[Nachd]In dubio pro reo

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachd]In dubio pro reo

Beitragvon RebeccaMaria » 23.08.2015, 16:32

Hallo :)

ich bin neu hier und wage es jetzt auch mal, eine kurze Geschichte von mir einzustellen. Ich hoffe, dass der Titel hier nicht zu viele abgeschreckt hat :mrgreen:

Ich freue mich auf eure ehrliche Meinung!

Liebe Grüße,
Rebecca Maria

__________________________________________________________________________________________

Lesen Sie regelmäßig Zeitung?
Dann haben Sie sicher diesen Fall des Herrn J. aus K. mitbekommen. Dieser Lehrer, der eine Schülerin sexuell missbraucht haben soll und deswegen zwei Jahre lang im Gefängnis saß. Der jetzt im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen wurde. Zwei Jahre lang unschuldig inhaftiert – aufgrund einer Schlamperei der Justiz: ein mangelhaftes Sachverständigengutachten, eine unzureichende Tatbestandsaufklärung seitens der Staatsanwaltschaft und ein Gericht, das sein Urteil auf höchst fragwürdige Beweise stützte. „In den Fängen der Justiz“ und „Justizwillkür“ lauten die Schlagzeilen. Was kann das für ein Rechtsstaat sein, in dem Unschuldige hinter Gittern landen? Kann man den Gerichten überhaupt noch trauen? Wieso gibt es keine härteren Konsequenzen für die Verantwortlichen?

Der vorsitzende Richter in dieser Sache, der war ich.
Ich war es, der die Verhandlung geleitet, die Zeugen befragt und den Sachverständigen angehört hat. Und ich war es, der am Ende das Urteil verkündete. Das Urteil, das das Leben eines Menschen für immer verändern sollte, das einen Unschuldigen zum Verbrecher erklärte.

Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht darüber nachdenke, mich nicht frage, was ich damals falsch gemacht habe. Ob ich etwas falsch gemacht habe. „In dubio pro reo“ heißt es. Aber es heißt auch: „Das Gericht entscheidet nach seiner freien, aus dem Inbegriff der Verhandlung geschöpften Überzeugung.“ § 261 StPO. Der Grundsatz der freien richterlichen Beweiswürdigung.
Und welche Beweise hatten wir hier?
Wir hatten die Behauptung einer 15-jährigen Schülerin, ihr Lehrer habe sie im Auto missbraucht. Die Aussage ihrer Eltern, sie sei an diesem Tag später als sonst von der Schule gekommen. Ein psychologisches Sachverständigengutachten, das die Glaubwürdigkeit des Mädchens bestätigte. Wir hatten einen 43-jährigen Lehrer, der laut Angabe zweier Kollegen immer in sich gekehrt wirkte, der unverheiratet und kinderlos war. Und wir hatten dessen Beteuerung, er sei unschuldig. Seit drei Jahren fahre er das Mädchen nach der Schule nach Hause, sie wohnten schließlich im selben Ort. Nie habe er auch nur daran gedacht, ihr etwas anzutun.

Ja, wir hätten an diesem Tag anders entscheiden müssen. Und doch frage ich mich: Was wäre gewesen, wenn wir einen Schuldigen freigesprochen hätten? Wenn dieser erneut eine Schülerin belästigt hätte? Was hätte dieses Urteil für das Mädchen bedeutet, für seine Eltern? Ich frage mich, ob unser Freispruch das Vertrauen der Schule, der Schüler, der Eltern in diesen Lehrer wiederhergestellt hätte, ob sein Ruf nicht dennoch für immer geschädigt gewesen wäre?
Es ist falsch, sich diese Fragen zu stellen. Das sind nicht die Kriterien, anhand derer ein Richter sein Urteil zu fällen hat. Es ist falsch, denn für den Angeklagten geht es um seine Freiheit, um sein künftiges Leben. Es geht nicht darum, was ein Urteil für jemand anderen oder die Allgemeinheit bedeutet, ob es irgendetwas ändern würde.
Für den Unschuldigen ändert es alles.
Diese Fragen dürfen nicht die Gedanken eines Richters sein. Aber ich kann sie nicht verhindern. Es sind die Gedanken eines Menschen.

