[Klassenzimmer] Laboratorium - Prof. Ballater

Gemeinsam schreiben.

[Klassenzimmer] Laboratorium - Prof. Ballater

Beitragvon Ballater » 05.10.2015, 17:39

Guten Abend, Herrschaften und hinsetzen!
Reden ist nur dem gestattet, den ich frage und lassen Sie gefälligst ihre Finger von den Apparaten und Phiolen! Abmahnungen gibt es keine, wer sich nicht an meine Regeln hält, wird sofort des Raumes verwiesen und kann sich das OWL über Hexer und Zauberlehrlinge allein erarbeiten. Und das ist alles andere als einfach!

So, nun genug der Regeln, im Zweifelsfall hab ich sowieso immer Recht, also, hören Sie gut zu und zweifeln Sie nicht! Wir kommen nun zu der wichtigsten Aufgabe eines Schreiberlings, alles andere ist eh nur schmückendes Beiwerk und läppischer Firlefanz, wir kommen zur verantwortungsvollen Aufgabe der Schaffung von Figuren - Protagonisten, Antagonisten, Nebenfiguren und Statisten.

Sie schaffen Leben!

Zur Veranschaulichung haben wir uns dazu hier in dem Laboratorium von Viktor Frankenstein versammelt. Ein mahnendes Beispiel soll es sein, was passieren kann, wenn Sie zu unvorsichtig, zu hochnäsig und besessen an die Entwicklung Ihrer Figuren gehen. Fernab von Logik und Verstand kann eine Figur mit einer unbedachte Komposition der gewählten Dispositionen handeln - bleibt unberechenbar, unzähmbar, ein Monster!
Und selbst, wenn Sie beabsichtigen ein Monster soll Ihre Geschichte tragen, müssen Sie es - anders als unser guter, naiver Viktor - unter Kontrolle behalten. Ansonsten ist die Figur gleichzeitig auch der Tod des Schreiberlings!
Sie, meine Herrschaften, bestimmen über jeden Schritt Ihrer Figuren! Bestimmen ihr Aussehen, ihre Sprache, ihren Geist, ihre Emotionen, Erfahrungen, ihre Vergangenheit, Umwelt und Zukunft. Sie dürfen alles, alles, außer sich den Gesetzen der Logik entbehren!

Bei Professor Nion haben Sie bereits gelernt, wie Sie den Rahmen Ihrer Erzählungen einkreisen, bei mir lernen Sie, wie Sie die Handlungsträger schaffen. Ich bin Professor Ballater und werde Ihnen die Lehre von der Erschaffung von Leben näher bringen. Wir wollen keine leeren Beschreibungen verfassen, keine Momentaufnahmen skizzieren, dafür können Sie den Malkurs an der Schule für Luftschlösser besuchen, hier geht es um mehr, um Leben, um Spannung, um Gefühle .... um Magie! - RUHE!

Meine Herrschaften! Nehmen Sie teil an dem Leben Ihrer Charaktere, sie dirigieren den Verlauf der Geschichte und wir, die Erschaffer, dirigieren die Charaktere, lassen sie agieren, reagieren, interagieren und im Lauf der Dinge verwandeln sich Ihre Figuren, entwickeln sich - sollten sie jemals in ihrer Entwicklung stagnieren, sind sie keine handlungstragenden Figuren mehr!
Also! Lassen Sie Ihre Charaktere niemals stillstehen, so wie sie den Lauf der Geschichte beeinflussen, beeinflusst die Geschichte ihre Charaktere. Vergessen Sie nie, jede Handlung hat Ursache und Wirkung. Die Handlung einer Figur liegt in ihr, ist die Summe ihrer Erfahrungen und hat Folgen für sich selbst und auf andere, verursacht neue Erfahrungen und führt zur Weiterentwicklung der Welt, führt zu neuen Wahrheiten, Gefühlen, Maxime des Lebens!

*Räusper* Meine Herrschaften! Eine jede Geschichte braucht mindestens eine Figur. Skizzieren Sie Ihren Handlungsträger, Ihre Hauptfigur.
Zeichnen Sie sie und verwenden Sie dabei alle Dimensionen. Sollte Ihre Figur platt und eindimensional sein, vorausschaubar und Stereotypen entsprechen, können Sie ebenso gut auch schon den Axtmörder miterschaffen, der Ihre Hauptfigur gleich auf der ersten Seite hinterrücks meuchelt, so hat Ihre Figur wenigstens für einen kurzen Moment der Spannung gesorgt und auf der Seite ist auch noch ausreichend Platz für das Wort „ENDE“.
Für mehr sind solch platte Figuren nicht zu gebrauchen. Ihr Charakter muss in die Tiefe gehen, voller verworrener Erfahrungen und Gefühle sein, geprägt durch seine Vergangenheit und seine Umwelt.
Ihre Handlung folgt bereits der Beantwortung von zentralen Fragen. Ihr grober Plot, Ihr Handlungsrahmen ist damit eingerichtet. Die Antworten liefern Ihnen Ihre Handlungsträger.

