[Nachdenk]In Liebe.

Gesellschaft, Kritik, Philosophisches

[Nachdenk]In Liebe.

Beitragvon dalischreibt » 11.12.2014, 22:32

Ich sehe...
ein junge Frau vor mir.
Blonde Haare.
Goldene Strähnen in ihren Haaren, wie Lametta, aber weicher, feiner, als gehörte es zu ihrem Haar.
Sie trägt die Haare offen.
So ist auch ihr Wesen- ihr Herz. Gütig und rein und von goldenem Glanz.
Sie trägt ein rotes Kleid. Der Stoff sitzt locker, bequem und doch voll Anmut.
Sie ist weit weg. Aber sie bewegt sich graziös, das kann ich deutlich sehen.
Ich gehe in ihre Richtung.

Ich möchte an ihr vorbeilaufen, so tun, als interessiere sie mich gar nicht für sie, und dabei einen näheren Blick erhaschen, oder mehr noch, fühlen, wie sie sich anfühlt.
Wie es sich anfühlt, ihr Gefühl zu spüren. Das Gefühl, dass sie der Welt entgegenbringt. Es ist etwas ganz Individuelles und Einzigartiges. Man kann es aus allem herauslesen, was ein Mensch uns zeigt: seinen Bewegungen, seinem Blick, seinen Worten und seiner Stimme. Es sind subtile Wegweiser, aber bestimmende- sie bestimmen Anfang oder Ende einer Beziehung, einer Freundschaft, eines Gesprächs, eines Widersehens, einer Sympathie.
Ich nehme mir vor, die Augen zu schließen, wenn ich auf ihrer Höhe bin, um mein Gefühl nicht durch Äußerlichkeiten zu trüben. Ich verstehe nicht, dass es dann nur noch mein Gefühl ist, was ich fühle und nicht ihres... Und wüsste ich es, es wäre mir egal. Denn ist nicht das, was ich fühle, der Andere, der sich in mir spiegelt? Und ist es nicht toll, in einen Spiegel zu schauen, und jemanden zu sehen, der viel schöner ist, als man selber?

Ich gehe also weiter. Ich komme an einem Schaufenster vorbei und schaue kurz hinein. Ich spiegele mich darin. Ich. Ich erkenne mich nicht. So grau. So alt. Ich wünschte ich wäre 18. Und könnte mich genau so grazil bewegen, wie diese junge Frau vor mir, die aber noch ein ganzes Stück entfernt ist. Was würde ich machen, wenn ich wieder 18 wäre? Plötzlich, von heute auf morgen. Die Energie eines 18-jährigen, die Naivität eines 18-jährigen, die Lebenslust eines 18-jährigen. Ich würde alles wieder so machen wie damals. Dieselben Abenteuer erleben, dieselben Fehler machen, dieselben Fragen haben. Denn was mir fehlte, ist der Verstand eines 80-jährigen! Das ist ganz klar. Also nein, das ist kein Weg. Kein Weg, der mich zu dieser Frau führen würde. Ich bin ja ohnehin schon unterwegs zu ihr, denke ich.

Das Gehen fällt mir schwer. Vor allem in dieser kalten Jahreszeit. Ich wünschte, es wäre Sommer. Aber dann wäre es nicht so dunkel und es würden keine Laternen brennen, wodurch das Lametta in den Haaren der Lady so schön leuchtet...
Eigentlich bin ich nur in die Stadt gegangen, um ein Haarshampoo zu kaufen. Aber genau das liebe ich an Städten: Man will nur eben mal kurz- und schwupps wird man von Dingen überrascht, mit denen man so gar nicht gerechnet hatte. Inspiration nennt man das, denke ich. Ich bin auf jeden Fall inspiriert. Ein alter Greis, der eine schöne, junge Frau beobachtet. Und dabei an seine eigene Jugend denken muss...

