Längst hatte er sich aus dem Hause gestohlen - dieser liebliche Duft. Dieses Bukett aus Zimt, Anis und Lebkuchen. Das Naschwerk, dem es einst entflohen, schmolz schon vor Wochen in klebrigen Kinderhänden und Kindermündern dahin. So wie auch das Schneebrett auf dem Dach in langen Nasen über den Giebel hinweg schmolz und auf die welke Tanne tropfe, die da vor dem Fenster lag und sich in den ersten Sonnenstrahlen des neuen Jahres bräunte.
Das Licht schlicht sich, über die Tanne, unter dem Giebel entlang, in Anuschkas Zimmer, die da saß, es in ihren großen Augen empfing und auf den kleinen Tisch zurückwarf, der ihr zu Füßen stand. In ihrem Magen tanzte der Hunger, in ihrem Mund lief das Wasser zusammen, wo sie den großen Schokoladen-Weihnachtsmann erblickte, der da seit Wochen ihr Bett bewachte. Er, den sie oft mit ihren Fingern liebkost, an dessen Schleifchen der Folie, in der er verhüllt, sie gezupft. Nur um es dann doch nicht zu öffnen. Sie nahm in wie eine Puppe in den Arm. Schaukelte ihn, drückte ihn an sich, roch an ihm - verdrehte die Augen und stellte ihn wieder auf den Tisch. "Nein!" So prächtig wie er bemalt, verziert - so sorgsam er gegossen, so detailliert. Sie traute sich einfach nicht ihn zu verspeisen. In ihrem Kopf schrie und schluchzte die kleine Figur - flehte Anuschka an, sie möge ihn nicht mit ihren weißen Zähnen zerknacken.
Anuschka erhob sich, zog die kleinen Pantoffelchen an ihre Füße, schlich über die lange Treppe in die Küche hinab und stecke sich einige Mandeln in den Mund, die sie genüsslich -wieder und wieder- zermalmte und herunter schluckte. Noch einen kleinen Schluck Milch eingeschenkt, folgte sie ihren Spuren zurück ins Obergeschoss, in ihr kleines Zimmer, ihr großes Bett. Und wo sie sich nieder legte, um den ganzen Nachmittag zu verschlafen, spürte sie, wie jemand an der Bettdecke zupfte, unter die sie sich gerade erst verkrochen hatte. Sie wollte sich aufrichten, nachsehen, doch lag wie versteinert auf der Matratze und konnte nicht einen einzigen Finger bewegen. Nicht einmal schreien, nicht einmal weinen. Sie spürte wie etwas unter die Decke schlüpfte, sich an ihren Beinen, über ihren Bauch entlang schob und plötzlich sich direkt vor ihrem Gesicht aus dem Überzug puhlte. Es war der alte Schoko-Weihnachtsmann, der ihr nun direkt in die Augen starrte. Er hatte sich aus Verpackung befreit, sein Gesicht voller Blasen und Löcher. Seine Arme, seine Beine waren überzogen von einer hellbraunen, trockenen Masse abstoßender Textur. Er lachte, röchelte, streckte die Hand aus, um Anuschas Kinn mit seinen Stumpen, die wohl einst Finger waren, zu berühren.
"Na? Hast du wohl gedacht, du könntest mich bis ans Ende aller Scholodade ignorieren, Anuschka? Dachtest, die Sonne wird mich bis zur Unkenntlichkeit entstellen, auf dass du es dann vielleicht wagen würdest? Nun, hier bin ich! Willst mich nicht essen, so sollst du mich in dein Bettchen lassen."
Er legte sich auf ihren Hals, an den Kehlkopf, der da auf und ab rollte. Umklammerte ihn .... drückte zu. Fester und fester. So fest, dass ... ja, so fest, dass sie aufwachte, schrie, aufsprang und um den Tisch schimpfte. Sie riss die Folie von der Figur, kniff die Augen zu und biss ihm endgültig den Kopf ab!
Und nun wollt ihr vielleicht wissen, wie der Bösewicht aussah, bevor ich (ähmmm Anuschka) ihm den Kopf abgebissen habe.
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