[Nachd] Ich bin der Regen

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachd] Ich bin der Regen

Beitragvon magico » 25.09.2015, 14:53

Seit Stunden starre ich auf das Dachfenster und das dahinter befindliche Grau. In schmalen Linien rinnt hin und wieder ein Regentropfen am kühlen Glas herunter. Die Tränen des Himmels wählen den Weg des geringsten Widerstands und dennoch gibt es keinen einzigen geraden Verlauf. Zwischen all ihren Leidensgenossen zwängen sie sich hindurch, reißen einige von ihnen mit sich. Mit nach unten. Dort, wo sie sich sammeln und zu einem großen Ganzen verschwimmen. Nur, um erneut einen Tropfen zu bilden. Sie wachsen und wachsen und als sie sich nicht mehr halten können, stürzen sie hinab, zerbersten, sammeln sich wieder und fließen die rostroten Ziegel entlang in die Regenrinne, welche sich kaum vom Hintergrund abhebt.
Ich fühle mich wie einer von ihnen. Wie ein Regentropfen, der aus einem ganz einfachen, pragmatischen Grund fallen gelassen wurde. Irgendwann werde ich aufkommen. Ein harter Aufprall und es geht weiter bergab. Ich bin nicht allein, einige teilen mein Schicksal. Und dann, wenn man sich aufgefangen fühlt, wird alles zu schwer werden und man fällt noch tiefer, landet in einem Auffangbecken und wird geradewegs in den Untergrund gespült.
Es klopft. Leise knarrend öffnet sich die weißgestrichene Zimmertür. Weißgestrichen! Sie war einst lackiert, aber jemand hielt es für klug, sie noch einmal zu überstreichen. Mit grober Wandfarbe und so sieht sie nun aus. So fühlt sie sich an. Ich hasse diese Tür!
Ich höre, wie sie ganz leicht über den Linoleumboden schleift und sich wieder schließt.
Wie ein Regentropfen!
Vielleicht auch wie diese Tür. Sie war noch gut. Ja, sie war eine gute, solide Tür. Zugegeben, es war hier und da an ein paar Stellen der Lack abgeplatzt, aber noch lange kein Grund diese passable Zimmertür so zu verunstalten. Sie so abzuwerten.
Sie hing schon immer ein bisschen schief in den Angeln, aber sie ließ sich trotzdem schließen und öffnen. Ich mag die schwere Eisentürklinke mit dem eingefrästen an Blumen erinnernden Muster.
Einfach ein wenig Farbe darüber. Passend gemacht. Nur keine Ecken und Kanten! Keinen verunstaltenden Fleck, der sofort ins Auge fallen könnte.
Nein, doch eher wie ein Regentropfen, denn diese Tür konnte sich nicht wehren. Nun hängt sie da, knarrt ab und zu ihren Protest.
Der Regen nimmt zu. Die einzelnen Tropfen werden überschwemmt, werden eine einzige glatte Fläche und legen so die Konturen der massiven Wolken frei.
Von ihrem grausamen Herrn werden sie getrieben. Mit der Peitsche im buckligen Rücken rasen sie dahin. Sie sind der Spielball ihrer Herrscher und sie tragen den Trübsinn im Gepäck.
Es könnte sein, dass ich wie diese Wolken bin.
Doch ihr Ende naht. Sie laden ab. Entledigen sich des unnötigen Ballasts. Zetern und hetzen und stampfen und peitschen gar selbst.
Nein, ich bin der Regentropfen.
Und dann kommt sie! Zunächst bloß ein schwacher Schimmer. Die Ränder der nassen Pfützen auf dem Fensterglas beginnen silberweiß zu glühen. Ich kneife meine Augen zusammen. Ein gleißender Strahl durchbricht die graublaue Wand. Er sagt: "Ich bin gekommen, um dir etwas zu geben."
Und ich denke: Du bist gekommen, um mir etwas zu nehmen. Mein Trübsal, meine Melancholie, meine romantischen Gedanken voller Selbstzweifel.
Die Sonne kommt!
Ich hasse die Sonne. In diesem Moment hasse ich sie. Sie kommt so ungelegen wie nie zuvor. Wo sind sie hin, meine Regentropfen? Wo bin ich?

