein. Aber es muss auch realisstisch sein. Die Köchin darf die Bratpfanne nehmen und sich gegen den Axtmörder zur Wehr setzen. Aber wenn plötzlich im Stiel der Pfanne eine Pistole versteckt ist, und das sobwohl die Köchin bisher noch nie bei Mossad, CIA und co tätig war, dann fängt die Story an reichlich konstruiert zu wirken, denn bloß weil der Autor die Köchin für die Handlung noch braucht und sie daher gefälligst am Leben zu bleiben hat, liegen noch keine schießenden Pfannen in unseren Haushalten herumm...

LG Concorde

von © Concorde

Re: Gute Handlung = unlogisches Verhalten

 
Hi Concorde,

unlogisches Verhalten liegt in der Natur des Menschen, das steht außer Frage. Allerdings hat das mit dem eigentlichen Grundthema dieses Threads nur am Rande zu tun. Die Frage ist, ob eine gute Handlung unlogisches Verhalten voraussetzt. Ich meine noch immer: Nein!

Vielleicht solltet ihr euch das mal vor Augen halten. Menschen handeln unlogisch. Sie tun es in Romanen und am allermeisten tun sie es in der Realität.


Absolut richtig. Aber unlogisches Verhalten als Grundgerüst für die Handlung zu missbrauchen ist für mich eine ganz andere Qualität. Wenn eine Handlung auf einer Reihe von Zufällen basiert und sich nur entwickelt, weil der Protagonist an entscheidenden Stellen völlig unlogisch handelt, dann möchte ich das nicht lesen. Da ist mir meine Zeit zu schade.

Aber sie nimmt es hin dass ein Fremder ih ihrer Wohnung rumrüsselt. Und da soll mir irgendeiner erzählen, Menschen würden logisch handeln...


Das ist für dich unlogisch? Ohne die Frau zu kennen (und in irgendwelche Vorurteile zu verfallen), würde ich folgendes vermuten: Die Dame ist betagteren Alters. Sie war nie mit dem Gesetz in Konflikt und ist sehr bedacht darauf, alles korrekt und richtig zu machen. Sie wird nur sehr ungern zum Gesprächsthema der Nachbarschaft und kehrt die Dinge lieber unter den Teppich, als unnötiges Aufsehen zu erregen. Sie hat Angst, in etwas hineingezogen zu werden, das außerhalb ihrer Kontrolle liegt. Ich vermute deshalb, dass sie alleinstehend ist und niemanden an ihrer Seite hat, der die Strapazen einer Gerichtsverhandlung mit ihr durchstehen würde. Ihr Mann war damals wohl die treibende Kraft im Haus. Am Ende hat sie mehr Angst vor den Konsequenzen (die sie selbst zu tragen hat), als ihr der gestohlene Plunder überhaupt noch wert ist. Man stelle sich nur vor, die Polizei würde eines Morgens bei ihr vor der Haustür stehen und die Nachbarn würden das mitbekommen. Vermutlich lebt sie relativ zurückgezogen und hat einen überschaubaren Bekanntenkreis. Die Abneigung gegenüber der Polizei kann eventuell durch eine streng religiöse oder ländliche Erziehung erklärt werden. Da herrschen eben noch Normen und Werte, die nicht unbedingt mit herkömmlicher Logik erklärt werden können. Wer regelmäßig in die Kirche marschiert, um mit der Nachbarschaft den neuesten Tratsch auszustauschen, der wird sich hüten, selbst zum Gesprächsthema zu werden. Da lebt man lieber still und heimlich in aller Bescheidenheit weiter. Allerdings wird sie ihr Verhalten nach dem Einbruch relativ drastisch verändert haben, schätze ich? Wahrscheinlich hat sie still und heimlich die Schuld bei sich selbst gesucht und hält zukünftig alle Fenster und Türen fest verschlossen. Ich vermute, dass sie den Einbruch auf ihr eigenes Fehlverhalten zurückführt.

Das ist die oberflächliche Seite. Steigen wir noch ein Stück tiefer ein:
Vermutlich hat die Frau nach dem Einbruch mehr Zuwendung erfahren, als in den vergangenen Jahren. Man hat sie getröstet, ständig war jemand da und hat sich um sie gekümmert. Sie hat gemerkt, dass es Menschen gibt, denen sie noch wichtig ist. Endlich hatte sie ein Umfeld um sich, in dem ihre Situation auf Verständnis traf. Der Gang zu Polizei hingegen hätte sie aus diesem neuen Umfeld gerissen und die "Versorgerrolle" in Richtung Polizei verlagert. Kein Zuspruch mehr, kein Trost, dafür schwindender Kontakt zum Umfeld... Im Sinne ihres eigenen Wohlbefindens hat sie instinktiv also völlig richtig gehandelt.

Nur mal angenommen, diese nette alte Dame wäre die Protagonistin eines Romans. Wäre ihr Verhalten für dich noch immer unlogisch? Was hätte sie deiner Meinung nach sonst tun sollen?

Es ist doch der Job des Autors, das Wesen der Dinge zu durchleuchten. An der Oberfläche kratzen kann jeder, das Problem an der Wurzel zu packen und beim Namen zu nennen, dafür muss man seinen Gehirnkasten gelegentlich ein wenig anstrengen. Und diese Aufgabe lässt sich nicht relativieren. Man muss einfach tiefer graben, als man es für gewöhnlich tut.


