[Liebe]Ich sehe dich

Liebe, Romantik, Sehnsucht

[Liebe]Ich sehe dich

Beitragvon Fafharad » 18.09.2013, 20:14

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin kein Voyeur. Und ich halte nichts von Sprüchen wie: „Appetit darf man sich unterwegs holen – gegessen wird zuhause!“
Zuhause wartete meine Frau auf mich. Wir sind seit neunzehn Jahren verheiratet.
Noch aber war ich unterwegs.
Ich nehme diesen Zug täglich, sehe Tag für Tag dieselben Gesichter, Pendler wie ich. Manchmal erübrige ich ein kurzes Nicken, wenn ein langjähriger Mitreisender mir gegenüber Platz nimmt. Mehr nicht.
„Entschuldigung, ist hier frei?“
Normalerweise nicke ich an dieser Stelle, ohne von meiner Zeitung aufzublicken. Der leichte Akzent machte mich diesmal neugierig.
Sie war dunkelhäutig. Die Haare, schwarz wie Kaffee und glänzend wie Klavierlack, umrahmten ihre braunen Augen. Ein Blick voll warmer Dankbarkeit berührte mich im Innersten.
Ich hatte nur für eine halbe Sekunde den Kopf gehoben, doch das war genug Zeit, um alles zu verändern. Ich fand den Absatz nicht wieder, den ich gerade las.
Ihr Knie berührte meines, als sie sich setzte. Wir veränderten beide unsere Sitzhaltung, räumten uns höflich Platz ein. Ich hielt meinen Blick starr auf die Zeitung gerichtet, las wahllos einen Artikel bis zum Ende und stellte fest, dass ich mich nicht erinnern konnte, worum es darin gegangen war.
Es lag an ihren Augen. Ich musste sie noch einmal sehen. Und ihren Mund. Ihr Kinn. Die Wangenknochen. Die komplette topographische Karte ihres Gesichts.
Unfug! Ich musste gar nichts.
Und doch plante ich bereits, wie ich sie erneut ansehen konnte, ohne aufdringlich zu wirken.
Ich wollte mir um jeden Preis die Peinlichkeit ersparen, den Eindruck eines Gaffers zu erwecken. Es müsste ein zufälliger Blick sein, unvermeidbar und entschuldbar. Die Unmöglichkeit, jemandem in die Augen zu sehen, ohne von ihm bemerkt zu werden, war mir selbstverständlich bewusst.
Tatsächlich brauchte ich eine Rechtfertigung vor mir selbst. Beging ich eine pubertäre Torheit, wenn ich diesem unerklärlichen Drang nachgab, oder einen Akt der Lebensbejahung, der Würdigung der Schönheit an sich?
Eine Zeitlang hielten sich Für und Wider die Waage, dann neigte sich ganz langsam die Waagschale Richtung Unvernunft.
In vorgetäuschter Nachdenklichkeit blickte ich auf, als müsste ich über etwas sinnieren, das ich gerade gelesen hatte. Ich fixierte einen Punkt einen halben Meter neben ihrem Kopf, während mein Herz wie rasend schlug.
Das Ziel meiner Wünsche verbarg sich in der Unschärfe der peripheren Wahrnehmung. Behutsam justierte ich nach, bemüht, die Augäpfel so unauffällig nach rechts wandern zu lassen, wie ein Einbrecher sich an einem schlafenden Wachmann vorbeischleichen würde.
Und wurde erwischt!
Für einen Sekundenbruchteil kreuzten sich unsere Blicke. Ich hatte kein Alibi vorzuweisen. Der Schreck war Fieberschub und Eiswasser in einem, die schmerzhafte Erkenntnis großer Schuld und unverzeihlicher Dummheit. Ich vergrub meinen Blick in der Zeitung, blätterte vor und zurück und räusperte mich.
Der Schreck klang ab. Die Scham tobte noch eine Weile wie ein Sonnenbrand über Stirn und Wangen.
Aber ich hatte auch einen kleinen Triumph vorzuweisen. Es war mir gelungen, weitere Einzelheiten ihres Gesichts zu erhaschen. Es gab nur noch wenige weiße Flecken auf der Karte.
Mein erster Eindruck, dass sie sehr schön war, hatte sich bewahrheitet. Ihre Herkunft konnte ich nicht genau einschätzen. Indien, vielleicht Pakistan. Oder Bangladesch.
Das würde ich nie herausfinden, denn dazu müsste ich mit ihr sprechen. Dafür gab es keinen nachvollziehbaren Grund. Und sie mit belanglosem Small-Talk zu belästigen, wäre eine ganz neue Qualität der Peinlichkeit, eine Falle, aus der ich nicht unbeschadet herauskäme.
Ich würde mich mit dem zufriedengeben, was ich schon hatte. Eine teuer erworbene Erinnerung, von der ich zehren konnte. Wenn ich es konnte.
Die Zeitung als Projektionsfläche nutzend zwang ihr Bild aus dem Gedächtnis herbei. Alles, was daraufhin erschien, waren ein Paar brauner Augen.
Das war es also. Auf keinen Fall würde ich mich erneut derart erniedrigen, nur um am Ende als Sittenstrolch oder Stalker da zu stehen. Schon der erste Versuch war eines erwachsenen Mannes unwürdig gewesen. Ich schaffte es, eine Schlagzeile zu fokussieren und zur kleineren Schrift darunter zu springen, ohne den Faden zu verlieren. Na bitte! Ging doch!
Aber wie stellte ich es an, sie ein letztes Mal zu betrachten?
Ein irres Kichern platzte aus mir heraus, und ich konnte nichts weiter tun, als es in ein verräterisch substanzloses Husten umzuwandeln.
Da der Schaden bereits angerichtet war, hüstelte ich hinter vorgehaltener Faust spontan ein wenig weiter, sah sie schließlich direkt an und haspelte ein heiseres „‘tschuldigung“ hervor.
Sie hatte aus dem Fenster gesehen.
„Hmmm“, machte sie, den Kopf halb zu mir gedreht. Dann war sie mit ihren Gedanken wieder woanders.
Eine unerklärliche Irritation blieb zurück wie der ranzige Geschmack eines schlechten Sonnenblumenkerns.
Was hatte sie im Zuge dieser missglückten Konversation vollbracht, um mich ohne Vorwarnung aus meinem persönlichen Koordinatensystem fallen zu lassen?
War da ein dezenter Hinweis in ihrem Blick gewesen, dass sie mich für offensichtlich unheilbar wahnsinnig hielt? Eine naheliegende Einschätzung, der ich mich momentan vorbehaltlos anzuschließen bereit war.
Oder hatte ihr „Hmmm“ gar den Beiklang einer Drohung gehabt?
Während die Bahn langsamer wurde, ging mir ein Licht auf. Es war ein Flaum hauchfeiner schwarzer Härchen ganz außen auf ihrer Oberlippe gewesen. Ihr Makel.
Ich atmete befreit auf. Sie war schön, aber nicht makellos. Jetzt konnte ich sie als gewöhnlichen Menschen sehen. Diese Erkenntnis half mir beim Loslassen.
Sie stand auf, lächelte mir zu und ging zum Ausstieg.
Auf dem Bahnsteig sah ich sie in den Armen eines jungen Mannes versinken. Pakistani, ich war mir ganz sicher. Oder doch Inder?
Es spielte keine Rolle. Diese beiden waren glücklich, und ich war es auch. Sie standen noch ineinander verschlungen da und küssten sich, als der Zug wieder anfuhr.
Ich hatte mich lange nicht mehr so darauf gefreut, meine Frau zu sehen.
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Re: Ich sehe dich

Beitragvon CharlySemmel » 19.09.2013, 00:22

Hallo Fafharad!

Ich versuch mich mal an deinem Text :wink: :

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin kein Voyeur. Und ich halte nichts von Sprüchen wie: „Appetit darf man sich unterwegs holen – gegessen wird zuhause!“
Zuhause wartete meine Frau auf mich. Wir sind seit neunzehn Jahren verheiratet.
Noch aber war ich unterwegs.


Na - dann gucken wir mal, was so passiert!

Ich nehme diesen Zug täglich, sehe Tag für Tag dieselben Gesichter, Pendler wie ich. Manchmal erübrige ich ein kurzes Nicken, wenn ein langjähriger Mitreisender mir gegenüber Platz nimmt. Mehr nicht.


Liest sich, als wäre der Prota ein wortkarger Stockfisch. Sicher wolltest eher die Eintönigkeit so eines Pendlerzuges darstellen, den man tagtäglich benutzt.

„Entschuldigung, ist hier frei?“
Normalerweise nicke ich an dieser Stelle, ohne von meiner Zeitung aufzublicken. Der leichte Akzent machte mich diesmal neugierig.