Ich versuche, mich vor mir selbst zu verteidigen. Wie hätte ich erkennen sollen, dass dem Sachverständigen ein grober Fehler unterlaufen war, als er die narzisstische Persönlichkeitsstörung des Mädchens verkannte? War es tatsächlich allein meine Pflicht, ein zweites Gutachten einzufordern? Ist es nicht vielmehr die Aufgabe des Staatsanwalts, solche Maßnahmen zu treffen? Und was ist mit dem Strafverteidiger? Obliegt es nicht diesem, seinen Mandanten bestmöglich zu verteidigen?
Mag sein.

Es ändert nichts an meiner Schuld. Ich habe einem Menschen seine Freiheit genommen. Die Freiheit, vielleicht das höchste Gut, das wir haben. Und mehr als das, ich habe ihm einen Teil seines Lebens genommen. Das lässt sich nicht verteidigen, nicht rückgängig machen, nicht entschädigen. Ich wünschte, ich könnte es.

Ich kann es nur bereuen.
Ich würde mich gerne mitten auf die Straße stellen und schreien: „Es tut mir Leid! Es tut mir so unendlich Leid!“ Das habe ich nicht gewollt! Ich habe einen Fehler gemacht und ich schäme mich dafür! Es hinausschreien, in der Hoffnung, er würde es hören, er würde einfach nur wissen, dass er mir nicht egal ist.

Tatsächlich habe ich mit dem Gedanken gespielt, genau das zu tun. Öffentlich mein Bedauern zu äußern und mich zu entschuldigen. Aber wie hätte das gewirkt? Wie blanker Hohn? Ein Richter, der versucht, seine befleckte Robe reinzuwaschen. Ich hatte mir überlegt, ihn anzurufen oder ihm einen Brief zu schreiben. Und beides wieder verworfen. Aus Angst.

Ich habe beschissene Angst.

Die Uhr zeigt halb sechs abends. Seit beinahe einer Stunde sitze ich im Wagen und starre auf das Haus gegenüber. Herr J. scheint da zu sein, sein Auto steht vor der Garage. Meine Idee kommt mir plötzlich absurd vor. Was mache ich hier?
Die Tür öffnet sich, Herr J. tritt hinaus, geht zum Briefkasten. Er sieht meinen Wagen, stutzt, hält am Gartentor inne. Ich steige aus. Mein Herz klopft.
„Richter Schulz“, sagt er, keine Wut, keine Überraschung. Eine Feststellung. Er sieht mich an, ein paar Sekunden lang.
Dann öffnet er das Gartentor. „Kommen Sie doch rein.“
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Re: [Nachd]In dubio pro reo

Beitragvon Diavolo » 23.08.2015, 17:05

Hallo RebeccaMaria

Hier meine ehrliche Meinung, aber nur die meine:

RebeccaMaria hat geschrieben:Lesen Sie regelmäßig Zeitung?


Wenn das eine Frage sein sollte, gehört sie in Anführungszeichen.

RebeccaMaria hat geschrieben:Dann haben Sie sicher diesen Fall des Herrn J. aus K. mitbekommen. Dieser Lehrer, der eine Schülerin sexuell missbraucht haben soll und deswegen zwei Jahre lang im Gefängnis saß. Der jetzt im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen wurde. Zwei Jahre lang unschuldig inhaftiert – aufgrund einer Schlamperei der Justiz: ein mangelhaftes Sachverständigengutachten, eine unzureichende Tatbestandsaufklärung seitens der Staatsanwaltschaft und ein Gericht, das sein Urteil auf höchst fragwürdige Beweise stützte


Wer hat diesen Fall mitbekommen? Wo ist das passiert? Es ist mir zu oberflächlich, sorry. Obwohl du sicher Recht hast, wie dein Text weiter verdeutlicht.

RebeccaMaria hat geschrieben:Der vorsitzende Richter in dieser Sache, das war ich.


Diese Behauptung glaube ich dir hier nicht. Dein Text hat zu viele Wiedersprüche.