Überlegen Sie sich im ersten Schritt , welche Voraussetzungen, Eigenschaften, Kenntnisse muss Ihre Hauptfigur erfüllen, damit sie die gewünschten Antworten auch geben kann, damit sie handeln kann, wie Sie es mit Ihren Plot vorgegeben haben.
Mischen Sie die Ingredienzien, wählen Sie sie mit Bedacht, dass Sie nicht von einer unliebsamen Verpuffung oder einem stinkendem Gebräu überrascht werden. Sie finden in den Gläsern, Phiolen und Flaschen in diesem Laboratorium alle nötigen Zutaten um Leben zu schaffen, das Antworten auf alle Fragen der Welt bietet. Suchen Sich Ihre Eigenschaften zusammen, die Sie brauchen und vergessen Sie dabei die Logik nicht!
Schauen Sie sich in Ruhe um und bringen Sie ihre Zutatenliste beim nächsten Mal mit und damit entlasse ich Sie aus der ersten Stunde über Hexer und Zauberlehrlinge.
Wenn Sie fertig sind dürfen Sie gehen und stoßen Sie nirgendwo an, wenn Sie den Raum verlassen... und ich habe immer noch nicht gesagt, dass einer von Ihnen reden soll!
Also, Ruhe auch beim Mischen Ihrer Zutaten und schauen Sie nicht beim Nachbarn ab, schließlich wollen wir alle Individuen schaffen!
Einen schönen Abend, bis zum nächsten Mal.

Ihr Prof. Ballater
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Re: [Klassenzimmer] Laboratorium - Prof. Ballater

Beitragvon Ballater » 08.10.2015, 20:20

Guten Abend, meine Herrschaften!

Bitte setzen und ... richtig, ich rede wieder... nur ich.
Beim nächsten Mal erwarte ich, dass ich nicht noch erwähnen muss, dass Ruhe einkehrt, sobald Sie das Laboratorium betreten. Wenn Sie kein Interesse haben, die Kunst des Schreibens, der Unterhaltung zu erlernen, brauchen Sie mit ihren Hintern auch nicht meine Bänke abzuwetzen und die kostbaren Ingredienzien vergeuden, die wir in den Tiegel des Lebens vermischen.

Mich wundert es eh, dass Sie immer noch so zahlreich erschienen sind. Anscheinend meinen Sie es doch ernster, mit Ihrem Dasein als Schreiberling, als ich es gewohnt bin. Die meisten geben auf, wenn sie hören, dass Schreiben Arbeit macht. Doch nur, wer zum einen Durchhaltevermögen beweist und zum anderen die grundlegenden Techniken beherrscht, ein festes Fundament an Hintergrundwissen hat, wird sich auch des Ergebnisses freuen können. Wem es noch nie oblag, eine Speise zu zaubern, braucht auch nicht zu meinen sich pfeifend und Löffel schwingend vor einen Topf stellen zu können und ein Menü zu zaubern, das wert wäre, es einem König zu kredenzen. Es braucht Wissen und Erfahrung, wenn auch eine kleine Portion Talent nicht verkehrt wäre. Aber, wie fast ein jeder mit viel Übung ein gutes Essen zubereiten kann, kann auch mit Übung die hohe Kunst des Schreibens erlernt werden. Denen mit Talent, geht es vielleicht schneller von der Hand, aber deswegen braucht niemand die Flinte ins Korn zu werfen. Vielmehr sollten Sie dem Weg dorthin mit Freude begegnen, denn die Freude am Schreiben ist die einzige unabdingbare Voraussetzung für einen guten Schreiberling. Wer sich nur einen guten Namen verdienen will, Ruhm und Ehre anhäufen möchte und goldene Münzen in seinen Säckel stopfen will, dessen Allerwertester ist hier so willkommen wie ein Pockenbazillus unter Deck eines Zweimasters auf den unendlichen Weiten zwischen Panama und Kamtschatka... Die Matrosen, die das überleben, haben dann aber auch wirklich eine Geschichte zu erzählen, die keine Dramatik vermissen lässt.

So, nun genug der allgemeinen Worte und Moralpredigten. Den noch nötigen Teil Ihrer Motivation sollten Sie fähig sein, sich selbst zu geben, die weniger bemittelten holen sie sich bitte bei Ihren sogenannten Freunden, Kommilitonen und der Familie ab, meine Zeit ist für sowas Subtiles zu kostbar.

Kommen wir zurück zu den Figuren, die Träger Ihrer Geschichten sind. Wir haben nach der letzten Stunde uns der Frage gestellt, welche Voraussetzungen muss Ihre Hauptfigur erfüllen, damit Ihr Plot aufgeht, damit die zentrale Frage der Moral der Geschicht‘ von Ihrem zentralen Charakter auch beantwortet werden kann. So, dass sich die Geschichte entwickeln kann, die Sie erzählen wollen und zeitgleich auch Ihre Figur daran wächst.
Wenn Sie es schaffen, eine Figur zu kreieren, derer ein jeder sich erinnert, selbst ohne die Erzählung dahinter zu kennen, dann sind Sie ein wahrer Künstler des geschriebenen Wortes.
Nur wer eine schlüssige Figur die Handlung des Plots vollziehen lässt, bannt den Leser. Andernfalls werden Ihre Figuren zu Statisten Ihrer Geschichte degradiert.

Sie haben die Ingredienzien einer Ihrer zentralen Figuren hier im Labor zusammengestellt. Wie ich sehe, sind dabei auch niemandem die Augenbrauen weggeätzt, so dürfte zumindest schon mal keinem von Ihnen einen der grundlegenden Anfängerfehler unterlaufen sein. - Wenn es sie schmeichelt, können Sie es als Lob annehmen. Mehr davon versprechen Sie sich lieber wieder von Ihren Freunden, die von Haus Ihnen eher freundlich gesinnt sein dürften, wie die Bezeichnung schon nahe legt.