Ich denke an Weihnachten, Weihnachten 1965. Da waren wir gerade einmal 5 Jahre verheiratet. Es war mit Abstand das schönste Weihnachten, dass wir je hatten. Ich arbeitete damals in einer Versicherungsgesellschaft. Er bescherte uns ein sicheres, wenn auch bescheidenes Einkommen. Also beschlossen wir, meine Frau und ich, dass es der passende Zeitpunkt sei, eine Familie zu gründen. Weihnachten '65 war meine Frau im 6. Monat schwanger. Wir sparten viel, für ein Haus, das Auto musste noch abbezahlt werden. An diesem Abend hatten wir nur uns...

Ich komme an einem Kleidergeschäft vorbei. Ich denke an die Anzüge, die ich auf der Arbeit immer getragen habe. Ich hatte nur zwei. Ich passte höllisch auf, sie nicht zu verschmutzen. Die Reinigung war teuer... Und wieder denke ich zurück an damals, an den alten Küchentisch, an dem wir zusammensaßen...

...und uns Geschichten erzählten. Meine Frau war wunderschön. Und sie lachte viel. An diesem Abend brannte eine große rote Kerze auf dem Tisch. Sie war unser ganzer Weihnachtsschmuck. Im Schein der Kerzen beobachtete ich meine Frau, während sie erzählte. Ich betrachtete ihre Haut, so eben und schön. Wie sie die Lippen bewegte, wenn sie redete. Wie sich dann kleine Fältchen um ihre Mundwinkel bildeten. Jeden Zentimenter schaute ich mir an, als sei es das erste Mal- und ich konnte nicht genug kriegen. Das Kerzenlicht machte sie noch schöner, tauchte sie in so wunderbar sanfte Farben... Nie wieder war so wenig Weihnachtsschmuck so kostbar gewesen.
Wir aßen Würstchen mit Kartoffelsalat, das war das typisch deutsche Weihnachtsessen. Es schmeckte himmlisch. Wir wischten uns mit den Servietten die Münder ab, dabei hinterließ meine Frau einen roten Lippenstiftabdruck auf dem weißen Stoff. Ich sehe ihn noch heute vor mir. Jeder Moment war kostbar, weil die Zeit, die Zeit die lief so langsam...

So ähnlich wie gerade. Obwohl ich gerne viel schneller voran kommen würde. Aber wenigstens komme ich der Frau auf der Straße, in ihrem wallenden Kleid und goldenen Haar, tatsächlich immer näher.

Wir spielten 'Mensch ärgere dich nicht'. Meine Frau gewann meistens, aber mir war das egal. Wichtiger war mir, dabei zusehen zu können, wie elegant sie mit ihren zarten, langen Fingern die Würfel in der Hand schüttelte und dann mit einem sanften Schwung auf die Tischplatte fallen ließ- ich liebte sie in allem, was sie tat. Welche Vorfreude hatte ich auf das Kind, das uns erwartete! Wenn es auch so schön wäre wie meine Frau, welch Geschenk des Himmels! Wir spielten ein paar Partien und legten und dann auf unser Sofa. Wir waren ein wenig müde, vom Essen, vom Erzählen... Ich strich ihr durch ihr Haar, immer und immer wieder. Es war so wunderbar weich und lang und schimmerte im Licht der Kerze fast golden... Stundenlang lagen wir so da. Aus dem Fenster sah ich die anderen Häuser, überall hing glitzernder Weihnachtsschmuck in den Fenstern und Zimmer waren in der Dunkelheit der Nacht festlich erleuchtet. Ich wünschte, dieser Abend würde nie enden...

