[UrFan]Imperator - Die Rückführung

Die ganze Bandbreite phantastischer Literatur: High Fantasy, Low Fantasy, Urban Fantasy, Dark Fantasy

[UrFan]Imperator - Die Rückführung

Beitragvon Chan » 29.09.2012, 17:47

Lenny ist beim Reinkarnations-Therapeuten Dr. Dawson angekommen.

Anmerkung:

Ich hielt das (drehbuchtechnisch gesagt) "auslösende Ereignis" meiner Story, nämlich die faktische Zeitreise des Prota mitten in einer Rückführungssitzung (also nicht nur die plastische Erinnerung an ein früheres Leben), für eine Originalidee von mir, fand aber gestern zufällig heraus, dass David Safier in seinem komödiantischen Roman "Plötzlich Shakespeare" einen ähnlichen Gag verwendet - allerdings mit dem Unterschied, dass in Shakespaere 2 verschiedene Ichs existieren, während Lenny und sein früheres Ich (= Giton) miteinander verschmelzen, also ein einheitliches Ich bilden.

****

"Beim letzten Mal", sagte Dawson, nachdem er in einem Sessel neben der Couch Platz nahm, "erlebten Sie zwei frühere Inkarnationen: eine männliche und eine weibliche."
Lenny verzog wieder den Mund.
"Nun ja..." Er räusperte sich. "Können wir jetzt beginnen?"
"Statistisch gesehen", fuhr Dawson ungerührt fort, "ereignen sich Inkarnationen zu gleichen Teilen in männlichen und weiblichen Körpern. Es ist also gar nichts Merkwürdiges daran, sich im anderen Geschlecht verkörpert zu erleben."
Lenny seufzte und sagte:
"Quid faciamus homines miserrimi et novi generis labyrintho inclusi..."
Er wusste, dass Dawson lateinkundig war und in römischer Literatur sehr gut bewandert. So überraschte es ihn nicht, dass der Therapeut antwortete:
"Was sollten wir anfangen, wir Unglückseligsten? Wir waren in eine neue Art von Labyrinth eingeschlossen. Das ist aus dem ´Satyricon´ von Petronius. Allerdings in einem anderen Zusammenhang."
"Und doch scheint es zu passen."
"Unser Unwissen", sagte Dawson, "ist das Labyrinth. Wissen vermag uns daraus zu befreien."
Lenny seufzte wieder.
"Ich weiß, ich weiß. Theoretisch ist mir das alles klar. Leider bin ich kein Mann der Praxis."
"Vielleicht wird sich das durch unsere heutige Sitzung ändern, Mr. Bonham."
Dawson dämpfte mit einer Fernbedienung die Zimmerbeleuchtung.
"Beginnen wir also. Schließen Sie die Augen."
Leise Musik - eigentlich nur ein anhaltender Orgelton, der kaum variiert wurde - erklang, wiederum per Fernbedienung. Das gehörte zu Dawsons Methode, einen suggestiven Zustand herbeizuführen.
"Sie stehen wieder auf einer Wiese unter einem blauen Himmel." Der Therapeut sprach mit eindringlicher Monotonie. "Etwas entfernt sehen Sie das gleiche verfallene Ziegelhäuschen wie bei Ihrer ersten Reise. Die Tür steht offen. Gehen Sie hin."
Eigentlich war Lennys Fähigkeit zur Imagination ziemlich limitiert, auch konnte er sich Gesichter und visuelle Details nach dem erstmaligen Sehen kaum merken. Unter Dawsons Einfluss aber trat das Imaginierte mit erstaunlicher Präzision vor sein geistiges Auge. Allerdings sah er die Szenerie nicht aus der Perspektive eines agierenden Ichs, sondern aus der Distanz eines Zuschauers: Sein imaginierter Körper - so gekleidet, wie er auf der Couch lag - bewegte sich drei Meter vom Beobachtungspunkt aus mit zögernden Schritten auf das Häuschen zu. Lennys Blick folgte ihm wie eine fahrende Kamera.
"Steigen Sie langsam die Treppe hinab."
Während Lenny seinen Körper auf dem Weg nach unten folgte, spürte er die Muskelanspannungen seines realen Körpers, was, wie ihm Dawson bei der ersten Sitzung versichert hatte, bei Rückführungsvisionen nicht ungewöhnlich war. Es roch, wie es in einem alten Gewölbe eben roch, kalt und muffig, und mit jedem Schritt wurde das Licht dämmeriger. Als Lennys Gestalt die zwanzigste Stufe erreichte und nur noch ein Schatten war, sagte Dawson:
"Bleiben Sie stehen. Wie alt sind Sie?"
Sofort schälten sich farbige Formen aus der Finsternis heraus. Lenny stand am Ufer eines kleinen Sees inmitten von Wiesen und Hainen. Er war ein vierjähriger Jungen, der die Hand seiner Mutter hielt.
"Vier", murmelte Lenny auf der Couch. "Ich bin mit meiner Mutter in einem Erholungspark, glaube ich."
Plötzlich fuhr sein Blick wie von einem Magneten gezogen in den Kopf des Jungen hinein. Jetzt sah Lenny unmittelbar durch dessen Augen und wurde von intensiven Gerüchen überschwemmt, wie sie nur ein Kind erlebt.
„Es riecht so stark nach Gras und Blumen und Wasser und dem Parfüm meiner Mutter. Ich kann die Luft förmlich trinken. Einfach traumhaft."
"Schön", sagte Dawson. "Diese Harmonie nehmen wir als Ausgangspunkt für den nächsten, den entscheidenden Schritt."
Lenny spürte, wie sich seine Finger in die Polster der Couch krallten.
"Gehen Sie nun die Treppe ganz hinunter."
Er tat, wie ihm geheißen. Mit beiden Füßen auf der letzten Stufe angekommen, glaubte er am Rande eines Abgrundes zu stehen. Dann quollen ringsherum grauschwarze Nebelschwaden auf, durch die ein bläuliches Flackern drang.
"Was sehen Sie?"
"Ein blaues Licht hinter einer Nebelwand", murmelte Lenny auf der Couch.
"Was fühlen Sie?"
"Angst..."
"Wovor?"
Lennys Muskeln spannten sich noch stärker an.
"Davor, nicht mein eigener Herr zu sein... jemand anderem zu gehören..."
"Sehen Sie die Tür vor Ihnen?", fragte Dawson.
Keine zwei Meter vor Lenny schwebte plötzlich eine Tür wie aus weißem Holz.
"Ja... aber zwischen mir und ihr ist kein Boden."
"Sie werden nicht stürzen. Gehen Sie hin und öffnen Sie die Tür. "
Im Vertrauen auf Dawsons Worte wagte Lenny tastend einen Schritt ins Leere. Ein unsichtbarer Grund schien ihn zu tragen. Mit einem zweiten Schritt war er an der silberglänzenden Klinke und ergriff sie.
"Gehen Sie hindurch. Es ist wichtig, das jetzt zu tun."
Lenny gab sich, immer noch von Angst gequält, einen Ruck und drückte gegen die Tür. Dahinter strahlte ein grelles weißes Licht, das schmerzhaft in seine Augen stach.
Er schrie unterdrückt auf.
"Ich kann nicht...", stöhnte er. "Es ist so hell..."
"Doch, Sie können. Gehen Sie weiter, es ist sehr wichtig."
Lenny überlegte für eine Sekunde, ob er die Sitzung abbrechen solle - das war laut Dawson zu jedem Zeitpunkt möglich - , dann fasste er sich ein Herz und setzte seinen rechten Fuß vor.
Schlagartig veränderte sich die Szenerie.
Ein rechteckiger Saal erschien, dessen Wände mit bunten Malereien bedeckt waren.
Mit antiken Fresken.
Genauer: mit römischen Fresken.
Von oben fiel durch eine vier Meter im Quadrat messende Öffnung Licht herein. Darunter war ein Wasserbecken in den mosaikverzierten Boden eingelassen, auf dessen glitzernden Wellen Blütenblätter trieben. Um das Becken herum standen ein halbes Dutzend meterhohe Figuren, vielleicht aus Ton, welche Nymphen und Satyrn darstellten.
Dann sah Lenny die beiden menschlichen Gestalten auf einer Sitzbank zu einer Seite des Beckens - einen schwarzgelockten Mann, der sich nach vorn beugte und wie unter einem Schmerz sein Gesicht in beide Hände vergrub, und einen Halbwüchsigen, der das mit erschreckter Miene beobachtete. Den Mann schätzte Lenny auf Mitte Zwanzig. Er trug ein gegürtetes weißes Hemd und schlichte Sandalen.
"Was ist los?", fragte der ähnlich gekleidete Junge in lateinischer Sprache.
"Ich weiß nicht... ich habe solche Kopfschmerzen", presste der Mann, auch auf Lateinisch, hervor und drohte auf den Boden zu kippen. Schnell packte ihn der Junge an den Schultern.
"Soll ich meine Mutter rufen?"
Als Antwort kam ein gequältes Seufzen.
Dann spürte auch Lenny den Schmerz, scharf wie ein glühendes Messer.
Es wurde schwarz um ihn.

