Hauptcharakter zu oberflächlich für die Geschichte?

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Hauptcharakter zu oberflächlich für die Geschichte?

Beitragvon HERZallerliebst » 05.04.2015, 22:21

Hallo zusammen,

nachdem ich die Charakterbögen meiner zwei (bzw. erweitert vier) Hauptcharaktere ausgearbeitet habe, habe ich darüber nachgedacht, aus wessen Sicht die Geschichte erzählt werden soll. Vornehmlich müsste es aus der Sicht meines Kinderarztes Dr. Alexander Naumann geschehen. Um den noch SEHR groben Grobplot kurz zu umreißen:

Alexander Naumann lebt ein perfektes Leben. Einen tollen Job, eine eigene Praxis, eine wunderhübsche Frau, zwei Söhne, ein eigenes Haus. Mit einem großen Knall und mit manchmal uncharmanter Direktheit stürmt die alleinerziehende Journalistin Sarah Voss, ihres Zeichens Freigeist, sein ordentliches Leben.
Letztlich kann er sich der Faszination für Sarah nicht entziehen und man glaubt die beiden schon in einer halsbrecherischen Romanze zu sehen, als ein furchtbares Ereignis Sarah aus der Bahn wirft und Alexander vor die Wahl seines Lebens stellt.

So weit, so gut. Ich weiß, die Beschreibung klingt noch sehr nichtssagend, aber ich habe mit dem Feinschliff noch nicht begonnen, weil ich Angst habe, Alexander Naumann könnte zu oberflächlich sein, um die ganze Geschichte überstehen zu können.

Er ist 35, höflich, zuvorkommend, gebildet. Er besitzt ein umfangreiches Allgemeinwissen und war immer schon sehr strebsam und diszipliniert, ehrgeizig und ein echter Sonnenschein. Der Typ, der einfach gute Laune macht, weil er immer grinst und optimistisch ins Leben blickt. Er ist aber auch teilweise sehr schusselig und ím Umgang mit anderen Menschen oft unbeholfen, vor allem, wenn die Menschen aus Milieus stammen, die von seinem extrem abweichen (also zum Beispiel eben Patchworkfamilien, Familien aus bildungsfernen Milieus, etc. Er wuchs in konservativen Verhältnissen auf). Dann kann er sich oft nicht richtig ausdrücken. Ironie kann er oft nicht korrekt deuten, weil er so verbissen darauf ist, in seinem Job alles total richtig zu machen. Er setzt sich selbst viel zu hohe Ziele und kann seinen eigenen Erwartungen eigentlich nicht gerecht werden. Er möchte seinen Job 100 % erfüllen, immer für seine Freunde da sein und seine Hobbies zur Perfektion treiben. Natürlich möchte er auch der Superpapa sein. Im Endeffekt bleibt aber seine Familie auf der Strecke, weil er seine Prioritäten anders setzt: Job, Freunde, Hobbies. Familie. Das würde er sich selbst aber niemals eingestehen und er wird erst von Sarah schmerzhaft darauf hingewiesen. Im Laufe der Geschichte erfährt er auch einen Zusammenbruch, in Richtung Burn-Out, wo seine gesamte Fassade einfach Knall auf Fall in sich zusammenstürzt und er erkennen muss, dass das alles zu viel, zu hoch gesteckt war.

So viel dazu.

Denkt ihr, der Charakter bietet genügend Potenzial, um in der Geschichte als Protagonist bestehen zu können?
Möglich wäre es auch, die Geschichte aus Sicht von Sarah Voss zu erzählen - die ist eckig, kantig, eine Frau an der man sich aufreiben kann, die man aber auch sofort gern haben muss, weil sie einfach so herzlich und menschlich ist unter ihrem bissigen Deckmantel.
Aber da Alexander ja in mehrere Konflikte gestürzt wird - bürgerlich-konservatives Leben vs. liberalem Patchwork, Hausfrau vs. Powerfrau, Familie vs. Abenteuer, Perfektionismus vs. Versagensängsten, usw. wäre er eher dazu legitimiert, als Prota zu dienen.
Ein dritter Weg wäre es die Geschichte im Wechsel zwischen Alexander und Sarah zu erzählen - damit bin ich aber am wenigsten zufrieden.