Ich sehe...
ein junge Frau.
Blonde Haare.
Goldene Strähnen in ihren Haaren, wie Lametta, aber weicher, feiner.
Sie trägt die Haare offen.
So ist auch ihr Wesen- ihr Herz. Gütig und rein und von goldenem Glanz.
Sie trägt ein rotes Kleid. Der Stoff sitzt locker, bequem und doch voll Anmut.
Sie ist nicht mehr weit weg. Und sie bewegt sich graziös, das kann ich deutlich sehen.
Jetzt bin ich bei ihr und ich fühle. Ich fühle rote Kerzen, blondes Haar und himmlische Zweisamkeit. Ich strecke meinen Arm nach ihr aus und sie lächelt mich an! Ich schließe die Augen.
Was ich fühle, das ist nicht sie. Und was ich sehe, das ist auch nicht sie. Ich sehe mich, wie ich damals gern gewesen wäre. Und sie hat es geschafft- sie war mein Spiegel, der mich zu dem gemacht hat, der ich heute bin. Ich bin voller Liebe.
Zuletzt geändert von dalischreibt am 17.12.2014, 16:22, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: In Liebe.

Beitragvon julia89 » 12.12.2014, 15:12

Hallo dalischreibt,

gerne will ich dir einen Kommentar zu deinem Text hinterlassen. :) Dabei handelt es sich um meine persönliche Meinung, daher nimm an, was dir plausibel erscheint und den Rest lass weg. :wink:

Insgesamt finde ich deinen Text angenehm zu lesen und von der Thematik her sehr schön. Auch wie du Momentaufnahmen und Erinnerungen des Mannes ineinander fließen lässt, finde ich an den meisten Stellen recht gelungen. Du schlägst einen etwas melancholischen Ton an, der mir sehr zusagt.
Allerdings bin ich auf sprachlicher/stilistischer Ebene über mehrere Schwächen gestolpert, die mich leider immer wieder aus dem Lesefluss und damit auch aus dem gesamten Text und dem Gefühl herausgerissen haben.

Ich will versuchen, dir das aufzuzeigen und habe deinen Text ein wenig zerpflückt:

dalischreibt hat geschrieben:Blonde Haare.
Goldene Strähnen in ihren Haaren, wie Lametta, aber weicher, feiner, als gehörte es zu ihrem Haar.
Sie trägt die Haare offen.

Das ist mir zu viel "Haar".
Vorschlag:
Blonde Haare (oder: Blondes Haar)
Goldene Strähnen darin, wie Lametta, aber weicher, feiner, als gehörte es zu ihrem Haar.
Sie trägt es offen.


dalischreibt hat geschrieben:so tun, als interessiere sie mich gar nicht für sie

so tun, als interessiere ich mich gar nicht für sie


dalischreibt hat geschrieben:oder mehr noch, fühlen, wie sie sich anfühlt.
Wie es sich anfühlt, ihr Gefühl zu spüren. Das Gefühl, dass sie der Welt entgegenbringt.

Die Spielerei mit den Wörtern "fühlen" und "Gefühl" mag beabsichtigt sein, mich persönlich hemmt das aber im Lesefluss. Wie oben mit "Haar".


dalischreibt hat geschrieben:aber bestimmende- sie bestimmen Anfang oder Ende

Siehe oben. :wink:


dalischreibt hat geschrieben:Ich verstehe nicht, dass es dann nur noch mein Gefühl ist, was ich fühle und nicht ihres... Und wüsste ich es, es wäre mir egal.

Diese Sätze finde ich verwirrend. Dein "Ich" weiß es ja, sonst könnte es das "Gefühls-Problem" auch nicht benennen oder? Vielleicht stehe ich auch auf dem Schlauch, aber ich finde, es wäre deine Aufgabe, den Leser nicht verwirrt zurückzulassen.


dalischreibt hat geschrieben:Und ist es nicht toll, in einen Spiegel zu schauen, und jemanden zu sehen, der viel schöner ist, als man selber?

"toll" finde ich zu umgangsprachlich bzw. zu nichtssagend.
Und ich glaube es muss heißen "als man selbst" :?:


dalischreibt hat geschrieben:Ich gehe also weiter.

also = Füllwort... kann raus


dalischreibt hat geschrieben:Ich wünschte ich wäre 18.

Ich wünschte, ich wäre 18.


dalischreibt hat geschrieben:wie diese junge Frau vor mir, die aber noch ein ganzes Stück entfernt ist.