RebeccaMaria hat geschrieben:Wir hatten die Behauptung einer 15-jährigen Schülerin, ihr Lehrer habe sie im Auto missbraucht. Die Aussage ihrer Eltern, sie sei an diesem Tag später als sonst von der Schule gekommen.


Wie hier z.B. hier gibt es Beweise, aus dem Krankenhaus, wo auf Missbrauch hin untersucht wird.

Im Großen und Ganzen, kann ich Deiner Protagonistin als Richterin nicht folgen. Es liest sich für mich eher so, als du die Justiz anklagen willst. Aber ohne Netz und doppelten Boden. Oder ist dir das selber passiert?

Also nichts für ungut, wenn nichts Gescheites dabei war, einfach ab in die Große Tonne.

Bleib am Ball
LG Diavolo
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Re: [Nachd]In dubio pro reo

Beitragvon RebeccaMaria » 23.08.2015, 17:49

Hallo Diavolo,


danke für deine Antwort.

Mit dem Oberflächlichen hast du Recht. Es war eigentlich Absicht, weil ich gar nicht mehr so sehr auf die Verhandlung an sich eingehen wollte. Und weil ich ein bisschen das widerspiegeln wollte, was in den Zeitungen steht. (Die meist ähnlich oberflächlich sind)
Aber anscheinend funktioniert das so nicht. Vielleicht hätte ich den Fall genauer schildern müssen.

Ich hatte mir selbst überlegt, noch ein medizinisches Gutachten einzubauen. Allerdings ging es hier ja nicht um eine Vergewaltigung o.Ä. Nicht jede sexuelle Misshandlung hinterlässt ja körperliche Spuren.

Was meinst du genau mit den Widersprüchen?

Ich bin mit dem ganzen Text auch noch nciht ganz glücklich und hatte mir deswegen ein paar Anmerkungen erhofft. Aber so wie deine Kritik klingt, sollte ich ihn am besten ganz "in die Große Tonne" werfen.

Danke für deine ehrliche Meinung!

Liebe Grüße,
Rebeccamaria
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Re: [Nachd]In dubio pro reo

Beitragvon EmmaR » 27.08.2015, 16:09

Hallo Rebecca,
ich bin auch neu hier und will es mal versuchen meine Gedanken zu deiner Geschichte zu formulieren.

RebeccaMaria hat geschrieben:Dieser Lehrer, der eine Schülerin sexuell missbraucht haben soll und deswegen zwei Jahre lang im Gefängnis saß. Der jetzt im Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen wurde.


Mich bringt das irgendwie aus dem Text. Das "fliest" irgendwie nicht richtig.
das würde ich in einem Satz schreiben....im Gefängnis saß, nun aber im Wiederaufnahmeverfahren...
oder in zwei Sätzen: saß. Jetzt bei einem Wiederaufnahmeverfahren wurde er freigesprochen.
noch ein Beispiel für zwei Sätze, den Namen nochmals verwenden: ...im Gefängnis saß. Herr J. wurde jetzt...

RebeccaMaria hat geschrieben: aufgrund einer Schlamperei der Justiz


es waren ja diverse Schlampereien, nicht nur eine. Hier würde ich eine kräftigere Wortwahl bevorzugen.....unglaublicher Schlampereien....z.B., oder skandalträchtigen Schlampereien, oder unglückliche Verkettung zahlreicher Schlampereien.
Deine anschließende Aufzählung, was alles daneben gegangen ist widerspricht dem zahmen "einer Schlamperei".

RebeccaMaria hat geschrieben:Der vorsitzende Richter in dieser Sache, das war ich.