Meint
flushbox

von © flushbox

Re: Gute Handlung = unlogisches Verhalten

 
Man sollte darauf achten, die Begriffe "Logik" und "Rationalität" nicht miteinander zu vermischen. "Logik" bedeutet nur "Folgerichtigkeit". "Rational" dagegen bedeutet "vernunftgeleitet". Das heißt, Dinge die absolut irrational sind, können trotzdem logisch sein. Einfaches Beispiel: Wenn ich weiß, dass Figur Anton Klaustrophobiker ist und außer vor Erschütterungen erschrickt, ist es logisch, dass Anton lieber 47 Stockwerke zu Fuß die Treppen hoch steigt, anstatt einen Fahrstuhl zu benutzen. Aber rational ist dieses Verhalten nicht, denn Fahrstühle haben sich als sicheres Verkehrsmittel bewährt und in diesem Fall würde Anton sehr viel Zeit und sehr viel Kraft sparen, wenn er seine Ängste rational überwinden würde.
Von daher würde ich sagen: Figuren müssen sich logisch verhalten, aber nicht immer rational.

Gruß

Anby

von © anby77

Re: Gute Handlung = unlogisches Verhalten

 
anby hat geschrieben:Figuren müssen sich logisch verhalten, aber nicht immer rational.


Amen.

Im angesprochenen Fall mit dem Mord und der Spur zur gruseligen Lagerhalle, wäre es für den Protagonisten unlogisch hineinzugehen, wenn er keinen triftigen Grund dazu hat. Das kauft dann der Leser auch nicht ab.
Gründe wurden ja schon haufenweise genannt:
- vorbestraft und/oder im Clinch mit der Polizei
- persönlich betroffen --> Rachefeldzug
- allein körperlich in der Lage sich gegen Angreifer zu verteidigen und/oder bewaffnet
- selber Polizist oder Polizist a.D. (die Konstellation gibts ja auch zu Hauf in Thrillern)
- unter Druck gesetzt (Erpressung, Ultimatum, etc.)
- ...
Die Motive muss man als Autor schon reinbringen. Umso nachvollziehbarer die Motivation des Protagonisten etwas Gefährliches zu tun, umso mehr ist der Leser natürlich auch anteilnehmend dabei. Wenn jemand aus Jux und Dollerei meint er müsse in eine Lagerhalle spazieren- wohlwissend, dass sich dort ein Mörder versteckt hält - dann denkt man sich als Leser 'Selber Schuld!'

Egal wie gut das Motiv, die Handlung an sich bleibt natürlich irrational.
Angenommen der Protagonist ist selber tatverdächtig und die Polizei glaubt ihm nicht und er ermittelt daher auf eigene Faust - er steht immer noch vor der Wahl a. unschuldig ins Gefängnis oder b. Todesgefahr.
Rein rational zieht man natürlich die Variante vor, die dem Selbsterhaltungstrieb am nächsten kommt. Aber da kommt dann auch die Persönlichkeit in's Spiel. Ein Protagonist, der Ungerechtigkeit (auch noch am eigenen Leib) schlimmer empfindet als den Tod, handelt natürlich anders als jemand, der sich sagt 'Bevor der Axtmörder mich jetzt in der Lagerhalle vierteilt, gehe ich lieber in den Knast.'

lg,

k_b

von © Kid_Beta

Re: Gute Handlung = unlogisches Verhalten

 
Ich hab mir jetzt nicht alle antworten durchgelesen und hoffe, ich wiederhole nichts ...

Unlogisches Verhalten finde ich schrecklich.
Die Logik muss sich aus dem Charakter des Protas ergeben, d. h. es muss immer einen Grund haben, warum er unlogisch handelt. Sei es die immerwährende Neugier die ihn vorwärtstreibt, soll heißen, dass er die Nase grundsätzlich in Dinge steckt, die ihn nichts angehen, oder es geht um irgendetwas aus der Vergangenheit, dem er auf der Spur ist und es ist so wichtig, dass er dafür alle Gefahr außer Acht lässt. "Er" will vor seiner Freundin, seinen Kumpels prahlen, indem er sich in Gefahr stürtzt usw.

Sowas in der Art meine ich. Wenn ich als Leser nachempfinden kann, dass den Prota ein innerer Wesenszug dazu treibt, dann ist das okay und macht das ganze spannend und auch überraschend.

von © Aleshanee

Re: Gute Handlung = unlogisches Verhalten

 
Hier noch eine kleine Anmerkung von mir: Was ich persönlich viel schrecklicher finde als unlogisch handelnde Charaktere, ist, wenn man dem Verhalten eben dieser Charaktere ansieht, dass der Autor es nur zurecht gebogen hat, damit die Geschichte stimmt. Leider habe ich selbst häufig mit dem Problem zu kämpfen. Und leider, das muss man auch sagen, sind die Bemühungen des Autors, dieses Zurechtbiegen zu rechtfertigen/zu erklären meistens auch eher dürftig. Da wird schnell mal ein Kindheitstrauma oder eine Vergewaltigung erdichtet, damit es irgendwie in die Geschichte passt. Das habe ich auch hier im Forum schon öfter gesehen.
Moment, das hat jetzt aber weniger mit der Anfrage hier zu tun. Naja, ich finde es jedenfalls ganz ganz wichtig, dass die Charaktere an sich REALISTISCH und VIELSCHICHTIG sind, und dann kann man bestimmte Handlungen auch nachvollziehen. Und die Sache mit der Neugierigkeit ... ich weiß nicht. Es gibt Autoren bzw. ich habe Geschichten gelesen, wo der Autor dann die ganze Zeit versucht hat, eben diese Neugierigkeit oder was auch immer nur ja hervorzuheben, was den Charakter an sich dann doch wieder unlogisch gemacht hat, nur damit die erste scheinbar unlogische Handlung gerechtfertigt werden konnte. Also ich würde da grundsätzlich immer aufpassen ...

Okay, entschuldigt meinen etwas wirren Beitrag, ich hoffe, er hilft vielleicht ein bisschen!

Liebe Grüße

Tintenkiller

von © Tintenkiller