Könnte man evtl. etwas eleganter ausdrücken:
„Entschuldigung, ist hier frei?“ Der leichte Akzent einer Frauenstimme ließ mich aufhorchen, so dass ich von meiner Zeitung aufblickte.

Sie war dunkelhäutig. Die Haare, schwarz wie Kaffee und glänzend wie Klavierlack, umrahmten ihre braunen Augen.


Hier trägst du ganz schön dick auf mit deiner Beschreibung, finde ich. :wink:

Ein Blick voll warmer Dankbarkeit berührte mich im Innersten.


Warme Dankbarkeit - für was? Muss der Dankbarkeit, wenn schon, dieses Adjektiv vorausgehen? Kalte Dankbarkeit gibt es nicht, so weit ich weiß.

Ich hatte nur für eine halbe Sekunde den Kopf gehoben, doch das war genug Zeit, um alles zu verändern. Ich fand den Absatz nicht wieder, den ich gerade las.


Würde ich so schreiben:
Ich hatte nur für eine Sekunde den Kopf gehoben. Als ich zurück auf die Zeitung sah, fand ich den Absatz nicht wieder, den ich gerade las.

Ihr Knie berührte meines, als sie sich setzte. Wir veränderten beide unsere Sitzhaltung, räumten uns höflich Platz ein. Ich hielt meinen Blick starr auf die Zeitung gerichtet, las wahllos einen Artikel bis zum Ende und stellte fest, dass ich mich nicht erinnern konnte, worum es darin gegangen war.
Es lag an ihren Augen. Ich musste sie noch einmal sehen. Und ihren Mund. Ihr Kinn. Die Wangenknochen. Die komplette topographische Karte ihres Gesichts.
Unfug! Ich musste gar nichts. Und doch plante ich bereits, wie ich sie erneut ansehen konnte, ohne aufdringlich zu wirken.


Er hätte doch nur die Zeitung weglegen müssen, um freie Sicht zu haben. :mrgreen:

Ich wollte mir um jeden Preis die Peinlichkeit ersparen, den Eindruck eines Gaffers zu erwecken. Es müsste ein zufälliger Blick sein, unvermeidbar und entschuldbar. Die Unmöglichkeit, jemandem in die Augen zu sehen, ohne von ihm bemerkt zu werden, war mir selbstverständlich bewusst.
Tatsächlich brauchte ich eine Rechtfertigung vor mir selbst. Beging ich eine pubertäre Torheit, wenn ich diesem unerklärlichen Drang nachgab, oder einen Akt der Lebensbejahung, der Würdigung der Schönheit an sich?


Ich würde in so einer Situation auf die Momente lauern, in denen sie aus dem Fenster guckt - oder sonstwie abgelenkt keinen Sichtkontakt mit mir hat. Dann würde ich sie schamlos anglotzen und mich daran weiden, und sie würde es nicht merken (ich Schwein) :mrgreen:

Eine Zeitlang hielten sich Für und Wider die Waage, dann neigte sich ganz langsam die Waagschale Richtung Unvernunft. In vorgetäuschter Nachdenklichkeit blickte ich auf, als müsste ich über etwas sinnieren, das ich gerade gelesen hatte. Ich fixierte einen Punkt einen halben Meter neben ihrem Kopf, während mein Herz wie rasend schlug. Das Ziel meiner Wünsche verbarg sich in der Unschärfe der peripheren Wahrnehmung. Behutsam justierte ich nach, bemüht, die Augäpfel so unauffällig nach rechts wandern zu lassen, wie ein Einbrecher sich an einem schlafenden Wachmann vorbeischleichen würde. Und wurde erwischt!


Eine kleine Portion mehr Unverschämtheit würde deinem Prota gut tun - mMn.

Mein erster Eindruck, dass sie sehr schön war, hatte sich bewahrheitet. Ihre Herkunft konnte ich nicht genau einschätzen. Indien, vielleicht Pakistan. Oder Bangladesch.
Das würde ich nie herausfinden, denn dazu müsste ich mit ihr sprechen. Dafür gab es keinen nachvollziehbaren Grund. Und sie mit belanglosem Small-Talk zu belästigen, wäre eine ganz neue Qualität der Peinlichkeit, eine Falle, aus der ich nicht unbeschadet herauskäme.


Vorschläge, einen unbefangenen Smalltalk zu beginnen:
1. "Sind sie auch unterwegs nach ...?"
2. "Tolles Wetter heute, nicht wahr?"
3. "Schöne Ledertasche, die Sie da haben."

Ein Smalltalk ist doch keine Belästigung. Und warum sollte er da nicht unbeschadet rauskommen? Er hat doch eine Frau zuhause und das hier ist nur ein amüsantes Spiel, um sich die Zeit im Zug zu vertreiben.

Ich würde mich mit dem zufriedengeben, was ich schon hatte. Eine teuer erworbene Erinnerung, von der ich zehren konnte. Wenn ich es konnte.


Hatte er Absichten bei ihr? Wenn er alleine wäre, würde ich das verstehen. Da guckt man sich eine schöne Frau an und kann zuhause, in der Einsamkeit der vier Wände und der runterfallenden Decke, an sie denken. Aber so? (hm) :dasheye:

Eine unerklärliche Irritation blieb zurück wie der ranzige Geschmack eines schlechten Sonnenblumenkerns.


Uh - eine eher schwer verdauliche Metapher! :|

Auf dem Bahnsteig sah ich sie in den Armen eines jungen Mannes versinken. Pakistani, ich war mir ganz sicher. Oder doch Inder? Es spielte keine Rolle. Diese beiden waren glücklich, und ich war es auch. Sie standen noch ineinander verschlungen da und küssten sich, als der Zug wieder anfuhr.


Und das nimmt er nach all diesen inneren Kämpfen einfach so ohne Emotion hin? Oder hat ihn der Oberlippenflaum der Dame so abgetörnt, dass es ihm in aller Eile egal geworden ist?

Ich hatte mich lange nicht mehr so darauf gefreut, meine Frau zu sehen.


War er in dem Moment froh, wenigstens die noch zu haben? Oder hat er sich von der trügerischen Begierde nach der anderen gelöst und zur Realität zurück gefunden?

Zusammenfassung: Ein ziemlich verschämter Prota (so kommt er mir wenigstens vor) lunst hinter seiner Zeitung hervor, um eine unbekannte Schöne zu betrachten, die sich ihm im Zugabteil gegenüber gesetzt hat. Die Zeitung weg zu legen und sie anzuschauen und einen Smalltalk mit ihr zu beginnen, verbietet ihm sein (merkwürdig programiertes) Über-Ich (um mal mit Sigmund Freud zu reden) Dann sieht er ihren Oberlippenbart und merkt, dass sie auch nur ein Mensch ist - der Zauber verfliegt. Sie steigt aus und küsst am Bahnsteig einen anderen. Dem Prota ist das inzwischen egal, er hat sich blitzartig von ihr gelöst und freut sich auf seine Frau zuhause. Sorry - so richtig weiß ich nicht, was ich davon halten soll. Vielleicht hab ich´s nicht richtig verstanden, das könnte auch sein. In dem Fall wirst du meine Anmerkungen berichtigen.
Im besten Sinne ... :wink:

Gruß, CS

P.S. Was mich die ganze Zeit beschäftigt: Was will der Prota von dieser Schönen?
1. Will er sie eigentlich anbaggern, ist aber zu schüchtern dazu?
2. Will er ihre Gesellschaft nutzen, um sich die öde Pendler-Bahnfahrt etwas zu versüßen?
Dann hätte er sie ganz unbefangen ansprechen können (mit einer Allerweltsbemerkung), ein Lächeln dazu und sie wären in Kontakt gewesen. :wink:
3. Was hat das Ganze mit Liebe zu tun? (steht ja unter Liebesgeschichten)
Vielleicht kannst du die Geschichte vom Plot her logischer gestalten, wenn du diese Fragen (für dich) beantwortest. :wink:
Zuletzt geändert von CharlySemmel am 19.09.2013, 17:06, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Ich sehe dich

Beitragvon lisa-s » 19.09.2013, 12:23

Guten Morgen,

also mal ran an deinen Text ;-)

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin kein Voyeur. Und ich halte nichts von Sprüchen wie: „Appetit darf man sich unterwegs holen – gegessen wird zuhause!“
Zuhause wartete meine Frau auf mich. Wir sind seit neunzehn Jahren verheiratet.


Ich war sehr gespannt, was wohl nach dieser Einleitung passieren wird und was für ein Typ da wohl erzählt.

Noch aber war ich unterwegs.


Hiervor würde ich einen Absatz machen und einfach nur schreiben "Ich war unterwegs." um einen den Zeitsprung und den Start in die Erzählung deutlich zu machen.