Hier würde ich das "das" rausstreichen. Das macht für meinen Geschmack die Sache irgendwie "spannender, flüssiger, schneller"

-
RebeccaMaria hat geschrieben:Wir hatten einen 43-jährigen Lehrer, der laut Angabe zweier Kollegen immer in sich gekehrt wirkte, der unverheiratet und kinderlos war


Würde ich in der Gegenwartsform schreiben. Vermutlich ist er immer noch ein in sich gekehrter Mensch, unverheiratet und kinderlos. Das hört sich sonst an, als ob er gestorben sei. :shock:

RebeccaMaria hat geschrieben:Und doch frage ich mich: Was wäre gewesen, wenn wir einen Schuldigen freigesprochen hätten? Wenn dieser erneut eine Schülerin belästigt hätte? Was hätte dieses Urteil für das Mädchen bedeutet, für seine Eltern? Ich frage mich, ob unser Freispruch das Vertrauen der Schule, der Schüler, der Eltern in diesen Lehrer wiederhergestellt hätte, ob sein Ruf nicht dennoch für immer geschädigt gewesen wäre?


In diesem Abschnitt sind für mich persönlich zu viele "hätte"
z.B. Für das Mädchen wäre dies eine Katastrophe gewesen. Ein Freispruch könnte vermutlich das Vertrauen der Schule usw..auch nicht wieder herstellen.

RebeccaMaria hat geschrieben:Ich merke, wie ich versuche, mich vor mir selbst zu verteidigen
RebeccaMaria hat geschrieben:
zu "rechtfertigen" fände ich hier besser. Bei verteidigen denke ich eher an einen Dialog, als an ein inneres Gespräch.

RebeccaMaria hat geschrieben:Das lässt sich nicht verteidigen, nicht rückgängig machen, nicht entschädigen. Ich wünschte, ich könnte es.


Dass nicht so oft der Begriff verteidigen genommen werden muss, würde ich hier schreiben "entschuldigen" oder "rechtfertigen". Er muss sich ja nicht im Außen verteidigen, sondern er muss es in seinem Inneren klar kriegen. Siehe oben.

Alles in allem, gut erzählt. Gute Idee, sowas mal von dieser Seite aus zu berichten! Vielleicht kommt der Knaller noch, den ich ein wenig vermisst habe, als er bei Herrn J. im Haus ist. Vielleicht bringt der ihn um? :roll: . Ist sowas ähnliches geplant?

Allerdings finde ich es etwas unglaubwürdig, dass sich dieser Richter derartige Gedanken macht. Fehler geschehen, und wenn er jedesmal fast einen Psychiater braucht, wenn ihm welche unterlaufen, sollte er vielleicht lieber töpfern :oops:
Es wäre sehr schön, wenn sich Richter (und andere Menschen) so verhalten würden, bereuen würden, wenn sie sich falsch verhalten haben, so mit sich selbst ins Gericht gehen würden, wenn sie das Leben eines anderen Menschen derart aus der Bahn geworfen haben. Für mich ist es eine Spur unglaubwürdig.
Hätte sich dieser Herr J. in der Zelle erhängt, wäre es für meinen Geschmack nachvollziehbarer, dass dieser Richter hadert.

Ja, kritisieren kann man schnell....ich muss es erst mal besser hinkriegen.
Nichts für ungut.
EmmaR


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Re: [Nachd]In dubio pro reo

Beitragvon Diavolo » 27.08.2015, 16:23

Hallo Rebecca

RebeccaMaria hat geschrieben:Mit dem Oberflächlichen hast du Recht. Es war eigentlich Absicht, weil ich gar nicht mehr so sehr auf die Verhandlung an sich eingehen wollte. Und weil ich ein bisschen das widerspiegeln wollte, was in den Zeitungen steht. (Die meist ähnlich oberflächlich sind)


Jetzt verstehe ich deinen Text ein bisschen besser. Aber es ist ja kein Zeitungsartikel, was du hier schreiben willst, oder?

RebeccaMaria hat geschrieben:Aber anscheinend funktioniert das so nicht. Vielleicht hätte ich den Fall genauer schildern müssen.


Mach das, denn dein Text hat doch Potenzial.

RebeccaMaria hat geschrieben:Was meinst du genau mit den Widersprüchen?


z.B., dass er der Richter persönlich ist. Das ist nicht glaubhaft, vielleicht hat er aber Dreck am Stecken und hat das Mädchen selber missbraucht. Wäre doch vielleicht eine neue Version für deine Geschichte, oder?

RebeccaMaria hat geschrieben:Aber so wie deine Kritik klingt, sollte ich ihn am besten ganz "in die Große Tonne" werfen.


