Hey Jacky,
wiedermal ein toller Artikel!
An der Stelle mit dem Bandwurmsatz musste ich an meine eigenen Erfahrungen beim Korrigieren denken. Ich habe mir natürlich auch erst viele Gedanken gemacht, wie der Inhalt besser werden kann und mir war klar, dass manches so nicht bleiben kann. Aber richtig tief hineinsteigen konnte ich zuerst noch nicht.
Deshalb möchte ich hier mal eine Empfehlung aussprechen: Mir hat Andreas Eschbachs 10-Punkte-Text-ÜV sehr geholfen. Dabei werden am ausgedruckten Text verscheidene Dinge in einem Abschnitt markiert. Sprachliche Dinge, Adjektive, Szeneneinstiege. Ich wiederhole, sie werden zunächst nur markiert. Unter anderem steht darin, dass ein Satz nicht über drei Zeilen hinausgehen sollte. Also macht man bei jedem Punkt einen senkrechten Strich. Ist ein Satz zu lang, macht man sich ein Zeichen. Später, also ruhig mit einer Pause dazwischen, überträgt man das an den Computer. Diese Arbeit mit der theorethischen Grundlage des Textes, der Sprache, sozusagen dem Abstrahieren des Textes, hat mir sehr geholfen, Abstand zu gewinnen. So kam ich beispielsweise zu der Einsicht, dass kein Satz länger als drei Zeilen sein darf, punktum. Ich habe sie wirklich alle nach Schema F behandelt und gekürzt oder gestrichen. Mir hat es wirklich geholfen, das von einer so theoretischen Seite zu sehen. Auch beim Kürzen ganzer Szenen hat mir der Abstand, den ich durch diese Methode gewonnen habe, sehr geholfen. Man sollte beispielsweise immer Probeweise den Einstieg in die Szene streichen, um zu sehen, ob man später einsteigen kann und am Anfang zu viel Blabla eingebaut hat. Das hieß im Kopf den Satz oder Absatz an und ausknipsen, sich immer wieder beides anzusehen. Zu deiner Frage: Nein, ein Kapitel könnte ich nicht streichen, aber einen Absatz vielleicht, eine Szene ja, wenn es sein muss und einen Satz immer, wenn es Sinn ergibt.
All das hat mir sehr geholfen. Ich will es mal so sagen: Vorher habe ich keine Adjektive geschrieben, keine Sätze, keine Präpositionlkonstruktionen oder sonst etwas. Ich habe mein Herzblut aufs Papier gebracht, oder wie Jacky so schön schreibt, pure Lyrik. Der Umgang mit der Theorie hat mir gezeigt, dass auch meine Herzblutlyrik aus Verben, Adjektiven, Substantiven usw. besteht und ich das, was die Geschichte ausmacht, das Gefühl, nicht verändere, wenn ich ein paar von den Bausteinen umstelle. Eine Geschichte ist kein Haus, das einstürzt, wenn man einen Stein wegnimmt, im Gegenteil, manchmal wird sie dadurch noch besser.
Außerdem habe ich noch einen fiesen Trick benutzt. Mein erster Probeleser war ein guter Freund. Manche seiner Tipps konnte ich gut annehmen, besonders die Tippfehler

Manchmal habe ich mich aber auch richtig über ihn geärgert, weil nun mal 1701 kein Mittelalter ist (wer ein bißchen aufpasst, kann sich das ausrechnen) und Anmerkungen wie "Das gab es im MA doch gar nicht" dann echt unpassend sind. Irgendwie habe ich das dann als gute Ausrede benutzt, ihm Inkompetenz in allem zu unterstellen. Irgendwann hab ich einfach mal blöde Kommentare unter seine geschrieben á la "Vollidiot! Guck mal nach, wann das Mittelalter war!". Ist fies, und ich hoffe, er erfährt das nie, aber danach habe ich mich ruhiger gefühlt, bin nicht bei jedem Mittelalterkommentar an die Decke gegangen, sondern konnte mich besser in die anderen Hinweise hineinfinden. Der Kumpel auf dem Papier, der ja irgendwie wie eine Buchfigur eine Gestalt annimmt, hat sich für seinen Fauxpas entschuldigt und danach konnte ich ihn wieder ernstnehmen. Klingt wahrscheinlich saublöd, aber so habe ich Abstand von meiner Geschichte und auch von der Wut bekommen, die einen manchmal überfällt, wen einem Probeleser das sagen, was man nicht wahrhaben will oder etwas, das man beschrieben hat, irgendwie nicht richtig verstanden haben, obwohl man glaubt, es SO deutlich geschrieben zu haben. Seht den Korrekturleser nicht als lebendigen Menschen, sondern das was er schreibt, als wäre er eine Buchfigur oder etwas wie ein unsichtbarer Freund. Aber vergeßt nicht, euch vorher bei dem echten Menschen zu bedanken

Ich weiß natürlich, dass ein echter, lebendiger Mensch dahintersteht, aber seine Korrekturen als virtuelles oder fiktionales Wesen zu sehen, hat mir geholfen, die Verletzung darüber (die der echte Mensch ja auch nicht beabsichtigt hat) zu verarbeiten und es keine Auswirkungen auf die Freundschaft im echten Leben haben zu lassen.