Ich nehme diesen Zug täglich, sehe Tag für Tag dieselben Gesichter, Pendler wie ich.


Monotone Wiederholung wie das Zuggeräusch. "Tag für Tag" kannst du mMn weglassen, weil du zuvor schon "täglich" geschrieben hast. Dann klingt es noch abgehackter.

Manchmal erübrige ich ein kurzes Nicken, wenn ein langjähriger Mitreisender mir gegenüber Platz nimmt. Mehr nicht.


Da habe ich gedacht: oh Mann, wie langweilig ist der denn?!

Normalerweise nicke ich an dieser Stelle, ohne von meiner Zeitung aufzublicken. Der leichte Akzent machte mich diesmal neugierig.


Hier würde ich ein wenig umformulieren. Vielleicht "Weil der leichte Akzent mich neugierig machte, blickte ich dieses Mal von meiner Zeitung auf, statt nur zu nicken."

Sie war dunkelhäutig. Die Haare, schwarz wie Kaffee und glänzend wie Klavierlack, umrahmten ihre braunen Augen. Ein Blick voll warmer Dankbarkeit berührte mich im Innersten.


Ich finde das hier zu dick aufgetragen. Ein Bild für die Haare reicht, ich würde in dem Fall den Kaffee nehmen, weil sich darunter jeder etwas vorstellen kann. Wofür ist sie denn so schrecklich dankbar? Würde nicht "Ihr Blick berührte mich im Innersten" reichen? Oder "Ihr Blick berührte mich." Wobei das so auch mMn noch richtig passt. Da fehlt was. Vielleicht "Sie war dunkelhäutig. Die Haare, schwarz wie Kaffee, umrahmten ihre braunen Augen, deren Ausdruck mich zu meiner eigenen Überraschung tief im Inneren berührten."

Ich hatte nur für eine halbe Sekunde den Kopf gehoben, doch das war genug Zeit, um alles zu verändern.


Hmm, ich habe das jetzt mal selbst probiert ;-) Ich glaube nicht, dass man ein Gesicht in einer halben Sekunde so genau scannen kann. Außerdem glaube ich nicht, dass jemand, der gerade so überrascht wurde, sofort den Blick wieder abwendet. "Alles verändert" - da habe ich gedacht "wow, jetzt geht's los".

Ich fand den Absatz nicht wieder, den ich gerade las.


Gefällt mir, allerdings müsste es heißen "den ich (bis) gerade gelesen hatte".

Ihr Knie berührte meines, als sie sich setzte. Wir veränderten beide unsere Sitzhaltung, räumten uns höflich Platz ein. Ich hielt meinen Blick starr auf die Zeitung gerichtet, las wahllos einen Artikel bis zum Ende und stellte fest, dass ich mich nicht erinnern konnte, worum es darin gegangen war.
Es lag an ihren Augen. Ich musste sie noch einmal sehen. Und ihren Mund. Ihr Kinn. Die Wangenknochen. Die komplette topographische Karte ihres Gesichts.


Ich finde das schön geschrieben, allerdings kommt genau hier meine Kritik von oben zum Tragen. Das ist für mich nicht stimmig.

Ich wollte mir um jeden Preis die Peinlichkeit ersparen, den Eindruck eines Gaffers zu erwecken. Es müsste ein zufälliger Blick sein, unvermeidbar und entschuldbar.


Also erstmal: Ich habe durch diese Passage ein genaues Bild des Protagonisten im meinem Kopf angefertigt ;-) , verklemmt ohne Ende, vielleicht nicht besonders gutaussehend, Aktentasche... ich frage mich warum er gleich Panik hat, als "Gaffer" entlarvt zu werden, nur weil er sie noch einmal anschauen möchte. Du könntest es etwas abmildern, indem du sowas schreibst wie "Ich wollte auf keinen Fall, dass sie sich beobachtet fühlt." oder so.

Die Unmöglichkeit, jemandem in die Augen zu sehen, ohne von ihm bemerkt zu werden, war mir selbstverständlich bewusst


Ich bin hier über „Unmöglichkeit“ gestolpert. Das Wort gibt es, ich hab’s nachgeschlagen ;-) Die Bedeutung passt auch, jedoch klingt es holprig. Außerdem denke ich bei „unmöglich“ oftmals an „unmögliches Benehmen“, aber das ist ja mein Problem. Wie wäre es jedenfalls mit „Dass es unmöglich ist, jemandem in die Augen zu sehen ohne von ihm bemerkt zu werden, war mir bewusst.“?

Beging ich eine pubertäre Torheit, wenn ich diesem unerklärlichen Drang nachgab, oder einen Akt der Lebensbejahung, der Würdigung der Schönheit an sich?


Er will sie doch nur ansehen?! Ich verstehe den Absatz nicht so recht, sorry, vor allem nicht die letzten beiden Satzteile.

In vorgetäuschter Nachdenklichkeit blickte ich auf, als müsste ich über etwas sinnieren, das ich gerade gelesen hatte. Ich fixierte einen Punkt einen halben Meter neben ihrem Kopf, während mein Herz wie rasend schlug.
Das Ziel meiner Wünsche verbarg sich in der Unschärfe der peripheren Wahrnehmung. Behutsam justierte ich nach, bemüht, die Augäpfel so unauffällig nach rechts wandern zu lassen, wie ein Einbrecher sich an einem schlafenden Wachmann vorbeischleichen würde.
Und wurde erwischt!


An sich schön. Mit fällt auf, dass du gerne Substantivierungen verwendest. Ich persönlich mag das nicht besonders, ich finde es immer besser mit Verben zu arbeiten. Hier nutzt du „Nachdenklichkeit“ und „sinnieren“, das ist doppelt gemoppelt, finde ich. Du könntest schreiben „Als müsste ich über etwas nachdenken, das ich gerade gelesen habe, fixierte ich einen Punkt… Mein Herz raste.“
Den Schluss dieser Passage würde ich so schreiben: „… vorbeischleichen würde… und wurde erwischt.“

Für einen Sekundenbruchteil kreuzten sich unsere Blicke. Ich hatte kein Alibi vorzuweisen. Der Schreck war Fieberschub und Eiswasser in einem, die schmerzhafte Erkenntnis großer Schuld und unverzeihlicher Dummheit.


„große Schuld und unverzeihlicher Dummheit“? Er hat sie doch nur angesehen, nicht geküsst. Es ist schwierig. Ok, die Reaktion passt zum Bild, das ich von dem Mann habe. Ich lasse es mal so stehen.

Dafür gab es keinen nachvollziehbaren Grund. Und sie mit belanglosem Small-Talk zu belästigen, wäre eine ganz neue Qualität der Peinlichkeit, eine Falle, aus der ich nicht unbeschadet herauskäme.


S.o. Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Das fühlt sich für mich nicht nachvollziehbar an. Er hat doch nur geguckt…

Ich würde mich mit dem zufriedengeben, was ich schon hatte. Eine teuer erworbene Erinnerung, von der ich zehren konnte. Wenn ich es konnte.


Hier habe ich nun wirklich jeden Bezug zum Protagonisten verloren. Ich verstehe sein Problem nicht. Teuer erworben ist doch nichts, er wird sie wohl nie wieder sehen. Und nach einer Person zehren, die man mal kurz in der Bahn gesehen hatte… Der Kerl ist mir zu verklemmt, sorry.

Die Zeitung als Projektionsfläche nutzend zwang ihr Bild aus dem Gedächtnis herbei. Alles, was daraufhin erschien, waren ein Paar brauner Augen.
Das war es also. Auf keinen Fall würde ich mich erneut derart erniedrigen, nur um am Ende als Sittenstrolch oder Stalker da zu stehen. Schon der erste Versuch war eines erwachsenen Mannes unwürdig gewesen. Ich schaffte es, eine Schlagzeile zu fokussieren und zur kleineren Schrift darunter zu springen, ohne den Faden zu verlieren. Na bitte! Ging doch!
Aber wie stellte ich es an, sie ein letztes Mal zu betrachten?
Ein irres Kichern platzte aus mir heraus, und ich konnte nichts weiter tun, als es in ein verräterisch substanzloses Husten umzuwandeln.
Da der Schaden bereits angerichtet war, hüstelte ich hinter vorgehaltener Faust spontan ein wenig weiter, sah sie schließlich direkt an und haspelte ein heiseres „‘tschuldigung“ hervor.


Ich kann mir die Situation sehr gut vorstellen. Trotzdem muss ich leider dabei bleiben, dass ich die Motivation und die Gedanken dieses Mannes viel zu heftig finde.

Sie hatte aus dem Fenster gesehen.
„Hmmm“, machte sie, den Kopf halb zu mir gedreht. Dann war sie mit ihren Gedanken wieder woanders
.