Sie haben alle die Zutaten notiert? – Gut!
Schauen Sie sich ihre Liste nochmals an. Welche der Zutaten ist die wichtigste Wesensart Ihrer Hauptfigur zur Erfüllung der Moral Ihrer Geschichte? Kreisen Sie sie ein. Zur Not lasse ich auch noch zwei oder drei gelten – diesen Luxus sollten Sie sich allerdings nur gönnen, wenn Ihr Held mehr als einen zentralen Konflikt zu lösen hat.
Schauen Sie sich nun die übrigen Eigenschaften an ... Ich werde nun meine magische Gabe der Weissagerei nutzen und Ihnen prophezeien, dass alle Merkmale, die Sie zudem noch notiert haben, Sie selbst als positive Eigenschaften bewerten würden. Richtig?
- Ich werte mal Ihre verdutzten Gesichter als Zustimmung.

Nun folgt eine der schwersten Aufgaben in diesem Kurs. Den meisten Schreiberlingen fällt es schwer und sie sehen keine Notwendigkeit darin, aber es ist zwingend geboten...
Nun streichen Sie all diese zusätzlichen, positiven Charakterzüge von Ihrer Liste. - Ja, richtig. Die brauchen wir nicht. Sie sind Humbug! Sie machen Ihren Helden zu eine höchst Vergessens werten Figur und wir wollen Figuren schaffen, die nicht nur die Handlung Ihrer Geschichte bestenfalls überleben, sondern auch noch diejenigen, die sie geschaffen haben... Ja, ich meine Sie! Es ist allemal besser als ein Schöpfer einer unvergessenen Romanfigur in Erinnerung zu bleiben, als sich wie van Gogh dafür ein Ohr halb abzusäbeln.

Also, streichen Sie nun alle positiven Attribute, die Sie nicht brauchen, bis auf Ihrer Liste nur noch die zentrale Eigenart steht, ohne die Ihre Geschichte nicht funktionieren würde, ohne die Ihr Held unglaubwürdig werden würde. – Sie können ruhig etwas mutiger ran gehen, daran stirbt niemand und Ihr Held wird dankbar dafür sein, weil so kann er unvergesslich werden!

Warum glauben Sie, verlange ich gerade diese Unmenschlichkeit von Ihnen? Richtig, damit Ihr Protagonist menschlicher, interessanter wird. Wir wollen keine mutigen Ritter in golden schimmernder Rüstung, der stolz und tapfer die Welt rettet, der die hohe Kunst der Minne natürlich auch noch erfunden hat und der scheuen Prinzessin im Sturm das Herz raubt und sie dann auf Rosen bettet und zehn ebenso stolze, kleine Ritterlein mit ihr zeugt.
Das sind Märchen, da gab es genug Schreiberlinge vor Ihnen, die das schon erzählt haben und Sie wollen sich doch bestimmt nicht anmaßen, sich mit den Gebrüder Grimm vergleichen zu wollen!
... So schlecht sind Sie auch nicht als Geschichtenerzähler, ansonsten würde ich Sie wohl kaum in mein heiliges Refugium lassen. – Und gewöhnen Sie sich bloß nicht an die Lobdudelei, die wird schneller vorbei sein, als Ihnen lieb ist.

Und nein, wir wollen auch keine Zauberlehrlinge mit runder Brille mehr, die auf einem Zauberinternat ihren Schabernack treiben oder einen Vampir, der sich auf einmal in das nette Mädchen von nebenan verliebt und der sich selbst kaum ertragen kann, weil er immer noch instinktiv nach Blut lechzt.

Wir wollen Figuren, die es noch nicht gab. Wir wollen glaubwürdige Figuren und die sind niemals durch und durch gut, genauso wenig wie ein Antagonist niemals ganz und gar böse ist.

Wir wollen Leben schaffen! Vergessen Sie das nicht. Und Leben hat Ecken und Kanten, denn Gradlinigkeit birgt nur eins im Übermaßen: Langeweile!
Wir wollen eine Figur mit Geschichte, eine Figur mit Tiefe, die über sich hinauswachsen kann und was schon „perfekt“ ist, kann nicht mehr wachsen!

Als Hausaufgabe möchte ich Sie nun bitten, dass Sie ihre „positiven“ Charakterzüge durch etwa äquivalente „negative“ Charakterzüge ersetzen, Ängste, Unvermögen, offensichtliche Eigenarten, die das Leben Ihrer Figur mitgegeben hat und es ihr nicht immer leicht machte.
Denn das sind die Stolpersteine, die Ihr Held während seiner Versuche zur Beantwortung Ihrer zentralen Plotfrage überwinden muss. Das sind die Marker, die Ihre Geschichte interessant, zu was Besonderem machen und den Leser fesselt.
In diesem Sinne entlasse ich Sie für heute Abend und übergebe das Zepter an Prof. Malemmy, der Sie Morgen in die okkulten Zeremonien einführen wird und wünsche Ihnen noch einen quälenden Abend, während dem Sie Ihren Held „schlecht“ machen. Überwinden Sie sich!

Wir sehen uns am Samstag wieder zur Prüfungsvorbereitung des nächsten OWL über Hexer und Zauberlehrlinge.
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Re: [Klassenzimmer] Laboratorium - Prof. Ballater

Beitragvon Ballater » 11.10.2015, 21:57

Guten Abend, Herrschaften! Setzen! Aber Zackzack!