Ein Knarren, ein schleifendes Geräusch auf dem Linoleumboden. Ich drehe mich um, wende mich ab von meinem geliebten Dachfenster und meinen Leidensgenossen, die der Verdunstung zum Opfer gefallen sind.
Ich erwarte einen vorwurfsvollen Tonfall, ich erwarte eine an Sarkasmus und Sadismus kaum zu übertreffende Bemerkung.
Das ausdruckslose Gesicht sieht mich an und flüstert ohne jegliche Emotion: "Kannst du bitte den Biomüll runterbringen?"
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Re: [Nachd] Ich bin der Regen

Beitragvon FrozenBambi » 25.09.2015, 19:15

Aloha!

Dann will ich mal das Kritikschwert schwingen lieber Magico ;)

Seit Stunden starre ich auf das Dachfenster und das dahinter befindliche Grau.


warum nicht: das Grau dahinter - klänge für mich eleganter.


In schmalen Linien rinnt hin und wieder ein Regentropfen am kühlen Glas herunter.


Wenn du es nicht aus Gründen der Betonung auf kA "negativ" beladenen Adjektiven gemacht hast, würde ich zumindest das zweite, im Prinzip überflüssige, Adjektiv streichen. Wäre ja seltsam, wenn das Glas heiß wäre.


Die Tränen des Himmels wählen den Weg des geringsten Widerstands und dennoch gibt es keinen einzigen geraden Verlauf. Zwischen all ihren Leidensgenossen zwängen sie sich hindurch, reißen einige von ihnen mit sich. Mit nach unten.


Das ist ein sehr schöner Absatz. Chapeau.

Sie wachsen und wachsen und als sie sich nicht mehr halten können, stürzen sie hinab, zerbersten, sammeln sich wieder und fließen die rostroten Ziegel entlang in die Regenrinne, welche sich kaum vom Hintergrund abhebt.


Eine unnötige Beifügung, finde ich.



Ich fühle mich wie einer von ihnen. Wie ein Regentropfen, der aus einem ganz einfachen, pragmatischen Grund fallen gelassen wurde. Irgendwann werde ich aufkommen. Ein harter Aufprall und es geht weiter bergab. Ich bin nicht allein, einige teilen mein Schicksal. Und dann, wenn man sich aufgefangen fühlt, wird alles zu schwer werden und man fällt noch tiefer, landet in einem Auffangbecken und wird geradewegs in den Untergrund gespült.


Dieser Vergleich als Überleitung zu vorangegangener Regentropfenbeobachtung - wundervoll. Wobei man es theoretisch sogar schwer kürzen könnte. Es würde reichen, einfach nur zu sagen, dass er wie ein Regentropfen ist.


Leise knarrend öffnet sich die weißgestrichene Zimmertür.


Man _könnte_ hier der passiven Formulierung entgehen, indem du schreibst "mit einem leisen Knarren".



Ich höre, wie sie ganz leicht über den Linoleumboden schleift und sich wieder schließt.


Diese unschöne Kombination könnte man mit einem passenderen Verb umgehen, z.B. "wie sie den Linoleumboden streift"



Sie hing schon immer ein bisschen schief in den Angeln, aber sie ließ sich trotzdem schließen und öffnen.


Eine Auffälligkeit in deinem Schreiben. So manches Mal schmeißt du gerne ein Adverb in den Text, wo es nicht sein müsste.
"streift leicht"
"hängt ein bisschen"
Lass sie doch einfach schief in den Angeln hängen. Ist dem Leser scheißegal, ob leicht, mittelschwer oder total; Hauptsache der Text liest sich flüssiger ;)


Ich mag die schwere Eisentürklinke mit dem eingefrästen an Blumen erinnernden Muster.


Auch dies gänge flüssiger, ohne wirklich etwas am Inhalt zu verändern.

Ich mag die Eisentürklinke (klar ist die schwer) mit dem eingefrästen Blumenmuster.
Oder wie es mir besonders gefallen würde, da es egal ist, in welcher Form das Muster da reingetan wurde.

