anell hat geschrieben:Ein Mord passiert und der Prota forscht auf eigene Faust nach weil es ihn interessiert. Es führt ihn zu einem alten Industriegelände. ICH würde, weil ich ein Schisshase bin, JETZT die Bullen rufen. Der Prota aber geht alleine rein, wird natürlich erwischt und bekommt eins über den Schädel.
Also, falls der Protagonist nicht einen "zwingenden" Grund (komm ich gleich darauf zurück) hat, dort rein zu gehen, wäre für mich
hier die Grenze bereits erreicht. Ich mag unlogische Dinge schon im realen Leben nicht, und will erst recht nicht darüber lesen & auch noch Geld dafür bezahlen
Alessia hat geschrieben:also ich glaube das liegt auch bissl im Persönlichkeitsbereich deines Protas. Wenn er gewöhnt ist mit Problemen selber fertig zu werden, eine gesunde Neugier mitbringt, mutig ist und auch sonst nur vor wenigem Angst hat könnte man ihn doch wirklich locker auf eigene Faust da rein gehen lassen. Wenns schief geht, ok..aber das läge in seinem Naturell es zumindest zu versuchen.
Stimmt sicher - zum Teil. Eine gewisse "Neigung" zu so einem Verhalten, sollte vorhanden und bereits angedeutet worden sein. Als "gesunde" Neugier, würde ich das allerdings nicht bezeichnen, eher als Idiotie - was den Charakter für
mich (wie immer alles subjektiv) wahrscheinlich schon so uninteressant und unrealistisch machen würde, dass ich keine Lust mehr hätte, ihm länger meine Zeit zu widmen...
Wie gesagt, denke ich aber, dass es sehr wohl Gründe gibt, die jemand "normalen" dazu bewegen könnten, sich so zu verhalten:
Einmal, was Alessia schon erwähnt hat, er hat bereits "eigene" Erfahrungen mit der Polizei gemacht - als Verbrecher, z. B. und wird vielleicht immer noch gesucht; oder er hat vor Gericht mal einen Meineid abgelegt und dafür eine Bewährungsstrafe bekommen; oder er hat eine psychische Störung (Paranoia, Schizophrenie) und wurde deshalb auch schon behandelt, was evtl. bekannt ist, da die Polizei ihn damals zur Behandlung einweisen musste - diese Variante würde dem Charakter auch gleich einen Makel, bzw. einen Wiedererkennungswert geben & jede Menge neues Konfliktpotential.
Außerdem könnte jemand getötet worden sein, der ihm sehr nah stand - und er könnte auf Rache statt auf Gerechtigkeit sinnen, z. B. wenn der Mord sehr grausam oder bestialisch war. Alles Gründe, die sein Verhalten für
mich glaubhaft und den Charakter mitunter sympathischer machen würden.
Verena hat geschrieben:Alternativ könnten die Indizien ja so wirken, als wäre ein Bekannter oder Freund deines Protagonisten der Schuldige, und dein Protagonist will den wirklichen Schuldigen finden, um dessen Unschuld zu beweisen.
Auch eine gute Grundidee

- allerdings wäre es glaubhafter, wenn der Prota selbst Tatverdächtiger wäre. Das macht das Motiv "drängender", besser nachvollziehbar.
anell hat geschrieben:Aber wo ist für Euch Schluss?
Schluss ist für mich also da, wo der Autor seinen Job nicht gründlich macht, und mir aus Bequemlichkeit oder Naivität keine "tiefen" Charaktere und logische, für normale Menschen nachvollziehbare Beweggründe präsentiert. Das macht ein gutes Buch aus
Noch besser sind außergewöhnliche, einprägsame Charaktere und komplexe logische Motive - das macht ein SEHR gutes Buch und vor allem, einen SEHR guten Autor aus.
flushbox hat geschrieben:Ich sehe die Sache also ein wenig anders. Nach meinem Geschmack ist logisches Verhalten für einen guten Handlungsverlauf absolut unerlässlich.
Dem kann ich mich nur zu 100% anschließen

anell hat geschrieben:Muss ein guter Thriller immer weiter nach vorne breschen und den Protas gar keine Zeit lassen um zu verschnaufen und ihre Handlungen zu reflektieren?
Nein! Natürlich gibt es solche Thriller massig, und die meisten Thriller-Fans werden auch nicht mehr als das erwarten. Wenn sich der Autor jedoch auch noch die Mühe macht, außer einem spannenden Plot auch noch einen vielschichtigen, ungewöhnlichen Charakter zu entwickeln, hebt er sich und sein Werk automatisch qualitativ von der Masse ab. Ich bin kein großer Thriller-Fan - und die "flachen", eindimensionalen und stereotypen Charaktere, sowie der Mangel an logisch nachvollziehbaren Motiven, sind sicherlich die Hauptgründe für meinen geringen Enthusiasmus
Liebe Grüße,
Dawn