[Tragik]Heinz

Tragödien, Tragisches

[Tragik]Heinz

Beitragvon MinnaKlesso » 21.07.2014, 14:42

Im Koma. Die Worte lagen immer noch schwer auf ihrer Brust, raubten ihr den Atem, machten ihre Schultern steif und ihre Kehle eng. Riesige klobige Steinbrocken, die sich an ihr Herz geheftet hatten und es ganz tief runter in ihren Bauch zogen. So tief, dass sie nur vornüber gebeugt sitzen konnte. Sie keuchte. Eine Mischung aus Husten und Schluchzen. Frau Schikowski. Bitte setzen Sie sich doch. Ich habe schlechte Neuigkeiten. Ihr Mann liegt im Koma. Es tut mir Leid. ... Im Koma. Koma. So ein komisches Wort. Koma klingt wie komisch. Koma. Koma. Was heißt das überhaupt? Sie hatte es so häufig in ihrem Kopf wiederholt, dass das Wort einen ganz seltsamen Klang bekommen hatte. Es fühlte sich auch seltsam an. Es füllte ihren Mund. Koma. Es fing ganz hinten im Hals an, rutschte dann in die Mitte des Mundes und flog dann vorne durch die Lippen raus. Koma. Erst hart, dann rund, dann nur noch ein Hauch.

Sie starrte auf sein Bild. Die Chancen stehen schlecht, Frau Schikowski. Die Fraktur war an einer sehr ungünstigen Stelle, und es hat sich eine Schwellung gebildet, und obwohl die Kollegen von der Chirurgie sich natürlich die größte Mühe gegeben haben ... Wir glauben nicht, dass Ihr Mann noch einmal das Bewusstsein erlangen wird, Frau Schikowski. Es tut mir Leid. Es tut dir Leid. Natürlich tut es dir Leid, du Fatzke. Das hatte sie sagen wollen. Ja, Herr Doktor. Er kann ja nichts dafür. Heinz hätte in seinem Alter einfach nicht mehr fahren dürfen. Sie hatte ihn ja immer gewarnt. Heinz. Verkauf doch die Maschine. Du weißt doch, wie gefährlich das ist. Eines Tages passiert dir noch was. Jeden Montag stehts in der Zeitung, dass sie am Wochenende wieder einen plattgefahren haben. Denk doch auch mal an mich, Heinz. Was soll ich denn machen, wenn dir mal was passiert?

Ja, was sollte sie machen? Sie würde gerne mit jemandem reden. Sie hatte den unbedingten Drang zum Telefon zu gehen, den Hörer aufzunehmen und jemanden anzurufen. Aber wen? Ihre Eltern waren schon längst tot und Kinder hatten sie und Heinz nie welche gehabt. Sie hatte mal gewollt, aber dann wollte Heinz nicht und letztendlich hat es einfach nicht funktioniert, obwohl sie es eine Zeit lang versucht hatten. Adoption. Warum hatten sie eigentlich nie daran gedacht ein Kind zu adoptieren? Nun, sie schätzte, damals war das einfach noch nicht so üblich gewesen. Jetzt war es sowieso zu spät sich darüber Gedanken zu machen. Sie seufzte. Mit den Nachbarn konnte man auch nicht über sowas reden. Die waren zwar vorbeigekommen, Wir haben das mit Ihrem Mann gehört, Frau Schikowski. Schlimme Sache. Es tut uns wirklich furchtbar Leid. Wenn Sie irgendetwas brauchen sollten, egal was, zögern Sie nicht einfach rüberzukommen und zu klingeln. Sie hatten ihr angeboten für sie die Einkäufe zu übernehmen, aber sie hatte abgelehnt. Nette Leute waren das schon, aber man kannte sich einfach nicht gut genug.

Wissen Sie, ob Ihr Mann eine Patientenverfügung aufgesetzt hat, Frau Schikowski? Natürlich hatte Heinz das nicht. Er hatte auch kein Testament oder sonst irgendetwas. Über sowas hatte er sich nie Gedanken gemacht. Es war ihm sogar immer zu viel Planung gewesen einen Urlaub zu buchen. Wenn er mal weg wollte, packte er eines Morgens die Koffer und sagte "So Schatz, wir fahrn anne Nordsee. Pack dein Zeuch und los gehts." - "Ach Heinz!", stieß es aus ihr heraus. Sie fing an zu heulen. "Heinz, Heinz! Warum nur? Warum musste dir das passieren? Warum so? Warum, Heinz, warum?" Sie umkrallte die Sessellehnen mit ihren Fingern und schluchzte. Sabber und Rotz lief ihr das Kinn hinunter. Sie wackelte vor und zurück. Immer und immer wieder stieg es in ihr hoch. Brodelnd begann es in ihrem Bauch, stieg in die eng zusammengezogene Brust und brach dann in einem Krampf aus Schreien, Weinen und Husten aus ihr heraus.

Nachdem sie sich wieder etwas gefangen hatte, griff sie mit zittrigen Fingern nach den Taschentüchern. Es war nur noch eins in der Packung. Sie wischte sich die Augen, den Mund und das Kinn. Zuletzt schnäuzte sie einmal ordentlich hinein und warf es dann zu den anderen. Wissen Sie, ob Ihr Mann noch andere nahestehende Angehörige hat? Er hatte mal von einem älteren Bruder erzählt, aber sie wusste weder wo der wohnte, noch ob er überhaupt noch am Leben war. Wenn es keine anderen Angehörigen gibt, Frau Schikowski, und Ihr Mann keine Patientenverfügung hat, dann müssen Sie - und ich weiß, das ist hart, und ich sage das nur sehr ungern, aber dann müssen Sie jetzt leider Gottes entscheiden wie es weitergehen soll. Frau Schikowski. ... Es tut mir Leid.
Zuletzt geändert von MinnaKlesso am 21.07.2014, 18:10, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Heinz

Beitragvon magico » 21.07.2014, 15:16

Hallo Minna,

ich werde mal ein paar Sachen anmerken. Schau einfach, was davon nützlich ist:

Bitte setzten Sie sich doch.