Ich mag die Eisentürklinge mit dem floralen Muster.



Einfach ein wenig Farbe darüber. Passend gemacht. Nur keine Ecken und Kanten! Keinen verunstaltenden Fleck, der sofort ins Auge fallen könnte.
Nein, doch eher wie ein Regentropfen, denn diese Tür konnte sich nicht wehren. Nun hängt sie da, knarrt ab und zu ihren Protest.


Das ist mir als Leser schon too much Beschäftigung mit der Tür.

Die einzelnen Tropfen werden überschwemmt, werden eine einzige glatte Fläche und legen so die Konturen der massiven Wolken frei.


Adjektivitis mein Lieber. Und insbesondere das doppelte "einz-" fällt auf.

Von ihrem grausamen Herrn werden sie getrieben. Mit der Peitsche im buckligen Rücken rasen sie dahin. Sie sind der Spielball ihrer Herrscher und sie tragen den Trübsinn im Gepäck.


Ein schönes Bild, wenngleich auch die Konzentration auf die Regentropfen so manchen Leser langsam verschrecken wird. Insbesondere, da man nun erwartet, was da durch die Tür hereingekommen ist.

Es könnte sein, dass ich wie diese Wolken bin.


Eben war er noch 'ne Tropfe. Schreib lieber "Vielleicht bin ich ja doch wie eine dieser Wolken", um das Umdenken klarzumachen.



Und dann kommt sie! Zunächst bloß ein schwacher Schimmer. Die Ränder der nassen Pfützen auf dem Fensterglas beginnen silberweiß zu glühen.


Wieder zwei überflüssige Adjektive gefunden. Ein Schimmer ist immer schwach und eine trockene Pfütze wäre ein Phänomen.

Das ausdruckslose Gesicht sieht mich an und flüstert ohne jegliche Emotion: "Kannst du bitte den Biomüll runterbringen?"


Und mit diesem Ende hast du eine Satire begründet. :mrgreen:


Fazit:

Ich habe auf recht hohem Niveau kristisiert - das wird dir aufgefallen sein. ;) Dein Stil ist gut, was dir sicherlich auch bewusst ist.
Was mir fehlt ist noch ein wenig Content - das mag an meiner subjektiven Lesereinstellung liegen. Du hast da nen sehr schönen Anfang und ein klasse Ende im Sinne einer überraschenden Wendung, aber es fehlt das Gefühl. Ich will verstehen, warum er ne verdammte Regentropfe ist und will mit ihm mitfühlen können, will auf die Frau (?) böse sein, die ihn zum Müll wegbringen zwingt.

Ansonsten sehr schön geschrieben, viele tolle Bilder.

Lg

Bambi
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Re: [Nachd] Ich bin der Regen

Beitragvon DrJones » 27.09.2015, 12:37

Hallo magico,

Dein Text hat mich auf eine morbide und zugleich schöne Art berüht!


Seit Stunden starre ich auf das Dachfenster und das dahinter befindliche Grau. In schmalen Linien rinnt hin und wieder ein Regentropfen am kühlen Glas herunter. Die Tränen des Himmels wählen den Weg des geringsten Widerstands und dennoch gibt es keinen einzigen geraden Verlauf.


Du legst gleich am Anfang die Erzählperspektive fest. Das ist okay. Eine Variante wäre noch, nur mit der
Beschreibung der Szenerie anzufangen und erst später das "Ich" zu bringen. Was in diesem ersten Teil steht, hat eine spirituelle Dimension. Ja, etwas Göttliches, etwas Höheres. Das unterstreicht auch die
Formulierung "Die Tränen des Himmels". Es gibt verschiedene Götterbeschreibungen, in denen ein Gott weint, und daraus ergießen sich die Flüsse und Meere.
Es würde, IMHO, noch besser passen, wenn Du also von Gott (ohne ihn zu nennen) zum
Menschen bzw. zum "Ich" kommst. Die Bilder, die Du hier zeichnest, sind eindringlich und stimmungsvoll.
Ein sehr gelungener Einstieg! :D

Zwischen all ihren Leidensgenossen zwängen sie sich hindurch, reißen einige von ihnen mit sich. Mit nach unten. Dort, wo sie sich sammeln und zu einem großen Ganzen verschwimmen. Nur, um erneut einen Tropfen zu bilden. Sie wachsen und wachsen und als sie sich nicht mehr halten können, stürzen sie hinab, zerbersten, sammeln sich wieder und fließen die rostroten Ziegel entlang in die Regenrinne, welche sich kaum vom Hintergrund abhebt.