*sich den Hinterkopf reib*

Mmpf ... nun gut, wir sollten heute einen leiseren Ton anschlagen ... wer auch immer es wagt, seine Stimme über 40 Dezibel zu erheben, dem werde ich höchst persönlich diese Maulbirne in den Rachen schieben und bis zum Anschlag aufdrehen ... also... kommen wir zurück zu unseren Hauptfiguren und deren Entwicklung.
Sie haben inzwischen eine Mixtur an positive Charakterzüge zur Erfüllung der Plotfrage und negative Eigenschaften, die den einen oder anderen Stolperstein dahin bilden, herausgefunden.
Damit sind diese Stolpersteine eng mit der Geschichte verwoben, sie zu überwinden, treiben die Geschichte voran und je mehr davon, je schwieriger, umso größer muss die Motivation der Figur sein, umso interessanter ist ihre Geschichte. Der Leser ist von Natur aus sensationssüchtig, giert nach Tragik und Unheil. Stillen Sie diese Lust des Lesers und seien Sie grausamer, als das Leben spielt. So bannen Sie Ihre Leser – Alltag haben sie selbst genug, von so was brauchen Sie nicht zu erzählen, nur von den Besonderen Vorfällen, die Ihr Held erlebt.

Zurück zu unseren Jung-Siegfried, unseren Helden, besser in verbeulter, statt goldener Rüstung, wie wir letzte Stunde schon gelernt haben. Oder vielmehr, kommen wir zurück zu Viktor Frankensteins Monster. Als ihm das Leben eingehaucht wurde, begann seine Geschichte, er hatte noch keine Vergangenheit. Zu dem Zeitpunkt war er weder gut noch schlecht, erst durch das Misstrauen, die Angst und Abweisung, die Frankensteins Monster entgegengebracht wurde, begann er sich zu rächen, wurde er auch tatsächlich zum Monster.
Sowohl Stolpersteine, Schlüsseleigenschaften, als auch Motivation liegen in den Figuren. Sie kommen aus den Figuren, sind geprägt durch ihre Vergangenheit! Jede Eigenschaft hat ihre eigene Geschichte, hat einen Grund in der Vergangenheit.

Und nun, die Zauberfrage, woher lernen wir die Geschichte hinter den Charakterzügen Ihrer Hauptfigur? Natürlich von Ihren Figuren selbst. – Was bitte sollen all diese Fragezeichen in Ihren Gesichtern? Wollen Sie die Menschen verzaubern oder mit dem dümmlichen Ausdruck Ihrer Antlitze belustigen?
Dafür gibt es auf den Jahrmärkten Tanzbären oder Narren, da braucht es viel mehr Talent, als nur die Magie der Worte zu beherrschen. Also, bleiben Sie bei Ihren Leisten ... oder Worten ... oder... Ja!

Sodann, entwickeln Sie die Vergangenheit Ihrer Figuren, lernen Sie sie kennen, erwecken Sie sie zum Leben. Dichten Sie Ihnen allerlei Marotten an, basteln Sie an den Abneigungen, deren Lebenselixier, den Träumen und Schwächen. Ziehen Sie über Ihre Charaktere her, suchen Sie die Wahrheit hinter der Maske, das, was Ihr Protagonist selbst am liebsten verleugnet, vielleicht sogar nicht mal selber weiß. Finden Sie Erklärungen für das, was Ihr Charakter heute ist.
Wie? Wollen Sie wissen? Das fragen Sie mich? Fragen Sie Ihre Figur gefälligst selbst!

Hängen Sie einen Kessel Wasser übers Feuer, gießen Sie ein paar Fenchelblüten, Kamille und Melissenblätter auf, noch ein Löffel Honig hinzu und reichen Sie einen Kelch davon Ihren Protagonisten. Besänftigen Sie damit sein Gemüt und setzen Sie sich zusammen mit ihm hin und fragen Sie ihn, was Ihnen unter den Nägeln brennt. Wenn Ihre Figur nicht gleich reden will, ein Schuss Branntwein in den Kräutertee wirkt da wahre Wunder, macht ihn beschwingt und redselig. Plaudern Sie mit Ihm, lernen Sie ihn kennen, besser als Ihren engsten Vertrauten, besser als Sie sich selbst kennen. Nur, wenn Sie alles über ihren Hauptcharakter wissen, erwacht er zum Leben, wird real, steigt er auf in die dritte Dimension! – Uff... mein Kopf ... :groggy:

Zum Beispiel: Ihre Figur hat ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber Obrigkeiten, weil er während Ihrer Geschichte nicht auf geheime Machenschaften hereinfallen darf, wie es alle anderen tun? Woher kommt sein Argwohn? Was ist ihm widerfahren in seinem Leben, das seine Befürchtungen, jeder Mensch führe Böses im Schilde, erklärt. Fragen Sie ihn. Ja! Tun Sie es, trauen Sie sich!

Und dann... werden Sie schizophren, werden Sie zu Ihren Protagonisten!

