12. Juni – Liebes Tagebuch,
dass mit den kalten Löffeln auf den Augen hat einigermaßen geklappt. Sie schwellen tatsächlich ab und ganz so rot sind sie auch nicht mehr. Aus vorbei – alle Träume zerplatzt. Die Anzeige ist nicht mehr da. Er wird wohl jetzt seine Traumfrau gefunden haben. Warum habe ich nicht angerufen? Dabei habe ich mir so viel Mühe gegeben. Ich bin mittlerweile blond, sportlich (na ja fast – immerhin jogge ich jetzt regelmäßig), und mein Englisch ist deutlich besser geworden. Sollte wohl nicht sein. Er hätte sich sicher sowieso nicht mit mir abgegeben. Und nächste Nacht schlafe ich auch wieder besser. Vielleicht sollte ich Jens mal anrufen.
19. Juni – Liebes Tagebuch,
jaaahaaa er ist wieder da. Das war dann wohl doch nicht die Richtige für ihn. Oh ja, ich kann mir gut vorstellen, wie sie ihn bezirzen wollte. Hat bestimmt mächtig angegeben und musste dann einsehen, dass er doch etwas anderes wollte. Nämlich mich! Er weiß es nur noch nicht. Eigentlich wollte ich sofort anrufen. Aber ich warte noch eine kleine Weile. Er hat jetzt sicher erst mal die Nase voll. Immerhin hat es ja über eine Woche gehalten. Gut, dass ich sein Bild noch gespeichert hatte.
26. Juni – Liebes Tagebuch,
zufällig traf ich Alex, den Bruder meiner alten Freundin Dora in der Straßenbahn. Und mir fiel ein, dass er ja früher in einem Bogenschützen-Verein war. Hab ihn gleich mal gefragt, ob sie noch neue Mitglieder aufnehmen – Dienstagabend gehe ich zum ersten Training. Macht bestimmt ne Menge Spaß.
03. Juli – Liebes Tagebuch,
langsam wird es stressig. Ich habe kaum noch Zeit für mich. Dreimal die Woche joggen. Dienstags zum Bogenschießen, Mittwochs zu den Weight Watchers (nur noch 4 Kilo bis zum Idealgewicht), Donnerstags in den Englischunterricht und am Wochenende in der „Schnapsdrossel“ kellnern. Mir fehlen nur noch 300 Euro.
Seine Annonce ist wieder regelmäßig da, aber der Text hat sich etwas geändert. Da steht jetzt: „Rufe mich an, wir treffen uns noch heute.“ Der arme Kerl ist bestimmt enttäuscht und einsam.
10. Juli – Liebes Tagebuch,
Montag ist es so weit. Ich soll um 10:30 Uhr in der Klinik sein. Ein bisschen Angst habe ich schon, aber es wird schon alles gut gehen. Und in ein/zwei Tagen bin ich wieder fit.
17. Juli – Liebes Tagebuch,
Alles o.k. Montag kommen schon die Fäden raus und es tut auch fast nicht mehr weh. War heute in der Stadt shoppen. Wow, einen BH in Größe 75 D habe ich noch nie gekauft. Es ist alles etwas ungewohnt, aber, meine Möpse stehen wie ne Eins und die Narben sind kaum zu sehen. Überhaupt dieser Laden war der Oberhammer. Dessous in allen Farben und Formen, unheimlich raffiniert. O.k. preiswert ist anders. Aber man muss halt auch mal investieren. Ich habe dann gleich mal ordentlich zugeschlagen. Der schwarze String muss ihn umhauen. Und mein Konto wird sicher auch bald wieder ausgeglichen sein, wenn ich weiter kellnern gehe. Bei der Oberweite bekomme ich garantiert auch mehr Trinkgeld.
21. Juli – Liebes Tagebuch,
es ist viel geschehen. Heute Morgen habe ich zuerst die Zeitung und die Brötchen geholt. Habe natürlich sofort nachgesehen, ob Frank wieder inseriert hat. Und ja, er war da. Nachdem Frühstück habe ich mich dann gleich umgezogen. Die neue Unterwäsche und das genauso neue, rote Kleid, dazu die Schuhe mit den sage und schreibe 10 cm hohen Absätzen. Ein dezentes, aber dennoch verführerisches make up habe ich auch aufgelegt. Ich dachte mir, wenn ich da jetzt anrufe und er vielleicht so was wie: „Oh, sie haben aber eine bezaubernde Stimme. Ich könnte sie, sagen wir mal, in einer halben Stunde abholen“, sagt, dann bin ich wenigstens vorbereitet. Aufgebrezelt saß ich also an meinem Schreibtisch und wählte die Telefonnummer, die ich mittlerweile auswendig wusste. Es dauerte eine Weile, in der ich mexikanische Musik hörte. Dann meldet sich eine etwas zu hohe weibliche Stimme: “Partnervermittlung Sonnenschein, was kann ich für sie tun?“ Liebes Tagebuch, du kannst mir glauben, mir fehlten die Worte, ich bekam erst mal kein gescheites Wort heraus. „Wie Partneragentur ...? Aber, ich dachte ...? Frank ...?“, stammelte ich in den Hörer. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass es keinen Frank gab. Dafür aber viele andere heiratswillige Kandidaten. Meine Telefonpartnerin machte mir ein Angebot. Wenn ich ein Inserat aufgeben bekomme ich 20% Rabatt, wegen der Enttäuschung. Sie sagte dann noch: „Dann beschreiben sie sich doch mal?“ Ich antwortete: Ich bin 24 Jahre alt, sehr sportlich, habe langes blondes Haar und Körbchengröße 75 D. Ich spreche perfekt englisch und in meiner Freizeit schieße ich gerne mit den Bogen. Ach ja – und ich laufe die 100 m in 13 Sekunden und das in High-Heels.
@Paloma – Februar 2010