Es geht in derselben Stimmung konsequent weiter. "Leidensgenossen" erklärt sich daraus, dass
Du sehr früh das "Ich" gebracht hast. Der Begriff ist ggf. schon zuviel "Show". Durch die Beschreibung
allein führst Du den Leser ja ins Bild vom Individuum ins Kollektiv. Das individuelle Schicksal bzw. auch
damit das Leid, löst sich auf. Aber vielleicht wolltest Du mit dem Begriff noch einen stärkeren Fokus
setzen?

Ich fühle mich wie einer von ihnen. Wie ein Regentropfen, der aus einem ganz einfachen, pragmatischen Grund fallen gelassen wurde. Irgendwann werde ich aufkommen. Ein harter Aufprall und es geht weiter bergab. Ich bin nicht allein, einige teilen mein Schicksal. Und dann, wenn man sich aufgefangen fühlt, wird alles zu schwer werden und man fällt noch tiefer, landet in einem Auffangbecken und wird geradewegs in den Untergrund gespült.


Der erste Satz ist eigentlich nicht zwingend erforderlich, da der Protagonist die Szenerie widergibt
und sich darin auch seine Stimmung widerspiegelt - und doch hat diese Formulierung ihren eigenen
Reiz. Vielleicht ein Stück weit zu sehr aufgedrängt. Ich hätte es ggf. indirekter an den Protagonisten angeknüpft. Vielleicht mit einem Beispiel? Du hättest auch mit den Tropfen als "Ich" Stellvertreter
weitermachen können. Davor z. B. einen Satz wie: "Wird dieses Grau aus meinem Leben nie verschwinden?"

Das ist eine sehr sensible Sache, die man wieder im Text austarieren müsste.

Es klopft. Leise knarrend öffnet sich die weißgestrichene Zimmertür. Weißgestrichen! Sie war einst lackiert, aber jemand hielt es für klug, sie noch einmal zu überstreichen. Mit grober Wandfarbe und so sieht sie nun aus. So fühlt sie sich an. Ich hasse diese Tür!


Ich frage mich natürlich, wer dieser "jemand" ist. Nennt er den Namen nicht aus Wut auf diese
Person oder ist es einfach irgendein Jemand, den er nicht kennt? Er hasst die Tür, und
er hasst die Person, die sie überstrich?

Ich höre, wie sie ganz leicht über den Linoleumboden schleift und sich wieder schließt.
Wie ein Regentropfen!


Den Zusammenhang zwischen Tür und Regentropfen sehe ich noch nicht. Ein Regentropfen schleift?
Es hat wohl eher mit dem Auflösen ins Kollektiv zu tun ("schließt")?

Vielleicht auch wie diese Tür.


Die Tür schleift wie die Tür? Ich bin verwirrt... :o

Sie war noch gut. Ja, sie war eine gute, solide Tür. Zugegeben, es war hier und da an ein paar Stellen der Lack abgeplatzt, aber noch lange kein Grund diese passable Zimmertür so zu verunstalten. Sie so abzuwerten.


Steht die Tür sinnbildlich für etwas anderes? Was oder wer wurde noch abgewertet?
Der Erzähler, da er sich nicht durchzussetzen vermochte, die Tür so zu belassen, wie
sie war? Ich sehe hier einen Grundkonflikt schwelen zwischen weiblich (erneuernd)
und männlich (erhaltend).

Sie hing schon immer ein bisschen schief in den Angeln, aber sie ließ sich trotzdem schließen und öffnen. Ich mag die schwere Eisentürklinke mit dem eingefrästen an Blumen erinnernden Muster.
Einfach ein wenig Farbe darüber. Passend gemacht. Nur keine Ecken und Kanten! Keinen verunstaltenden Fleck, der sofort ins Auge fallen könnte.