So, so... sein Vater ist also in seiner Kindheit plötzlich aus dem Leben verschwunden, kam eines Abends einfach nicht zurück von den Feldern...?
- Und dann?
- Mutter war völlig aufgelöst, hat nur noch den Herrgott angefleht, nichts anderes mehr getan, als einen Rosenkranz nach dem anderen zu beten...
- Und was hast du getan?
- Zwei Wochen lang bin ich durch die Wälder und Dörfer unserer Umgebung gestreift, mein Onkel auch, aber niemand hat seit dem Tag, als mein Vater abends nicht heimkehrte, ihn mehr gesehen. Doch eines Abends lauschte ich in einer Taverne ein Gespräch des Vogts mit dem Büttel und hörte, dass in der ganzen Pfalz starke Männer zwangsrekrutiert wurden und in den Kampf gegen den Herzog von Schlagmichtot ziehen mussten. Mein Vater kehrte nie wieder... Ich war zwölf und seitdem trug ich die Verantwortung für meine Mutter und meine Geschwister...

Lernen Sie Ihren Hauptcharakter kennen, schlagen Sie sich mit Ihm die Nacht um die Ohren. Und zur Erreichung Ihres OWL über Hexer und Zauberlehrlinge übertrage ich Ihnen die Aufgabe, Ihren Protagonisten die 100 magischen Fragen zu stellen. Halten Sie jedes einzelne Wort von ihm fest, beobachten Sie ihn, seine Mimik, seine Gestik, seine Haltung, seine Stimmlage. Finden Sie heraus, selbst das, was er nicht sagt!

Und nun, tummeln Sie sich... Gute Nacht!
*seufz... murmel* und ich brauche erst mal einen Weidenrindentee ... argh, am besten mit einen guten Schuss Weizenkorn...
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Re: [Klassenzimmer] Laboratorium - Prof. Ballater

Beitragvon Ballater » 14.10.2015, 21:32

Guten Abend meine Herrschaften ...

*neugierig über die Nickelbrille lins* - wie ich sehe, sind wir immer noch vollständig hier versammelt. Glückwunsch, damit haben Sie jeden vorherigen Kurs übertroffen. Bei so viel Motivation sollte ich doch wohl meine Ansprüche an Ihr Lernpensum etwas erhöhen. Schließlich habe ich einen Ruf zu verlieren. Ich habe noch nie einen Kurs absolviert, bei dem am Ende nicht mindestens die Hälfte der Schülerschar abgesprungen ist. Also Herrschaften ... dann will ich fortfahren im Kurs über Hexer und Zauberlehrlinge – als ob es mir nicht doch noch gelingen würde, die Spreu vom Weizen zu trennen :twisted:

Sie haben in der letzten Stunde begonnen, Ihre erste Hauptfigur näher kennenzulernen, ein zweites Ich zu entwickeln. Vermutlich darf ich bei dieser Ansammlung von Strebern auch davon ausgehen, dass Sie schon die eine oder andere Nacht mit Ihrem Protagonisten um die Ohren gehauen haben und schon zu einem Großteil der 100 Fragen Antworten bekommen haben.
*eifriges Nicken in der Schülerschar*

Und? Wurden sie überrascht?

Ja, ja, das dachte ich mir... und die noch nicht überrascht wurden, denen darf ich sagen, sehen Sie zu, dass Sie an Ihrer Figur weiterfeilen, bis Sie von ihr überrascht werden!
Eine gute Figur überrascht, trägt selbst Sie, als Schreiberling, durch die Handlung Ihrer eigenen Geschichte. Am Ende sind Sie nicht viel mehr als die Tippse Ihres Protagonisten!
Und ich darf Ihnen raten, machen Sie Ihre Sache gut, hören Sie auf das, was Ihre Hauptfigur zu erzählen hat und verbiegen Sie sie nicht, damit Sie in Ihre Handlung passt. Die Handlung muss vielmehr zu Ihrer Person passen. Wobei wir wieder bei der Regel sind, entbehren Sie sich niemals der Logik!

Wer kann mir nun auflisten, was wir schon alles in diesem Kurs gelernt haben? ... Niemand? - Dachte ich mir doch, dass Sie alle lange Ohren bekommen, wenn es gilt aus dem Schutz der Masse hervorzutreten... -
Ein Schreiberling braucht Mut, arbeiten Sie daran! Mut, neues Terrain zu betreten, Mut, um Kritik auszuhalten und Mut, sich von Niederlagen nicht abbringen zu lassen. Wahlweise können Sie das auch auf jedes andere Ziel Ihres Lebens anwenden. Behaupten Sie sich, seien Sie sie von sich überzeugt und Sie haben Erfolg. Ich kann da im Übrigen ein sehr hilfreiches Buch empfehlen, wovon ich zufällig der Autor bin: „Ein Arschloch hat es nicht nötig, in ein anderes Arschloch zu kriechen“., Sie können es nach der Stunde zum einmaligen Sonderpreis bei mir erstehen --- ähm, ja ...

Nun denn, muss ich es mal wieder selbst zusammenfassen, was Sie eigentlich wissen sollten: Wir beschäftigten uns bisher mit den Eigenarten Ihrer Charaktere, was sie brauchen, um die angedachte Handlung zu erfüllen und was ihnen dabei im Weg stehen könnte. Ansporn und Konflikt.
Und das schmückende Beiwerk ist alles, was Ihre Figuren zu nicht irgendeinem Stereotypen, sondern zu einer Persönlichkeit macht, was Besonderes, mit Tiefgang, mit Ecken und Kanten, sie soll überraschen, aber ohne sich der Logik zu entbehren.
Und wir haben uns damit beschäftigt, woher die Eigenschaften und Marotten, Ängste und Träume Ihrer Figuren herrühren, welche Erfahrungen sie in ihrer Vergangenheit machen mussten, um zu sein, was sie sind, wenn Ihre Geschichte anfängt.