Oder habt ihr ganz andere Ansätze, wie man Alexander verbessern/ihm mehr Tiefe verleihen könnte?

Oder denkt ihr, er ist ganz okay und ich sollte ihn einfach mal in die Geschichte werfen?

Ich hoffe auf viele Ideen und/oder Verbesserungsvorschläge,
viele liebe Grüße und
schöne Osterfeiertage,
HERZallerliebst
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Re: Hauptcharakter zu oberflächlich für die Geschichte?

Beitragvon Milch » 05.04.2015, 23:14

Ganz böse ausgedrückt: Es ist nicht wirklich originell und du malst mit zu grellen Farben, so dass es etwas platt wirkt. Mit feiner, sensibler Beobachtungsgabe kann man daraus noch etwas machen, aber die sehe ich hier nicht.
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Re: Hauptcharakter zu oberflächlich für die Geschichte?

Beitragvon HERZallerliebst » 05.04.2015, 23:21

Also den Charakter an sich total in die Tonne treten?
Was heißt für dich "zu grelle Farben"? Zu übertrieben in die eine oder andere Richtung?
Zu optimistisch gezeichnet?
Fehlen ihm die Konflikte?
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Re: Hauptcharakter zu oberflächlich für die Geschichte?

Beitragvon Maggi1417 » 05.04.2015, 23:49

Quatsch, in die Tonne treten musst du nichts. Außer vielleicht dieses Charakterbögen. Ich weiß nicht, wer sich den Quatsch eigentlich ausgedacht hast, aber wenn du deine Figur noch nicht begriffen hast, dann wirst du es nach dem ausfüllen dieses Bögen auch nicht tun. Vom mehr oder weniger zufälligen zusammenwürfeln von Eigenschaften bekommt man keine stimmige, dreidimensionale Figur, sondern einfach nur etwas, dass konstruiert wirkt.

Statt möglichst viele Details zusammen zu tragen, konzentriere dich auf den Kern und arbeite dich nach Außen vor. Das allerwichtigste ist, dass du dich bei jeder Eigenschaft fragst a) woher kommt das? b) wozu führt das?

Ich habe das hier schon mal gepostet, aber damit du nicht suchen musst, kopiere ich es noch mal hier rein. Ein Vier-Stufen-Algorithmus mit dem man das innere Gerüst, quasi die Hardware entwickeln, kann.

Spoiler: Anzeigen
Schritt1:
Es beginnt damit, dass man darüber nachdenkt, welche Wunden die Figur hat. Welches Ereignis (oder Ereignisse) in der Vergangenheit hat bleibende Narben in der Psyche des Charakters hinterlassen.
Der writershelpingwriters-Blog zählt sieben Kategorien auf: Physische Verletzungen oder Behinderungen, Opfer von Ungerechtigkeit, Verbrechen, etc. , Fehler oder Versagen der Figur selbst, Verrat und Enttäuschung, Isolation und Ausgrenzung, Im Stich gelassen- oder Abgelehnt werden, Desillusionierung.
(Es muss sich nicht immer um die obligatorische tragische Vergangenheit handeln. Nicht jede Figuren brauchen tote Eltern oder Misshandlungen in der Kindheit. Aber niemand geht auf Wolken durchs Leben. Narben trägt eigentlich fast jeder ab einem bestimmten Alter. Kreativität ist angesagt.)