****
(Fortsetzung im nächsten Post)
Chan
 
Beiträge: 79
Registriert: 23.02.2012, 15:44
Wohnort: München

Re: Imperator - Die Rückführung

Beitragvon YingNi » 06.08.2015, 15:57

Hey,

alles in allem macht es Lust auf mehr, auch wenn mir die Formulierungen nicht immer gefallen. Ein wenig viele Dialoge für den Anfang, aber das ist Geschmackssache. Ich hätte gerne ein wenig mehr von der Umgebung erfahren, in der Lenny sich bei der Rückführung befunden hat. Bitte versteh meine Kommentare nicht falsch. Ich schreibe dir nur, wie ich es schöner finde. Aber das ist, wie gesagt, nur meine Meinung. Hier meine Kommentare:

Er wusste, dass Dawson lateinkundig war und in römischer Literatur sehr gut bewandert.

Würde ich ändern in "sehr bewandert". Das liest sich flüssiger.

Beginnen wir also.

Eher vielleicht "Lassen Sie uns beginnen."

Leise Musik - eigentlich nur ein anhaltender Orgelton, der kaum variiert wurde - erklang, wiederum per Fernbedienung.

Auf einen weiteren Knopfdruck hin, erklang leise Musik. Wenn man es genau nahm war es eher ein anhaltender Orgelton, der kaum varrierte, doch es erfüllte seinen Zweck.

Plötzlich fuhr sein Blick wie von einem Magneten gezogen in den Kopf des Jungen hinein. Jetzt sah Lenny unmittelbar durch dessen Augen und wurde von intensiven Gerüchen überschwemmt, wie sie nur ein Kind erlebt.

Er wurde durch einen Sog in den Kopf des Jungen gezogen und konnte plötzlich durch seine Augen sehen. Intensive Gerüche überschwemmten ihn. Er nahm Dinge wahr, die er seit seiner Kindheit nicht mehr erlebt hatte.

"Ich weiß nicht... ich habe solche Kopfschmerzen", presste der Mann, auch auf Lateinisch, hervor und drohte auf den Boden zu kippen.

...presste der Mann in der selben Sprache hervor. Dann drohte der Boden auf eine beängstigende Art näher zu kommen. Unter keinen Umständen wollte er das Bewusstsein verlieren.

So das wäre es erst Mal. Dann viel Spaß beim weiterschreiben.
Viele Grüße :)
Benutzeravatar
YingNi
 
Beiträge: 42
Registriert: 30.06.2009, 21:55

Re: [UrFan]Imperator - Die Rückführung

Beitragvon Alesán » 12.09.2015, 12:48

Hallo Chan!

Was mir aufgefallen ist:
Eigentlich war Lennys Fähigkeit zur Imagination ziemlich limitiert, auch konnte er sich Gesichter und visuelle Details nach dem erstmaligen Sehen kaum merken. Unter Dawsons Einfluss aber trat das Imaginierte mit erstaunlicher Präzision vor sein geistiges Auge.

Mich hat dabei der letzte Satz irritiert. Ich dachte nämlich zuerst, dass dieser als Gegensatz zum Gliedsatz zu deuten ist, was für mich keinen Sinn macht. (Man kann Dinge sehr gut vor dem geistigen Auge sehen und sich danach nur an einen Bruchteil davon erinnern.)
Deshalb würde ich vorschlagen, dass du den Gliedsatz streichst, um die Betonung des Gegensatzes hervorzuheben.

Es roch, wie es in einem alten Gewölbe eben roch, kalt und muffig, [...]

Im Allgemeinen kann man Kälte nicht riechen, man fühlt sie eher. Wenn du dabei bleiben willst, dass es kalt roch, würde ich diesen Zustand als Ausnahmezustand kennzeichnen. (Z.B.: Man konnte die Kälte förmlich riechen.)

Als Lennys Gestalt die zwanzigste Stufe erreichte [...]

Hat er die Stufen gezählt? Wenn ja, würde ich bitte gerne darüber informiert werden, wenn nicht, wird er wahrscheinlich nicht wissen, dass er sich auf der zwanzigsten Stufe befindet. Wahrscheinlich würde er seinen Standort als "Mitte der Treppe" o.Ä. angeben.

Ich kann die Luft förmlich trinken.

Dieser Vergleich gefällt mir.

"Gehen Sie nun die Treppe ganz hinunter."

Ich dachte, er befindet sich noch am See? Wann genau ist der denn verschwunden?

Keine zwei Meter vor Lenny schwebte plötzlich eine Tür wie aus weißem Holz.

War die Tür jetzt aus weißem Holz oder war sie es nicht?

Alles in allem hat mir deine Geschichte aber gefallen. Vor allem, dass Dawsons Anleitungen regelmäßig kommen und er nicht plötzlich über der wunderbaren Umgebung verschwindet, hat mir geholfen, das Ganze ernst zu nehmen.
Also: Weiter so!
LG, Alesán
Alesán
 
Beiträge: 8
Registriert: 11.04.2015, 11:01


Zurück zu Fantasy

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste