[Humor]Last Christmas (1/2) [Weihnachtswettbewerb]

Komödie, Satire, Parodie

[Humor]Last Christmas (1/2) [Weihnachtswettbewerb]

Beitragvon RoseParker » 15.12.2014, 00:25

Liebe Werkstattmitglieder,

die eine oder der andere hat vielleicht schon einen Kommentar von mir gelesen, doch ich bin noch ganz neu hier und das hier ist mein erstes Werk in diesem Forum. Wenn gelungen, dann ein bisschen lustig, aber auch etwas spannend und nachdenklich, natürlich auch ein wenig weihnachtlich - aber urteilt selbst.

***

Am liebsten spiele ich Feliz Navidad. Ich weiß, ich weiß – der Song ist nicht besonders cool. Aber er transportiert mich ohne Umwege an einen palmenbewachsenen Strand in der Karibik, drückt mir ein kaltes Bier in die Hand und lässt das türkisblaue Meer meine Sorgen verschlucken. Leider scheint es den meisten meiner Zuhörer nicht so zu gehen, also spiele ich das Lied nur wenn ich außergewöhnlich schlecht drauf bin. Meine Zuhörer stehen dafür ganz besonders auf Rudolph, The Red-Nosed Reindeer. Nicht gerade mein Favorit, doch ich muss zugeben, der Song ist solide geschrieben und es lässt sich eine ziemlich lässige Blues-Nummer daraus zaubern. Auch dem alten Kracher von Wham will einfach kein Bart wachsen – aber da endet meine Kompromissbereitschaft.

Weihnachten finde ich eigentlich ganz okay. Verbringt man jedoch seine Dezember-Nachmittage überwiegend mit der Gitarre in der Fußgängerzone, kommt einem das vorweihnachtliche Feeling schon einmal abhanden. Menschenfluten pressen sich ungeduldig durch enge Gassen, Glocken läuten zu laut und Lichter scheinen zu grell. Neugierige Kinder grabbeln mit klebrigen Kakao-Fingern an meiner Hose, sich entschuldigende Eltern mit einem Becher Glühwein in der Hand fangen ihren Nachwuchs mit der anderen wieder ein. Letzte Woche hätte der als Weihnachtsmann verkleidete Häuptling eines Junggesellenabschieds beinahe eine Portion halbverdauter Weihnachtsplätzchen in meinem Gitarrenkoffer hinterlassen. Zu seinem Glück konnte einer seiner Freunde – verziert mit goldblonden Löckchen und glitzernden Flügeln – ihn noch rechtzeitig an die Seite zerren.

Als Musiker, dem der große Durchbruch abhandengekommen ist, muss man eben schauen wo man bleibt. Vor ein paar Jahren ging es unerwartet steil bergauf, dann floppte die Platte und ich stand kurz vor der Aufnahme in den Club 27. Ich versuche, das Beste daraus zu machen, und an kühlen Adventsnachmittagen lässt sich in der Fußgängerzone mit wärmender Musik gutes Geld verdienen.

Zumindest dann, wenn man sich geschickt zu positionieren weiß. Mein Platz befindet sich genau zwischen der Haupteinkaufsstraße und dem Weihnachtsmarkt, er ist nahezu windstill und weit genug entfernt vom Kinderkarussell mit der Schlagermusik. Perfekte Bedingungen. Das wissen leider auch alle anderen Künstler und Spendensammler, so dass ich regelmäßig die Konkurrenz verscheuchen muss.

So auch heute. Als ich am frühen Nachmittag meinen Platz erreiche, hat ihn bereits eine adrett gekleidete Blondine eingenommen. Die Moralkeule schwingend hält sie eine Rede über das schwere Los eines Waisenkindes im Süden Afrikas und klimpert mit einer Spendenbüchse in der Hand. Von dem neben ihr stehenden Pappaufsteller blickt mich vorwurfsvoll ein dürres Mädchen mit traurigen Kulleraugen an, als wollte es mich ermahnen, auch endlich mal eine gute Tat zu vollbringen und meinen Platz aufzugeben.
Die aufkeimenden Gewissensbisse beiseite schiebend wende ich mich ab und baue mich mit meiner Gitarre direkt neben Blondie auf. Aus vollem Halse stimme ich Rudolph an, lasse meine Finger über die Saiten fliegen, flirte mit meinen Fans – ich gebe alles. Der letzte Akkord hängt noch in der Luft als die kleine Menschentraube um uns herum in Applaus ausbricht. Ich kann mir das Grinsen nicht verkneifen. Wie immer, denke ich, und bedanke mich überschwänglich bei der jubelnden Menge. Als jedoch die ersten meinen offenen Gitarrenkoffer ignorieren und Blondies Spendenbüchse zu füttern beginnen schwant mir Übles. Ich fühle wie mein Grinsen sich zur Grimasse wandelt. Blondie jedoch sieht ihre Chance gekommen, fängt wieder an von den armen Waisen zu plappern und schüttelt die Büchse. Ganz so einfach würde es also nicht werden.