Schritt 2:
Als nächstes macht man sich Gedanken darüber, wie diese Erlebnisse das Denken der Figur geprägt haben. Einige Autoren nennen das "die Lüge, die die Figur glaubt". Es handelt sich dabei um verallgemeinerte (falsche) Annahmen über sich selbst, Menschen, die Welt, etc. Eine Figur, die von der Gesellschaft immer wieder ausgegrenzt wird, kommt vermutlich irgendwann zu dem Schluss "Ich bin anders. Ich gehöre nicht dazu". Eine Figur, die einmal schwer betrogen wurde, kommt zu dem Schluss "Man darf niemandem trauen, außer sich selbst". Je nach Figur kann das ganze auch ganz unterschiedliche Wege nehmen. Eine Figur, der Gewalt angetan wurde kommt eventuell zu dem Schluss "Es ist am beste unauffällig und unterwürfig zu bleiben, dann ist man sicher." Genauso gut könnte sie aber auch anfangen zu glauben "Du musst härter sein, als alle anderen. Dann bist du sicher."
Wenn man sich klar gemacht hat, welche Lügen die Figur glaubt, dann hat man schon einen ziemlich guten Kompass zur Hand um zu entscheiden, wie sie in bestimmten Situationen fühlt und handelt.

Schritt 3:
Ängste. Das ist ja so ein Punkt der eigentlich immer in diesen Profilen auftaucht. Man muss sich da nichts aus den Fingern saugen. Die Antwort findet man in Schritt 1. Die Figur hat Angst davor, die Erfahrungen aus Schritt 1 in der selben oder einer anderen Form noch einmal zu erleben. Auch hier kann man daraus wieder gut ableiten, wie ein Charakter fühlt und handelt.
Eine Figur, die einmal im Stich gelassen wurde, wird Angst haben, dass es noch mal passiert und sich gar nicht erst auf andere verlassen. Jemand der immer ausgegrenzt wurde, wird gar nicht erst versuchen, dazuzugehören, um die Erfahrung nicht noch einmal machen zu müssen. Eine Figur, die einmal einen großen Fehler gemacht hat, wird versuchen, sich verantwortungsvollen Aufgaben zu entziehen, weil sie nicht noch einmal versagen will.

Schritt 4:
Schwächen.Nach den ersten drei Schritten springen die einem eigentlich fast ins Gesicht. Es sind die Ansichten, die sich aus der Lüge ableiten, die die Figur glaubt. Die Verhaltensweisen und Mechanismen, die die Figur davor schützen sollen, die selben Schmerzhaften Erfahrungen noch einmal zu machen.
Natürlich funktioniert das nicht (wo wäre da der Spaß?). Diese Schwäche/Schwächen wird der Figur immer wieder im Weg stehen und sie daran hindern, ihre Ziele zu erreichen. Der sogenannte fatal flaw. Erst wenn der Charakter die Lüge enttarnt und seine Schwäche überwindet, kann das Ziel erreicht werden (mehr dazu unten).

Das ganze funktioniert übrigens auch rückwärts: Wenn ich zum Beispiel gerne einen Charakter hätte der Arrogant, Feige oder Selbstsüchtig ist, dann muss ich mir nur die Frage stellen "Welche schmerzhaften Gefühle versucht meine Figur durch dieses Verhalten zu vermeiden?" Und dann noch einen Schritt zurück "Bei welchem traumatischen Ereignis hat die Figur diese Gefühle zum ersten Mal erlebt?" Voilà.

Entwicklung: Wenn man einen Charakter möchte, der sich entwickelt (und wer möchte das nicht), dann orientiert man sich an der Lüge aus Schritt 2. Die Figur beginnt diese Annahme in frage zu stellen, stellt fest das sie falsch ist, und schafft es, die erlernten Verteidigungsmechanismen (aka Schwächen) zu überwinden. Zum Beispiel: Der Protagonist, der in seiner Kindheit verlassen wurde und sich deshalb nur auf sich selbst verlässt. Das schadet ihm. Es kommt ihm bei der Lösung von Problemen immer wieder in die Quere. Doch dann, im Laufe der Handlung, findet er Leute, die ihm zu Seite stehen. Er beginnt die Annahme "ich kann mich nur auf mich selbst verlassen" in Frage zu stellen,schafft es letztendlich seine Schwäche (nicht vertrauen können) zu überwinden und kann sein Problem lösen.


Der Rest ergibt sich dann eigentlich ganz natürlich.
Am besten schaust du dir zum besseren Verständnis kannst du dir auch diesen Thread mal an:
http://www.schreibwerkstatt.de/zu-klischeehafter-protagonist-t52656-15.html#p509055
Da hatte auch jemand ein Problem mit einem flachen Protagonisten und ich habe für ihn das ganze mit seiner Figur mal Beispielhaft durchgespielt.