Oh, bitte nicht, ich wollte nicht so schroff sein. Es hat wirklich gute Ansätze und ich hoffe, du gehst einfach noch mal über die Bücher.

Entschuldige, wollte dich nicht schockieren und ich hoffe, dass ich wirklich noch eine überarbeitete Version zu lesen bekomme.

Ganz liebe Grüße
Diavolo
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Re: [Nachd]In dubio pro reo

Beitragvon RebeccaMaria » 28.08.2015, 18:03

Hallo EmmaR,

danke, dass du meinen Text kommentiert hast! Hab schon gar nicht mehr damit gerechnet.

Mit deinen sprachlichen Anmerkungen hast du Recht, ich werde versuchen, sie umzuformulieren. Vor allem den Anfang werde ich nochmal überarbeiten.

Dass nicht so oft der Begriff verteidigen genommen werden muss, würde ich hier schreiben "entschuldigen" oder "rechtfertigen". Er muss sich ja nicht im Außen verteidigen, sondern er muss es in seinem Inneren klar kriegen. Siehe oben.


Ich hatte den Begriff "verteidigen" mit Absicht genommen, genau wegen dem "mit sich selbst ins Gericht gehen": sich selbst anklagen, sich selbst verteidigen.

Vielleicht kommt der Knaller noch, den ich ein wenig vermisst habe, als er bei Herrn J. im Haus ist. Vielleicht bringt der ihn um? :roll: . Ist sowas ähnliches geplant?

Ha, da müsste ich noch drüber nachdenken. Würde dem Text gleich eine ganz andere Richtung geben :mrgreen:

Allerdings finde ich es etwas unglaubwürdig, dass sich dieser Richter derartige Gedanken macht. Fehler geschehen, und wenn er jedesmal fast einen Psychiater braucht, wenn ihm welche unterlaufen, sollte er vielleicht lieber töpfern :oops:


Diavolo hat ja auch etwas in der Art geschrieben:
z.B., dass er der Richter persönlich ist. Das ist nicht glaubhaft, vielleicht hat er aber Dreck am Stecken und hat das Mädchen selber missbraucht.


Hm. Ihr habt ich wirklich zum Nachdenken gebracht.
Ist es so unglaubwürdig, dass ein Richter, der ja auch nur ein Mensch ist, sich solche Gedanken macht? Es geht ja nicht um irgendeinen Fehler, sondern er hat einen Menschen unschuldig ins Gefängnis gebracht... Ich gebe zu, vielleicht ist es unrealistisch, dass er zu dem Verurteilten geht, um sich zu entschuldigen. ABer dass er sich selbst Vorwürfe macht?
Ich bin in ein paar Jahren vielleicht selbst Richterin. Ich weiß nicht, ob ich dann denken könnte: "Fehler passieren." Aber naja. Vielleicht darf ich d einfach nicht von mir auf andere schließen.

Ich werd mir auf jeden Fall nochmal Gedanken machen, ob ich der Geschichte ein anderes Ende geben könnte.

Ja, kritisieren kann man schnell....ich muss es erst mal besser hinkriegen.

Nein, musst du nicht, du darfst mich auch einfach so kritisieren :)

Vielen Dank für deine ausführliche Kritik!


Hallo Diavolo,

auch dir danke dafür, dass du mir nochmal geantwortet hast.

Jetzt verstehe ich deinen Text ein bisschen besser. Aber es ist ja kein Zeitungsartikel, was du hier schreiben willst, oder?


ja, den Anfang werde ich nochmal überarbeiten müssen ;)

Oh, bitte nicht, ich wollte nicht so schroff sein. Es hat wirklich gute Ansätze und ich hoffe, du gehst einfach noch mal über die Bücher.

Okay, danke :) Das werd ich tun. Ich glabe aber, das wird noch ein bisschen dauern, wahrscheinlich werde ich den Text von Grund auf anders gestalten.

Also danke nochmal für deine Kritik, hat mir weitergeholfen!