Ich räuspere mich laut bis Blondie mich ansieht. „Also, Kleine, hör mal zu“, setze ich an, „du siehst ja – das hier ist mein Platz, man kennt mich hier. Das konntest du natürlich nicht wissen. Aber jetzt solltest du dir lieber deine eigene Ecke suchen.“
Blondie verzieht den Mund und schaut mich einen Moment lang ungläubig an. Dann fängt sie an schallend zu lachen. „Klar, gar kein Problem“, prustet sie. „Hast du sonst noch einen Wunsch?“
„In der Tat“, schnaube ich. „Zum Beispiel würde ich ganz gern mal deine amtliche Genehmigung sehen. Werbung für politische Anliegen in der Fußgängerzone, da schaut die Polizei gern genauer hin. Ganz besonders vor Weihnachten! Du hast doch sicher eine Genehmigung, oder?“ Ich tanze auf dünnem Eis, ich weiß, aber über die Schiene konnte ich schon so manchen Konkurrenten vergraulen.
Leider lässt sich Blondie nicht so leicht beeindrucken und strahlt mich an. „Die zeig ich dir gern. Aber erst will ich deine sehen. Na?“ Erwartungsvoll zieht sie die Augenbrauen hoch. Selbstverständlich habe ich keine Genehmigung, die ich ihr zeigen könnte, und so starre ich einfach leicht belämmert zurück.
„Das dachte ich mir.“ Blondie zuckt mit den Schultern, lässt mich links liegen und widmet sich wieder ihrer Ansprache. Klappernd schüttelt sie die Spendendose.

Als ich meine Fassung wiedergefunden habe spiele ich noch zwei, drei erfolglose Songs bevor ich für den Rest des Tages das Handtuch werfe. Ich packe meine Gitarre in den gähnend leeren Koffer. Das letzte Wort ist noch nicht gefallen, Schätzchen, denke ich, mache einen Schnappschuss von Blondies Pappaufsteller und rausche von dannen.

***

Teil 2/2 findet ihr hier.
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RoseParker
 
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Re: Last Christmas (1/2) [Weihnachtswettbewerb]

Beitragvon darkangel13 » 12.02.2015, 17:44

Hallo RoseParker,
ich habe den 1. Teil deiner Kurzgeschichte gelesen und finde ihn gut, doch ih habe auch einige Kritikpunkte.

RoseParker hat geschrieben:Am liebsten spiele ich Feliz Navidad.

Dein erster Satz ist sehr gut, da er den Leser direkt in das Geschehen hineinwirft, wie es bei einer Kurzgeschichte auch sein sollte. Allerdings hätte ich hier Feliz Navidad eher in Anführungszeichen gesetzt, da man durch kursiv schreiben eigentlich besondere Betonung audrückt, oder? Ich mache das jedenfalls so. Das gleiche gilt für Rudolph, the Red-Nosed Reindeer und Wham.

RoseParker hat geschrieben:sich entschuldigende Eltern mit einem Becher Glühwein in der Hand fangen ihren Nachwuchs mit der anderen wieder ein.

In diesem Satz hätte ich noch einmal Hand eingesetzt anstatt nur "die andere" also hieße das dann: "mit der anderen Hand". Ich war nämlich etwas verwirrt, als ich das gelesen habe und musste noch einmal nachlesen, was genau denn jetzt mit "der anderen" gemeint war.

RoseParker hat geschrieben:Zu seinem Glück konnte einer seiner Freunde – verziert mit goldblonden Löckchen und glitzernden Flügeln – ihn noch rechtzeitig an die Seite zerren.