Hier passt für mich die Erzählabfolge bzw. die Zeiten nicht. Entweder schreibst du „Sie wandte ihren Blick vom Fenster ab zu mir, machte „hmm“ und war dann scheinbar mit ihren Gedanken schon wieder woanders.“, oder „Sie hatte dem Fenster gesehen. Jetzt drehte sie mit einem „Hmmm“ den Kopf halb zu mir.“. So würde es zumindest zeitlich richtig sein.

Eine unerklärliche Irritation blieb zurück wie der ranzige Geschmack eines schlechten Sonnenblumenkerns.
Was hatte sie im Zuge dieser missglückten Konversation vollbracht, um mich ohne Vorwarnung aus meinem persönlichen Koordinatensystem fallen zu lassen?
War da ein dezenter Hinweis in ihrem Blick gewesen, dass sie mich für offensichtlich unheilbar wahnsinnig hielt? Eine naheliegende Einschätzung, der ich mich momentan vorbehaltlos anzuschließen bereit war.
Oder hatte ihr „Hmmm“ gar den Beiklang einer Drohung gehabt?


Der zweite Satz ist mir zu kompliziert. Schreib doch einfach „Was war bloß geschehen, das mich so durcheinander gebracht hat?“. So oder so ähnlich kann es jeder leicht verstehen.
An sich finde ich es gut, dass du mit diesen Fragesätzen arbeitest.
Drohung?!

Während die Bahn langsamer wurde, ging mir ein Licht auf. Es war ein Flaum hauchfeiner schwarzer Härchen ganz außen auf ihrer Oberlippe gewesen. Ihr Makel.
Ich atmete befreit auf. Sie war schön, aber nicht makellos. Jetzt konnte ich sie als gewöhnlichen Menschen sehen. Diese Erkenntnis half mir beim Loslassen.


Das war plötzlich. Ok, er erkennt einen Makel, ist erleichtert, weil sie somit nicht mehr auf einem hohen Thron sitzt. Aber… ist es möglich, dass man hin und weg ist, sich kaum noch beherrschen kann und vor Emotionen überkocht und dann plötzlich verpufft das alles von einer Sekunde auf die andere? Mit einem Mal ist alles so, wie es vorher war?

Es spielte keine Rolle. Diese beiden waren glücklich, und ich war es auch. Sie standen noch ineinander verschlungen da und küssten sich, als der Zug wieder anfuhr.


Tut mir leid… ich kann das nicht nachempfinden. Kann doch nicht sein, dass er jetzt völlig locker ist und das einfach zu hinnimmt.

Ich hatte mich lange nicht mehr so darauf gefreut, meine Frau zu sehen.


Ein schönes Fazit, leider ist es für mich aus irgend einem Grund nicht stimmig zum Text. Das kommt zu schnell für mich ;-)

Mein Fazit lautet jetzt:
Du schreibst flüssig und nahezu fehlerfrei. Außer ein paar zeitlichen Sachen, diesen Substantivierungen und einigen für mich persönlich fremden Formulierungen kann ich deinem Stil gut folgen.
Allerdings hätte ich nach dem Anfang etwas anderes erwartet und war ein wenig enttäuscht. Das ist meine Meinung, jemand anders kann das wieder ganz anders sehen ;-) Ein Tipp vielleicht noch: hier und da ein Absatz erleichtert das Lesen (das hat mir hier auch mal jemand gesagt und es stimmt) ;-)
Ich hoffe meine Vorschläge machen deutlich, was ich meine und helfen dir vielleicht sogar ein wenig.

Viele Grüße
Silvia
Sterne sind die Vergissmeinnicht der Engel.
Henry Wadsworth Longfellow
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Re: Ich sehe dich

Beitragvon Fafharad » 19.09.2013, 20:17

Hallo Charlie und Silvia,

vielen Dank für eure Mühe und die konstruktiven Anregungen!
Ich hatte schon befürchtet, dass der überverklemmte Prota sich keine Freunde machen wird. So ein wandelndes viktorianisches Sittengemälde passt einfach nicht in unsere Zeit.
Und daran krankt letztlich die gesamte Story, die in ihrer Überspitztheit ja nur durch die merkwürdigen Selbstbeschränkungen funktioniert, mit denen der Ich-Erzähler sich belastet. Um sie glaubwürdiger und lesenswerter zu machen, müsste ich sie in einen anderen gesellschaftlichen Kontext setzen, dem Prota eine Psychose anhängen (was die Sache auch nicht besser machen würde :wink: ) oder seine Verklemmtheit so sehr ins Groteske ziehen, dass man drüber lachen kann (das würde ich dann aber wirklich nicht mehr unter Liebesgeschichten posten).
Besser, ich gehe das Thema noch mal neu an - mit einem anderen Protagonisten und echten Liebesgefühlen.
Aber eure Arbeit will ich nicht ungewürdigt lassen, deshalb werde ich den Text mit Hilfe eurer Vorschläge sprachlich entschärfen.
Die Fragen, die ihr gestellt habt, werde ich mir dabei selbst stellen und hoffentlich Antworten finden - im Moment habe ich leider keine.

Beste Grüße,
fafharad
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Re: Ich sehe dich

Beitragvon Schnuddel » 19.09.2013, 20:38

Hallo Fafharad, :beckon:

also, dann nehme ich mir ausnahmsweise mal eine Liebesgeschichte vor, obwohl das normalerweise nicht mein Genre ist. Und ich darf kräftig den Rotstift ansetzen, gelle? :lol: Keine Angst, wird nicht so schlimm wie Zähneziehen, nur ein bisschen.

Appetit darf man sich unterwegs holen – gegessen wird zuhause!“

Da steckt ein überflüssiges Füllwort drin, das kann schon mal weg.

Und ich kenne den Spruch ein klein wenig anders.
"Appetit holt man sich draußen - gegessen wird zu Hause!"

Ich nehme diesen Zug täglich, sehe Tag für Tag dieselben Gesichter, Pendler wie ich.

Da wiederholst du dich. Kannst du machen, aber setze einen Punkt dazwischen. Und im dadurch entstehenden zweiten Satz kannst du das 'Tag für Tag' wiederholen, um die Eintönigkeit zu betonen. Klingt dann so:
Ich nehme diesen Zug täglich. Tag für Tag pendeln, Tag für Tag dieselben Gesichter.
Aber, so gefällt er mir auch noch nicht so recht. Ersetze den ersten Satz vielleicht durch:
Ich nehme diesen Zug jeden Morgen.

Manchmal erübrige ich ein kurzes Nicken, wenn ein langjähriger Mitreisender mir gegenüber Platz nimmt.

Also, wenn er wirklich seit Jahren denselben Zug nimmt, und er hat immer noch keinerlei Kontakt, dann ist er tatsächlich ein ziemlich langweiliger, stocksteifer Zeitgenosse. Wenn du ihn so gesehen hast, hast du ihn gut getroffen. :D

Ein Blick voll warmer Dankbarkeit berührte mich im Innersten.

Wenn schon, dann 'ihr Blick'. Aber verstehen kann ich den Satz nicht so recht. Er verschenkt den Platz ja nicht. Erkämpft ihn nicht für sie, überlässt ihr nicht mal den eigenen. Stünde er für sie auf, dann wäre der Satz gerechtfertigt.

Ich hatte nur für eine halbe Sekunde den Kopf gehoben, doch das war genug Zeit, um alles zu verändern.

Kürzer: Eine halbe Sekunde Blickkontakt reichte, um alles zu verändern.

Ich fand den Absatz nicht wieder, den ich gerade las.

Zeit! Er hatte gelesen, bevor dieser Blickkontakt stattfand. Also PQP!
Ich fand den Absatz nicht wieder, den ich zuvor gelesen hatte.

Ich hielt meinen Blick starr auf die Zeitung gerichtet, las wahllos einen Artikel bis zum Ende und stellte fest, dass ich mich nicht erinnern konnte, worum es darin gegangen war.

Auch hier geht das kürzer, präziser:
Ich starrte auf die Zeitung, las wahllos Artikel und vergaß ihn sofort wieder.

Es lag an ihren Augen.

Was? Dass er sich nicht konzentrieren konnte? Dann passt aber der folgende Satz nicht dazu. Solltest du klarer machen oder trennen.

Ich wollte mir um jeden Preis die Peinlichkeit ersparen, den Eindruck eines Gaffers zu erwecken.

Kürzer! Beispiel: Wie peinlich, hielte sie mich für einen Gaffer.

Die Unmöglichkeit, jemandem in die Augen zu sehen, ohne von ihm bemerkt zu werden, war mir selbstverständlich bewusst.

Streichen. Kann weg. Glaub mir. 8)
Tatsächlich brauchte ich eine Rechtfertigung vor mir selbst. Beging ich eine pubertäre Torheit, wenn ich diesem unerklärlichen Drang nachgab, oder einen Akt der Lebensbejahung, der Würdigung der Schönheit an sich?