Da hat sich ein "t" zu viel reingeschlichen.

... rutschte dann mitten zwischen die Backen ...


Die Backen sind eigentlich woanders. Zumindest bekommt es einen unfreiwillig komischen Beigeschmack, wenn es durch die "anderen" Backen flöge. Vor allem mit dem Satz danach. "Erst hart, dann rund ..." Vielleicht kannst du "... rutschte dann mitten zwischen die Zähne ..." schreiben.

Die Fraktur war an einer sehr ungünstigen Stelle, und es hat sich eine Schwellung gebildet, und obwohl die Kollegen von der Chirurgie sich natürlich die größte Mühe gegeben haben...


Drei Sachen. Die Kommata vor "und" sind unnötig. Zudem ist es ein "und" zu viel. Man sollte so viele "unds" wie möglich vermeiden. Vor die Auslassungspunkte gehört ein Leerzeichen.

... den Hörer aufzunehmen und jemanden anzurufen.


"Aufzunehmen" habe ich in diesem Zusammenhang noch nie gehört. Klingt nach Patientenaufnahme (passt ja thematisch). Ich hätte dennoch "... den Hörer in die Hand zu nehmen ..." geschrieben.

... und Kinder hatten sie und Heinz nie welche gehabt.


Sie wackelte vor und zurück.


Ich weiß was du meinst, aber "wackeln" hat immer so etwas Witziges an sich. Mit den Ohren wackeln, Wackeldackel usw. Vielleicht kannst du da ein anderes Wort finden.

... und brach dann in einem Krampf aus schreien, weinen und husten aus ihr heraus.


Alle drei Worte großgeschrieben.

Sie putzte sich die Augen, den Mund und das Kinn.


Wie putzt man sich denn die Augen? :shock:
Vielleicht trocknete sie sich die Augen oder tupfte/wischte sie trocken?

Wenn es keine anderen Angehörigen gibt, Frau Schikowski, und Ihr Mann keine Patientenverfügung hat, dann müssen Sie, und ich weiß, das ist hart, und ich sage das nur sehr ungern, aber dann müssen Sie jetzt leider Gottes entscheiden wie es weitergehen soll.


Wieder die Kommata und die "unds". Vielleicht spricht dieser Arzt auch so ...


Zur eigentlichen Geschichte:

Sie ist ganz flüssig geschrieben. Teilweise etwas umgangssprachlich, aber das ist sicher gewollt.
Ansonsten ein trauriger Abschnitt aus dem Leben dieser Frau. Eine wirklich kurze Kurzgeschichte.
Soll es eine Moral geben? Macht lieber eine Patientenverfügung! Schreibt ein Testament! Fahrt in hohem Alter nicht mehr Motorrad!

Wie dem auch sei ... alles in allem ganz solide.


Grüße, magico
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Re: Heinz

Beitragvon Aminata » 21.07.2014, 15:36

Hallo MinnaKlesso,

eine wirklich traurige Geschichte und sehr berührend geschrieben. Ich konnte mich sehr gut in diese Frau hinein versetzen und ihren Schmerz mitfühlen. Eigentlich hatte ich am Ende auf eine Auflösung gehofft, den offenen Schluss finde ich aber auch recht gelungen, obwohl ich offene Enden eigentlich gar nicht mag. Bei diesem sehr einfühlsam geschriebenen Stimmungsbericht stört er mich aber gar nicht.

Ein paar Kleinigkeiten sind mir aufgefallen:

MinnaKlesso hat geschrieben:Eine Mischung zwischen Husten und Schluchzen

Ich glaube, hier müsste es "eine Mischung aus Husten und Schluchzen" heißen.

MinnaKlesso hat geschrieben:Bitte setzten Sie sich doch

Bei "setzten" ist ein t zuviel.

MinnaKlesso hat geschrieben:Das hatte Sie sagen wollen.

"Sie" klein geschrieben.

MinnaKlesso hat geschrieben:Sie hatte den unbedingten Drang zum Telefon zu gehen

Das "unbedingt" gefällt mir hier nicht. Vielleicht lieber "unbändig"?

MinnaKlesso hat geschrieben:Ihre Eltern waren schon längst tot und Kinder hatten sie und Heinz nie welche gehabt. Sie hatte mal gewollt, aber dann wollte Heinz nicht und letztendlich hatte es einfach nicht funktioniert, obwohl sie es eine Zeit lang versucht hatten. Adoption. Warum hatten sie eigentlich nie daran gedacht ein Kind zu adoptieren?

Hier kommt 4 x hatte/hatten vor. Mit den Zeiten ist es so eine Sache, aber vielleicht kannst du doch das ein oder andere umformulieren, z. B. "ihre Ehe war kinderlos geblieben" ...

MinnaKlesso hat geschrieben:brach dann in einem Krampf aus schreien, weinen und husten aus ihr heraus.

Schreien, Weinen und Husten

Das war`s auch schon. Vielleicht kannst du das ein oder andere gebrauchen, wenn nicht, vergiss es einfach. Ich habe die Geschichte sehr gerne gelesen, vielen Dank dafür.

Liebe Grüsse,
Aminata
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Re: Heinz

Beitragvon MinnaKlesso » 21.07.2014, 17:55

Vielen, vielen Dank für eure Kommentare. :) Es freut mich, dass die Geschichte euch berühren konnte. Ich werde sofort einiger eurer Vorschläge aufgreifen.

LG,
Minna
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