Liebe Grüße
RebeccaMaria
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Re: [Nachd]In dubio pro reo

Beitragvon jansenbusch » 16.09.2015, 16:34

Hallo RebeccaMaria,

Ich will hier mal nicht als erstes deinen Text als solchen analysieren, sondern die bisherigen Kommentare kommentieren. Da wird dann deutlich, dass jeder Leser sehr unterschiedlich bewertet und was ich gut finde.
So kann ich möglicherweise meinen Eindruck zur Geschichte besser darstellen.

"Lesen Sie regelmäßig Zeitung?"
Diavolo schreibt: "Wenn das eine Frage sein sollte, gehört sie in Anführungszeichen."
Find ich nicht. Gerade den ersten Satz find ich ausgesprochen gut.

"Dann haben Sie sicher diesen Fall des Herrn J. aus K. mitbekommen.."
Diavolo schreibt: "Wer hat diesen Fall mitbekommen? Wo ist das passiert? Es ist mir zu oberflächlich, sorry."
Find ich nicht. Die direkte Ansprache an den Leser, ohne konkret zu benennen, WO der Leser das mitbekommen haben soll, find ich sogar gut. Es geht von einer Annahme aus, die nicht weiter erläutert wird, und so eine kleine Spannung aufbaut.

"Der Vorsitzende Richter in dieser Sache, das war ich."
EmmaR schreibt: "Hier würde ich das "das" rausstreichen."
Würd ich nicht, aber korrigieren: "Der Vorsitzende Richter, DER war ich". Und mit dem Artikel find ich es besser als "Der Vorsitzende Richter in dieser Sache war ich". Das ist zwar flüssiger, ja, aber genau das sollte es an dieser Stelle nicht sein: Durch das Holpern mit "..., der war ich" wird die Dramatik der Aussage erst richtig deutlich.

"aufgrund einer Schlamperei der Justiz"
EmmaR schreibt: "es waren ja diverse Schlampereien, nicht nur eine.". Ja, aber ich finde die Konzentration auf "EINE Schlamperei" deutet an, wohin es geht: Der Richter sieht sich in der Schuld, es war SEINE Schlamperei. Auch dass er kein zweites Gutachten angefordert hat etc. Also mehrere Schlampereien würden seine Schuld(gefühle) verwischen, er soll sich ja als einziger schuldig fühlen. Ich find es mit "einer Schlamperei" gut.

"Und doch frage ich mich: Was wäre gewesen, wenn wir einen Schuldigen freigesprochen hätten? Wenn dieser erneut eine Schülerin belästigt hätte? Was hätte dieses Urteil für das Mädchen bedeutet, für seine Eltern? "
EmmaR schreibt:"zu viele "hätte". z.B. Für das Mädchen WÄRE dies eine Katastrophe gewesen. Ein Freispruch KÖNNTE vermutlich das Vertrauen der Schule usw..auch nicht wieder herstellen."
Nein, ich finde gerade dieses hämmernde "hätte" richtig gut, weil es auf die Qualen des Richters hindeutet. Eine Kette von "hätte, wäre, könnte" ist zu "korrekt" und wirkt als Gedanken des Richters nicht glaubwürdig. Es ist gerade dieses "hätte" und dessen Wiederhohlung, was die Qual deutlich macht.

"Das lässt sich nicht verteidigen, nicht rückgängig machen, nicht entschädigen. Ich wünschte, ich könnte es."
Wunderschöne Aufzählung.

EmmaR schreibt: "Allerdings finde ich es etwas unglaubwürdig, dass sich dieser Richter derartige Gedanken macht."
Ich finde es nicht unglaubwürdig. Ich kenne selbst Richter, die sich tatsächlich das ein oder andere mal fragen, ob sie alles richtig machen, und gerade bei nachgewiesen unschuldig Verurteilten ins Grübeln kommen.