Vorschlag: War es fast schon pubertäre Torheit oder Freude am Leben - eine Würdigung der Schönheit an sich?

In vorgetäuschter Nachdenklichkeit blickte ich auf, als müsste ich über etwas sinnieren, das ich gerade gelesen hatte. Ich fixierte einen Punkt einen halben Meter neben ihrem Kopf, während mein Herz wie rasend schlug.
Das Ziel meiner Wünsche verbarg sich in der Unschärfe der peripheren Wahrnehmung. Behutsam justierte ich nach, bemüht, die Augäpfel so unauffällig nach rechts wandern zu lassen, wie ein Einbrecher sich an einem schlafenden Wachmann vorbeischleichen würde.

Auch wenn ich, um ehrlich zu sein, seine Probleme nicht nachvollziehen kann, schön formuliert hast du diese Stelle auf jeden Fall. :lol:

@ Charly
Ich würde in so einer Situation auf die Momente lauern, in denen sie aus dem Fenster guckt - oder sonstwie abgelenkt keinen Sichtkontakt mit mir hat. Dann würde ich sie schamlos anglotzen und mich daran weiden, und sie würde es nicht merken (ich Schwein) :mrgreen:
:wink:

Ich wollte nur ganz allgemein darauf hinweisen, dass erwiesenermaßen Frauen einen wesentlich weiteren peripheren Sehbereich haben als Männer. Er hat auf diese Weise überhaupt keine Chance, an sie heranzukommen. Sie wird ihn immer zuerst entdecken. Aber das nur am Rande. :lol:
Die meisten Männer, die glauben, die Frau bemerke sie nicht, werden nur ganz bewusst ignoriert.

Für einen Sekundenbruchteil kreuzten sich unsere Blicke. Ich hatte kein Alibi vorzuweisen. Der Schreck war Fieberschub und Eiswasser in einem, die schmerzhafte Erkenntnis großer Schuld und unverzeihlicher Dummheit.

Repetita non placent. Erkläre nicht so viel. Lass deine Sätze für sich stehen und dem Leser was zum Denken übrig. :XD:

Ich vergrub meinen Blick in der Zeitung, blätterte vor und zurück und räusperte mich.
Der Schreck klang ab. Die Scham tobte noch eine Weile wie ein Sonnenbrand über Stirn und Wangen.

Vorschlag: Ich vergrub mich in der Zeitung, bis der Schreck abklang.

Aber ich hatte auch einen kleinen Triumph vorzuweisen. Es war mir gelungen, weitere Einzelheiten ihres Gesichts zu erhaschen.

Nach 'vorzuweisen' würde ich einen Doppelpunkt setzen. Das zeigt dem Leser: Achtung, ich habe noch was zu sagen - und zieht ihn auf diese Weise durch den Text.

Mein erster Eindruck, dass sie sehr schön war, hatte sich bewahrheitet.

Auch wenn ich sie in meinen Antworten oft verwende: eingeschobene Nebensätze wirken beim Lesen fast immer störend. Und außerdem kann man auch hier eines der wenigen weiteren Satzzeichen verwenden, die die deutsche Sprache bereithält. Vorschlag:

Mein erster Eindruck hatte sich bewahrheitet: sie war sehr schön!
Wobei 'bewahrheitet' ein wenig sperrig klingt. Wie wäre es mit 'bestätigt'. Oder, noch einfacher:
Mein erster Eindruck war richtig: sie war sehr schön!

Ich würde mich mit dem zufriedengeben, was ich schon hatte. Eine teuer erworbene Erinnerung, von der ich zehren konnte. Wenn ich es konnte.


Vorschlag: Ich würde mich mit dem zufriedengeben, was ich schon hatte. Eine teure Erinnerung, von der ich zehrte, wann immer ich wollte.

Vorschläge, einen unbefangenen Smalltalk zu beginnen:
1. "Sind sie auch unterwegs nach ...?"
2. "Tolles Wetter heute, nicht wahr?"
3. "Schöne Ledertasche, die Sie da haben."


Antwort 1: Nein, ich fahre nach Timbuktu. Man, sitzen wir im gleichen Zug oder was?
Antwort 2: Wie ausgelutscht ist das denn? Darauf sagt man am besten gar nichts.
Antwort 3: Ja, und die behalte ich.

Nene, da müsste schon was Originelleres her. :nohappy:
Tschuldigung; aber das musste jetzt einfach sein. Wir wollen hier doch alle etwas lernen. :mrgreen:


OK, den Rest spare ich mir an dieser Stelle.
Insgesamt hast du da einen sehr schönen Text geschrieben, der in einer deutlich gekürzten Version aber noch viel schöner wäre. :lol:
Ich könnte dir noch eine Menge weiterer Vorschläge machen, aber es ist ja dein Text.
Trotzdem, mit einiger Überlegung fallen dir sicher die Stellen auf, die man zurechtstutzen könnte, um ihn lesbarer zu machen. Und auch, wenn ich die Innenansichten deines Protas sehr interessant finde, sind sie doch im Großen und Ganzen für meinen Geschmack zu lang geraten.
Und die Qualen des vermeintlichen Betruges an seiner Ehefrau könntest du ein wenig besser herausarbeiten. Denn er betrügt sie doch, oder nicht? Was nicht heißen soll, dass jeder, der sich mit einem attraktiven Gesprächspartner unterhält, gleich die Absicht hat, den eigenen Lebenspartner zu betrügen. So ist das nicht gemeint. Aber in diesem Fall kann ich mir die Qualen deines Protas nicht besser erklären.

Und noch etwas: Eine attraktive Frau, die um ihre Reize weiß, entfernt sich auch den Oberlippenbart - oder lässt ihn bleichen. :wink:
Mir begegnete mal eine äußerst, äußerst attraktive und sehr, sehr gepflegte Frau, die mich einfach umgehauen hat. Bis sie den Mund aufmachte und mich ansprach. Sie stank, wirklich stank! aus dem Mund wie ein 7 Tage alter, voller Aschenbecher, dass ich unwillkürlich einen Schritt nach hinten gemacht habe. Dass zerstört einen Gesamteindruck!

Liebe Grüße
Schnuddel
Was sich leicht liest, war harte Arbeit.
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Re: Ich sehe dich

Beitragvon CharlySemmel » 19.09.2013, 20:49

Hallo Schnuddel!

Vorschläge, einen unbefangenen Smalltalk zu beginnen:
1. "Sind sie auch unterwegs nach ...?"
2. "Tolles Wetter heute, nicht wahr?"
3. "Schöne Ledertasche, die Sie da haben."

Antwort 1: Nein, ich fahre nach Timbuktu. Man, sitzen wir im gleichen Zug oder was?
Antwort 2: Wie ausgelutscht ist das denn? Darauf sagt man am besten gar nichts.
Antwort 3: Ja, und die behalte ich.


So wird bestimmt nicht jede Frau darauf reagieren: dasheye:
Es kommt darauf an, in welchem Tonfall der Mann das sagt, wie entspannt und selbstverständlich seine Mimik und Gesamtkörperhaltung ist, was für ein Typ Frau ihm gegenüber sitzt. Da spielen viele Faktoren mit. Es gibt ja auch den Spruch: Es kommt nicht darauf an, was man sagt, sondern wie man es sagt. Ansonsten wollte ich mit meinem Kommentar nur mitteilen, dass er leicht einen Smalltalk mit ihr beginnen könnte und damit wäre das ganze Katz und Maus-Spiel ad absurdum geführt. An der Stelle taucht auch meine Hauptfrage wieder auf: Will er nur ein bisschen Unterhaltung, um die öde Bahnfahrt angenehmer zu gestalten, oder will er sie anbaggern? :wink:

@ Charly
Ich würde in so einer Situation auf die Momente lauern, in denen sie aus dem Fenster guckt - oder sonstwie abgelenkt keinen Sichtkontakt mit mir hat. Dann würde ich sie schamlos anglotzen und mich daran weiden, und sie würde es nicht merken (ich Schwein)
Ich wollte nur ganz allgemein darauf hinweisen, dass erwiesenermaßen Frauen einen wesentlich weiteren peripheren Sehbereich haben als Männer. Er hat auf diese Weise überhaupt keine Chance, an sie heranzukommen. Sie wird ihn immer zuerst entdecken. Aber das nur am Rande.
Die meisten Männer, die glauben, die Frau bemerke sie nicht, werden nur ganz bewusst ignoriert.


Ist doch in dem Fall egal: Auch wenn sie so tut, als bemerke sie sein Blicke nicht, kann er sie schamlos anstarren und sich daran weiden. Sie kann dann ja nicht plötzlich so tun, als sehe sie ihn doch. Außerdem war diese Anmerkung eher augenzwinkernd gemeint (Humor - du verstehst?) :mrgreen:

Gruß, CS
Zuletzt geändert von CharlySemmel am 19.09.2013, 21:40, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Ich sehe dich

Beitragvon Schnuddel » 19.09.2013, 21:03

Hallo Charly,

da gebe ich dir vollkommen recht. Aber wir sprachen in diesem Zusammenhang von einer wohl sehr attraktiven Frau. Und da muss Mann sich schon was einfallen lassen, um Aufmerksamkeit zu erregen, denn eine solche Frau ist es gewohnt (und genervt davon) immer und überall angestarrt zu werden. :wink:

Ich wollte dir die Situation auch nur aus weiblicher Sicht schildern. :wink:
Dann ist es nicht mehr ganz so komisch.

Liebe Grüße
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Re: Ich sehe dich

Beitragvon Fafharad » 19.09.2013, 22:00

@Schnuddel:
Auch dir :flowers: für die vielen brauchbaren Vorschläge! Jetzt stehe ich vor der schwierigen Aufgabe, mit einem "Best of 3" meine Story aufzuhübschen. Besser, ich les' mir alle Kommentare erneut durch und arbeite intuitiv.
Und die Qualen des vermeintlichen Betruges an seiner Ehefrau könntest du ein wenig besser herausarbeiten. Denn er betrügt sie doch, oder nicht?

Gut, dass ich nicht mit dir verheiratet bin :lol: !
Nein, das, was mein Prota macht, gehört zum alltäglichen Repertoire von uns Männern (auch wenn sie sich das nie eingestehen würden :wink: ), nur dass die meisten dabei nicht so stoffelig vorgehen.

@Charly:
OK, weil die Frage leicht zu beantworten ist, schiebe ich hier doch noch eine Erklärung nach.
An der Stelle taucht auch meine Hauptfrage wieder auf: Will er nur ein bisschen Unterhaltung, um die öde Bahnfahrt angenehmer zu gestalten, oder will er sie anbaggern? :wink:

Unterhaltung: Nein, er ist zu schüchtern, um Fremde anzusprechen - erst recht, wenn es sich um attraktive Frauen handelt.
Anbaggern: Nein, er liebt seine Frau und würde sie definitiv nie betrügen. Er ist in erster Linie von der Schönheit seiner Mitreisenden fasziniert und will sie im Grunde einfach nur betrachten - was sich aber aufgrund seiner Verklemmtheit und seinem Verständnis gesellschaftlicher Spielregeln verbietet.

Und schon verstehe ich meinen Prota etwas besser. Mal sehen, was ich davon in Version 2 unterbringen kann.

Grüße,
fafharad
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Re: Ich sehe dich

Beitragvon Coprophage » 26.09.2013, 08:54

Hallo Fafharad!

Fafharad hat geschrieben:Verstehen Sie mich nicht falsch.
Zu Beginn Deines Textes wird man entweder direkt angesprochen (http://de.wikipedia.org/wiki/Verfremdungseffekt) oder Dein Protagonist erzählt die ganze Geschichte jemanden, der nicht erwähnt wird. Das wird im weiteren Verlauf nicht nochmal aufgegriffen - man erfährt es also nicht. Dein Protagonist macht auf mich aber den Eindruck als würde er diese Geschichte niemanden erzählen. Deine Geschichte würde vielleicht besser ohne den ersten Satz funktionieren.
Fafharad hat geschrieben:Ich bin kein Voyeur.
Die Bezeichnung "Voyeur" finde ich zu respektvoll für etwas von dem er sich so klar distanzieren möchte. 'Nur Voyeure nennen sich gegenseitig Voyeure', wäre ein Gedanke, den ich mir gut bei Deinem Protagonisten vorstellen könnte. "Ich bin kein Spanner!" passt besser zu seiner Art und würde gleich zu Beginn des Textes verdeutlichen, dass sich Deine Figur in einem Konflikt befindet.
Fafharad hat geschrieben:Die Haare, schwarz wie Kaffee und glänzend wie Klavierlack
Stört etwas den Lesefluss. "Die Haare, glänzend schwarz wie Klavierlack" ist aber ein schöner Vergleich und passt zum Protagonisten.
Fafharad hat geschrieben:Sittenstrolch oder Stalker
Der englische Begriff "Stalker" passt nicht zu dem schön spießig alten "Sittenstrolch".
Fafharad hat geschrieben:Schon der erste Versuch war eines erwachsenen Mannes unwürdig gewesen.
Fafharad hat geschrieben:Zuhause wartete meine Frau auf mich. Wir sind seit neunzehn Jahren verheiratet.
Dein Protagonist ist ein junger ungebundener Mann, der als alter Mann beschrieben wird und kein alter Mann, der sich ungemäß seines Alters verhält. Warum ist er Scheu? Er hat eine Frau. Die beiden werden sich irgendwie kennengelernt haben. Dein Protagonist hat das alles bereits durchlebt und weiß, dass das nur Äußerlichkeiten sind, die ihn dort ansprechen. Eigentlich habe ich einen Konflikt zwischen dem Protagonisten und seiner Frau erwartet, der sein Verhalten rechtfertigt. Aber es geht nicht um seine Frau, er erinnert sich auch nicht kurz daran, wie sie einst auch so schön wie dieses Mädchen war (eben nur auf ihre Art). Ansonsten erinnert mich sein Verhalten mehr an einen schüchternen Single, vielleicht eine dreißig jährige männliche Jungfrau aber kein seit neunzehn Jahren verheirateter Spießer. Er beschreibt sein Verhalten zwar selbst als für sein Alter unangebracht, aber er reflektiert es nicht und kommt auch nicht zu dem Schluss, dass es nur ihr Äußeres ist.
Fafharad hat geschrieben:Ich hatte mich lange nicht mehr so darauf gefreut, meine Frau zu sehen.
Ohne Konflikt und ohne weitere Bezüge zu seiner Frau wirkt das Ende auf mich als würde er nun mit einem schlechten Gewissen zu seiner dummen ("dumm" im Sinne der Unwissenheit, in der er sie hält) Frau zurückkehren um sich einzuschmeicheln und sich selbst ein reines Gewissen zu bereiten.

Ich möchte auch seine Faszination für die Schönheit des Mädchens in Frage stellen. Es finden keine sexuellen Phantasien statt. Er schaut nicht einmal ihre Hüften oder ihren Oberkörper an. Wenn er sie aber nur als schön in nicht-sexueller Hinsicht betrachtet (wie ein ästhetisches Objekt), dann befindet er sich auch nicht in dem Gewissenskonflikt, ob er fremdgegangen ist.

Meiner Meinung nach müsste er sich und seine Frau in dem jungen Paar wiedererkennen und dabei die Unwichtigkeit des Konfliktes zwischen ihm und seiner Frau begreifen, sehen worauf es wirklich ankommt. Das junge Paar sollte die Liebe der Alten neuentflammen - das wäre groß!
Fafharad hat geschrieben:Ich sehe dich
Der Titel passt nicht zu Deiner Geschichte, da es kein "dich" gibt. Er spricht das Mädchen nie an (auch nicht im Geiste). Es dreht sich nur um ihm. Es ist auch keine wiederkehrende Handlung und auch keine häufige. "Als ich sie sah" wäre angebrachter oder "Augenblick". Oder "Lakshmi" ;-)

Vielleicht ist das nicht ganz deutlich geworden, aber ich finde, Deine Geschichte nicht schlecht und mir gefällt die Idee sehr! Ich kritisiere Deine Geschichte nicht, weil sie schlecht ist, sondern weil sie der Idee nicht gerecht wird.

Viele Grüße,
Coprophage
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Re: Ich sehe dich

Beitragvon Fafharad » 26.09.2013, 21:58

Hallo Coprophage!

Das war eine sehr treffende Zusammenfassung der Schwachpunkte meiner Geschichte. Vielen Dank für die klaren Worte! :)
Mich würde deine Meinung zur überarbeiteten Version interessieren.

Mit besten Grüßen,
fafharad
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Re: Ich sehe dich

Beitragvon LiaPetterson » 31.01.2014, 12:20

Hallo Fafharad,

zuerst möchte ich meinen Gesamteindruck beschreiben. :

Ich finde die Geschichte, scheinbar bin ich die Einzige, sehr schön. Wer jahrelang als Pendler unterwegs war kann sich genau in diese "kurz nicken" Situationen sehr wohl wiederfinden.

Auch diese Sprachlosigkeit beim erblicken einer wunderschönen Person würde ich voll unterschreiben. Wem ist nicht schon mal das Sprachzentrum abgeschmiert beim Anblick eines ungewöhnlich schönen Menschen.