Der letzte Satzteil reißt mich total aus dem Lesefluss. Nach meinem Empfinden könntest du ihn streichen.


dalischreibt hat geschrieben:Was würde ich machen, wenn ich wieder 18 wäre?

"machen" ist mir ebenfalls zu umgangssprachlich. Besser: tun.


dalischreibt hat geschrieben:Die Energie eines 18-jährigen, die Naivität eines 18-jährigen, die Lebenslust eines 18-jährigen.

Mir ist das zu viel "18-jährig". Vorschlag: Die Eneregie, die Naivität und die Lebenslust eines 18-jährigen.


dalischreibt hat geschrieben:Man will nur eben mal kurz- und schwupps wird man von Dingen überrascht, mit denen man so gar nicht gerechnet hatte.

Auch dieser Satz stört meinen Lesefluss, da er insgesamt und vor allem durch das "schwupps" nicht in den eher melancholischen Stil des Textes passt.


dalischreibt hat geschrieben:Inspiration nennt man das, denke ich.

Ehrlich gesagt finde ich nicht, dass "Inspiration" hier das passende Wort ist. Allerdings fällt mir momentan auch nichts Besseres ein. :oops:


dalischreibt hat geschrieben:gerade einmal 5 Jahre

Zahlen unter zwölf bitte ausschreiben.


dalischreibt hat geschrieben:Ich arbeitete damals in einer Versicherungsgesellschaft. Er bescherte uns ein sicheres

Er??? Eher "Das" oder?


dalischreibt hat geschrieben:Also beschlossen wir, meine Frau und ich,

Der Einschub ist nach meinem Empfinden überflüssig und hemmt eher den Lesefluss.


dalischreibt hat geschrieben:Weihnachten '65 war meine Frau im 6. Monat schwanger.

Ich habe den Abschnitt so verstanden, dass die Beiden an Weihnachten beschließen, eine Familie zu gründen und nicht, dass sie an Weihnachten bereits schwanger ist. Vielleicht kannst du das präziser herausarbeiten.


dalischreibt hat geschrieben:...und uns Geschichten erzählten. Meine Frau war wunderschön.

Das geht für mich zu schnell. Ich denke gerade noch darüber nach, welche Art von Geschichten sie sich wohl erzählt haben und dann kommt plötzlich wie schön sie war...


dalischreibt hat geschrieben:Nie wieder war so wenig Weihnachtsschmuck so kostbar gewesen.

Schön. :)


dalischreibt hat geschrieben:weil die Zeit, die Zeit die lief so langsam...

Vorschlag: [...], denn die Zeit... Die Zeit, sie lief so langsam.


dalischreibt hat geschrieben:Welche Vorfreude hatte ich auf das Kind, das uns erwartete!

Nein, das Kind erwartet nicht die Eltern, sondern die Eltern erwarten das Kind. :wink:


dalischreibt hat geschrieben:und legten und dann auf unser Sofa. Wir waren ein wenig müde (...) Stundenlang lagen wir so da.

Also wenn ich müde bin, könnte ich nicht noch stundenlang daliegen, egal wie bezaubernd die Person neben mir ist. :wink:
Vorschlag: Ich hätte stundenlang so daliegen mögen.


Soweit mal zur Zerpflückung des Textes. Noch ein paar Worte zum Epilog: Ich finde ihn an für sich sehr gelungen, aber - sorry, falls das jetzt etwas hart klingt - die Reimform geht für mich gar nicht. Gute Lyrik zu schreiben ist wahnsinnig schwierig (ich selbst kann es definitiv nicht!) und für mich klingt das in deinem Fall doch sehr erzwungen und macht beinahe die Stimmung der letzten Worte kaputt. Daher wäre mein Vorschlag, diesen Abschnitt entweder nochmal sehr gründlich zu überarbeiten oder aber die Reime wegzulassen (was im Endeffekt natürlich auch einer gründlichen Überarbeitung bedarf).


Ich hoffe, ich konnte dir mit meinen Anmerkungen weiterhelfen. :)

Liebe Grüße
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Re: In Liebe.

