Kranke Welt – Teil I
Ich hasse meine Hüfte, ich hasse dieses Bein. Ich hab es einfach nicht unter Kontrolle.
Seine Gedanken kreisen immer wieder an diesem Morgen um seine Verstümmelung.
Nicht einen Schritt kann ich ohne humpelnde Bewegungen gehen. Und dieses Wetter da draußen macht die Schmerzen dazu unerträglich.
Mit dem Eintreten in das Gesprächszimmer wird seine miese Laune im Moment viel besser.
Gleich werden sie da sitzen und mir ihr Leben erzählen.
All diese Frauen, klein, dick und mit dunklen Haaren.
Ich sehe sie förmlich vor mir, denkt er. In sich zusammengesunken, dunkle Ringe unter den Augen und unbeholfen in der Mimik und Gestik.
Ich hab sie fein säuberlich ausgesucht. Nicht allzu viel kognitives Vermögen, wenig Selbstbewusstsein, keine körperlichen Vorzüge.
Es strömt förmlich ein Strahl von Genugtuung durch seinen Körper.
Es klingelt an der Tür.
Dann kann es ja losgehen. Noch schnell den Tee in die Thermoskanne gefüllt und neben meinen Thron gestellt, denkt er.
Ein Blick auf die Tagesagenda verrät: Zunächst heute zum Frühstück die stämmige Ursula, die so gerne einkauft und anschließend gar keine Befriedigung erfährt.
Dampfend und mit nassem Pony steht sie an der Tür und füllt sofort mit ihrem penetranten Deo den Raum. Es ekelt ihn kurz. Trotzdem sagt er mit butterweicher Stimme: „Schön, dass sie gekommen sind. Wie geht es ihnen heute?“
Sie überlegt nicht eine Sekunde und es bricht aus ihr heraus: „Ach, Dr. Blatt, ich kann nicht mehr. Ich habe so auf den Termin heute bei Ihnen gewartet. Tag für Tag habe ich daran gedacht, wie gut mir die Gespräche mit Ihnen tun.“
Ah, denkt er, wie wohl das tut. So soll es sein, keinen Gedanken an Selbsthilfe verschwenden.
„Nun, Frau Konsum, an was konkret haben sie denn gedacht, als sie an das Gespräch heute mit mir dachten?“
Hoffentlich an mein gutes Aussehen und meine unwiderstehlichen blauen Augen.
„Fühlen sie sich hier behütet und verstanden?“
Du dumme Pute, sag schon endlich, dass du mich brauchst.
Unter ihrem viel zu engen roten Pullover quillt das Menopausenfett hervor.
„Ich habe an die so beruhigende Atmosphäre in ihrem Zimmer gedacht. Sie sind ja so ein Blumenfreund. Es ist eine Oase der Ruhe und ihre Fragen regen mich zum Nachdenken an. Irgendwie habe ich den Eindruck, ich kann gar nicht mehr ohne sie leben.“
„Frau Konsum, ich hoffe es stört sie nicht, wenn ich meinen Hals-Tee trinke. Sie mögen doch bestimmt keinen. Sprechen sie weiter, das entlastet.“
Fette Otter, das fehlte auch noch, dass du mit deinen Fettlippen aus meinem Becher trinkst. Besorg dir lieber im Reformhaus einen Entfettungstee.
„Ich war wieder im Kaufhaus.“, sagt sie ganz leise und schaut ihn von unten her an.
„Das kann passieren, dass man Besorgungen im Kaufhaus machen muss, Frau Konsum.
Wie ging es ihnen damit? Wie lange haben sie sich dort aufgehalten und was haben sie gekauft?“
Sie antwortet nicht. Ihr feistes Gesicht richtet sie zum Fenster. Sie schämt sich und sucht in dem Raum eine Ecke, in der sie sich verkriechen könnte.
Ihr geht durch den Kopf, wie kann ich ihm sagen, dass ich zehn Paar Seidenstrümpfe gekauft habe, die mir nicht einmal passen. Ich hasse meine dicken Schenkel.