Zu diesem Satz habe ich zwei Kritikpunkte zu sagen. Aber zuerst möchte ich noch sagen, dass ich es gut finde, dass du den Freund auch kurz beschrieben hat, so kann man es sich besser vorstellen. Aber nun zur eigentlichen Kritik: Ich finde den Anfang ("Zu seinem Glück") nicht so gut, da es ja eher das Glück des Ich-Erzählers war. Du könntest vielleicht einfach "Zu meinem Glück" schreiben.
Außerdem stört mich das Ende des Satzes etwas. Dort steht, dass der Freund ihn "an die Seite zieht", für mich klingt das so, als ob der Freund ihn an SEINE Seite ziehen würde, also zu sich heran. Ich denke aber, dass du eigentlich meintest, dass er ihn "zur Seite zerrt" und so würde ich das auch schreiben.

RoseParker hat geschrieben:Vor ein paar Jahren ging es unerwartet steil bergauf, dann floppte die Platte und ich stand kurz vor der Aufnahme in den Club 27.

An dem Satz selbst finde ich nichts schlechtes, doch ich fände es gut, wenn du hier noch ein paar Infos reinbringen würdest. Wodurch hatte er Erfolg? Warum hat es nicht mehr geklappt?

RoseParker hat geschrieben: Perfekte Bedingungen.

Meiner Meinung nach ist das kein vollständiger Satz und du hättest besser schreiben können: Hier sind perfekte Bedingungen.

RoseParker hat geschrieben: Das wissen leider auch alle anderen Künstler und Spendensammler, so dass ich regelmäßig die Konkurrenz verscheuchen muss.

Hier wird das "so dass" zusammen geschrieben, also heißt es "sodass". :XD:

RoseParker hat geschrieben:Die aufkeimenden Gewissensbisse beiseite schiebend wende ich mich ab und baue mich mit meiner Gitarre direkt neben Blondie auf. Aus vollem Halse stimme ich Rudolph an, lasse meine Finger über die Saiten fliegen, flirte mit meinen Fans – ich gebe alles. Der letzte Akkord hängt noch in der Luft als die kleine Menschentraube um uns herum in Applaus ausbricht. Ich kann mir das Grinsen nicht verkneifen. Wie immer, denke ich, und bedanke mich überschwänglich bei der jubelnden Menge. Als jedoch die ersten meinen offenen Gitarrenkoffer ignorieren und Blondies Spendenbüchse zu füttern beginnen schwant mir Übles. Ich fühle wie mein Grinsen sich zur Grimasse wandelt. Blondie jedoch sieht ihre Chance gekommen, fängt wieder an von den armen Waisen zu plappern und schüttelt die Büchse. Ganz so einfach würde es also nicht werden.

In diesem Abschnitt habe ich etwas am Inhalt auszusetzten. Der Ich-Erzähler baut sich mit seiner Gitarre direkt neben der Blondine auf und singt. Soweit so gut. Doch dann schreibst du, dass eine kleine Menschentraube um BEIDE herum in Applaus ausbricht und schließlich, dass sie den leeren Gitarrenkoffer einfach ignorieren. Allerdings könnten die Zuschauer auch gedacht haben, dass die beiden zusammen gehören und haben den Gitarrenkoffer nicht absichtlich übersehen. Wenn du das ausdrücken willst, dan schreib doch besser "Ich baute mich mit meiner Gitarre in ein wenig Abstand zu ihr auf" und "eine kleine Menschentraube um mich". Dadurch kannst du besser ausdrücken, dass die Leute zwar seiner Musik zuhören, ihm aber trotzdem kein Geld geben, sondern der Blondine.

RoseParker hat geschrieben:Dann fängt sie an schallend zu lachen. „Klar, gar kein Problem“, prustet sie. „Hast du sonst noch einen Wunsch?“

In diesem Satz gefällt mir nicht so gut, dass du das Verb "prusten" verwendet hast. Natürlich lacht sie schallend, aber meiner Meinung nach ist das ironisch und sarkastisch gemeint. Du könntest also schreiben: "..., meint sie ironisch/amüsiert."

RoseParker hat geschrieben:Ich tanze auf dünnem Eis, ich weiß, aber über die Schiene konnte ich schon so manchen Konkurrenten vergraulen.

An diesem Satz würde ich das "ich weiß" verändern, da es für mich sehr nach wörtlicher Rede klingt, die hier aber nicht vorhanden ist. Du könntest besser "..., das weiß ich" schreiben, was nicht gerade sehr anders ist, aber in meinen Ohren klingt es eher nach normalem Text als nach wörtlicher Rede.