Beitragvon dalischreibt » 14.12.2014, 19:44

Liebe Julia89,

vielen Dank für deinen Beitrag und deine zahlreichen Anregungen!
Es freut mich, dass dir mein Text gefallen hat und dass du dich (dennoch) so kritisch damit auseinandergesetzt hast. Vielen Dank!
Es sind mir eine Reihe grammatikalischer Fehler unterlaufen, wie ich durch deinen Kommentar festgestellt habe- die ich eigentlich hätte vermeiden können :wink:
Aber man selbst ist ja manchmal in seinem Text gefangen ;)
Ebenso wie bei den häufigen Wortwiederholungen in einem Satz. Diese fielen mir weder auf, noch störten sie mich, als du mich darauf hinwiest- bis ich eben einen anderen Text las und es mir dort 1. auffiel und 2. auch nicht gefiel...
Das Thema des Textes ist das eine, aber stilistisch gut zu schreiben braucht wohl viel Übung und auch die Sicht von außen! Daher ist dein Kommentar auch so wertvoll für mich- dies ist nämlich die allererste Geschichte, die ich je in meinem Leben geschrieben habe!! :XD:
dalischreibt hat geschrieben:
...und uns Geschichten erzählten. Meine Frau war wunderschön.

Das geht für mich zu schnell. Ich denke gerade noch darüber nach, welche Art von Geschichten sie sich wohl erzählt haben und dann kommt plötzlich wie schön sie war...
Hier wusste ich einfach nicht weiter, welche Geschichten ich erzählen soll bzw. wollte ich auch nicht zu weit abdriften und die Geschichte insgesamt bald zu einem Ende führen. Das ist wohl aufgefallen :) Ebenso hier:
dalischreibt hat geschrieben:
und legten und dann auf unser Sofa. Wir waren ein wenig müde (...) Stundenlang lagen wir so da.

Also wenn ich müde bin, könnte ich nicht noch stundenlang daliegen, egal wie bezaubernd die Person neben mir ist. :wink:

Wenigstens das ist mir gelungen
dalischreibt hat geschrieben:
Nie wieder war so wenig Weihnachtsschmuck so kostbar gewesen.

Schön. :)
:lol:
Danke auch für deine Kritik am Epilog. Ich schreibe so Reime immer in Sekunden runter und finde es witzig- anscheinend ist dies aber nicht immer so passend... :oops:
Ich werde den Text überarbeiten- und weiter üben :D

Vlg, dalischreibt
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Re: In Liebe.

Beitragvon julia89 » 14.12.2014, 20:31

dalischreibt hat geschrieben:Aber man selbst ist ja manchmal in seinem Text gefangen ;)
Ebenso wie bei den häufigen Wortwiederholungen in einem Satz. Diese fielen mir weder auf, noch störten sie mich, als du mich darauf hinwiest- bis ich eben einen anderen Text las und es mir dort 1. auffiel und 2. auch nicht gefiel...

Mir geht es oft nicht anders. Ich lese meine Texte und finde sie eigentlich gut und dann schaut jemand anderes drüber und findet tausend Stolpersteine. :lol: In fremden Texten fällt einem sowas viel viel eher auf als in den eigenen.

dalischreibt hat geschrieben:Das Thema des Textes ist das eine, aber stilistisch gut zu schreiben braucht wohl viel Übung und auch die Sicht von außen! Daher ist dein Kommentar auch so wertvoll für mich- dies ist nämlich die allererste Geschichte, die ich je in meinem Leben geschrieben habe!!

Wenn das tatsächlich dein erster Text ist, dann mein ehrliches Kompliment. Ich schreibe seit Jahren und wenn ich heute die Texte lese, die ich vor zwei bis drei Jahren geschrieben habe, kann ich manchmal nur die Hände überm Kopf zusammenschlagen. :lol: Also immer weitermachen, schreiben, überarbeiten, schreiben und dann könnte das was Gutes werden! :)
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Re: In Liebe.