Sie können niemals genug über Ihre Figuren wissen, schreiben Sie alles auf, legen Sie einen Charakterbogen an. Verbringen Sie Tag und Nacht mit Ihnen, seien Sie, wie ihr siamesischer Zwilling! Nur dann lernen Sie zu denken und zu fühlen, wie ihre Figur und wissen, wie sie sich in Ihrer Geschichte verhalten wird. Wissen, welche Dogmen Ihr Protagonist aus seinen Erfahrungen abgeleitet hat und können sich daran machen, diese auf die Probe zu stellen.

Nehmen wir mal an - nicht das ich das auch nur einen von Ihnen schon zutrauen würde – aber wir können uns schließlich nicht bis zum St. Nimmerleinstag mit dem Typen am Anfang Ihrer Geschichte beschäftigen – also nehmen wir mal an, Sie hätten bereits einen Charakter entwickelt, der vielleicht sogar ganz sympathisch ist, aber nicht zu sehr, der interessant und einzigartig ist und doch nachvollziehbar bleibt - dann sollten Sie niemals den Fehler begehen, ihre Figur zu belassen, wie sie gerade ist, weil sie ja gerade so gut gelungen ist.

Verlieren Sie von mir aus ein paar Worte als Einführung über Ihren Protagonisten, aber dann schupsen Sie ihn in die erste Szene und lassen Sie ihn Neues erleben, worauf er noch keine Lösung weiß. Bleiben Sie anspruchsvoll. Legen Sie die Hürden für Ihren Helden ruhig hoch, er soll ja Herausforderungen bestehen und nicht jedes Hindernis spielerisch überwinden. Leicht kann jeder.

Kommen wir als Beispiel zurück zu unseren Bauernjungen, dessen Vater von der Obrigkeit verschleppt wurde und so der Junge schon früh Verantwortung für die ganze Familie übernehmen musste. Inzwischen hat er gelernt, wie die Felder bewirtschaftet werden, wie er die Tiere zu hegen und pflegen hat, dass sie auch den Winter überleben und dass er am besten Gehorsam gegenüber seinen Lehnsherrn üben sollte, wenn er nicht nochmals ausgepeitscht werden möchte und seinen Zehnt pünktlich abzuliefern hat, ansonsten nimmt man sich ihn doppelt und dreifach.
Wenn unser Bauernjunge nun nochmals dieselben Erfahrungen machen würde, ernten Sie als Schreiberling mit Glück nur ein müdes Gähnen des Lesers, mit Pech, wirft er Ihre Geschichte ins Feuer und wärmt zumindest seine faule Haut daran.
Ihr Leser wird enttäuscht sein und nicht nur an die Kreativität des Schreibers zweifeln, sondern er zweifelt auch euren Protagonisten an. Und das ist das schlimmste, was passieren kann!
Der Leser hält ihn gar für dümmlich und uneinsichtig. Solche Typen gibt es im Leben des Lesers genug, also gönnen Sie lieber Ihren Lesern eine Auszeit von solchen Nervensägen, indem Sie ihn teilhaben lassen an dem aufregenden Leben Ihrer Figuren, die ständig neue Herausforderungen meistern müssen und daraus neue Erfahrungen und Erkenntnisse ziehen, die daran wachsen und ihre Schwächen überwinden. Lassen Sie den Leser teilhaben, an dem Denken Ihrer Figuren, zeigen Sie ihm, was Ihre Charaktere dabei fühlen, was sie vorantreibt.

Bleiben wir bei dem Beispiel: Unser Bauernjunge muss miterleben, wie eine Horde Vogelfreier sein Dorf überfällt und schließlich auch sich Zugang zu der Hütte seiner Familie verschafft. Was wird der Bauernjunge tun? Er hat noch nie wirklich kämpfen müssen, außer sich mal mit anderen Jungs aus dem Dorf zu raufen. Durch die Landarbeit hat er ein paar Muskeln mehr, aber ist auch geschafft, weil er viel zu hart arbeiten muss für sein Alter und lange noch nicht so gut die Familie versorgen kann, wie sein Vater. Der Junge fühlt sich verantwortlich für seine Familie, weil er der älteste Sohn ist und will seine Mutter nicht enttäuschen und beweisen, dass er dieser Verantwortung gewachsen ist. Und er ist wahrscheinlich wütend und erfüllt von Angst, weil schon mal jemand ihm einen geliebten Menschen genommen hat.

Die Vogelfreien, die seine Familie bedrohen sind zweifelsohne eine Herausforderung, die nicht nur neu für den Bauernjungen ist, sondern auch aus der er neue Erfahrungen für sein ganzes Leben behalten wird.
Es wäre nun unglaubwürdig, wenn er einfach ein Schwert aus dem Strohdach der Hütte zaubert und den drei Musketiere gleich, einen Banditen nach dem anderen den Gar ausmachen würde.
Aber möglich wäre, dass er anfangs noch ein wenig mit seiner Angst kämpft, kein Vertrauen hegt, dass er eine Chance gegen die Scheusale hätte, drückt sich noch etwas im Abseits rum und sucht fieberhaft nach Hilfe. Aber vielleicht hört er dann das Kreischen seiner kleinen Schwester und er sieht rot, greift nach der Mistgabel, die im Strohhaufen am Schweinegatter steckt und rennt mit den Zinken voran wie ein Berserker schreiend ins Haus und überrumpelt das Untier, was wagt, Hand an seine Schwester zu legen ...