Der Anfang ist mir etwas zu platt und klischeehaft. Ich glaube kein Mensch kann den Spruch mit dem Appetit und zu Hause essen noch ertragen.
Fafharad hat geschrieben:Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin kein Voyeur. Und ich halte nichts von Sprüchen wie: „Appetit darf man sich unterwegs holen – gegessen wird zuhause!“
Zuhause wartete meine Frau auf mich. Wir sind seit neunzehn Jahren verheiratet.



Diese Situation meinte ich. Genau so ist das Pendlerleben.
Fafharad hat geschrieben:Ich nehme diesen Zug täglich, sehe Tag für Tag dieselben Gesichter, Pendler wie ich. Manchmal erübrige ich ein kurzes Nicken, wenn ein langjähriger Mitreisender mir gegenüber Platz nimmt. Mehr nicht.


Auch hier weiche ich von den anderen Meinungen ab. Wie soll man sich dieses Prachtexemplar von Frau vorstellen, wenn sie nicht genauso beschrieben wird.
Fafharad hat geschrieben:Sie war dunkelhäutig. Die Haare, schwarz wie Kaffee und glänzend wie Klavierlack, umrahmten ihre braunen Augen.


Und dieser Satz ist ausschlaggebend dafür, dass ich die Geschichte auf jeden Fall bis zum Ende weiter lese. Der Kerl mag schüchtern sein, hat aber was.
Fafharad hat geschrieben:Die komplette topographische Karte ihres Gesichts.


Was jetzt folgt ist ist das streicheln der Seele mit Buchstaben. Hier vervollständigt sich das Bild dieses Kerls zu einem Mann. Wer sich solche Gedanken macht der muss etwas Besonderes sein. Jeder normale Small Talk hätte die Geschichte hier zerstört.
Fafharad hat geschrieben:Und doch plante ich bereits, wie ich sie erneut ansehen konnte, ohne aufdringlich zu wirken.
Ich wollte mir um jeden Preis die Peinlichkeit ersparen, den Eindruck eines Gaffers zu erwecken. Es müsste ein zufälliger Blick sein, unvermeidbar und entschuldbar. Die Unmöglichkeit, jemandem in die Augen zu sehen, ohne von ihm bemerkt zu werden, war mir selbstverständlich bewusst.
Tatsächlich brauchte ich eine Rechtfertigung vor mir selbst. Beging ich eine pubertäre Torheit, wenn ich diesem unerklärlichen Drang nachgab, oder einen Akt der Lebensbejahung, der Würdigung der Schönheit an sich?
Eine Zeitlang hielten sich Für und Wider die Waage, dann neigte sich ganz langsam die Waagschale Richtung Unvernunft.
In vorgetäuschter Nachdenklichkeit blickte ich auf, als müsste ich über etwas sinnieren, das ich gerade gelesen hatte. Ich fixierte einen Punkt einen halben Meter neben ihrem Kopf, während mein Herz wie rasend schlug.
Das Ziel meiner Wünsche verbarg sich in der Unschärfe der peripheren Wahrnehmung. Behutsam justierte ich nach, bemüht, die Augäpfel so unauffällig nach rechts wandern zu lassen, wie ein Einbrecher sich an einem schlafenden Wachmann vorbeischleichen würde.
Und wurde erwischt!
Für einen Sekundenbruchteil kreuzten sich unsere Blicke. Ich hatte kein Alibi vorzuweisen. Der Schreck war Fieberschub und Eiswasser in einem, die schmerzhafte Erkenntnis großer Schuld und unverzeihlicher Dummheit. Ich vergrub meinen Blick in der Zeitung, blätterte vor und zurück und räusperte mich.
Der Schreck klang ab. Die Scham tobte noch eine Weile wie ein Sonnenbrand über Stirn und Wangen.
Aber ich hatte auch einen kleinen Triumph vorzuweisen. Es war mir gelungen, weitere Einzelheiten ihres Gesichts zu erhaschen. Es gab nur noch wenige weiße Flecken auf der Karte.



Hier steckt soviel Wortwitz drin und macht mir den Prota noch sympatischer. Ausserdem hat er einen Ausweg gefunden. Ziemlich mutig mit einem Husten auf sich aufmerksam zu machen.
Fafharad hat geschrieben:Ein irres Kichern platzte aus mir heraus, und ich konnte nichts weiter tun, als es in ein verräterisch substanzloses Husten umzuwandeln.
Da der Schaden bereits angerichtet war, hüstelte ich hinter vorgehaltener Faust spontan ein wenig weiter, sah sie schließlich direkt an und haspelte ein heiseres „‘tschuldigung“ hervor.
Sie hatte aus dem Fenster gesehen.
„Hmmm“, machte sie, den Kopf halb zu mir gedreht. Dann war sie mit ihren Gedanken wieder woanders.
Eine unerklärliche Irritation blieb zurück wie der ranzige Geschmack eines schlechten Sonnenblumenkerns.
Was hatte sie im Zuge dieser missglückten Konversation vollbracht, um mich ohne Vorwarnung aus meinem persönlichen Koordinatensystem fallen zu lassen?



OK. Hier bin ich etwas erzürnt. Hätte ich mir doch ein Happy End von ihm und ihr gewünscht. Statt dessen freut er sich nun auf seine Frau. Warum?
Fafharad hat geschrieben:Es spielte keine Rolle. Diese beiden waren glücklich, und ich war es auch. Sie standen noch ineinander verschlungen da und küssten sich, als der Zug wieder anfuhr.
Ich hatte mich lange nicht mehr so darauf gefreut, meine Frau zu sehen.


Leider muss ich immer wieder feststellen, dass meine Meinung zu Texten extrem von den Meinungen der Mehrheit abweichen. Ich hoffe ich durfte das jetzt trotzdem so von mir geben, wie ich es empfunden habe.

LG Lia
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Re: Ich sehe dich

Beitragvon Fafharad » 20.02.2014, 22:23

Hallo Lia!

Sorry, dass ich so spät auf deinen Kommentar eingehe - ich war eine Weile nicht mehr in der Schreibwerkstatt.
Danke für deine ehrliche und ermutigende Meinung! :)

Dass die Geschichte so und nicht anders geworden ist, hat zwei Gründe. Zunächst einen formalen: Ich wollte ausprobieren, was in 1000 Wörten möglich ist. Ohne diese Einschränkung hätte vielleicht etwas mehr Interaktion und Emotion zwischen den Protas stattgefunden.
Dann gibt es einen persönlichen Grund, nämlich die möglichst genaue Wiedergabe einer Situation, die ich gut kenne (Gimme five!). Ich nehme das Verheiratetsein ziemlich ernst. :lol: Nein, das trifft es nicht ganz; ich bin hoffnungslos und mit Haut und Haar meiner Frau verfallen und käme im Traum nicht darauf, in fremden Revieren zu wildern. Andererseits fasziniert mich weibliche Schönheit (echte, nicht angeklatschte); das ist eine Schwäche, die ich mit meinem Prota teile. Die Situation in der Story habe ich zwar überspitzt dargestellt, aber so ähnlich durchaus selbst erlebt. Und genau deshalb freut sich der Prota am Ende auch auf seine Frau - er hatte ja nie vor, die Schöne im Zug anzubaggern. Aber vielleicht hätte er es in einer 2000-Wort-Geschichte getan. :wink:

Und keine Angst vor abweichenden Meinungen! Du findest in der SW selten ausführliche Kommentare, in denen ein Text gelobt wird. Es ist einfach schwierig zu erklären, warum einem etwas gefallen hat, und dabei genug Worte zu finden, damit der Admin deinen Beitrag nicht löscht. Bei Texten, an denen man etwas auszusetzen hat, ist das trotz aller gebotener Fairness ungleich einfacher. Von daher hast du hier einen guten Job gemacht. :flowers:

Liebe Grüße,
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Re: Ich sehe dich

Beitragvon FrozenBambi » 02.04.2014, 16:29

Servus,

ich find deine Geschichte toll, muss auch mal meinen Senf dazu geben.

Sie war dunkelhäutig. Die Haare, schwarz wie Kaffee und glänzend wie Klavierlack, umrahmten ihre braunen Augen. Ein Blick voll warmer Dankbarkeit berührte mich im Innersten.


Diese Beschreibung ist klasse – muss ich mal loswerden!

Ihr Knie berührte meines, als sie sich setzte. Wir veränderten beide unsere Sitzhaltung, räumten uns höflich Platz ein. Ich hielt meinen Blick starr auf die Zeitung gerichtet, las wahllos einen Artikel bis zum Ende und stellte fest, dass ich mich nicht erinnern konnte, worum es darin gegangen war.


Auch ne tolle Beschreibung einer Nebensächlichkeit, die man in der Realität so selbstverständlich tut, dass man es idR in einer Geschichte gar nicht schreibt.