Dann ein allgemeiner Eindruck:
- Erzählperspektive: Gute Wahl, auch das mit der direkten Leseransprache.
- Protagonist: Richter, der sich Gedanken macht. Plausibel eingeführt.
- Stil: Ein paar schöne Sachen dabei
"Der Vorsitzende Richter in dieser Sache, das war ICH. ICH war es, der.......Und ICH war es, der am Ende das Urteil verkündete."
"Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht darüber nachdenke, mich nicht frage, was ich damals falsch gemacht habe. Ob ich etwas falsch gemacht habe." Schön, das mit "was" und "ob". (vielleicht umdrehen: "ob ich was falsch gemacht habe. Was ich falsch gemacht habe". Damit würde die erste Frage nach dem "ob" implizit beantwortet)

- Spannungsbogen: Erst die Geschichte, dann Zweifel, dann Angst, und dann steht der Richter vor der Tür des Verurteilten. Schön aufgebaut. Wie der Richter sich in diesem Moment fühlt, kann ich gut nachvollziehen.

Abschließend: Weitermachen ! Und den Stil beibehalten.
jansenbusch
 
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Re: [Nachd]In dubio pro reo

Beitragvon RebeccaMaria » 16.09.2015, 19:21

Hallo jansenbusch,

vielen Dank für deinen Kommentar!
Ich habe mir nach den vorigen Kommentaren meine Geschichte nochmal durchgelesen, um zu überlegen, wie ich sie ändern könnte, aber ich habe auch gemerkt, dass ich ein paar Ratschläge sehr gut fand, manche Stellen aber eigentlich so lassen wollte, wie sie waren.
Es freut mich, dass dir mein Stil, so wie er ist, gefallen hat :)

Und ganz besonders freut es mich, dass du es nicht ungkaubwürdig findest, dass ein Richter sich solche Gedanken macht. Ich bin echt nach den vorigen Kommentaren ins Zweifeln gekommen. Schön, dass du meine Meinung teilst :)

Ich werde den Text sicher nochmal überarbeiten und dann schauen, was ich wie ändere. Danke auch für deine Umformulierungsvorschläge. Mit dem "DER war ich" gebe ich dir recht, das klingt besser, änder ich gleich.

Liebe Grüße,
RebeccaMaria
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Re: [Nachd]In dubio pro reo

Beitragvon Samis » 17.10.2015, 12:42

Hallo RebeccaMaria,

wegen deiner besonders hilfreichen Kritik war ich neugierig, was es von dir verfasst zu lesen gibt. Nur das eine? Mehr, mehr, bitte! Das ist hervorragend geschrieben, lediglich gegen Ende hätte ich ein paar wenige Verbesserungsvorschläge.
Inhaltlich vielleicht ein kleinwenig zu fachlich (kann es sein, dass du etwas in dieser Richtung studierst?), das könnte Leser vergraulen, mich störte es kaum.
Ein großes Lob von mir! Würde, wie gesagt, gern mehr von dir lesen – sprachlich liegen wir, wie ich finde, auf einer Wellenlänge.


Das sind nicht die Kriterien, anhand derer ein Richter sein Urteil zu fällen hat.

Hier würde ich etwas raffen: Das sind nicht die Kriterien, anhand derer ein Richter urteilen sollte.



Es geht nicht darum, was ein Urteil für jemand anderen oder für die Allgemeinheit bedeutet, ob es irgendetwas ändern würde.


Hier finde ich jemand anderen unschön und würde das zweite für streichen. Vielleicht so: Es geht nicht darum, was ein Urteil für jemanden (eine Person) oder die Allgemeinheit bedeutet, ob es irgendetwas ändern würde.



Ich merke, wie ich versuche, mich vor mir selbst zu verteidigen. Wie hätte ich erkennen sollen, dass ...

Ich merke, wie ich versuche, ... mag mir nicht gefallen, zudem fände ich es an der Zeit, dem Richter ein wenig mehr Menschlichkeit zuzugestehen. (Auch hinsichtlich der »beschissenen Angst«, die vortrefflich beschreibt, wie gnadenlos Angst sein kann, in deinem Text aber etwas überraschend daherkommt)

Mein Vorschlag: Schon klar, das ist nur der Versuch, mich vor mir selbst zu verteidigen (rechtfertigen). Nur wie hätte ich erkennen sollen, dass ...