Der Junge musste zwar an seine Grenzen gehen, aber blieb immer noch im Rahmen seiner Möglichkeiten, dadurch bleibt sein Tun glaubhaft. Und nach dem Überfall wird er mit Sicherheit nicht mehr derselbe Mensch sein.
Welche Erfahrungen nimmt er wohl mit? Er ist vielleicht noch sorgenvoller um seine Familie, ist ständig auf der Hut, vielleicht besorgt er sich sogar eine Waffe, die besser zum Töten geeignet ist, als eine Mistgabel. Was denkt er nach dem Überfall? Was fühlt er danach? Malt er sich aus, was hätte alles passieren können und verfrachtet seine kleine Schwester lieber ins Kloster, wo sie sicherer ist? Oder ist er zwar anfangs selbst erschrocken, von seinem eigenen Kampfgeist, wird dadurch aber selbstbewusster und kann sich auch gegenüber anderen Miesepetern zukünftig behaupten?
Lassen Sie bei der Lösung Ihrer Phantasie freien Lauf. Suchen Sie nach mehreren Möglichkeiten der Lösung einer Herausforderung und wählen Sie dann die passenste.

Und die Moral dieser Geschicht‘?

Ihre Figur ist in jedem Moment die Summe Ihrer bisherigen Erfahrungen und durch jede neue Herausforderung wächst sie weiter, indem Sie darüber nachdenkt, das Denken bestimmen ihre Gefühle und die Gefühle bestimmen ihr Tun.
Vielleicht verrennt sich Ihr Protagonist auch mal, was durchaus auch eine gewisse Spannung erzeugt, aber im Großen und Ganzen muss er vorwärts laufen, wenn er irgendwann an das Ziel und das Ende Ihrer Geschichte angelangen will. Denn eine „unendliche Geschichte“ gibt es schließlich auch schon.

Und damit entlasse ich Sie heute und gehen Sie mit Ihren Protagonisten doch noch zur Taverne und plaudern Sie ein wenig weiter über die 100 Fragen ... aber nicht, dass Sie bei bei Prof. Noin morgen verkatert dasitzen!
Gute Nacht meine Herrschaften!
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Re: [Klassenzimmer] Laboratorium - Prof. Ballater

Beitragvon Ballater » 20.10.2015, 21:12

Guten Abend, werte Herrschaften …
Und … - weil die Direktion mich genötigt hat – verehrte Damen.

*Argh!!* Welcher Querulant auch immer dafür verantwortlich ist und das schwache Geschlecht von mir derart diskriminiert sah, um mich beim Direktor anzuprangern! *Mit tötlichen Blick über den Brillenrand guck*

Meine Damen … wenn ich Sie schon gleichberechtigt behandeln soll, erwarten Sie hoffentlich nicht, dass ich nochmals den Stoff der letzten Stunden wiederhole für die etwas langsameren Gehirnwindungen unter den schön frisierten Blondschöpfen. Wir kommen nun ohne Umschweife zum zweitletzten Thema über Hexer und Zauberlehrlinge.

Wir haben nun schon ausgiebig über das Innere Ihrer Charaktere gesprochen und auch wenn die meisten Schreiberlinge dem Äußeren eine viel zu hohe Bedeutung beimessen, ganz außen vor lassen kann selbst ich es nicht.

Doch es ist noch keine Generation Möchtegern-Schreiberlinge hier an der Wortzauber-Akademie an mir vorüber gegangen, die es nicht geschafft hat, dass sich sämtliche meiner Fußnägel aufrollen, wenn es um die äußere Beschreibung des Protagonisten geht. Wenn ich von Ihnen fordere, beschreiben Sie Ihren Hauptcharakter, dann interessiert mich eins beim besten Willen nicht! Dass er grau-blaue Augen hat, die im Sonnenlicht die Farbe zu wechseln scheinen und plötzlich azurblau leuchten und genauso wenig, dass sein dunkelbraunes Haar von einzelnen kupferfarbenen Strähnen durchwirkt ist und sich die Spitzen seiner Mähne im Nacken kräuseln. Von mir aus kann sowas schwärmerisch die liebestolle Prinzessin über ihren Froschkönig erzählen, das verstärkt dann zumindest die einzige mögliche Absicht dahinter, zu zeigen, dass es sowas von ... von ... pup-shitt-egal ist, ob Haare im Sonnenlicht kupferfarben schimmern oder Augen so grau wie das Fell der Maus, die im Loch hinter der Fußleiste unter meinen Bett haust!
Also, vergessen Sie es!

Und glauben Sie mir, ganz egal, was sie schreiben, über Augen und Haarfarben, Ihre Leser pfeifen darauf und haben schon längst ihr eigenes Bild von Ihren Figuren entworfen, bevor Sie auch nur schreiben können, „seine Augen waren von so leuchtendem Blau, dass sich darin der Himmel widerzuspiegeln schien.“

Nein! Will ich nicht hören! Will niemand hören! Wenn Sie Ihre Leser langweilen wollen, bitte verlieren Sie sich in die Beschreibung von Augen und Haaren! Am besten noch, indem er sich selbst in den Spiegel betrachtet!
Schreiben Sie sich eins hinter den Ohren, in den Spiegel schaut nur die Stiefmutter von Schneewittchen und was die dort vernommen hat, gefiel ihr auch ganz und gar nicht!
Wenn Sie also auf die Frage, wer der beste Schreiberling ist nicht hören wollen: „Sie sind der beste Schreiberling ... aber nur wenn Sie sich hinter den Wäldern und den sieben Bergen verziehen, wo sonst keine Menschseele mehr lebt!"
*Ähm*