Ob er auf mollige Frauen steht? Überlegt sie noch, als ihre Lippen sprechen, ohne dass ihr Gehirn den Befehl dafür gegeben hat: „Nun, was man so für den Alltag braucht. Putzmittel, Geschirrtücher und für mich noch einen Schokoriegel.“ Klingt nicht so schlimm wie zehn Paar Seidenstrümpfe, denkt sie.
„Diesmal keine Reizwäsche, Frau Konsum?“
Wie kann sie nur glauben, dass ich ihr erbärmliches Lügenspiel nicht durchschaue. Komm, gib endlich zu, dass du etwas gekauft hast, was dir nicht passt. Wie auch bei deiner Figur.
„Nein, Dr. Blatt, diesmal nicht. Ich bin völlig entspannt in das Kaufhaus gegangen und habe nur die Dinge gekauft, die ich tatsächlich nötig hatte. lügt sie ihn an. Ja, ich weiß, sie haben schon so oft gesagt, es wird ein Rückfall kommen und ich soll es zulassen. Ich soll es akzeptieren Dafür haben wir ja unsere Termine, damit wir es besprechen können.“,
„Und sie kommen doch gerne?“
„Na ja, Dr. Blatt, ich wäre schon froh, wenn ich Fortschritte in meinem Verhalten sehen könnte und sie nicht mehr belasten müsste.“
Blöde Gans, was bildest du dir ein. Bist dumm im Kopf und brauchst zu deiner Befriedigung Reizwäsche. Wer soll dir da noch helfen.
„Das müssen wir jetzt mal so stehen lassen. Die Zeit ist um Bringen sie doch zum nächsten Mal den Kassenzettel aus dem Kaufhaus mit, wenn sie wieder Besorgungen für den täglichen Bedarf machen. Dann können wir Kaufmuster ableiten und ich kann ihnen besser helfen.“
Und ich kann dir vor Augen führen, dass du mich brauchst, geht es ihm mit Genugtuung durch den Kopf.
„Auf wieder sehen und eine schöne Woche noch.“ – Und denk mal über eine Diät nach, du Schwimmringträgerin, hätte er fast noch hinzugefügt.
Gerade hat er mit der Klinke die Tür geschlossen und sich darüber gefreut, dass es wie schon so oft keine Änderung in den Verhaltsmustern von Frau Konsum gegeben hat, da klingelt es schon an der Tür.
Das kann sie noch nicht sein. Sie klingelt exakt vier Minuten vor der Sprechstundenzeit. Sie, die er in ihren Verhaltensmustern, in ihrem Denk-und Lernvermögen so leicht eingeschätzt hatte. Sie ist so willig, sich immer und immer wieder von mir quälen zu lassen. Mit einer Hingabe von Untertänigkeit kommt sie Woche für Woche und lässt sich von mir demütigen. Dabei schaut sie aus ihren glubschenden Augen auf meinen Körper und glaubt, ich bemerke nicht, dass ihr erotische Phantasien durch den Kopf gehen.
Auf sie freut er sich heute ganz besonders. Es macht ihm außergewöhnlichen Spaß, sie nach jedem Lerneffekt, deren Impulse er äußerst klein anlegt, wieder in eine depressive Phase zu stoßen.
Nun, wie auch immer, ich öffne und hoffe auf eine vergnügliche Stunde.
Vor ihm steht die Nachbarin.
„Herr Blatt, eine kleine gutaussehende Frau hat diesen Brief für sie abgegeben.“
„Danke, Frau Nachbarin.“
Er schließt die Tür und öffnet den Umschlag. Folgender Text ist aufgedruckt:
Dr. Blatt
Weltuntergangstr. 17
0815 Therapiestadt
Sehr geehrter Dr. Blatt,
hiermit erlaube ich mir, Sie zu einem Arbeitswochenende einzuladen.
Termin: 31.05.09
Beginn: 10.00 Uhr
Ende: offen
Ort: Schloss an der See, Kap Arkona
Mit freundlichen Grüßen
Asakhe Mopita