Hier ist übrigens die Quelle, auf der diese Technik basiert.
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Re: Hauptcharakter zu oberflächlich für die Geschichte?

Beitragvon HERZallerliebst » 06.04.2015, 00:00

Hallo Maggi,
Das ist ein sehr hilfreicher und für mich bislang unbekannter Ansatz, einen Charakter zu entwickeln. Ich werde mir darüber Gedanken machen und einen neuen Ansatz morgen posten. Es würde mich freuen, wenn du ihn dir dann nochmal zu Gemüte führen würdest!
Vielleicht bin ich wirklich zu sehr nach Schubladen vorgegangen, weil ich einfach gern einen bestmöglichen Überblick habe über alles...
Danke dir.

Für weitere Vorschläge bin ich natürlich offen.
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Re: Hauptcharakter zu oberflächlich für die Geschichte?

Beitragvon Aridia » 06.04.2015, 00:01

Guten Abend,

hey, so jemanden kenne ich. :) Plausibel finde ich deinen Charakter also schon mal. Ob jeder Charakter eine Originalität aufweisen muss, die ihresgleichen sucht, sei jetzt mal dahingestellt.

Viel wichtiger ist, dass du selbst mit deinem Prota unzufrieden scheinst; sonst hättest du die Frage hier wohl nicht gepostet. Darum, ausschließlich darum, rate ich dir davon ab, die Geschichte aus Sicht des Doktors zu erzählen. Wenn du jetzt schon unzufrieden mit ihm bist, wird das meiner Erfahrung nach nicht besser werden, egal, wie akkurat, interessant und schlüssig du ihn ausarbeitest.

Für mich klingt es so, dass du viel lieber Sarah als Hauptprota hättest. Ist das der Fall, nimm sie auch. Deine Geschichte kann dann nur gewinnen. Da du deinen Plot bisher erst grob ausgearbeitet hast, wäre es ja kein Problem, ihn entsprechend anzupassen.

Wünsche dir auch schöne Ostern!

Liebe Grüße
Aridia
"Das Gras wächst nicht schneller, indem du daran ziehst." (unbekannt)
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Re: Hauptcharakter zu oberflächlich für die Geschichte?

Beitragvon HERZallerliebst » 06.04.2015, 00:16

Hey Aridia,
Ich kenne auch jemanden, der ihm ziemlich ähnlich ist! Aber Deckungsgleichheit wird von mir nicht angestrebt ;)

Dein Einwand macht mich schon nachdenklich. Der Grund, warum auch Sarah geeignet wäre, um die Geschichte zu erzählen, ist schlichtweg jener, dass sich bei ihr mehr Abgründe, mehr Ecken und Kanten auftun. Ihr Leben ist bewegter und subjektiv gesehen wohl auch "interessanter". Sie fällt aus der Norm.
Aber der Plot an sich ist auch für Alexander bewegend und verändert sein Leben grundlegend...

Nichtsdestotrotz sollte ja auch er ein Charakter mit Tiefgang sein und deshalb muss ich auch daran arbeiten.
Die Erzählperspektive werde ich überdenken, denn an deinen Worten ist viel Wahres.
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Re: Hauptcharakter zu oberflächlich für die Geschichte?

Beitragvon Maggi1417 » 06.04.2015, 00:38

Es würde mich freuen, wenn du ihn dir dann nochmal zu Gemüte führen würdest!

Gerne. Bin gespannt. :)
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Re: Hauptcharakter zu oberflächlich für die Geschichte?

Beitragvon Milch » 06.04.2015, 01:24

HERZallerliebst hat geschrieben:Also den Charakter an sich total in die Tonne treten?
Was heißt für dich "zu grelle Farben"? Zu übertrieben in die eine oder andere Richtung?
Zu optimistisch gezeichnet?
Fehlen ihm die Konflikte?