RoseParker hat geschrieben:Selbstverständlich habe ich keine Genehmigung, die ich ihr zeigen könnte, und so starre ich einfach leicht belämmert zurück.

Nach einem "und" kommt kein Komma, glaube ich jedenfalls. Das würde ich hier noch ändern.

RoseParker hat geschrieben:Das letzte Wort ist noch nicht gefallen, Schätzchen,

Hier würde ich einfach nur kein Komma vor "Schätzchen" machen, ich glaube nicht, dass dort ein Komma hinkommt.

Insgesamt kann ich nur sagen, dass deine Geschichte, jedenfalls der 1. Teil, sehr gut sind und mir gefällt auch besonders, dass du in der Gegenwart geschrieben hast, da es dem Leser das Gefühl gibt, direkt dabei zu sein, daneben zu stehen und zuzuschauen.
Ich hoffe ich konnte dir mit meiner kleinen Kritik helfen und freue mich schon darauf, weitere Werke von dir zu lesen, da du einen sehr guten Schreibstil hast.
Liebe Grüße darkangel13 :XD: :girl:
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Re: Last Christmas (1/2) [Weihnachtswettbewerb]

Beitragvon RoseParker » 12.02.2015, 22:32

Hallo darkangel13,

Danke für Deinen Kommentar! Dazu nur ein paar Erläuterungen.

Allerdings hätte ich hier Feliz Navidad eher in Anführungszeichen gesetzt, da man durch kursiv schreiben eigentlich besondere Betonung audrückt, oder? Ich mache das jedenfalls so. Das gleiche gilt für Rudolph, the Red-Nosed Reindeer und Wham.

Ich würde behaupten, das ist Geschmackssache. Ich persönlich nutze Anführungszeichen am liebsten ausschließlich für wörtliche Rede.

Ich finde den Anfang ("Zu seinem Glück") nicht so gut, da es ja eher das Glück des Ich-Erzählers war. Du könntest vielleicht einfach "Zu meinem Glück" schreiben.
Außerdem stört mich das Ende des Satzes etwas. Dort steht, dass der Freund ihn "an die Seite zieht", für mich klingt das so, als ob der Freund ihn an SEINE Seite ziehen würde, also zu sich heran. Ich denke aber, dass du eigentlich meintest, dass er ihn "zur Seite zerrt" und so würde ich das auch schreiben.

Ich habe damit tatsächlich nicht das Glück des Ich-Erzählers sondern aber das des Betrunkenen gemeint, daher ist der Satz richtig formuliert. Der Betrunkene hatte das Glück, gerade noch rechtzeitig von seinem Freund weggezerrt zu werden - hätte er sich in den Gitarrenkoffer übergeben, wäre dem Ich-Erzähler wahrscheinlich die Hand ausgerutscht. Was das an-die-Seite-Zerren angeht - auch hier ist für mich die Formulierung schlüssig, das ist aber sicherlich wieder Geschmackssache.

An dem Satz selbst finde ich nichts schlechtes, doch ich fände es gut, wenn du hier noch ein paar Infos reinbringen würdest. Wodurch hatte er Erfolg? Warum hat es nicht mehr geklappt?

Den genaueren Hintergrund habe ich ganz bewusst nicht erläutert. Zunächst durfte ich beim Weihnachtswettbewerb natürlich eine Gewisse Länge nicht überschreiten und habe mich allein schon deswegen versucht, kurz zu fassen. Aber auch ohne Beschränkungen würde ich in so einer Kurzgeschichte nicht auf den Hintergrund eingehen - das macht für mich den Reiz einer Kurzgeschichte aus. Die Informationen sind für diese überhaupt nicht erforderlich.

Hier wird das "so dass" zusammen geschrieben, also heißt es "sodass".

Laut Duden sind beide Formen korrekt. ;)

Nach einem "und" kommt kein Komma, glaube ich jedenfalls. Das würde ich hier noch ändern.

Ich habe zugegebenermaßen gerade keine Grammatik zur Hand, in der ich nachschlagen könnte, aber an dieser Stelle kann meines Wissens nach der Nebensatz "die ich ihr zeigen könnte" ohne Weiteres durch Kommata abgetrennt werden.

Dennoch, wie erwähnt - vielen Dank Dir für die Anmerkungen und Dir auch frohes Schreiben,

Beste Grüße
Rose
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