Hallo,
der zweite Teil des Anfangs. Ich bitte um erbarmungslos konstruktive Kritik.
Trotz der Verbundenheit mit Ethan durch unser Studienfach – so ähnlich war es gar nicht, wie wir später feststellten – beschlich mich ein Gefühl der Unsicherheit. Er stand vor mir, breitbeinig und ein Stück größer wie ich. Er schien mich zu mustern, was mich, auch bei anderen Personen, meist sehr verunsicherte. Ich wollte unsere Konversation nicht einschlafen lassen, aber um sie fortzusetzen, kam mir nichts Passendes in den Sinn.
„Wir sollten an Deck gehen, sonst verpassen wir das Ablegen“, sagte er.
Ich nickte.
An der Reling stand Dr. Phillip Warner und ich machte ihn mit Ethan bekannt. Phillip war ein unkomplizierten und sympathischen Mensch. Er sprach unverblümt aus, was er dachte, das aber auf eine Art, die man ihm, selbst bei harscher Kritik, kaum übel nehmen konnte. Ich glaube, so etwas ist ein beneidenswertes Talent. Eines, was ich leider bis heute nicht besitze.
„Ich hoffe, in euer Kabine ist mehr Platz als in meiner“, sagte er lächelnd.
„Ich hatte es noch schlimmer erwartet“, entgegnete Ethan.
„Müssten wir nicht mehr Leute sein?“, fragte ich. Ich sah nur ein paar Leute der Mannschaft und weiter vorne wieder die beiden Frauen.
„Professor Jubrick wird erst in Bergen oder Reykjavik an Bord kommen.“
„Ich hoffe, ich werde auch mal so wichtig“, sagte Phillip. „Ich muss schon betteln, wenn ich mal zu einem Kongress fliegen will, statt stundenlang in einem Zug zu sitzen.“
Scheppernd schob die Mannschaft die Gangway auf den Kai und über die Sprechanlage hörten wir den Kapitän Befehle erteilen.
„Was macht ihr eigentlich?“, fragte Phillip an Ethan gewandt.
„Wir vermessen die Tiefseekatarakte. Jubrick hat eine Theorie über die Klimaerwärmung entwickelt, die er damit zu beweisen versucht.“
Zur Vermessung hatte die Caph Hunderte kleiner Bojen an Bord, die mit Hilfe des Tauchbootes ausgebracht werden sollten. Ich hielt dieses Projekt für ungleich interessanter wie mein eigenes, schon wegen des U-Bootes.
Die Leinen fielen ins Wasser. Das Bugstrahlruder drückte den Bug ins Hafenbecken hinaus und mit dem Hauptdiesel gewannen wir an Fahrt. Laut schallte das Horn von den Häuserreihen wider und ich zuckte erschrocken zusammen.
Ich hatte das Verlangen jemandem zu Winken, aber da war niemand. Wir waren auf einem Forschungsboot, auffällig in blau, weiß, rot gestrichen und groß genug, um nicht übersehen zu werden, aber etwas Besonderes wie ein Luxusliner waren wir wohl nicht.
„Ich habe Hunger“, sagte Ethan. „Wann gibt es was zu essen?“
„Ich vermute, es gibt gar nichts zu essen. Bei den Mengen, die sie vorhin verladen haben, wird der Koch die ganze Nacht brauchen, um aufzuräumen“, erwiderte Phillip trocken.
„Aber wir sollten doch nur für das Mittagessen etwas …“
„Er macht nur einen Scherz“, sagte ich rasch. Es überraschte mich, dass man Ethan so schnell verunsichern konnte.
Die Sonne stand tief über dem Horizont. Trotzdem war es für Anfang September ausgesprochen warm. Genau genommen war es keine gute Jahreszeit, um an die grönländische Küste zu fahren, doch die Projekte, die wir alle planten, verlangten aus unterschiedlichen Gründen diese Jahreszeit. Wegen der zu erwartenden Herbststürme hatte die Forschungsgesellschaft um eine seefeste Mannschaft geworben, doch es war weder genauer spezifiziert noch überprüft worden, ob man seetauglich war. Ich glaube, ich hatte bis zu diesem Tag nicht einen Gedanken daran verschwendet. Auf dem Papier war die Caph fünfundsechzig Meter lang, gut zwölf Meter breit und hatte beachtlichen Tiefgang und war für mich damit ein solides Schiff gewesen. Ich hatte damit gerechnet, dass wir von normalem Seegang nicht viel mitbekommen würden. Leider irrte ich und das stellte ich auch schon eine gute Stunde nach Abfahrt aus Kiel fest. Die Caph stampfte merklich gegen die kurzen Wellen der Ostsee. Das flaue Gefühl, das mich beschlich, schob ich auf den schlechten Kaffee und einen leeren Magen.
„Ich sollte meine Sachen ausräumen“, meinte Phillip. „Der Kapitän hat für heute Abend so etwas wie einen bunten Abend geplant, damit wir uns kennen lernen können.“
„Hast du kontrolliert, ob alle Pakete angekommen sind?“, fragte ich.
Phillip drehte sich wieder um. „Gute Frage; die meisten Sachen waren schon verladen, als ich ankam. Wir müssen das morgen früh klären. Wenn noch was fehlen sollte, muss die Uni es nach Bergen schicken.“
Es hatte ein ziemliches hin und her mit der Spedition gegeben. Erst waren sie mit einem zu kleinen LKW erschienen, dann hatten sie einige Kisten vergessen und waren ein zweites Mal gekommen.
„Ich werde auch auspacken gehen“, sagte Ethan und ich folgte ihm mit gleicher Absicht in die Kabine.
Wir brauchten lange in der engen Kabine, zum einen weil die Schränke nicht ausreichend Platz boten, zum anderen weil wir uns wegen der Schiffsbewegungen dauernd stießen. Ich setze mich schließlich, wartete bis Ethan fertig war, und räumte dann einige der dicken Wintersachen zurück in den Seesack und unter das Bett.
Gleichfalls unangenehm waren die dünnen Wände, insbesondere zur Toilette. Ethan urinierte und ich konnte deutlich verfolgen, wie er sein Geschäft verrichtete. Mir war das peinlich, vor allem weil auch ich früher oder später auf Toilette gehen würde.
Ich nutzte diese Zeit auf unfeine Weise und schlug den Block auf, der auf dem Tisch lag. Ich wollte nichts Bestimmtes erfahren, wollte einfach etwas mehr über Ethan erfahren. Seine Handschrift war klein und von schreibmaschinenhafter Grazilität. Jede Zeile des karierten Papiers war genutzt; nicht wie bei mir, der immer eine Zeile freiließ, weil ich die Anfangsbuchstaben unnötig groß schrieb. Der kleine Rucksack auf einem der Stühle stand offen und ich sah einen Krimi von Ann Granger und einen von Reginald Hill, den ich selbst schon gelesen hatte. Sehr unterhaltsam, wie ich fand.
Ethan war vom Aussehen nach am ehesten der Typ Frauenschwarm – ich war wohl nie das, was ein Frauenschwarm war – und nach seinen Notizen war er akribisch genau, also eher der Typ Streber, was beides für mich nicht so recht zusammenpasste. Zumindest ließ nichts davon einen Rückschluss darauf zu, ob ich mit ihm auskommen würde oder nicht.
Ich hörte, wie Ethan die Spülung betätigte. Viel zu hastig stieg ich die kurze Leiter hinauf und stieß mir den Kopf an der Decke.
„Umfallen kann man darin nicht“, sagte Ethan.
„Ich fürchte, man kann auch nichts darin tun, was man hier nicht mitbekommt.“
Gruß
AC