Die Konflikte würden mich nicht interessieren.
Du schaust nicht genau hin, du beobachtest nicht genau.
Die Figur ist noch nicht individuell genug, sie lebt nicht, sie ist Plastik. Du musst daran arbeiten.
Ich fürchte, du hast viele Schreibratgeber gelesen. Schau mal mehr Dokumenationen! Lies mal mehr Sachbücher! Lies die Psychologie heute! Geh raus und beobachte Menschen!
Ansonsten Recherche, Recherche. Was macht ein Kinderarzt aus? Aus welcher Stadt kommt er genau? Worum hat ihn was geprägt? Wie passt er in dein Konstrukt? Wie zeigt sich, dass er immer das Beste will?
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Re: Hauptcharakter zu oberflächlich für die Geschichte?

Beitragvon Julestrel » 06.04.2015, 08:27

Was mir vor allem fehlt ist, warum er diese Fassade aufrecht erhalten will. Warum er immer 110% gibt. Warum alles perfekt sein muss. Trotz deiner Liste an Eigenschaften und Attributen fehlt mir einfach, was ihn überhaupt antreibt.

Ich persönlich bin nicht so der Fan von Charakterbögen (hab es versucht, klappt bei mir nicht) und ich weiß nicht, wie du beim Schreiben vorgehst, aber zumindest bei mir ist es so, dass ich viele Details, die die Protagonisten endgültig zum Leben erwecken, erst während des Schreibens finde. Wobe die Hauptmotivation und -charakterzüge vorher schon feststehen sollten :)


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Re: Hauptcharakter zu oberflächlich für die Geschichte?

Beitragvon Alys » 06.04.2015, 09:41

Ich finde auch, dass dieser Dr. Naumann in Deiner Beschreibung zu perfekt, und damit zu langweilig ist. Er klingt wie so ein Fehrnseh-Arzt á la Stefan Frank oder wie sie alle heißen, die mit der Realität nichts zu tun haben. Die wenigen Charakterfehler, die Du aufgezählt hast, machen ihn nicht interessant. Aber ich finde, wenn Du genau diese Dinge ausbaust, dann kannst Du ihn zu einem spannenden Charakter machen.

Er ist Arzt und hat eine eigene Praxis. D.h. er hat schon eine gewisse Lebens- und Berufserfahrung. Und genau da kannst Du ansetzen. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist Kinderarzt ja kein heiter-Sonnenschein-Fachgebiet, wo man nur glücklich rosige Säuglinge der U3 unterzieht und aufgeweckte 5-jährige Mädchen mit blonden Zöpfen impft und ihnen anschliessend einen Lolli gibt.

Als Kinderarzt hat er vieles gesehen, erstmal in seiner Klinikzeit:
Kleinkinder, die am ganzen Körper durch ein zu heißes Bad verbrüht wurden. 2-jährige, die aus dem ersten Stock vom Balkon gestürzt sind. Nicht-geimpfte Kinder (gerade im "hohen" sozialen Milieu häufig!), die die Masern kriegen und fiese Komplikationen/Spätfolgen entwickeln. Das heiß ersehnte Wunschkind, das dann ein Down-Syndrom hat und auch noch eine Form von Leukämie bekommt (passiert gar nicht so selten). Und bei jedem Kind mit Prellungen und blauen Flecken am ganzen Körper fragt man sich: hat der die wirklich, weil er vom Klettergerüst gestürzt ist, oder wird er misshandelt? Warum läßt das Kind sich so willig rektal Fieber messen - wird es etwa regelmäßig missbraucht und ist es gewohnt, da angefasst zu werden?