Eindeutig erhaltend. Eine eher passive Persönlichkeit?

Nein, doch eher wie ein Regentropfen, denn diese Tür konnte sich nicht wehren. Nun hängt sie da, knarrt ab und zu ihren Protest.


Das ist echt klasse! Gefällt mir sehr dieser Vergleich! :D

Der Regen nimmt zu. Die einzelnen Tropfen werden überschwemmt, werden eine einzige glatte Fläche und legen so die Konturen der massiven Wolken frei.


Eine total plastische Beschreibung dieses Vorgangs, den ich gut kenne. Habe mal in einer
Dachgeschosswohnung gewohnt. Das wird dann echt transparent und je nach Vegetation in der
Nähe auch schon mal pollig und trüb. Sehr schön... :D

Von ihrem grausamen Herrn werden sie getrieben. Mit der Peitsche im buckligen Rücken rasen sie dahin. Sie sind der Spielball ihrer Herrscher und sie tragen den Trübsinn im Gepäck.


Knüpft an den Anfang an. "Bückliger Rücken"? Sind Tropfen bucklig? Ich kenne das Bild eines
Tropfens, wie man ihn malt: Unten rund und oben spitz. Dieses
Bild ist symbolhaft stimmig:

http://sr.photos2.fotosearch.com/bthumb ... 655798.jpg


In natura aber ist ein Tropfen fast kugelförmig, da er schwerelos
zu Boden fällt. Durch den Gegenwind etwas abgeflacht? :( *ratlos*

Es könnte sein, dass ich wie diese Wolken bin.
Doch ihr Ende naht. Sie laden ab. Entledigen sich des unnötigen Ballasts. Zetern und hetzen und stampfen und peitschen gar selbst.
Nein, ich bin der Regentropfen.


Aah, er schwankt! Interessant... :) Ist er nun Gott und damit Meister seines Schicksals, also eine Wolke,
oder ist er ein Tropfen, und damit Spielball des Schicksals, der vergeht und wiedergeboren wird in
einer Wolke? Hier verschwimmt für mich das Göttliche mit dem Menschlichen. Das entspricht auch
dem Mythos: Gott ist in jedem von uns. Durch Deinen Text werden wichtige, überbewusste Botschaften
transportiert. Nice. :D

Und dann kommt sie! Zunächst bloß ein schwacher Schimmer. Die Ränder der nassen Pfützen auf dem Fensterglas beginnen silberweiß zu glühen. Ich kneife meine Augen zusammen. Ein gleißender Strahl durchbricht die graublaue Wand. Er sagt: "Ich bin gekommen, um dir etwas zu geben."
Und ich denke: Du bist gekommen, um mir etwas zu nehmen. Mein Trübsal, meine Melancholie, meine romantischen Gedanken voller Selbstzweifel.


Wieder die Dualität Gottes. Böse und gut zugleich, je nach Betrachtung zeigt er sich.
Das ist eine spirituelle Geschichte. :)

Die Sonne kommt!
Ich hasse die Sonne. In diesem Moment hasse ich sie. Sie kommt so ungelegen wie nie zuvor. Wo sind sie hin, meine Regentropfen? Wo bin ich?


Das Gefühl ist mir nicht fremd. Manchmal erscheint uns die Schönheit der Natur wie Hohn.
Die Sonne strahlt einen an, doch man ist in Trauer.

Ein Knarren, ein schleifendes Geräusch auf dem Linoleumboden. Ich drehe mich um, wende mich ab von meinem geliebten Dachfenster und meinen Leidensgenossen, die der Verdunstung zum Opfer gefallen sind.
Ich erwarte einen vorwurfsvollen Tonfall, ich erwarte eine an Sarkasmus und Sadismus kaum zu übertreffende Bemerkung.


Und zurück in die Welt des Alltags. Das ist eine schöne Heldenreise im Westentaschenformat.
Durch die Beobachtung der Tropfen übertritt er die Schwelle in die Anderswelt, bekommt neue
Erkenntnisse. Die schleifende Tür bringt ihn wieder zurück ins hier und jetzt.