Ist es nicht vielmehr die Aufgabe des Staatsanwalts, im Rahmen der umfassenden Sachverhaltsermittlung alle erforderlichen Maßnahmen zu treffen? Und was ist mit dem Strafverteidiger? Obliegt es nicht diesem, seinen Mandanten bestmöglich zu verteidigen und hierfür gegebenenfalls weitere Beweisanträge zu stellen?

Da er sich nun doch zu rechtfertigen versucht, es somit persönlicher wird, würde ich hier deutlich kürzen:

Ist es nicht vielmehr  Aufgabe des Staatsanwalts, alle erforderlichen Maßnahmen zu treffen? Und was ist mit dem Strafverteidiger? Obliegt es nicht ihm, seinen Mandanten bestmöglich zu verteidigen?



Ich kann es nur bereuen.
Ich würde mich gerne mitten auf die Straße stellen und schreien: „Es tut mir Leid! Es tut mir so unendlich Leid!“ Das habe ich nicht gewollt! Ich habe einen Fehler gemacht und ich schäme mich dafür! Es hinausschreien, in der Hoffnung, er würde es hören, er würde einfach nur wissen, dass er mir nicht egal ist.


Ich ...
Ich ... würde ich zu vermeiden suchen.

Gerne würde ich mich mitten auf die Straße ...

er würde einfach nur wissen, dass ...

könnte erfahren, dass ...  fände ich hier schöner.



Ein Richter, der versucht, seine befleckte Robe in aller Öffentlichkeit reinzuwaschen.

Um den etwas unrunden Einschub loszuwerden, würde ich umstellen: Ein Richter, der seine befleckte Robe in aller Öffentlichkeit reinzuwaschen versucht.



Die Uhr zeigt halb sechs abends. Seit beinahe einer Stunde sitze ich nun schon hier im Wagen und starre auf das Haus gegenüber.

Das verwundert mich nun aber – beinahe und nun schon hätte ich nicht erwarten. Beides würde ich tilgen.

Seit einer Stunde sitze ich hier im Wagen und starre auf das Haus gegenüber.


Herr J. scheint da zu sein, sein Auto steht vor der Garage. Meine Idee kommt mir plötzlich völlig absurd vor. Was mache ich eigentlich hier?

Auch das mag (zumindest für meine Ohren) nicht mehr recht zu deinem Schreibstil passen.

Herr J. scheint Daheim zu sein, sein Auto steht vor der Garage. Meine Idee erscheint mir plötzlich völlig absurd. Was mache ich hier?



Der Schluss ist dann wieder sehr gut formuliert und passt bestens zum Rest. Knapp, prägnant, treffend.

Die Tür öffnet sich, Herr J. tritt hinaus, geht zum Briefkasten. Er sieht meinen Wagen, stutzt, hält am Gartentor inne. Ich steige aus. Mein Herz klopft.
„Richter Schulz.“, sagt er, keine Wut, keine Überraschung. Eine Feststellung. Er sieht mich an, ein paar Sekunden lang.
Dann öffnet er das Gartentor. „Kommen Sie doch rein.“


Wie immer gilt, alles nur meine Meinung und kein Masstab. Habe es gern gelesen und hoffe, bald schon mehr von dir zu finden.

Beste Grüße,
Samis
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Re: [Nachd]In dubio pro reo

Beitragvon RebeccaMaria » 17.10.2015, 14:29

Huhu Samis,

ich finde deinen Kommentar sehr hilfreich!

Der text ist schon etwas älter und ich hab ihn schon länger nicht mehr gelesen. Du hast v.a. mit deinen Hinweisen auf die Füllwörter total Recht, dass die mir nicht früher aufgefallen sind... -.- Danke! Leider eine Schwäche von mir, aber ich arbeite daran.

Auch deine Umformulierungsvorschläge finde ich zum größten Teil gut und werde den Text gleich mal überarbeiten.

Und es freut mich natürlich, dass er dir gefallen hat (ja, er war etwas fachlich) und du gern mehr von mir lesen würdest. Das ist ein tolles Kompliment :) Ich hatte schon vor, bald mal wieder was hier reinzustellen.

Also danke nochmal!

Liebe Grüße,

RebeccaMAria
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