Auf einmal erinnerte ich mich an ein Märchen, das uns die Kindergärtnerin vorgelesen hatte. Dem Schneewittchen bot eine alte böse Hexe einen wunderschönen, glänzenden Apfel an. Der Apfel war aber vergiftet. Genau das! Das war die Erklärung, die einzige Erklärung für das, was ich gesehen hatte. Wie könnte es denn anders sein. Wie kommen denn sonst diese grauen, alten, hässlichen Hexen an die wunderschönen zauberhaften Tiere und Vögel aus Karamell. Bestimmt sind das verzauberte Märchenprinzen und Prinzessinnen. Die grauen Hexen lauerten ihnen auf und verwandelten sie in kleine Figürchen aus Karamell. Sie vergifteten sie und verkauften sie an die Kinder. Ich schaute die krummen Finger der Hexen an. Die rheumatischen Gelenke und die zugegeben langen Nägel haben meine auch ohnehin entzündete Fantasie beflügelt. Jetzt nach so vielen Jahren weiß ich nicht mehr, ob ich damals geweint habe. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ob mir meine Mutter vielleicht sogar ein böses Märchen aufgetischt hatte, um von dem sechsjährigen Bengel mal in Ruhe gelassen zu werden. Stellen Sie sich das nur mal vor, Sie gehen als Frau mit mindestens vier Taschen voller Lebensmittel, Toilettenpapier und Socken beladen nach Hause. Und irgendwann müssen Sie sich noch einen dritten Arm wachsen lassen um Ihr Kind davon abzuhalten den Bauch mit den Süßigkeiten vollzustopfen und das vor dem Abendessen!!
Ja, an vieles aus dieser Zeit kann ich mich nicht erinnern.
Aber Zwei Dinge weiß ich noch sehr gut. Ich habe seit dem Tag niemals mehr in meinem Leben selbstgemachte Karamelllutscher gegessen. Alles was nicht das sichere Siegel eines großen Kaufhauses hatte, alles was nicht niet- und nagelfest in einer Plastikhülle oder ähnliches verpackt wurde, war für mich seitdem Tabu. Es fiel in dem Sinne nicht weiter auf. Beim Essen war ich ansonsten wenig anspruchsvoll. Ich aß alles. Meinen Teller hinterließ ich gewöhnlich blank geputzt. Und für meine Mutter war es nun leichter mit nur zwei Händen auszukommen.
Das Zweite was mir noch in Erinnerung blieb, war ein seltsamer Gedanke. Dieser geisterte noch wochenlang in meinem Kopf herum, bis er irgendwann in dem fröhlichen und chaotischen Gedankensalat eines Sechsjährigen verschwunden war.
Dieser Gedanke kam mir in den Sinn einen Tag nachdem ich die volle Wahrheit über die Hexen und die verzauberten Karamellprinzen erfuhr. Wir gingen mit meiner Mutter einige Strassen von dem schrecklichen Ort der grauen Hexen entfernt zu der Bushaltestelle. Ich weiß nicht mehr wie das Wetter an diesem Tag gewesen ist. Wir beeilten uns sehr. In drei Minuten mussten wir an der Haltestelle sein. Um Schritt zu halten musste ich fast schon laufen, während meine Mutter einfach nur gezielt vorwärts ging. Ich dachte in dem Augenblick an die Geschichte von Gulliver. Wie schön wäre es so groß zu sein, um nur in drei, vier Schritten die Haltestelle zu erreichen. Man muss dann nicht laufen, der Bus fährt einem auch nicht vor der Nase weg und… Etwas riss mich aus meiner Traumwelt. Eine Frau, deren Gesicht ich nicht wirklich deutlich gesehen habe, führte einen Jungen in meinem Alter an der Hand. Sie trug einen roten Hut mit breiter Krempe, so dass nur die Nase und der Mund noch zu erkennen waren. Meine ganze Aufmerksamkeit zog der Junge auf sich. Meine Mutter schleppte mich immer weiter und wir liefen fast, um den Bus noch rechtzeitig zu erwischen. Aber das was ich gesehen habe, schien mir nicht nur eine Sekunde sondern einige Minuten zu dauern.
Die Augen des Jungen waren noch rot von Tränen. Diese trockneten bereits auf seinen vollen Wangen. Seine kleinen Ohren, die spitze Stupsnase und das runde Gesicht ließen mich an eines der drei Schweinchen denken. Er strahlte das vollkommene und uneingeschränkte Glück aus. Den Grund dafür hielt er in den Händen. Es war ein großer, rosaroter Karamellvogel. Wie der Prinz in einem roten feierlichen Gewandt wölbte dieser die stolze Brust. Die angedeuteten Flügel waren fast wie die Saumecken des königlichen Umhangs. Der Kamm erinnerte an die strahlende Krone aus Edelsteinen. Es war ein Prinz, ein verzauberter Prinz. In dem Augenblick war ich mir dessen hundertprozentig sicher. Irgendwo war sein Schloss, seine Diener und Bauern, seine Prinzessin und… Das dicke Kind, eines der drei lustigen Schweinchen, führte den Prinzen noch näher an den Mund und biss ihm mit einer einzigen ruckartigen Bewegung des mächtigen Schweinchen-Kiefers den Kopf ab. Es ertönte ein trockenes Knacken. Einige winzige, blutrote Karamellsplitter flogen seitwärts und ein kopfloser Prinz verschwand in den Händen des Riesen-Schweinchens aus meinem Blickfeld. Noch einen Augenblick später glaubte ich das leise Knirschen der Milchzähne auf Karamell zu hören.
Den Bus hatten wir verpasst.