Das ausdruckslose Gesicht sieht mich an und flüstert ohne jegliche Emotion: "Kannst du bitte den Biomüll runterbringen?"


Ein gelungener Abschluss. Wird der Protagonist das Elixier der Erkenntnis, das er aus der Beobachtung
der Wolken und der Tropfen gezogen hat, in seine Alltagswelt integrieren können?
Ich fürchte: Nein. Die Frage nach dem Biomüll ist derart trivial und alltäglich,
dass es wahrscheinlich so weitergeht wie bisher mit seiner inneren Sehnsucht und seinem Leid.

Diese Geschichte war wirklich großartig. Auf sprachliche Raffinessen oder Fehler einzugehen,
liegt mir sehr fern, da die Suggestivkraft dieses Textes seine Oberfläche, also
das geschriebene Wort selbst, mich hat vergessen lassen.

Draußen scheint gerade die Sonne. Jetzt bin ich wieder in meiner alltäglichen Welt, nachdem mich
Dein Text auf diese kleine Heldenreise mitgenommen hat.

Vielen Dank für diesen tiefsinnigen Ausflug!

DrJones
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Re: [Nachd] Ich bin der Regen

Beitragvon lilomartha » 04.10.2015, 18:11

Hallo =)

Ich finde deinen Schreibstil sehr schön. Deine Wortwahl gefällt mir sehr, du benutzt kreative Worte, das macht deinen Text einzigartig und hebt sich somit von den anderen tausend Texten über Regentropfen, die am Fenster hinunter kullern ab.

Die anderen beiden User haben im Grunde schon alles angemerkt, was ich hätte auch angemerkt hätte, trotzdem nochmal ein paar Kleinigkeiten, die ich ansprechen möchte:

"Seit Stunden starre ich auf das Dachfenster und das dahinter befindliche Grau."
--> und das dahinter befindliche Grau - über diese Formulierung bin ich gestolpert, was im ersten Satz natürlich gleich sehr unpraktisch ist. Bitte unbedingt abändern! (Oben wurde ja schon ein Vorschlag gemacht ;-) )

"Es klopft. Leise knarrend öffnet sich die weißgestrichene Zimmertür."
--> Nach diesem Satz, schwankst du in die Beschreibung der Tür und die dazu aufkommenden Gedanken des Protas ab. Ich als Leser, interessiere mich in diesem Moment aber eher weniger für diese Gedanken, insbesondere, weil du dich danach wieder den Regentropfen und Wolken zuwendest und gar nicht darauf eingehst, wer nun geklopft hat. Meiner Meinung nach wartest du zu lange, bevor die Person am Ende hereinkommt. (Zudem öffnet sich die Tür erneut, ("Ein Knarren, ein schleifendes Geräusch auf dem Linoleumboden.") das hat mich verwirrt, sie war doch jetzt schon offen.)
Vielleicht kannst du die knarrende Tür einfach ein Stück später ins Spiel bringen, vielleicht nachdem die Sonne rausgekommen ist, dann nur die Tür beschreiben und die dazu gehörigen Gedanken, dann das Ende.

"Es könnte sein, dass ich wie diese Wolken bin."
--> Wieso identifiziert sich das Prota jetzt mit den Wolken, wo es sich doch vorher mit den Regentropfen verglichen hat? Ich finde das passt einfach nicht, da du die Wolken als etwas größeres als die Regentropfen dargestellt hast und die Wolken somit beinahe der Kontrast zu den Regentropfen sind. Vielleicht drückst du es lieber wie einen Wunsch aus, wenn du die mögliche Identifizierung mit den Wolken drinhaben möchtest. In etwa so: Ich wünschte, ich wäre wie diese Wolken o.ä.


Sonst ist dein Text aber sehr schön. Mich als Leser hätte aber noch interessiert, wieso das Prota sich so sieht und wie es dazu kam. So kann ich mit dem Prota nur wenig mitfühlen, da ich eigentlich nichts über die Person weiß, außer, dass es sich wie ein Regentropfen fühlt und den Biomüll rausbringen soll. Das finde ich schade.

Ich hoffe ich konnte helfen

Lieben Gruß
lilomartha
 
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