Du merkst, worauf ich hinaus will: die meisten Ärzte entwickeln im Laufe ihres Berufslebens eine gewisse zynische Ader. Du kriegst als Arzt oft eine sehr dunkle Seite des Lebens zu sehen, und das geht nicht spurenlos an einem vorbei. So naiv und ironie-resistent kann Dr. Naumann gar nicht mehr sein, wenn er sich schon bis zur eigenen Praxis entwickelt hat.
Denn in der Praxis geht das ja dann weiter: plötzlich hat man keine Kollegen mehr, mit denen man sich beraten kann in moralisch schwierigen Fällen. Besteht bei einem Fall hinreichender Verdacht, um das Jugendamt einzuschalten? Was machst Du mit der Zwölfjährigen, die die Eltern bei Erkältung natürlich als "das Kind" noch mit ihrer Erkältung zum Kinderarzt schicken, die Dich dann aber bei der Untersuchung um ein Rezept für die Pille bittet?
Solche Fragen nimmt man mit sich nach Hause, auf den Golfplatz, oder was auch immer man nach der Arbeit macht. Wenn er immer grinst und auf Sonnenschein macht, dann muss er solche dunklen Gedanken in sich irgendwie abtöten oder betäuben, und wie macht er das? Extremsport mit Adrenalinrausch? Alkoholkonsum, als "Whiskeykenner" getarnt? Soziales Über-Engagement, indem er noch ein Kinderheim in Ruanda unterstützt und sich so einreden kann, dass seine Patienten in Hamburg-Altona es ja "im Vergleich alle sehr gut" haben?

Außerdem kennt Dr. Naumann solche Dinge wie Patchwork-Familien bestimmt sehr gut. Schon alleine aus dem eigenen Umfeld, denn die Scheidungsrate unter Ärzten ist hoch.
Bestimmt ist er auch nur seiner eigenen Ansicht nach ein Super-Papa und seine Familie findet ihn in gewisser Hinsicht anstrengend: Ärzte sind oft übervorsichtige Eltern, die ihren Kindern jede Gefahr verbieten und sie ständig auf auffällige Symptome beobachten.

Gerade dieser nach außen hin so perfekte Arzt bietet, finde ich, viele Möglichkeiten, ihn zu einem spannenden Charakter zu entwickeln. Vor allem, wenn man die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt und ihn damit dem Leser wirklich gut vorstellt. Ich glaube, wenn die Geschichte aus der Sicht der Journalistin erzählt würde dann bliebe er wahrscheinlich ein blasses Klischee.
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Re: Hauptcharakter zu oberflächlich für die Geschichte?

Beitragvon Whiterabbit » 06.04.2015, 11:40

Hallo Herzallerliebst,

auch wenn Du inzwischen bereits einige Tipps erhalten hast, möchte ich doch versuchen, Dir meinen Eindruck von Alexander Naumann zu vermitteln. An sich hast Du eine schöne Zusammenfassung zu ihm geschrieben, aber beim Lesen komme ich ins Stolpern. Er überzeugt mich nicht und der Anfang will mir nicht so Recht zum Ende passen. Alexander wirkt auf mich einerseits zu glatt, bringt dann aber praktischerweise genau jene Probleme und zwar nur genau die mit (Entfremdung von der Familie?), die ihn anfällig für eine Romanze mit Deiner Protagonistin machen. Mir fehlen innere Konflikte, leise Töne, an denen man merkt, dass er mehr darstellt als eine Projektionsfläche. Wie sieht es mit seiner Motivation aus? Hat er in der Vergangenheit etwas erlebt, dass ihn zu einem verbissenen Perfektionisten, insbesondere, wenn es um Berufliches geht, gemacht hat und vernachlässigt er mitunter deswegen seine Familie?

An Deiner Stelle, würde ich einfach noch ein wenig an Alexander arbeiten. Er ist schlicht nicht fertig. Eine Antwort hat Dich darauf hingewiesen, dass Du mit zu grellen Farben gezeichnet hast. Das ist an sich nicht schlimm, allerdings ist es nun an Dir, die feinen Nuancen herauszuarbeiten und Farbübergänge zu schaffen.
Beim Lesen hatte ich auch ein wenig den Eindruck, dass Du Dich nicht so recht traust, ihm unangenehme Eigenschaften zu geben, aber genau das darfst Du. Nicht jeder muss ihn mögen, aber er muss glaubhaft wirken.

Mich würde auf jeden Fall interessieren, wie Du Alexander entwickelst. :)

Zu Deiner Frage ob er als POV-Charakter taugt, sicherlich, aber möchtest Du das? Findest Du Sarah nicht insgeheim interessanter und würdest Du die Geschichte nicht lieber aus ihrer Sicht erzählen, weil du zu ihr einfach einen besseren Draht hast? Falls ja, dann mach das, sonst wirst Du nämlich nie wirklich zufrieden sein.