Beitragvon BrienaArdan » 16.12.2014, 09:15

Liebe Dalischreibt,

dein Text berührt mich sehr! Mir gefällt, wie du uns in die Gedankenwelt eines alten Menschen entführst, der in seinen Gedanken mehr in der Vergangenheit ist, als in der Gegenwart.

Gerade in Bezug auf die Gegenwart hat mich im Textfluss allerdings das Zeitgefühl etwas irritiert. Zunächst las ich deine Beschreibung:

dalischreibt hat geschrieben:Ich sehe...
ein junge Frau vor mir.
Blonde Haare.
Goldene Strähnen in ihren Haaren, wie Lametta, aber weicher, feiner, als gehörte es zu ihrem Haar.
Sie trägt die Haare offen.
So ist auch ihr Wesen- ihr Herz. Gütig und rein und von goldenem Glanz.
Sie trägt ein rotes Kleid. Der Stoff sitzt locker, bequem und doch voll Anmut.


Während ich das lese, stelle ich mir eine Frau vor, die mir gegenüber steht, mit blonden Haaren - in Portraitnähe, weil du die Haare so genau beschreibst.

dalischreibt hat geschrieben:Sie ist weit weg. Aber sie bewegt sich graziös, das kann ich deutlich sehen.
Ich gehe in ihre Richtung.


Jetzt bin ich etwas irritiert. Weit weg? Achso. Ok, du gehst also in ihre Richtung... Ich gehe jetzt mal davon aus, dass sie dir entgegen kommt, denn als alter Mann wirst du wohl kaum eine junge Frau in weiter Entfernung noch einholen können.

dalischreibt hat geschrieben:Ich möchte an ihr vorbeilaufen, so tun, als interessiere sie mich gar nicht für sie, und dabei einen näheren Blick erhaschen, oder mehr noch, fühlen, wie sie sich anfühlt.(...)
Ich nehme mir vor, die Augen zu schließen, wenn ich auf ihrer Höhe bin, um mein Gefühl nicht durch Äußerlichkeiten zu trüben. (...)
Ich gehe also weiter. Ich komme an einem Schaufenster vorbei und schaue kurz hinein. (...) Das Gehen fällt mir schwer. (...)
Ich komme an einem Kleidergeschäft vorbei. (...)
So ähnlich wie gerade. Obwohl ich gerne viel schneller voran kommen würde. Aber wenigstens komme ich der Frau auf der Straße, in ihrem wallenden Kleid und goldenen Haar, tatsächlich immer näher. (...)
(...) Ich sehe...
ein junge Frau.
Blonde Haare.
Goldene Strähnen in ihren Haaren, wie Lametta, aber weicher, feiner.
Sie trägt die Haare offen. (...)
Sie ist nicht mehr weit weg. Und sie bewegt sich graziös, das kann ich deutlich sehen.(...)
Jetzt bin ich bei ihr und ich fühle.


Es fällt mir schwer, mir diese Szene vorzustellen. Sie muss ja nah genug sein, dass du ihre Haare in diesem Detail schon am Anfang siehst, und doch weit genug weg, damit das für alle diese Zwischenschritte (Schaufenster, Kleidergeschäft, ...) zeitlich reicht. Rein vom Gefühl her würde ich sagen, dass eine Szene, die sich in weniger als einer Minute abspielt (Person läuft einem entgegen und man trifft irgendwann aufeinander), nicht zu einer langen Reflexion reicht. Es ist ja keine Beschreibung der Szene, sondern er denkt das ja wirklich, während er auf sie zugeht. Wenn sie an ihm vorbei gehen oder stehen würde, dann hättest du mehr Zeit - aber das würde vielleicht nicht zu deiner Geschichte passen.