Nun ... welche Äußerlichkeiten Ihrer Hauptfiguren sind dann aber wert, erwähnt zu werden?
All diejenigen, die für den Fortgang der Handlung relevant sind. Wenn Jung-Siegfried ... oder Jung-Frankenstein von mir aus, im Laufe der Geschichte einen Baumstamm beiseiteschieben muss, um das darunter begrabene Lämmchen zu befreien – wahlweise um es der herzallerliebsten Obhut der Schäfchen-Mama wieder zu übergeben oder, um es aufzufressen – kann diese Kraft, die nötig ist, um den Baumstamm zu heben, nicht einfach aus dem Zauberhut fallen. Sie kommt nicht von ungefähr und wenn eine Figur stark und kräftig ist, hat es nicht nur eine Erklärung, sondern auch schon auf das ganze Leben Ihrer Figur Einfluss.
So steht das Äußere in interagierender Beziehung mit der Persönlichkeit. Wer stark ist, ist auch eher mutig, wird eher respektiert, bahnt sich leichter einen Weg durch die Massen. Wer stark ist hat vermutlich mehr Selbstvertrauen, kann sich vielleicht aber auch schlechter unterordnen und Niederlagen schlechter wegstecken. Das Äußere Ihrer Figuren wirkt also nicht nur auf die Umwelt - wie Ihre Figur von anderen wahrgenommen wird - sondern auch, wie sie sich selbst wahrnimmt. Und damit können Sie mit dem Äußeren nicht nur bestimmte Charakterzüge Ihres Protagonisten erklären, sondern auch wieder ein paar schicke Stolpersteine in den Weg legen.
Denn dem Hänfling ergeht es in seinem Leben vermutlich seit jeher genau andersherum wie Jung-Frankenstein. Der kleine Wicht ist schnell eingeschüchtert, gewohnt, sich nicht in den Vordergrund zu schieben und wenn er mal wütend wird, amüsiert sich die Umwelt eher über den kleinen Giftzwerg, statt ihn ernst zu nehmen. Dann wiederum können Sie sich fragen, was Ihr Protagonist sich wohl angewöhnt hat, um diese Schwäche zu kompensieren. Hat er sich immer wie unsichtbar verhalten, oder seine Widersacher einander selbst austricksen lassen?

Jedoch genauso, wie das Aussehen einer Figur Auswirkungen auf das Verhalten seiner Umwelt haben kann, kann die Umwelt auch sich im Äußeren Ihrer Charaktere widerspiegeln. Als armer Bauernjunge im düsteren Zeitalter, wird dieser wohl kaum mit dreißig noch ein strahlend weißes Gebiss haben, wie Prinz Charming und eher barfuß rumlaufen, wärmende und funktionale Kleider tragen, statt einen Wams von demselben leuchtenden blau, wie seine Augen und ein Hemd so seidig glatt, wie sein blond, wie ein Weizenfeld im Spätsommer, wallendes Haar.

Nun! Ist Ihnen bei meiner Aufreihung von Beispielen etwas aufgefallen? *Betretenes auf den Boden gucken in der Schülerschar*

Sie wollen mir nicht erzählen, dass Ihnen entgangen ist, dass ich nun die ganze Zeit, nett ironisch verpackt, die größten Klischees und abgeklatschten Floskeln für die Beschreibung von Äußeren verwendet habe?! Es sollte nicht nur zum Himmel schreien, sondern auch inzwischen bis zur hintersten Reihe durchgedrungen sein, wenn bei Ihnen nicht ganz Hopfen und Malz verloren ist.

Sie haben also mit den Äußeren vielfältige Möglichkeiten, Eigenarten Ihrer Charaktere zu begründen, wie seine Umwelt auf ihn reagiert und wie seine Umwelt auf ihn wirkt. Seien Sie dabei kreativ! Machen Sie Ihre Figuren zu Besonderheiten und machen Sie es ihnen nicht zu leicht, indem Sie ihnen schon alle körperlichen Voraussetzungen mit auf den Weg geben, um jedes Problem mit links zu lösen. Wer hätte schon David noch im Kopf behalten, wenn er genauso ein bulliger Kerl gewesen wäre, wie Goliath. Dann wäre es lediglich eine einfache Rauferei zwischen zwei hirnlosen Kerlen gewesen, jedoch mit dem kleinen, schmächtigen David als Gegner hatte diese Mär sogar Platz in dem Buch der Bücher!
Das Äußere ihrer Figuren darf durchaus auch den einen oder anderen Stolperstein zum Weg ans Ende des Buches bilden, dessen Überwindung eine fesselnde und außergewöhnliche Geschichte bietet.

Als letzte Hausaufgabe, oh Wunder, oh Wunder, fertigen Sie bitte einen Steckbrief Ihres Protagonisten an, mit allen, der Geschichte dienlichen Äußerlichkeiten und wenn es Ihnen besondere Freude macht, dürfen Sie sogar die Haar- und Augenfarbe festlegen, aber nur, wenn Sie mir versprechen, diese niemals in Ihrer Geschichte zu erwähnen.

Und nun sputen Sie sich, ich habe noch einen wichtigen Termin, halten Sie mich nicht länger auf! Raus! Husch! Husch!
"Was zu uns gehört, können wir nicht verlieren. Alles andere können wir nicht festhalten." - unbekannt

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