Viele liebe Grüße und natürlich Erfolg
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Re: Hauptcharakter zu oberflächlich für die Geschichte?

Beitragvon grit » 06.04.2015, 13:01

Wenn ich das richtig verstanden habe, begegnet der Leser diesem Alexander Naumann ja erst, als er schon Kinderarzt mit eigenen Praxis ist und sich in seinem Leben mehr oder weniger gut eingerichtet hat.
Aber wie war er als Kind? Gibt es einschneidende Erlebnisse, die ihn geprägt haben? Gibt es Dinge, die er nicht vergessen kann? Gibt es wiederkehrende Träume und warum?
Wie war seine Studienzeit? Musste er nebenbei jobben? Hat er Prüfungen mal vermasselt? Hat er mal bei irgendwas einen großen / dummen / unverzeihlichen Fehler gemacht?
Wie war sein Verhältnis zu Frauen? Zu seinen Elter? Hatte er Geschwister?

All diese Dinge wird dein Leser möglicherweise nie erfahren, aber du, der Autor, solltest sie vielleicht wissen, damit du ganz genau weißt, warum dieser Mann so ist, wie er ist und wie er tickt, denn nur dann kannst du glaubwürdig aus seiner Perspektive erzählen.

Ich kann keine Erfahrungen mit Charakterbögen beisteuern, bei mir bekommen die wichtigen Figuren eine richtige Biographie, auch wenn letztlich nur ein Bruchteil davon für den Leser sichtbar wird.
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Re: Hauptcharakter zu oberflächlich für die Geschichte?

Beitragvon wing13 » 23.04.2015, 15:04

Meine Güte, hier haben sich die Commenter aber ausgetobt.
Also 1.: Lass Dir nichts einreden. Die meinen das nicht so, die lesen sich nur selbst gerne schreiben ;-) So wie wir alle.
Aber kauf Dir bloß nicht Psychologie heute. Und nicht alle Ärzte sind zynisch.

2. Ich finde den Charakter noch nicht zu oberflächlich. Er hat janoch nichts getan, was nach Rechtfertigung verlangt. Aber vielleicht hilft es Dir, wenn Du, wie hier schon empfohlen, nacH dem Persönlichkeitskern suchst. Ggf. Auch geschichtlich: Welches Erlebnis (auch mehrere) definiert den Charakter? Hat Mama ihn einmal an der Bushaltestelle vergessen? Hat sich sein Opa nach Aktienspekulationen umgebracht? Warum ist die Fassade, der Erfolg nach außen so wichtig?
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Re: Hauptcharakter zu oberflächlich für die Geschichte?

Beitragvon SmilingSeth » 02.05.2015, 11:18

Das erste Problem: Kinderarzt, damit sitzt dein Charakter fast schon in der Schublade, aus der er nicht mehr herausgelangt. Ärzte sind immer "good life".
Was aber passen würde, wenn Neumann(Nau klingt 'nech) ein Karriereist wäre und ein Famehai, und seine Frau die dazu passende Famewhore, also er wäre nicht der gute Doktor der den Menschen hilft, weil er der gute Doktor ist. Sondern er wäre der gute Doktor, aufgrund des sozialen Prestige, der Luxuskarossen und des Geldes, also ein Arzt mit Grenzen. Oder einfach weil er auf alle wie ein guter Mensch wirkt und glänzt, aber in Wirklichkeit ein Schwein ist.
Oder er wäre der gute Doktor, weil er in Wirklichkeit viele Konflikte mit sich herumtragt und anstatt seine Konflikte zu bewältigen, bewältigt er die der anderen.

Und damit dein Charakter nicht zu McDreamy verkommt, musst du Löcher bohren, damit er Tiefe bekommt.
Oder die Bohrmaschine ist ein Antagonist. Oder er geht fremd und ist per se das Arschloch der Geschichte.


Aber ja, ich finde deinen Plot zu blumig, zu reich, zu schön. Das klingt zu sehr nach Vormittags-TV und Arztserie.
SmilingSeth
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