Ab diesem Punkt halte ich es nicht mehr für notwendig einzelne Punkte hervorzuheben und gebe dir ein Gesamtfeedback. Stil- oder sonstige Fehler konnte ich nicht finden.
Also deine Schreibe ist technisch verdammt gut. Du bringst den Charakter so gut rüber, erzeugst eine derartige ‚Echtheit‘, dass man wirklich gebannt weiterlesen muss, regelrecht Teil der Geschichte wird.
Der Inhalt der Geschichte, so ‚banal‘ er ist, arbeitet dieser Wirkung wunderbar zu. So etwas ist sicher vielen Menschen schon x-mal passiert, man kann sich also sehr gut in deinen Prota hineinversetzen.
Der einzige ‚Kritikpunkt‘ wäre wohl inhaltlicher Art. Bis zum letzten Satz fieberte ich mit, was wohl passieren würde, was der große Knall in der Geschichte ist. Aber die ganze Spannung, das aufwendig aufgebaute ‚Knistern‘ wird mit einem ‚laschen‘ Ende aufgelöst. Du lässt den Leser ein bisschen im Regen stehen.
Versteh mich nicht falsch – ich finde es nicht schlecht, aber ich hätte mir mehr erwartet. Die ganze Geschichte beschreibt gewissermaßen Alltag, ich hätte irgendwann den Ausbruch daraus erhofft.
Trotzdem gefiel sie mir sehr gut, du hast es geschafft mich für die Zeit des Lesens zu fesseln. ;)
Lg

Bambi

Kleiner Nachtrag:
Ich habe jetzt vor dem Absenden mal die anderen Kommentare überflogen. So nach dem Motto: ‚Bin ich der einzige, der hier nichts zu mäkeln fand?‘
Viele der Kritiken sind mMn sehr stark leserabhängig und gehen von der Ausgangshaltung sehr begrenzter Verklemmtheit aus. Natürlich kann er sie anglotzen, die Zeitung senken, nicht alles so übelst, geradezu übertrieben, zerdenken.
ABER gerade dass er so ist – und solche Menschen gibt es – macht ihn mir sympathisch. Ich finde ihn unheimlich menschlich, einfach echt. Du ziehst das eiskalt durch, lässt nicht die einfache Möglichkeit zu. Er ist ein Zerdenker und er wird es bleiben. Er zeigt uns wie verrückt wir Menschen manchmal sind, wie scheu wir – womöglich grundlos – sein können.
Ich wohne in Wien. Ich fahre auch tagtäglich mit x mir unbekannten Menschen in der U-Bahn. Und kein Schwein redet den anderen an. Ich auch nicht. Man passt sich an. Vllt ist das der tiefe Sinn deiner Geschichte: Uns Till Eulenspiegel mäßig zu zeigen, wie doof wir uns eigentlich verhalten. Statt uns auf der öden Fahrt mit einem unverfänglichen Gespräch abzulenken, starren wir lieber alle aus dem Fenster, lesen Zeitung, oder hören Musik.
Versucht man aus dieser Gewohnheit auszubrechen, würde man wohl höchstens blöd angeschaut werden. Weil es keiner erwartet. Und aus eben dieser Annahme, wagt es wohl auch kaum einer es doch mal zu tun. Verdammter Teufelskreis aber auch.
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Re: Ich sehe dich

Beitragvon Fafharad » 13.04.2014, 16:46

Servus, FrozenBambi!

Die Story hat ein sehr geteiltes Echo ausgelöst. Dass sie dir gefällt, freut mich natürlich! :)
Gedacht war sie mal als Fingerübung, eine Vorbereitung auf die erste Begegnung zwischen dem Prota eines anderen Projekts und seiner "Zukünftigen".

Bis zum letzten Satz fieberte ich mit, was wohl passieren würde, was der große Knall in der Geschichte ist. Aber die ganze Spannung, das aufwendig aufgebaute ‚Knistern‘ wird mit einem ‚laschen‘ Ende aufgelöst. Du lässt den Leser ein bisschen im Regen stehen.

Ja, einen großen Knall gibt es nicht. Den konnte ich mir in dieser Situation auch nicht vorstellen. Letztlich habe ich den Realismus einfach durchgezogen und die Begegnung enden lassen, wie sie im wirklichen Leben meistens endet: unspektakulär. Dass das etwas enttäuschend ist, kann ich gut verstehen.
Den Ausbruch aus dem Alttag würde ich aber gerne mal ausprobieren. Das wird dann eine andere Geschichte ... :wink:

Vllt ist das der tiefe Sinn deiner Geschichte: Uns Till Eulenspiegel mäßig zu zeigen, wie doof wir uns eigentlich verhalten. Statt uns auf der öden Fahrt mit einem unverfänglichen Gespräch abzulenken, starren wir lieber alle aus dem Fenster, lesen Zeitung, oder hören Musik.
Versucht man aus dieser Gewohnheit auszubrechen, würde man wohl höchstens blöd angeschaut werden. Weil es keiner erwartet. Und aus eben dieser Annahme, wagt es wohl auch kaum einer es doch mal zu tun.

Dieses "Nicht-Wagen-Können" ist tatsächlich das eigentliche Thema der Geschichte. Deshalb ist sie bei den Liebesgeschichten im Grunde fehl am Platz.
Eine Botschaft wollte ich zwar nicht transportieren, aber dieser Punkt sticht schon prominent hervor. Wir sind so darauf getrimmt, in der Masse nicht aufzufallen, dass vor diesem Hintergrund mein Prota gar nicht so verklemmt erscheint. Er gibt sich einfach nur Mühe, sich masenkonform zu verhalten, obwohl alles in ihm danach schreit, seine Mitreisende in aller Ruhe zu betrachten. Dass er seine Frau liebt, ist für sein Verhalten zweitrangig.

Danke für das Lob - und den Keim einer neuen Idee! :)
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Re: Ich sehe dich

Beitragvon TanjaMerz » 14.11.2014, 19:39

Hallo,

bin hier neu, deshalb bitte ich um Rücksicht. :oops:
Falls ich mich missverständlich ausdrücke, bitte nachfragen! Es ist mit Sicherheit nicht bös gemeint!

So, nun zu den Punkten, die ich mir nicht verkneifen kann anzusprechen, seit ich deine Geschichte gelesen habe:

Ich finde es insgesamt sehr gelungen, dass während der gesamten Fahrt zwischen deinem Prota und der schönen Frau KEIN Gespräch zustande kommt, schließlich ist das immer der typische Ablauf der Dinge, wenn man in den Zug steigt: man setzt sich, sieht sich um, mustert, analysiert und versinkt in seinen eigenen Tagträumen.
Dass man jemanden nicht einfach so spontan anspricht, den man nicht kennt, das ist doch die Regel. Vor allem, wenn man ein schüchterner Mensch ist. Dem Kopfkino sind ja keine Grenzen gesetzt. Und genau das ist auch das Reizvolle an deiner Geschichte: Die Frau hat keine Ahnung davon, was ihr Gegenüber denkt, was alles in ihm vorgeht. Und das ist ja auch in der Realität so.
Um diese pseudo-anonyme Situation des Zugfahrens möglichst authentisch darzustellen, finde ich, passt es deshalb sehr gut, dass dein Prota keinen Smalltalk anfängt.
Das punktet nochmal das Besondere an der Geschichte heraus.

Und zu der Frage, was der Prota eigentlich will... Nun für mich kommt es so rüber, als würde er die Gunst der Stunde bzw. die Gelegenheit der Zugfahrt nutzen, um über alles möglich zu reflektieren: über sich selbst/ seine Ehe/ die Frage, ob er seine Frau betrügen würde. Auch, wenn dass alles da so nicht steht. Aber für mich steht das zwischen den Zeilen.
Dein Prota sagt ja, dass er glücklich verheiratet ist. Trotzdem guckt er andere Frauen an. Das ist etwas harmloses und gehört einfach zu einem psychologischen Mechanismus. Ich hatte nicht das Gefühl, dass er jemals daran gedacht hat, etwas Ernsthaftes mit seiner Mitfahrerin in Erwägung zu ziehen.
Wäre die Frau aber absolut makellos gewesen, eine Schönheit, wie sie nur in seinen kühnsten Träumen vorkommen würde, ich glaube, das hätte deinen Prota dann doch ganz schön aus der Bahn geworfen.
Deshalb war er auch erleichtert, einen Makel gefunden zu haben.

Ich finde die Geschichte sehr gelungen. Ich konnte mich sehr gut in diese Situation hineinversetzen.

Ich hoffe, diese etwas allgemeine Kritik hilft irgendwie weiter?!

Liebe Grüße
TanjaMerz
 
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