Ansonsten sind mir noch Kleinigkeiten aufgefallen, die Julia und Susanna zum Teil schon angesprochen haben. Die präzise Nennung des Alters würde ich generell in Frage stellen. Als junger Mensch spielt es eine Rolle, ob man 17 oder 18 ist, aber aus Sicht eines alten Mannes würde ich vermuten, dass er wohl einfach wieder "jung" sein möchte, nicht unbedingt "18". Auch so Bezeichnungen wie "Schwupps" und "Lady" finde ich nicht so passend zu dem sonst so schön melancholischen Stil.

dalischreibt hat geschrieben:Wie es sich anfühlt, ihr Gefühl zu spüren.

Die Stelle finde ich super! Vielleicht etwas zu viel "Gefühl", aber gerade dieser Satz beziehungsweise das Bild dahinter ist sehr schön.

Viele Grüße,
Briena
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Re: In Liebe.

Beitragvon dalischreibt » 16.12.2014, 23:20

Hallo Briena,

erst einmal vielen Dank für deinen Kommentar- es freut mich, dass dich mein Text berührt hat!
Ich wusste zu Anfang selber nicht, was ich schreiben würde. Ich hatte lediglich dieses Bild einer Frau in rot und gold im Kopf, wie ich es in der Anfangsszene beschreibe. Als ich dann bei einem alten Mann landete war ich selber ein wenig erstaunt:) Nun gut.
dalischreibt hat geschrieben:
Ich sehe...
ein junge Frau vor mir.
Blonde Haare.
Goldene Strähnen in ihren Haaren, wie Lametta, aber weicher, feiner, als gehörte es zu ihrem Haar.
Sie trägt die Haare offen.
So ist auch ihr Wesen- ihr Herz. Gütig und rein und von goldenem Glanz.
Sie trägt ein rotes Kleid. Der Stoff sitzt locker, bequem und doch voll Anmut.


Während ich das lese, stelle ich mir eine Frau vor, die mir gegenüber steht, mit blonden Haaren - in Portraitnähe, weil du die Haare so genau beschreibst.

Ich habe mir hier eine Frau vorgestellt, die in etwas größerer Entfernung auf z.B. einem Marktplatz steht. Das Gold im Haar kann man sehen, weil es im Dunkeln angestrahlt wird und glänzt.
ABER: Ich möchte hier bewusst verwirren! Das Wesen der Frau (ebenso wie die Details des Haares) kann der Ich-Erzähler nicht (er)kennen! Möglicherweise ist die Frau nur eine Illusion- oder eine Mischung aus Realität und Erinnerung des Mannes an die eigene Frau...
dalischreibt hat geschrieben:
Sie ist weit weg. Aber sie bewegt sich graziös, das kann ich deutlich sehen.
Ich gehe in ihre Richtung.


Jetzt bin ich etwas irritiert. Weit weg? Achso. Ok, du gehst also in ihre Richtung... Ich gehe jetzt mal davon aus, dass sie dir entgegen kommt, denn als alter Mann wirst du wohl kaum eine junge Frau in weiter Entfernung noch einholen können.

Die Frau steht auf dem Marktplatz und bewegt sich, weil...- sie Geschenke an Kinder verteilt, zum Beispiel. Das habe ich leider nicht erklärt. Sie bewegt sich quasi nicht weg von der Stelle, weshalb der Greis, mitsamt all seinen Erinnerungen im Kopf und im Herzen, ganz langsam auf sie zugehen kann- und auf 'seine' Frau in der Erinnerung- oder nur auf diese?
Ich strecke meinen Arm nach ihr aus und sie lächelt mich an! Ich schließe die Augen.
Das klingt für mich auch nicht unbedingt nach einer realen Begegnung.
Ich wollte bewusst die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart verwischen und offen lassen, was nun 'real' passiert/ was Bedeutung hat. Zumindest dies scheint mir gelungen :)
Macht diese Lesart für dich nun mehr Sinn?

Lg dalischreibt
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Re: In Liebe.

Beitragvon BrienaArdan » 17.12.2014, 21:40

Hallo Dalischreibt,

schön dass du so schnell antwortest :-)

Ja, das macht nun mehr Sinn. Den Marktplatz kann ich mir sehr gut vorstellen!

Viele Grüße,
Briena
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